Trugschluss (Mathematik)

mathematische Trug- und Fehlschlüsse sowie Scheinbeweise From Wikipedia, the free encyclopedia

In vielen Zweigen der Mathematik gibt es mathematische Trugschlüsse und Fehlschlüsse. Trug- und Fehlschlüsse werden in der Philosophie zusammen als Fallazien (englisch fallacy, lateinisch fallacia=Täuschung) bezeichnet[1]. Scheinbeweise sind in der Mathematik Beweise, in denen Fallazien auftreten. Nicht wenige Fehlschlüsse haben in der Geschichte der Mathematik eine Rolle gespielt und waren Ausgangspunkte mathematischer Forschung. In der mathematischen Didaktik gehört das Aufdecken von Scheinbeweisen zu den Problemlöseaktivitäten[2].

Bei Fehlschlüssen handelt derjenige, der sie begeht, in gutem Glauben, während bei Trugschlüssen die Absicht zu täuschen wesentlich ist. Diese Unterscheidung ist freilich nicht scharf. Trugschlüsse führen durch eine plausibel erscheinende List zu einem falschen Ergebnis[3]. Die Kunst dabei ist, den Fehler so zu verdecken, dass er zunächst nicht auffällt, und erst beim absurden Resultat offenkundig wird. Insbesondere Laien und Anfängern ist mitunter nicht sofort ersichtlich, wo der Fehler steckt. Trugschlüsse können als mathematischer Witz vorgetragen werden, in denen typische mathematische Schlussweisen in einem absurden Kontext angewendet werden.

Oft wird in einem Trugschluss eine mathematische Regel missachtet, sodass ihre Bedeutung mit dem Trugschluss begründet werden kann. In der elementaren Algebra beinhalten typische Beispiele einen Schritt, bei dem die Division durch null auftritt oder unterschiedliche Werte einer mehrdeutigen Funktion gleichgesetzt werden. Bekannte Trugschlüsse sind auch in der Analysis und der euklidischen Geometrie bekannt. Ein berühmter Scheinbeweis basiert auf divergenten Reihen, aus denen fast jeder Unsinn abgeleitet werden kann.[4]

Über die Geschichte der Fehl- und Trugschlüsse ist, von wenigen Ausnahmen abgesehen, wie die auf Fehlschlüssen basierenden Paradoxien des Zenon von Elea oder das Pferde-Paradox, sehr wenig bekannt. Vielfach werden mathematische Scherze von Mund zu Mund verbreitet und erst später (meist ohne Namensangabe) irgendwo herausgegeben, ohne dass bekannt ist, ob das nun auch wirklich die erste Veröffentlichung ist.[5]

Im Folgenden sind

Trugschlüsse und Scheinbeweise

Auflösung

wie gezeigt in einem Kasten eingerahmt. Über den Hyperlink „Auflösung“ im Kasten kann man gegebenenfalls in den Abschnitt #Auflösungen springen, wo die List erläutert wird. Mit der Zurück-Schaltfläche des Webbrowsers gelangt man wieder an den Absprungort.

Arithmetik

Richtiges Ergebnis trotz falscher Rechnung

Eine eigene Klasse von Trugschlüssen (englisch howler grober Schnitzer) entstehen durch eine korrekte Schlussfolgerung trotz fehlerhafter „Herleitung“. Manchmal gleichen sich zwei Fehler aus und erbringen das richtige Resultat. Solche fehlerhaften Argumente leiten nur in Spezialfällen zum richtigen Ergebnis, besitzen also keine Allgemeingültigkeit und sind mathematisch wertlos.

