Villa rustica (Bochingen)
römisches Landgut in Oberndorf-Bochingen
From Wikipedia, the free encyclopedia
Die Villa rustica in Bochingen war ein römisches Landgut auf dem Gebiet des Oberndorfer Stadtteils Bochingen im baden-württembergischen Landkreis Rottweil. Sie wurde um das Jahr 100 u. Z. erbaut und im zweiten Drittel des dritten Jahrhunderts wieder verlassen. In der Zeit ihres Bestehens gehörte sie administrativ zur römischen Provinz Germania superior.

Lage und Forschungsgeschichte
Im heutigen siedlungsgeographischen Bild befindet sich die Fundstelle in einem Gewerbegebiet südlich der Balinger Straße zwischen dem Kreisverkehr und der Auffahrt zur A 81. In der antiken Verkehrsgeographie war das Landgut ähnlich günstig angebunden, wie heute das moderne Bochingen: die römische Fernstraße von Vindonissa über Brigobannis, Arae Flaviae und das Kastell Sulz nach Sumelocenna führte in nur rund einhundert Metern Entfernung westlich vorbei. Topographisch liegt das Gebiet rund 2,5 km nordöstlich des Neckars, nördlich des Oldenbergs auf einem sanft nach Süden abfallenden Hang in der Flur Rankäcker. Geomorphologisch und geologisch ist dies ein Übergangsbereich zur Vorbergzone der Schwäbischen Alb, einer mit Lettenkohle bedeckten Keuperstufe aus Gipskeuper, Schilfsandstein, Bunten Mergeln und Stubensandstein.[1]
Bekannt war das Fundgebiet bereits seit dem Ende des 19. Jahrhunderts. Obwohl es ein eingetragenes Grabungsschutzgebiet war, musste es aus politisch-ökonomischen Gründen einem Gewerbegebiet weichen, von dem es heute vollständig überbaut ist. Bedingt durch die Ausweisung des Gewerbegebietes fanden von 1993 bis 2002 bauvorgreifende Notgrabungen durch das Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg statt. Diese standen unter der Leitung von C. Sebastian Sommer, Leiter des Referats für Provinzialrömische Archäologie. Bei diesen Grabungen wurde die ein umschlossenes Areal von etwa 3,2 Hektar (= 32.000 m²) umfassende Villa rustica freigelegt.[1]
Archäologische Befunde
In ihrer letzten Ausbauphase in Steinbauweise hatte die Ummauerung des Villengeländes den Grundriss eines an drei Ecken schiefwinkligen Vierecks mit Seitenlängen von 120 m, 165 m, 210 m und 255 m. Ein einfaches Zangentor wurde an der Südostseite freigelegt, ein zweites Tor zur Fernstraße hin wird auf der Westseite lediglich vermutet. Nur die unmittelbare Tordurchfahrt und dahinter ein halbkreisförmiger Bereich waren mit Steinschüttungen befestigt, ansonsten konnten im gesamten Innenbereich keine festen Wege nachgewiesen werden. In früheren Bauphasen war das Areal mit rund 1,5 ha Fläche deutlich kleiner, wie die Befunde von Gräbchen nahelegen, die für die Fixierung von Holzzäunen bestimmt waren. Insgesamt drei verschiedene, wohl zeitlich aufeinander folgende Verläufe dieser Zaungräben konnten differenziert werden.[1]

