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Wahnhafte Störung

psychische Störung, die durch unbegründete Überzeugungen gekennzeichnet ist From Wikipedia, the free encyclopedia

Die wahnhafte Störung ist eine psychische Störung, bei der eine Person unter Wahnvorstellungen leidet, ohne dass diese von ausgeprägten Halluzinationen, Denkstörungen, Stimmungsstörungen oder einer signifikanten Affektabflachung begleitet werden.[1]

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Klassifikation nach ICD-10
F22.0 Wahnhafte Störung
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ICD-10 online (WHO-Version 2019)
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Schnelle Fakten Klassifikation nach ICD-11 ...
Klassifikation nach ICD-11
6A24 Wahnhafte Störung
6A24.0 Wahnhafte Störung, gegenwärtig symptomatisch
6A24.1 Wahnhafte Störung, in Teilremission
6A24.2 Wahnhafte Störung, in Vollremission
6A24.Z Wahnhafte Störung, nicht näher bezeichnet
ICD-11: EnglischDeutsch (Vorabversion)
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Gemälde von Théodore Géricault, das einen alten Mann mit Größenwahn hinsichtlich Macht und militärischer Befehlsgewalt zeigt. Größenwahn tritt bei wahnhaften Störungen häufig auf.

Wahnvorstellungen können bizarr oder nicht bizarr sein. Nicht bizarre Wahnvorstellungen kommen bei einer wahnhaften Störung am häufigsten vor und bezeichnen fest verankerte falsche Überzeugungen, die Situationen betreffen, die im realen Leben vorkommen könnten (z. B. die Überzeugung, verletzt oder vergiftet zu werden). Bizarre Wahnvorstellungen sind hingegen eindeutig unmöglich, nicht nachvollziehbar und nicht aus alltäglichen Erfahrungen ableitbar (z. B. die Überzeugung, dass die inneren Organe entfernt wurden, ohne Narben zu hinterlassen). Das Verhalten und Erscheinungsbild der Betroffenen erscheinen offenkundig normal, sofern die Wahnidee nicht diskutiert wird.[2] Nach Ansicht des deutschen Psychiaters Emil Kraepelin bleiben Patienten mit einer wahnhaften Störung kohärent, vernünftig und besonnen.[3] Die Beschäftigung mit den Wahnvorstellungen kann jedoch einen erheblichen Leidensdruck verursachen und zu funktionellen Beeinträchtigungen führen.

Damit die Diagnose gestellt werden kann, dürfen auditive und visuelle Halluzinationen nicht im Vordergrund stehen, olfaktorische oder taktile Halluzinationen, die mit dem Wahninhalt zusammenhängen, können jedoch vorhanden sein. Die Wahnvorstellungen dürfen nicht auf die Wirkung von Drogen, Arzneimitteln oder einer allgemeinen medizinischen Erkrankung zurückzuführen sein. Außerdem darf eine wahnhafte Störung nicht bei einer Person diagnostiziert werden, bei der zuvor eine Schizophrenie diagnostiziert wurde.[2]

Eine Person mit einer wahnhaften Störung kann im Alltag hochfunktional sein, was beispielsweise anhand des Global Assessment of Functioning (GAF) gemessen wird. Aktuelle und umfassende Metaanalysen wissenschaftlicher Studien weisen jedoch auf einen Zusammenhang mit einer Verschlechterung bestimmter Aspekte des IQ bei psychotischen Patienten hin, insbesondere des wahrnehmungsbezogenen Denkens, wenngleich die Unterschiede zwischen den Gruppen gering waren.[4][5][6]

Eine frühere, inzwischen veraltete nosologische Bezeichnung für die wahnhafte Störung war „Paranoia“. Diese sollte nicht mit der modernen Definition von Paranoia (d. h. speziell Verfolgungswahn) verwechselt werden.