So kann jemand den Preis eines Einkaufs der in der Tabelle aufgeführten Waren

Weitere Informationen Menge, Ware ...
MengeWareEinzelpreisMengeneinheit
¼ pf[Anm. 1]Butter2 s 10 d[Anm. 1]pf
2½ pfSchmalz10 dpf
3 pfZucker3¼ dpf
6 SchachtelnStreichhölzer7 d12 Schachteln
4 PaketeSeifenflocken2½ dPaket
Schließen
  1. pf = Pfund, s = Schilling = 12 d (Denarii, Pfennige)

durch einfaches Zusammenzählen der Einzelpreise zum – trotzdem – richtigen Endpreis summieren:

4 s 8¾ d= 8½ d + 2 s 1 d + 9¾ d + 3½ d + 10 d
= 2 s 10 d + 10 d + 3¼ d + 7 d + 2½ d

Das „Kürzen“ von Ziffern und Zeichen in einem Bruch belässt den Quotient nur in Ausnahmefällen unverändert:[3]

 oder gewagter 

Das Herausziehen von Summanden aus einer Wurzel

ist normalerweise unzulässig, basiert hier aber auf der Kurzschreibweise von gemischten Brüchen (z. B. ) und der allgemeingültigen Regel

.

Verknüpfung von Gleichem mit Gleichem

Die menschliche Ausdrucksweise ist oft mehrdeutig und ungenau. Dies kann dazu missbraucht werden, nur scheinbar Gleiches zu einem Trugschluss zu verknüpfen.

2 kg = 2000 g
3 kg = 3000 g

Gleiches mit gleichem multipliziert ergibt Gleiches, also:

6 kg = 3000 g · 2000 g = 6.000.000 g = 6000 kg.

Auflösung

Das Zusammenwerfen von Äpfeln und Birnen führt auch mathematisch zu falschen Schlüssen[6]:

Keine Katze hat acht Schwänze.
Eine Katze hat einen Schwanz mehr als keine Katze.

Gleiches zu Gleichem addiert ergibt Gleiches, also:

Eine Katze hat neun Schwänze.

Auflösung

Algebra

Division durch 0

Aus der Identität folgt nach Division durch den gemeinsamen Faktor 0 auf der rechten und linken Seite die Identität , die nicht immer richtig sein muss, sodass damit Trugschlüsse konstruiert werden können.

Satz:

Beweis:

1. Es gelte: 
2. Multiplikation mit : 
3. Addieren von : 
4. Zusammenfassen: 
5. Eliminieren von : 

q. e. d.

Auflösung

In die Kategorie „mathematischer Witz“ gehört der Scheinbeweis[7] von .

Satz:

Beweis:

1. Ausgangspunkt: 
2. Zusammenfassen: 
3. Vereinfachen: 
4. Umstellen: 
5. Umformen: 

Mit folgt die Behauptung, q. e. d.

Auflösung

Die Gleichung als Spezialfall der „allgemeingültigen“ Gleichung darzustellen, ist freilich absurd. Hier wird die Neigung von Mathematikern veralbert, einen Satz, um seine Anwendbarkeit zu erweitern, möglichst allgemein zu formulieren und den Anlass der Untersuchung dann als Spezialfall einzuschließen.

Gleichsetzen mehrdeutiger Ausdrücke

Eine Quadratzahl ungleich Null hat immer zwei verschiedene Wurzeln, eine positive und eine negative. Indem beide gleichgesetzt werden, können nach dem Schema erstaunliche Trugschlüsse „hergeleitet“ werden.

Satz: Alle Zahlen sind gleich

Beweisskizze: Wenn zwei beliebige Zahlen und gleich sind, dann sind alle Zahlen gleich.

1. Ausgangspunkt:  mit beliebigem und
2. Multiplizieren mit : 
3. Ausmultiplizieren: 
4. Umstellen: 
5. Addieren von : 
6. Zweite binomische Formel : 
7. Vereinfachen: 
8. Addieren von : 

q. e. d.

Auflösung

Im Reich der komplexen Zahlen hat jede Zahl zwei verschiedene Quadratwurzeln (außer null). Im Ausdruck steht der Ausdruck auf der rechten Seite also für zwei Werte und während links eine feste komplexe Zahl steht[8]. Das kann Anlass zu Trugschlüssen sein.