In der letzten Bauphase befanden sich innerhalb der Ummauerung vier Gebäude aus Stein (Gebäude 1 bis 4) und möglicherweise ein paar kleinere Holzgebäude oder Schuppen. Das Hauptgebäude war eine Villa vom Risalittypus (Gebäude 1). Die beiden mächtigen, vorspringenden Eckrisalite hatten einen Grundriss mit Innenmaßen von sieben mal elf und acht mal elf Metern. Der westliche Risalitraum war mittels einer Hypokaustanlage beheizbar. Zwischen den Risaliten befand sich eine 23 m lange und fast fünf Meter tiefe Portikus mit vermutlich zehn, jeweils 2,37 m hohen steinernen Säulen. Ihre Rückwand war aufwändig mit Malereien dekoriert. Hinter dieser Front aus Risaliten und Portikus lag eine 19 m mal 20 m (= 380 m²) messende Halle. Bis auf einen Raum in der südwestlichen Ecke der Halle, konnten aufgrund der starken Erosion in deren Bereich keine weiteren Räumlichkeiten identifiziert werden. Der genannte Eckraum beinhaltete eine Treppe, die in einen acht Meter langen Kellerraum führte. Dieser war mit Wandnischen versehen und wurde mittels zweier Kellerfenster mit Licht und Luft versorgt.[1]
Nur wenige Meter vor dem westlichen Eckrisaliten lag ein 10 m mal 15 m (= 150 m²) messendes Steingebäude, das sich als die Badeanlage des Villenkomplexes erwies (Gebäude 2). Diese hatte in einer ersten Raumflucht ein großes Apodyterium (Umkleideraum), gefolgt von einem Frigidarium (Kaltbad) mit einem quadratischen Wasserbecken. Eine parallele Raumflucht bestand ausschließlich aus einem beheizbaren Tepidarium (Laubad) oder Caldarium (Heißbad), im Süden wurde diese Raumreihe von einer Apsis mit einer Badewanne abgeschlossen. Es handelte sich also um eine Therme vom sogenannten „Blocktypus“. In einer zweiten Bauphase wurden an der Nordseite ein weiterer hypokaustierter und ein unbeheizbarer Raum angebaut. Die dritte Bauphase bestand in der Hinzufügung einer zwei- oder dreisitzigen Latrine. Die Wasserversorgung erfolgte vermutlich über eine von Norden heranführende hölzerne Deichelwasserleitung. Zur Wasserentsorgung diente vermutlich ein nach Süden führender Kanal, der das Brauchwasser in einen, möglicherweise als Weiher anzusprechenden Befund entwässerte.[1]
Die interessantesten, wenn auch nicht singulären Befunde (vergleiche Villa rustica (Hechingen-Stein) und Villa rustica Binger Wald) wurden in den Nebengebäuden festgestellt: Gebäude 3 östlich vom Hauptgebäude und das kleine Gebäude 4 in der Südostecke des ummauerten Areals. Als Funktion der Nebengebäude werden Speicher und Stall vermutet. Bei diesen Zweckbauten ist – vermutlich infolge eines Erdbebens – zunächst das Ziegeldach nach unten gestürzt, und danach sind die Wände im Mauerverband nach außen geklappt. Anschließend wurden sie durch Abschwemmungen von einem nahen Hang in diesem Zustand konserviert. Offenbar war der Gutshof zu diesem Zeitpunkt bereits aufgelassen worden. Erdbebengefahr könnte durchaus nichts Ungewöhnliches gewesen sein. Noch heute grenzt Bochingen unmittelbar an den Zollernalbkreis, dessen Gemeinden flächendeckend zu den Erdbebenzonen 2 oder gar 3 gehören.[2]
Daraus ergab sich die seltene Möglichkeit, aufgehendes römisches Mauerwerk bis zum Dach untersuchen zu können.
- Gebäude 3 hatte eine Grundfläche von 18 mal 15 Meter (= 270 m²). Die Seitenwände waren 7,2 m hoch, der Giebel 12 Meter. Das Dach hatte somit eine Neigung von 33°.
- Gebäude 4 hatte eine Grundfläche von 10 mal 15 Meter (= 150 m²). Bei diesem waren eine Quer- und eine Längswand nach außen umgeklappt. Sehr schön stellte sich die liegende Längswand dar mit großem Eingangstor, das von zwei Rundbogenfenstern flankiert wurde. Die Höhe des Tores betrug 5,5 m bei drei Metern Breite. Die 80 Zentimeter breiten Fenster waren zwei Meter hoch.