Klassifikation

ICD-11

Die seit 2022 gültige ICD-11 ordnet die wahnhafte Störung dem Unterkapitel Schizophrenie oder andere primäre psychotische Störungen zu. Dabei müssen folgende Mindestkriterien vorliegen:[1]

  • Mindestens 3 Monate andauernde Wahnvorstellungen ohne eine vorliegende depressive, manische oder gemischte Episode.
  • Die Wahninhalte sind bemerkenswert stabil, können sich aber im Laufe der Zeit weiterentwickeln. Zu den häufigsten Formen dieser zählen Verfolgungswahn, somatischer Wahn, Größenwahn, Eifersuchtswahn und Liebeswahn.
  • Fehlen klarer und anhaltender Halluzinationen, stark desorganisierten Denkens (formale Denkstörung), Erfahrungen von Beeinflussung, Passivität oder Kontrolle sowie negativer Symptome, die für eine Schizophrenie charakteristisch sind.
  • Abgesehen von den durch das Wahnsystem bedingten Beeinträchtigungen bleiben Affekt, Sprache und Verhalten in der Regel unbeeinträchtigt.
  • Die Symptome sind keine Ausprägung einer anderen Erkrankung (z. B. eines Hirntumors), sind nicht auf die Auswirkungen einer Substanz oder eines Medikaments auf das zentrale Nervensystem (z. B. Kortikosteroide) zurückzuführen, einschließlich Entzugserscheinungen (z. B. von Alkohol), und lassen sich nicht besser durch eine andere psychische Störung erklären (z. B. eine andere primäre psychotische Störung, eine affektive Störung, eine Zwangsstörung oder verwandte Störung, eine Essstörung).

DSM-5-TR

Nach dem ebenfalls seit 2022 gültigen DSM-5-TR sind für die wahnhafte Störung, die im Kapitel Schizophrenie-Spektrum und andere psychotische Störungen eingeordnet ist, folgende Mindestkriterien notwendig:[2]

  • Ein oder mehrere Wahnphänomene, die mindestens einen Monat bestehen.
  • Das Kriterium A der Schizophrenie war nie erfüllt; bei vorhandenen Halluzinationen stehen diese nicht im Vordergrund und sind im Einklang mit dem Wahnthema.
  • Abgesehen von den Beeinträchtigungen durch den Wahn, ist das Funktionsniveau nicht wesentlich eingeschränkt. Das Verhalten ist weder offensichtlich ungewöhnlich noch bizarr.
  • Traten manische oder schwergradige depressive Episoden auf, waren diese im Vergleich zur Gesamtdauer der Wahnperioden relativ kurz.
  • Die Wahnphänomene sind nicht auf die physiologische Wirkung einer Substanz oder eines medizinischen Krankheitsfaktors zurückzuführen und lassen sich nicht besser durch eine andere psychische Störung (bspw. Körperdysmorphe Störung oder eine Zwangsstörung) erklären.

Subtypen

Manchmal kann eine bestimmte Form der wahnhaften Störung anhand des Wahninhalts diagnostiziert werden. So listet das DSM-5-TR sieben Subtypen auf, die bestimmt werden können, sofern sie auftreten:

