Uringlas

historisches Harnprobengefäß aus Glas für die Harnschau From Wikipedia, the free encyclopedia

Das Uringlas oder Harnglas ist ein historisches Harnprobengefäß aus Glas für die Harnschau und gehörte jahrhundertelang (wie auch der Äskulapstab) zu den Wiedererkennungszeichen des ärztlichen Berufs.

Mittelalterliche Darstellung eines Arztes mit Uringlas
Matula ca. 1550, Reproduktion (Dialysemuseum Fürth)

Diese Beschaugläser wurden Matula (lateinisch auch für „Topf“, „Waschgeschirr“ und „Nachtgeschirr“) genannt. Andere Bezeichnungen sind Harnschauglas oder Urinal (von lateinisch urina „Harn“), auch Matella (deutsch: kleiner Topf, Gefäß, Nachttopf, Urintopf), Matracium (nach Ludwig August Kraus Gefäß für Flüssigkeiten; von arabisch مطرح matrah = bauchiges Glasgefäß, Kolben, Retorte), Urodochium (οὖρον, oûron = Harn; δοχεῖον docheîon = Gefäß, Behälter, Aufnahmegefäß) oder Uroscopium (σκοπεῖν, skopeîn = schauen; -ium = lateinische Endung für ein Gerät oder Instrument).[1]

Das Uringlas ist ein rundkolben- bis birnenförmiges Glasgefäß mit trichterförmiger Öffnung. Es ähnelt einem bauchigen Kutscherglas mit weiterem Hals. Manche Exemplare hatten einen flachen Boden zum Hinstellen, die meisten jedoch einen gewölbten Boden und bedurften eines Stützbehälters (Harnglaskorb – meist ein geflochtener Korb – oder ein Holzgestell)[2] zur Vermeidung des Umkippens. Für manche Untersuchungen wurde ein Schneckentropfaufsatz aufgesteckt, der es erlaubte, nur tropfenweise Mengen zu entnehmen.

Der in diesem Gefäß gesammelte Morgenurin wurde zum Harn(be)schauer gebracht. Das war ein Arzt oder ein anderer Medizinkundiger. Diese Uroskopen (altgriechisch οὖρον, oûron = Harn und σκοπεῖν, skopeîn = betrachten, prüfen, beobachten) gelten heute als Vorläufer der Urologen. Sie überprüften die Proben entsprechend der Humoralpathologie auf Dichte, Farbe, Geruch, Geschmack und Sediment (lateinisch contenta „Inhaltsstoffe“).

Das so ermittelte Mischungsverhältnis der Körpersäfte erlaubte Rückschlüsse auf den medizinischen Befund. Dieser Befund wurde zusammen mit anderen medizinischen Daten des Patienten bewertet und in die Urinkarte eingetragen.

Die Matula als Statussymbol oder Standessymbol des (gelehrten) Arztes[3] und Symbol[4] für eine seinerzeit als universell (für fast alle Krankheiten) und unfehlbar betrachtete Diagnosemethode findet sich auch heute noch in den Zeichen verschiedener urologischer Gesellschaften, z. B. der Deutschen Gesellschaft für Urologie,[5] des Berufsverbandes der deutschen Urologie und der Amerikanischen Gesellschaft für Urologie.[6]

In alten gedruckten medizinischen Lehrbüchern finden sich handgemalte Illustrationen, welche den Arzt mit dem Harnglas in der Hand darstellen. Ein Beispiel ist das 1472 in Mantua herausgegebenen Werk des Pietro d’Abano.[7]

Faith Wallis beschrieb 2000 Form und Beschaffenheit der früher gebrauchten Gefäße zur Urinbetrachtung. In alten Handschriften hieß es: „matula vitrea clara“ und „colligatur in uase uitreo albo et claro et rotundo in fundo“ (wörtlich: soll in einem hellen, durchsichtigen Glasgefäß mit rundem Boden gesammelt werden).[8]

Bei einigen Autoren des Mittelalters (Johannes Actuarius) und der Frühen Neuzeit findet sich das Uringlas als Analogon zum menschlichen Körper. Beruhend auf einer „uroskopischen Repräsentationstheorie“[9][10] (Entsprechungslehre) entsprechen die sichtbaren Harnteilchen (Contenta) dann je nach ihrer Position der erkrankten Körperregion.[11]

Literatur

  • Friedrich v. Zglinicki: Die Uroskopie in der bildenden Kunst. Eine kunst- und medizinhistorische Untersuchung über die Harnschau. G-I-T Verlag Ernst Giebler, Darmstadt 1982, ISBN 3-921956-24-2, passim.
  • Ortrun Riha: Konzepte: Säfte und Symbole. In: Medizin im Mittelalter. Zwischen Erfahrungswissen, Magie und Religion (= Spektrum der Wissenschaft. Spezial: Archäologie Geschichte Kultur. Band 2.19), 2019, S. 6–11, hier: S. 6–7.
Commons: Uringlas – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary: Uringlas – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

Related Articles

Wikiwand AI