1. Ausgangspunkt: 
2. Wurzelziehen: 
3. Einsetzen von : 
4. Mit multiplizieren: 
5. einsetzen: 

Auflösung

Auch die folgende Gleichungskette nutzt diese Tatsache aus:[8]

Auflösung

Nicht korrekter wird es, wenn im Exponenten auftritt.

1. Eulersche Relation mit : 
2. Zur -ten Potenz erheben : 
3. Vereinfachen: 

Auflösung

Analysis

Differentialrechnung

In der Differentialrechnung werden Differentiale benutzt, die in bestimmten Fällen null sind, beispielsweise wenn eine Konstante ist. Wie in der Algebra können daraus Trugschlüsse konstruiert werden.[3]

Satz: Es gibt keinen Punkt auf einem Kreis, der am nächsten zu einem anderen Punkt ist, der nicht auf dem Kreis und nicht in seinem Mittelpunkt liegt.

Beweis über Differentialrechnung.

  1. Gegeben sei ein Kreis mit Radius um den Mittelpunkt .
  2. Sei der Punkt, zu dem der nächste Punkt auf dem Kreis gesucht wird.
  3. In den Punkt wird der Ursprung eines kartesischen Koordinatensystems gelegt, dessen x-Achse durch den Mittelpunkt geht. Die x-Koordinate von sei .
  4. Für einen Punkt auf dem Kreis gilt nach dem Satz von Pythagoras: oder
  5. Das Abstandsquadrat zwischen und ist nach Pythagoras .
  6. In 4.) eingesetzt wird daraus: .
  7. Der Abstand ist extremal, wenn die Ableitung ist.
  8. Ableitung von 6.) nach resultiert in oder , weil nach Voraussetzung nicht auf dem Kreis liegt und daher ist.
  9. Die Bedingung ist gemäß 8.) nur erfüllt, wenn , das heißt , gilt.
  10. Für alle Punkte, die nicht auf dem Kreis aber außerhalb des Mittelpunkts des Kreises liegen, gibt es keinen nächsten Punkt auf dem Kreis.

q. e. d.

Auflösung

Integralrechnung

Die Integration einer Funktion mit der Substitutionsregel oder eines Produkts mit partieller Integration unterliegt strengen Regeln, die bei Missachtung leicht zu Trugschlüssen führen.

Satz:

Beweisskizze: Wenn das bestimmte Integral des Produkts jeder beliebigen Funktion mit dem Cosinus über ein Intervall verschwindet, dann ist die Länge des Intervalls null. Wenn über das Intervall integriert wurde, heißt das, dass ist.

1. Ausgangspunkt

, beliebig.

2. Substitution , :

mit

3. Einsetzen von 2.) in 1.):

4. Auswertung von 3.) im Intervall . An der unteren Grenze ist und an der oberen Grenze ist . Also:

, beliebig.

q. e. d.

Auflösung

Siehe auch Partielle Integration#Kehrwertfunktion mit einem Beispiel, aus dem leicht ein weiterer Trugschluss aus der Integralrechnung gemacht werden kann.

Ableitungen aus divergenten Reihen

Mit divergenten Reihen kann (fast) alles „bewiesen“ werden. Ein berühmter, darauf basierender Scheinbeweis ist der folgende[6].

Satz: Für die Summe der natürlichen Zahlen gilt: .

Beweis durch ausrechnen.

Ausgangspunkt ist die unendliche Reihe

Bei der schrittweisen Addition der Folgenglieder treten die Werte 0 und 1 für die Reihe wie beim Werfen einer perfekten Münze gleich oft auf und daher ist ½ der Erwartungswert der Reihe. Nun ist

mit

Diese Reihe ist proportional zur gesuchten Reihe , denn

Also ist oder mit :

q. e. d.