Weitere Informationen Subtypen, Beschreibung ...
Subtypen der wahnhaften Störung nach DSM-5-TR[7][2]
Subtypen Beschreibung
Typ mit Liebeswahn Wahnvorstellung, dass eine andere Person, häufig eine prominente Persönlichkeit, in den Betroffenen verliebt ist. Der Betroffene kann gegen das Gesetz verstoßen, wenn er obsessiv versucht, Kontakt zu der begehrten Person aufzunehmen.
Typ mit Größenwahn Wahnvorstellung von überhöhtem Selbstwert, übermäßiger Macht, übermäßigem Wissen oder einer überhöhten Identität oder der Überzeugung, selbst eine berühmte Persönlichkeit zu sein, wobei die tatsächliche Person als Betrüger oder Nachahmer bezeichnet wird.
Typ mit Eifersuchtswahn Wahnvorstellung, dass der Sexualpartner des Betroffenen untreu ist, obwohl dies nicht der Wahrheit entspricht. Der Patient kann dem Partner folgen, SMS, E-Mails, Telefonate usw. überprüfen, um „Beweise“ für die Untreue zu finden.
Typ mit Verfolgungswahn Diese Wahnvorstellung ist eine häufige Unterform. Sie umfasst die Überzeugung, dass die betroffene Person (oder jemand, der ihr nahesteht) in irgendeiner Weise böswillig behandelt wird. Der Patient glaubt möglicherweise, dass er unter Drogen gesetzt, ausspioniert, verletzt, belästigt wurde und so weiter, und versucht möglicherweise, „Gerechtigkeit“ zu erlangen, indem er Anzeige erstattet, Maßnahmen ergreift oder sogar gewalttätig wird.
Typ mit Körperbezogenem Wahn Wahnvorstellungen, dass die Person einen körperlichen Defekt oder eine allgemeine Erkrankung habe
Typ mit Gemischtem Wahn Wahnvorstellungen, die Merkmale von mehr als einer der oben genannten Arten aufweisen, bei denen jedoch kein einzelnes Thema vorherrscht.
Nicht Näher Bezeichneter Typ Wahnvorstellungen, die sich keiner der Kategorien der spezifischen Formen eindeutig zuordnen oder zuordnen lassen.
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Anzeichen und Symptome

Folgende Anzeichen können auf eine Wahnvorstellung hindeuten:[8]

  • Eine Person vertritt eine Idee oder Überzeugung mit ungewöhnlicher Hartnäckigkeit oder Nachdruck, selbst wenn die Beweislage das Gegenteil nahelegt.
  • Diese Idee scheint einen unverhältnismäßigen Einfluss auf das Leben der Person zu haben, und deren Lebensweise wird oft in unerklärlichem Maße verändert.
  • Trotz ihrer tiefen Überzeugung zeigt sich oft eine gewisse Geheimniskrämerei oder Misstrauen, wenn die Person dazu befragt wird.
  • Die Person neigt dazu, humorlos und überempfindlich zu sein, insbesondere was diese Überzeugung betrifft.
  • Es liegt eine gewisse „Zentralität“ vor: Ganz gleich, wie unwahrscheinlich es ist, dass diese seltsamen Dinge der Person widerfahren, akzeptiert sie sie relativ bedingungslos.
  • Der Versuch, der Überzeugung zu widersprechen, löst wahrscheinlich eine unangemessen starke emotionale Reaktion aus, die oft in Reizbarkeit oder Dysphorie mündet. Andere Meinungen werden nicht akzeptiert.
  • Der Glaube ist zumindest unwahrscheinlich und steht im Widerspruch zum sozialen, kulturellen und religiösen Hintergrund der Person.
  • Die Person ist emotional übermäßig in diese Vorstellung verstrickt, und diese überwältigt andere Aspekte ihrer Psyche.
  • Wird die Wahnvorstellung in die Tat umgesetzt, führt dies oft zu Verhaltensweisen, die abnormal und untypisch sind, wenn auch angesichts der Wahnvorstellungen vielleicht verständlich.
  • Andere Menschen, die die Person kennen, beobachten, dass die Überzeugung und das Verhalten untypisch und fremdartig sind.