Der ungewöhnliche Befund zeigte auch architektonische Details, etwa um die Fensterbögen eingebrachte Sandsteinplättchen oder profilierte Auflagensteine für die Dachbalken.
Die Dauer des antiken landwirtschaftlichen Betriebes wird auf die Zeit von 100 bis 260 datiert.
Fundverbleib und touristische Aufbereitung
Da die Fundstätte durch das Gewerbegebiet überbaut worden ist, kann die Lage der Villa rustica vor Ort nicht mehr nachvollzogen werden. Einzelfunde werden im Museum im Schwedenbau präsentiert.[3] Da in der Nähe der Fundstätte die Römerstraße Neckar–Alb–Aare vorbeiführt, wurde im Zentrum des Kreisverkehrs Bochingen im Dezember 2005 die Skulptur „Fallende Mauer“ des Künstlers Johannes Pfeiffer installiert, welche die im Fallen begriffene Längswand des Gebäudes 4 in abstrahierter Form darstellt.[4]
Siehe auch
Literatur (chronologisch)
- C. Sebastian Sommer: Villa rustica in Oberndorf-Bochingen, Kreis Rottweil. In: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 1993. Theiss, Stuttgart 1994, ISBN 3-8062-1118-3, S. 151–154.
- C. Sebastian Sommer: Die römische Villa rustica in Oberndorf-Bochingen, Kreis Rottweil. In: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 1994. Theiss, Stuttgart 1995, ISBN 3-8062-1174-4, S. 168–173.
- Dieter Kapff: Die Villa rustica von Bochingen. Ein Fall für die Wissenschaft. In: Schwäbische Heimat, 1996/3, S. 228–237 (Digitalisat).
- C. Sebastian Sommer: Die römische Villa rustica in Oberndorf-Bochingen, Kreis Rottweil. Badegebäude und südliche Hofmauer. In: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 1997. Theiss, Stuttgart 1998, ISBN 3-8062-1347-X, S. 89–92.
- Thomas Becker, C. Sebastian Sommer: Fortsetzung der Ausgrabungen in der römischen villa rustica in Oberndorf-Bochingen, Kreis Rottweil. In: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 1999. Theiss, Stuttgart 2000, ISBN 3-8062-1469-7, S. 131–135.
- C. Sebastian Sommer: Ein großes landwirtschaftliches Nebengebäude in Oberndorf-Bochingen, Kreis Rottweil. Aspekte der römischen Architektur. In: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 2000. Theiss, Stuttgart 2001, ISBN 3-8062-1518-9, S. 117–121.
- C. Sebastian Sommer: Hölzerne und andere Getreidespeicher in Oberndorf-Bochingen, Kreis Rottweil?. In: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 2001. Theiss, Stuttgart 2002, ISBN 3-8062-1659-2, S. 133 f.
- Meinrad N. Filgis, Thomas Schlipf: Die villa rustica in Oberndorf-Bochingen, Kreis Rottweil. Zum Abschluss der Ausgrabungen im 1. Bauabschnitt des Industriegebietes Rankäcker. In: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 2002. Theiss, Stuttgart 2003, ISBN 3-8062-1780-7, S. 130–132.
- Klaus Kortüm: Nachuntersuchung in der villa rustica von Oberndorf-Bochingen, Kreis Rottweil. In: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 2005. Theiss, Stuttgart 2006, ISBN 978-3-8062-2019-3, S. 164–166.
- C. Sebastian Sommer: Oberndorf-Bochingen a. N. (RW). Villa Rustica. In: Dieter Planck (Hrsg.): Die Römer in Baden-Württemberg. Theiss, Stuttgart 2005, ISBN 3-8062-1555-3, S. 231–235.
Weblinks
- Villa Rustica bei Bochingen auf roemerstrasse.net