Vulkangruppe

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Die Vulkangruppen sind mutmaßlich mehrere vermutlich seit 2011 gegründete Gruppierungen, von denen eine mehrere Brandanschläge auf Kabelschächte sowie Strom- und Datenleitungen in Berlin und Brandenburg verübt haben soll.[1][2] Der Berliner Verfassungsschutz rechnet sie dem linksextremistischen und anarchistischen Spektrum zu.[3] Der Name Vulkangruppe entstammt Bekennerschreiben, in denen die mutmaßlichen Täter ihre Vorgehensweise beschreiben und die Anschläge rechtfertigen.[4]

Mutmaßliche Taten der Gruppen

2011–2013: Anschläge auf Bahninfrastruktur

Im Mai 2011 setzten unbekannte Täter am Bahnhof Berlin Ostkreuz eine Starkstromleitung in Brand, was zu schwerwiegenden Einschränkungen des Zugverkehrs führte. Im Oktober 2011 sowie Mai 2013 folgten weitere Brandanschläge auf Kabelsätze an Bahntrassen sowie einen Stromkasten der Deutschen Bahn. In Bekennerschreiben bekannten sich Gruppen namens „Das Grollen des Eyjafjallajökull“, „Das Hekla-Empfangskomitee – Initiative für mehr gesellschaftliche Eruptionen“ und „Anonymous/Vulkan Katla“ zu Teilen der Anschläge. Wegen der sich stark ähnelnden Sprache und Inhalten der Schreiben sowie der Vorliebe für Vulkane gehen Sicherheitsbehörden von einem Zusammenhang mit den späteren Brandstiftungen aus.[5][6]

2018–2025: Anschläge auf Kabelschächte und Trafohaus in Berliner Villenvierteln

Bekennerschreiben einer Gruppe liegen u. a. für Sabotageakte an einem Starkstromkabel 2018 in Berlin-Charlottenburg und an einem Kabelschacht 2020 vor dem Heinrich-Hertz-Institut[7] sowie für einen Brand an einem Berliner Trafohaus an der Clayallee Ecke Pücklerstraße 2025[8] vor.

2021 und 2024: Anschläge auf Tesla-Baustelle in Grünheide

Des Weiteren bekannte sich eine Gruppe[9][10] zur Brandstiftung an einem Strommast mit Kabeln zur Baustelle der Tesla Gigafactory Berlin-Brandenburg im Jahr 2021.[11][3] Bei einer ähnlichen Brandstiftung an einem Strommast kam es am 5. März 2024 zur Unterbrechung der Produktion und Evakuierung des Werksgeländes. Auch anliegende Gemeinden waren zwischenzeitlich betroffen.[12]

2026: Anschlag auf Heizkraftwerk Lichterfelde

Die vom Brandanschlag betroffene Kabelbrücke, dahinter das Kraftwerk Lichterfelde (2009)

Am Morgen des 3. Januar 2026 wurde ein Brandanschlag auf Kabel des Kraftwerks Lichterfelde verübt, der laut einem anonymen Bekennerschreiben von einer Vulkangruppe verübt worden sein soll.

„Wir können uns die Reichen nicht mehr leisten. Wir können das Ende der imperialen Lebensweise einleiten. Wir können den Raubbau an der Erde stoppen. […] Fossile Kraftwerke abschalten ist Handarbeit. Nur Mut. Wir wissen, wir müssen diese Zerstörung unterbrechen. Wir wissen, wir sind nicht alleine. […]

Wir haben heute Nacht das Gaskraftwerk in Berlin-Lichterfelde erfolgreich sabotiert. Es kam zu Stromausfällen in den wohlhabenderen Stadtteilen Wannsee, Zehlendorf und Nikolassee. Stromausfälle waren nicht Ziel der Aktion, sondern die fossile Energiewirtschaft. Bei den weniger wohlhabenden Menschen in dem Südwesten Berlins entschuldigen wir uns. Bei den vielen Besitzern von Villen in diesen Stadtteilen hält sich unser Mitleid in Grenzen.“

Vulkangruppe[13]

In der Folge hatten circa 45.000 Haushalte[14] und 2200 Unternehmen im Südwesten Berlins, vorrangig im Bezirk Steglitz-Zehlendorf, bei winterlichen Wetterverhältnissen tagelang keinen Strom.[15][16] Der Stromausfall war der längste in Berlin seit dem Zweiten Weltkrieg.[16] Der Berliner Staatsschutz hält das Bekennerschreiben für authentisch, in dem Täterwissen zu Details der Brandstiftung mitgeteilt sowie Bezug auf frühere Anschläge der Gruppe genommen wird.[13] Die Stromausfälle wurden im Schreiben als unbeabsichtigte Kollateralschäden der gegen die „fossile Energiewirtschaft“ gerichteten Aktion dargestellt.[17]