Auflösung

Mit der Reihe A kann auch der folgende Trugschluss konstruiert werden:

Auflösung

Logik

Unzulässige Folgerungen

Trugschlüsse im Bereich der Aussagenlogik können sich aus dem Unterschied zwischen Subjunktion „→“ und Bijunktion „↔“ ergeben: „Wenn a, dann b“ bedeutet für zwei Aussagen a und b nicht immer auch „wenn b, dann a“, wie das folgende Beispiel zeigt.

Satz:

Algebraischer Beweis:

Ausgangspunkt ist die Gleichung

.

Weil hier offensichtlich ist, ist das gleichbedeutend mit

und .

Addition von 1 auf beiden Seiten dieser Gleichung liefert weiter:

.

Also ist , was in der ersten Gleichung impliziert.

q. e. d.

Auflösung

Vollständige Induktion

Die vollständige Induktion ist eine mathematische Beweismethode, nach der eine Aussage für alle natürlichen Zahlen bewiesen wird, die größer oder gleich einem bestimmten Startwert, beispielsweise 1, sind. Am Induktionsanfang 1 trifft die Aussage oft offensichtlich zu. Dann wird im Induktionsschritt bewiesen, dass, wenn die Aussage für gilt (Induktionsvoraussetzung), sie auch für gilt. Damit gilt sie dann für , daher auch für , daher auch für usw. Bei inkorrekter Anwendung können Scheinbeweise wie der folgende auftreten.

Satz: Alle Deutschen haben dasselbe Alter.[9]

Beweis über vollständige Induktion:

Die Behauptung, dass in einer Gruppe von Personen aus der Grundgesamtheit aller Deutschen alle dasselbe Alter haben, wird mit bezeichnet.

Induktionsanfang
In einer „Gruppe“ aus nur einer Person, sind alle Personen in der Gruppe gleichaltrig. Die Aussage trifft also jedenfalls zu.
Induktionsvoraussetzung
Sei die Behauptung für richtig. In einer Gruppe aus Deutschen haben alle dasselbe Alter.
Induktionsschritt
Hier ist zu beweisen, dass wenn ) wahr ist, dies auch Gültigkeit von nach sich zieht. Dazu werden Deutsche in eine Reihe gestellt.
Zunächst wird die erste Person aus der Reihe entfernt.
Übrig bleiben Deutsche in der Reihe, die nach Voraussetzung gleichaltrig sind. wird wieder an erster Stelle der Reihe platziert und die letzte Person aus der Reihe entfernt.
Übrig bleiben wieder Deutsche, die nach Voraussetzung alle dasselbe Alter haben. Also haben alle Personen in der Reihe dasselbe Alter und die Behauptung trifft zu.
Induktionsschluss
Damit ist für alle bewiesen und alle Deutschen haben dasselbe Alter.

Auflösung

Faule Definitionen

Die Trugschlüsse im Bereich fauler Definitionen basieren auf dem logischen Konzept

Auf die Elemente der leeren Menge treffen alle Eigenschaften zu.

Das ist an sich eine vernünftige Vereinbarung, denn alle Mengen sind Erweiterungen der leeren Menge. Ein nicht-existentes Objekt kann aber für Trugschlüsse missbraucht werden, denn es hat dafür geeignete Eigenschaften.

So zum Beispiel die größte natürliche Zahl.[7]

Sei die größte natürliche Zahl, also für alle . Insbesondere auch für trifft das zu, weswegen folgt. Andererseits ist auch und , weswegen und oder gilt. Damit ist oder , was nur den Schluss zulässt.

Auflösung

Ein weiteres Beispiel zeigt, dass eine Erweiterung eines Zahlenbereichs mit Bedacht vorzunehmen ist.

Sei die „imaginäre“ Zahl für die gilt.[8]

Dann ist

oder .