Zu den weiteren Merkmalen einer wahnhaften Störung gehören:[8]

  • Es handelt sich um eine primäre Störung.
  • Es handelt sich um eine stabile Störung, die durch das Vorhandensein von Wahnvorstellungen gekennzeichnet ist, an denen der Patient mit außerordentlicher Hartnäckigkeit festhält.
  • Die Störung ist chronisch und verläuft häufig lebenslang.
  • Die Wahnvorstellungen sind logisch aufgebaut und in sich schlüssig.
  • Die Wahnvorstellungen beeinträchtigen das allgemeine logische Denkvermögen nicht (obwohl die Logik innerhalb des Wahnsystems verzerrt ist), und es liegt in der Regel keine allgemeine Verhaltensstörung vor. Tritt dennoch ein gestörtes Verhalten auf, steht es in direktem Zusammenhang mit den Wahnvorstellungen.
  • Der Betroffene erlebt ein gesteigertes Gefühl der Selbstbezogenheit. Ereignisse, die für andere unbedeutend sind, haben für ihn enorme Bedeutung, und die Atmosphäre rund um die Wahnvorstellungen ist hochgradig aufgeladen.

Dies sollte jedoch nicht mit Gaslighting verwechselt werden, bei dem eine Person die Wahrheit leugnet und das Opfer glauben lässt, es leide unter Wahnvorstellungen.

Ursachen

Die Ursache der wahnhaften Störung ist unbekannt, doch genetische, biochemische und umweltbedingte Faktoren könnten bei ihrer Entstehung eine bedeutende Rolle spielen.[9] Bei manchen Betroffenen liegt möglicherweise ein Ungleichgewicht der Neurotransmitter vor, also der chemischen Botenstoffe, die Signale an das Gehirn senden und von diesem empfangen.[10] Es scheint eine gewisse familiäre Komponente zu geben. Auch Einwanderung (i. d. R. aus Gründen der Verfolgung), Drogenmissbrauch, übermäßiger Stress, Verheiratetsein, Berufstätigkeit, ein niedriger sozioökonomischer Status, Zölibat bei Männern und Witwenschaft bei Frauen können ebenfalls Risikofaktoren sein.[11] Derzeit wird davon ausgegangen, dass die wahnhafte Störung auf demselben Spektrum oder derselben Dimension liegt wie die Schizophrenie, doch weisen Menschen mit einer wahnhaften Störung im Allgemeinen möglicherweise weniger Symptome und eine geringere funktionelle Beeinträchtigung auf.[12]

Diagnose

Zur Differentialdiagnose gehört der Ausschluss anderer Ursachen wie medikamenteninduzierter Erkrankungen, Demenz, Infektionen, Stoffwechselstörungen und endokriner Störungen. Anschließend müssen weitere psychiatrische Störungen ausgeschlossen werden. Bei der wahnhaften Störung sind Stimmungssymptome in der Regel von kurzer Dauer oder fehlen ganz. Im Gegensatz zur Schizophrenie sind die Wahnvorstellungen nicht bizarr und Halluzinationen treten nur minimal oder gar nicht auf.[13]

Ein psychologischer Fragebogen, der bei der Diagnose der wahnhaften Störung zum Einsatz kommt, ist das Peters Delusion Inventory (PDI), das sich auf die Identifizierung und das Verständnis wahnhaften Denkens konzentriert.[14] Dieser Fragebogen wird jedoch eher in der Forschung als in der klinischen Praxis verwendet.

Behandlung

Eine Herausforderung bei der Behandlung von wahnhaften Störungen besteht darin, dass die meisten Patienten nur über eine eingeschränkte Einsicht verfügen und nicht erkennen, dass ein Problem vorliegt. Die meisten Betroffenen werden ambulant behandelt, obwohl in einigen Fällen ein Krankenhausaufenthalt erforderlich sein kann, wenn die Gefahr einer Selbst- oder Fremdgefährdung besteht.[15] Eine Einzelpsychotherapie wird einer Gruppenpsychotherapie vorgezogen, da die Patienten oft sehr misstrauisch und empfindlich sind. Antipsychotika wurden bei wahnhaften Störungen zwar nicht ausreichend untersucht, in den wenigen klinischen Studien schienen sie jedoch im Vergleich zur Placebo-Gruppe eine Wirkung zu erzielen.[16] Sie können auch bei der Behandlung von Unruhe, die mit wahnhaften Störungen einhergehen kann, hilfreich sein.[17] Bis weitere Erkenntnisse vorliegen, erscheint es sinnvoll, Behandlungen anzubieten, die bei anderen psychotischen Störungen wirksam sind.[18]