Noch bevor die vermeintliche Täterschaft durch Ermittlungsbehörden bekannt gegeben wurde, gab es aus der Berliner Politik Aussagen, die eine Einschränkung von Informationen für die Öffentlichkeit forderten. Energiesenatorin Franziska Giffey argumentierte, dass „es immer eine Balance zwischen Sicherheit und Freiheit“ geben müsse. Sie kündigte damit weniger Transparenz bei Daten zur sensiblen Infrastruktur an. Ebenfalls wies sie auf die bereits bessere Reaktion auf den Notfall durch die Krisenstäbe hin. Dies geschah auch aufgrund der nach dem letzten Anschlag verbesserten Gesetzeslage für solche Situationen.[18][19]

Wenige Tage nach dem Brandanschlag auf die Stromversorgung Berlins wurde eine angeblich von der Gruppierung Vulkangruppe: Den Herrschenden den Saft abdrehen stammende Richtigstellung auf dem linken Portal knack.news veröffentlicht. Darin werden Spekulationen über die Beteiligung eines ausländischen Staates zurückgewiesen.[20]

Am 7. Januar 2026 wurde auf der Plattform Indymedia ein weiteres Schreiben veröffentlicht, welches angeblich von der Ursprungsgruppe von 2011 verfasst sein soll. In diesem distanziert sich diese von den Aktionen, die in ihrem Namen in den letzten Jahren vorgenommen wurden, insbesondere von dem Anschlag auf das Berliner Stromnetz.[21]

Am 26. Januar 2026 lobte das Bundeskriminalamt eine Belohnung von einer Million Euro für Hinweise, die zur Aufklärung der Tat führen, aus.[22]

Ziele

Ziel der Sabotageakte soll dem Verfassungsschutzbericht 2019 zufolge die Beeinträchtigung der Infrastruktur und Störung der öffentlichen Ordnung sein. Die Gruppe sei bestrebt, die Funktionsweise des „kapitalistischen Alltags“ zu durchbrechen und Menschen zum Innehalten zu bewegen.[3] Ihre Anschläge galten offenbar ganz bewusst Kabelschächten, Funkmasten und Datenleitungen, so Felix Neumann – Experte für politischen Extremismus der Konrad-Adenauer-Stiftung. Die Gruppe wolle Fragilität von Kommunikation und öffentlichem Leben verdeutlichen.[23] In den Bekennerschreiben werden die Anschläge unterschiedlich begründet: Etwa der Transport von Atommüll, Waffenexporte, Afghanistankrieg,[4] angebliche Aufweichung der Grundrechte durch eine COVID-19-App,[7] steigender Energieverbrauch und globale Erwärmung sowie Gefahren der künstlichen Intelligenz.[17]

Aufbau und Struktur

Die Namen der Gruppe wechseln auch thematisch in Bekennerschreiben (z. B. „Vulkangruppe Gegen den Fortschritt der Zerstörung“, „Vulkangruppe Shut Down The Power“, „Vulkangruppe Den Herrschenden den Saft abdrehen“). Es gibt Spekulationen über mögliche Strukturen und Identitäten innerhalb der Gruppe, Mitglieder und organisatorische Strukturen sind jedoch unklar und waren im März 2024 Gegenstand laufender Ermittlungen.[24][3][25][4] Der Verfassungsschutz Berlin ging mit Stand von 2019 von einer gefestigten Struktur aus, Beobachtungen deuten auf einen (teil-)identischen Autorenkreis in mehreren Bekennerschreiben hin.[26]

Gegen zwei im Februar 2023 mit einem Benzinkanister an einem Bahngleis festgenommene Personen, denen eine versuchte Brandstiftung auf Bahnanlagen vorgeworfen wird, wurde ab Mai 2024 vor Gericht verhandelt. Eine vermutete Verbindung zur Vulkangruppe wurde hierbei nicht bewiesen.[27]

Sonja Kock, stellvertretende Presseleiterin des Bundesministerium des Innern (BMI), bestätigte in der Bundespressekonferenz am 7. Januar 2026 die Existenz mehrerer Vulkangruppen.[28] Nach Spekulationen um die Verantwortlichkeit der Gruppe für den Stromausfall in Steglitz-Zehlendorf 2026[29] distanzierte sich eine nach eigenen Angaben für die Sabotage von Bahnverbindungen 2011 verantwortliche Gruppierung via Indymedia.[30]

Einzelnachweise

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