Trugschlüsse in der Geometrie

In der Geometrie können Trugschlüsse hinter ungenau gezeichneten Skizzen versteckt werden. Wird die Orientierung einer Strecke oder eines Winkels nicht berücksichtigt, führt das leicht zu Fehlschlüssen, wie die folgenden Beispiele zeigen.

Trugschluss von der Gleichschenkligkeit aller Dreiecke

Satz: Alle Dreiecke sind gleichschenklig.

Beweis nach Konstruktion:

  1. Gegeben sei ein beliebiges Dreieck wie im Bild.
  2. Sei die Winkelhalbierende des Innenwinkels in .
  3. Die Mittelsenkrechte der Seite schneide diese im Punkt und die Winkelhalbierende im Punkt .
  4. Die Dreiecke und sind nach dem zweiten Kongruenzsatz deckungsgleich, weil die Seitenlängen und bzw. gleich sind und die Innenwinkel in übereinstimmen.
  5. Deshalb gilt .
  6. Sei der Fußpunkt des Lotes von auf die Seite und der Fußpunkt des Lotes von auf die Seite .
  7. Die Dreiecke und sind nach dem SWW-Kongruenzsatz deckungsgleich, weil die Hypotenuse , ein anliegender Winkel in und der gegenüberliegende Winkel in bzw. als rechte Winkel übereinstimmen.
  8. Deshalb ist und .
  9. Die Dreiecke und sind nach dem vierten Kongruenzsatz deckungsgleich, weil sie nach 5.) und 8.) in zwei Seitenlängen gemäß sowie und in jenem Winkel übereinstimmen, der der längeren Seite gegenüberliegt. Denn nach 6.) liegt der rechte Winkel in bzw. der Hypotenuse der betrachteten Dreiecke und gegenüber.
  10. Also ist auch .
  11. Nach 8.) und 10.) ist also .

q. e. d.

Auflösung

Trugschluss vom leeren Kreis

Satz: In einem Kreis liegt nur sein Mittelpunkt und sonst kein Punkt.

Beweis durch Falsifizierung der Umkehrung:

  1. Gegeben sei ein Kreis um und Radius wie im Bild.
  2. Angenommen, es gäbe einen Punkt im Abstand vom Mittelpunkt.
  3. Auf der Halbgeraden sei der Punkt, für den gilt
  4. Die Mittelsenkrechte der Strecke schneide diese in und den Kreis in einem Punkt .
  5. Dann ist mit 3.)
  6. Mit dem Satz von Pythagoras ist und
  7. Nun 6.) in 5.) eingesetzt ergibt:
  8. Also ist .
  9. Das aber ist im Widerspruch zur Annahme 2.), weswegen es außerhalb des Mittelpunkts des Kreises keinen Punkt geben kann, der im Kreis, also nicht auf dem Kreis, liegt.

q. e. d.

Auflösung

Trugschlüsse aus Zerlegungen

height="200" height="200"
Bild zum Beweis von . Bild zum Beweis von .

Satz: und .

Beweis durch Zerlegungen:

  1. Das Quadrat im linken Bild hat die Fläche und wird in zwei Dreiecke und zwei Vierecke zerlegt. Aus diesen kann das Rechteck unter dem Quadrat zusammengesetzt werden, das den Flächeninhalt hat.
  2. Das obere Rechteck im rechten Bild hat die Fläche und wird in zwei Dreiecke und zwei Vierecke zerlegt. Aus diesen kann das Rechteck darunter zusammengesetzt werden, das den Flächeninhalt hat.

q. e. d.

Auflösung

Die linke Zerlegung wird auch als Schachbrett-Paradoxon bezeichnet und verwendet aufeinander folgende Fibonacci-Zahlen , denn bei ihnen gilt die Identität von Cassini . Für die Zerlegung der Rechtecke im rechten Bild eignen sich zwei aufeinander folgende Näherungswerte eines beliebigen Kettenbruchs.[10]

Fehlerhafte Annahmen

In der realen Welt sind alle Körper mehr oder weniger verformbar und Zwangsbedingungen immer mehr oder weniger flexibel, was Kräfte und/oder Beschleunigungen auf endliche Werte begrenzt. Die Berechnung flexibler Systeme kann durch vereinfachende Annahmen wesentlich erleichtert werden. Ein in diesem Sinn erfolgreiches Modell der klassischen Mechanik ist der unverformbare Starrkörper. Wird dieser weiteren Zwangsbedingungen unterworfen, können schnell unrealistische Unendlichkeiten auftreten. Die fallende Leiter ist ein Beispiel dafür.

Die Leiter im Bild lehnt an einer Wand und steht auf dem Boden, wobei ihr Fußpunkt mit konstanter Geschwindigkeit von der Wand weggezogen wird. Dann schlägt die Leiter mit unendlicher Geschwindigkeit auf dem Boden auf.[9]

Beweis:

1. Definition : Die Leiter habe die Länge .
An Wand und Boden (schwarz) anlehnende Leiter (blau)
2. Definition : Sei der horizontale Abstand der Wand vom Fußpunkt der Leiter, der mit konstanter Geschwindigkeit von der Wand weggezogen wird.
3. Definition: Sei der vertikale Abstand des Bodens vom Berührungspunkt der Leiter mit der Wand.
4. Satz von Pythagoras:
5. Zeitableitung:
6. Einsetzen der Geschwindigkeit:
7. Beim Aufschlagen:

Deshalb schlägt die Leiter mit unendlich hoher Geschwindigkeit auf dem Boden auf.

Auflösung

Auflösungen

Arithmetik

Multiplikation von Gewichten

Wenn die Einheiten mitquadriert werden, kommt das richtige Ergebnis heraus:

(2 kg) · (3 kg)= 6 kg²
= (2000 g) · (3000 g) = 6 000 000 g² = 6 · (1000 g)² = 6 kg²

Lehrreich hieran ist, dass die Berücksichtigung der Einheiten in einer Rechnung ein Kriterium zu ihrer Überprüfung liefert. Am Ende der Rechnung müssen die Einheiten auf beiden Seiten einer Gleichung und in allen Summanden einer Summe übereinstimmen.

Katze mit 9 Schwänzen

Die Nicht-Katze Keine Katze darf nicht mit den Katzen in einen Topf geworfen werden. Wenn Keine Katze beispielsweise durch Flagellat ersetzt wird, erweist sich die zweite Aussage „Eine Katze hat einen Schwanz mehr als ein Flagellat“ als falsch, womit der Wahrheitsgehalt der Schlussfolgerung mathematisch unbestimmt ist.

Algebra

2 = 1

Im fünften Schritt wird wegen durch dividiert.

1 + 1 = 2

Im dritten Schritt wird durch dividiert.

Gleiche Zahlen

Im siebten Schritt werden die beiden verschiedenen Wurzeln eines Quadrats gleichgesetzt. Mit

wäre der Trugschluss vermieden worden.

Imaginäre Einheit 1

Im dritten Schritt werden die positive und die negative Wurzel aus −1 gleichgesetzt. Wird das nicht getan, wird der Widerspruch vermieden:

Das Potenzgesetz ist im Komplexen nur eingeschränkt gültig.

Imaginäre Einheit 2

Beim mittleren Gleichheitszeichen wird auf der rechten Seite der übliche, positive Hauptwert der Wurzel im reellen benutzt. Hier führt aber nur der negative Wert zum richtigen Ergebnis

.

Das Potenzgesetz ist im Komplexen nur eingeschränkt gültig.

Eulersche Relation

Im zweiten Schritt stehen links und rechts des Gleichheitszeichens mehrdeutige Funktionen deren Wertebereiche und gleich sind. Im dritten Schritt werden zwei ungleiche Elemente – die Hauptwerte der Potenzen – aus diesen Wertebereichen herausgepickt und gleichgesetzt, was zum Trugschluss führt.

Das Potenzgesetz ist im Komplexen nur eingeschränkt gültig.

Analysis

Nächster Punkt zum Kreis

Die Punkte auf dem Kreis, die zum Ursprung des Koordinatensystems einen extremalen Abstand haben, liegen auf der x-Achse mit und . Berechnung des Differentials von führt dort auf . Für einen Punkt auf dem Kreis und der x-Achse ist also wegen . Das macht sich anschaulich dadurch bemerkbar, dass der Kreis die x-Achse senkrecht schneidet. Die für die Differentiation nach notwendige Umgebung in x-Richtung existiert auf dem Kreis in diesen Schnittpunkten auf der x-Achse nicht, kann im Extremum nicht berechnet werden, und alle aus gefolgerten Aussagen sind hinfällig. Der entscheidende Fehler wird also im dritten Schritt gemacht.

Dieses Beispiel betont die Regel, dass die unabhängige Variable, hier , in den Extrema der abhängigen Variable, hier , keinen Nebenbedingungen unterworfen sein darf. Nicht besser wird es, wenn der Mittelpunkt nicht auf der x-Achse liegt. Die dann notwendige zweidimensionale Umgebung für die Differentiation nach den beiden unabhängigen Variablen und reduziert sich auf einen eindimensionalen Kreisbogen.

Lösen lässt sich das Problem durch eine Parametrisierung der Ebene mit Zylinderkoordinaten , sodass mit ist, erlaubt die Gewinnung der dem Ursprung nächsten Punkte, denn der Winkel unterliegt im Extremum keiner Nebenbedingung:

Nun impliziert die Identität und daher oder

,

solange der Kreis nicht durch geht und somit ist. So sind die Punkte mit extremalem Abstand mit oder gefunden.

Verschwindende Kreiszahl

Das Problem ist hier, dass die Integration über ein Intervall erfolgt, in der die Funktion, mit der substituiert wird, keine Werte hat, denn der Bildbereich von Arcsin ist das Intervall . Der entscheidende Fehler wird also im letzten Schritt gemacht.

Der Integrationsbereich muss aufgeteilt werden:

Das zweite Integral muss erst auf den Wertebereich ‌ transformiert werden, was durch die Substitution erreicht wird:

Zusammen mit dem ersten Integral auf der rechten Seite kann wie im Trugschluss beschrieben mit substituiert werden:

Das kann null sein, muss aber nicht, sodass nicht in Gefahr ist.

Summe der natürlichen Zahlen

In der Herleitung ist fast alles falsch. Um das zu zeigen, werden die -ten Partialsummen, angezeigt durch den Index , zunächst mit einem geraden betrachtet. Dann ist

und

In der Summe

entsteht noch ein „Rest“ , was sich auch aus den Ausdrücken für und ergibt. Die Formel ist also in erster Ordnung von falsch. Das reicht jedoch noch nicht, das in zweiter Ordnung falsche Endergebnis zu erklären.

Die Differenz der Partialsummen ergibt:

Nach der Summenformel für nähert sich das Verhältnis

mit wachsendem der vier und weil mit dem Quadrat von zunimmt ist die Formel in zweiter Ordnung falsch. Erst nach diesem Fehler wächst nicht mehr quadratisch mit an. Ausdrücken von durch bestätigt

Bei ungeradem n ist

mit ähnlich vernichtendem Resultat.

Reihe A

Der unbestimmt divergenten Reihe kann für kein Wert zugewiesen werden. Der Vergleich zweier unbestimmter Werte ist mathematisch jedoch sinnlos.

Logik

Subjunktion und Bijunktion

Im Bereich der reellen Zahlen ist und aus der falschen Gleichung kann nichts Aussagekräftiges mehr gefolgert werden, siehe Paradoxien der materialen Implikation.

Im Komplexen hat das Polynom zwei konjugiert komplexe Nullstellen , die auch Lösungen von sind. Im Komplexen ist also

richtig, aber die umgekehrte Aussage

falsch, wie das Gegenbeispiel zeigt.

Die gleichaltrigen Deutschen

Das Problem ist hier der Schritt von auf . Es gibt keine Person , die gleichzeitig unter den letzten und unter den ersten Personen ist. Somit kann nicht geschlossen werden, dass, weil die erste Person dasselbe Alter wie hat und die letzte Person dasselbe Alter wie hat, auch die erste und die letzte Person, und , gleichaltrig sind. Für diesen Schluss bedarf es mindestens dreier Personen , und .

Die größte natürliche Zahl

Alle Schlüsse sind unter der gemachten Prämisse korrekt. Weil diese jedoch widersprüchlich ist – eine größte natürliche Zahl gibt es nicht – kann über den Wahrheitsgehalt der gefundenen Ergebnisse nichts ausgesagt werden. Umgekehrt kann aus obiger Ableitung ein Beweis für die Nicht-Existenz einer größten natürlichen Zahl gemacht werden.

Trugschlüsse in der Geometrie

Gleichschenkligkeit aller Dreiecke

Der Fehler liegt hier darin, dass der Punkt in einem nicht gleichschenkligen Dreieck immer außerhalb des Dreiecks auf seinem Umkreis liegt, und zwar in der Mitte seines Bogens über der Seite . Nach Konstruktion liegen , und auf der simsonschen Gerade mit dem Pol . Nach dem Axiom von Pasch können nun und nicht beide auf den Dreiecksseiten zwischen den Ecken liegen. Im Dreieck der Zeichnung liegt der Fußpunkt des Lotes von auf nicht auf der Seite , sondern auf der Halbgeraden , von aus gesehen hinter . Die Identitäten 5.), 8.) und 10.) treffen zu, aber und sind entgegengesetzt orientiert. Deshalb lautet 11.) korrekt

.

Hieraus folgt mitnichten die Gleichschenkligkeit des Dreiecks .

Leerer Kreis

Der Punkt liegt, anders als in der Skizze, außerhalb des Kreises, weswegen es den Schnittpunkt nicht gibt. Denn aus Gleichung 5.) folgt . Der entscheidende Fehler wird also im vierten Schritt gemacht, wo ein Schnittpunkt unterstellt wird, den es nicht geben kann.

Tückische Zerlegungen

Die Diagonalen in den unteren Rechtecken sind nur scheinbar gerade. Würden die Teilstücke unverformt zusammengesetzt, würden die Teile eine Fläche frei lassen, die genau den Inhalt einer Flächeneinheit hat.

Beweisen lässt sich das mit dem Strahlensatz. Im zum Quadrat gehörenden Rechteck sollte auf der Diagonalen

sein, was offensichtlich nicht zutrifft. Im rechten unteren Rechteck sollte

sein, was ebenfalls nicht zutrifft.

Fehlerhafte Annahmen

Die fallende Leiter

Die Ursache dieses Trugschlusses ist die Annahme in 4.), dass die Leiter an der Wand gelehnt bleibt und sie immer berührt. Tatsächlich wird der Zug am Fuß der Leiter auch das obere Ende der Leiter von der Wand wegziehen, so dass der Kontakt aufhört und der Satz von Pythagoras nicht mehr gilt.

Nimmt man jedoch an, dass das obere Ende der Leiter immer an der Wand bleibt, liegt der Trugschluss in der mathematischen Modellierung der physikalischen Welt. Denn der Zustand am Ende des Experiments, wo die Leiter sich angeblich unendlich schnell bewegt, ist bei massebehafteter Leiter in der klassischen Mechanik in endlicher Zeit nur mit unendlich hoher Beschleunigung zu erreichen, was unphysikalisch ist, und in der speziellen Relativitätstheorie wegen der Beschränkung auf Unterlichtgeschwindigkeit gar nicht möglich.

Einzelnachweise

Literatur

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