Es gibt Hinweise darauf, dass alternative Behandlungsschemata bei Menschen mit dem Subtyp des körperbezogenen Wahns der wahnhaften Störung über die herkömmliche Behandlung mit Antipsychotika hinaus auch Clomipramin umfassen können.[19][20] Es mangelt jedoch an fundierten, veröffentlichten Studien, die die Wirksamkeit von Trimipramin, einem weiteren Derivat des trizyklischen Antidepressivums Imipramin mit bescheidenen antipsychotischen Eigenschaften, die schwach mit denen von Clozapin vergleichbar sind, bei der wahnhaften Störung an sich untersuchen. In einer Doppelblindstudie wurde Trimipramin jedoch mit einer Kombination aus Amitriptylin und Haloperidol bei Patienten mit schwerer, psychotischer Depression (insbesondere mit typischen Wahnmerkmalen) verglichen und zeigte dabei günstige Behandlungsergebnisse.[21]

Den Betroffenen wird eine kognitive Verhaltenstherapie (KVT) als Psychotherapieform empfohlen, die mit besonderem Fokus auf Empathie durchgeführt werden soll. Während des Prozesses kann der Therapeut hypothetische Fragen in Form einer therapeutischen sokratischen Befragung stellen.[22] Diese Therapie wurde vor allem bei Patienten mit dem Subtyp des Verfolgungswahn untersucht. Die Kombination aus Pharmakotherapie und KVT verbindet die Behandlung möglicher zugrunde liegender biologischer Probleme und die Linderung der Symptome mit Psychotherapie. Die Psychotherapie gilt aufgrund des Vertrauens, das in der Beziehung zwischen Patient und Therapeut entsteht, als die wirksamste Behandlungsform.[23]

Darüber hinaus hat sich das Training sozialer Kompetenzen für viele Menschen als hilfreich erwiesen. Es kann die zwischenmenschliche Kompetenz sowie das Selbstvertrauen und das Wohlbefinden im Umgang mit Personen fördern, die als Bedrohung wahrgenommen werden.[24]

Prävalenz

Wahnhafte Störungen sind in der psychiatrischen Praxis selten. Diese Annahme könnte jedoch zu tief angesetzt sein, da Betroffene oft keine Einsicht in ihre Erkrankung haben und daher eine psychiatrische Untersuchung vermeiden. Die Prävalenz dieser Störung liegt bei circa 0,2 %.[25] Wahnhafte Störungen machen ein bis zwei Prozent der Einweisungen in stationäre psychiatrische Einrichtungen aus. Die Inzidenz von Erstaufnahmen aufgrund einer wahnhaften Störung ist mit 0,001 bis 0,003 % geringer.[26]

Wahnhafte Störungen treten in der Regel im mittleren bis späten Erwachsenenalter auf. Es scheint keinen relevanten geschlechtsspezifischen Unterschied zu geben.[25]

Kritik

In manchen Situationen kann sich die Wahnvorstellung als wahre Überzeugung herausstellen. Bei dem Subtyp mit Eifersuchtswahn beispielsweise, bei der eine Person glaubt, ihr Partner sei untreu (was in extremen Fällen sogar so weit gehen kann, dass sie dem Partner ins Badezimmer folgt, weil sie glaubt, er treffe sich selbst während der kürzesten Trennungszeit mit einem Liebhaber), kann es tatsächlich zutreffen, dass der Partner sexuelle Beziehungen zu einer anderen Person unterhält. Entscheidend bei der Beurteilung von Wahnvorstellungen ist jedoch die erkenntnistheoretische Methode, mit der die Betroffenen zu ihrer Schlussfolgerung gelangt sind. Wenn beispielsweise ein Ehemann seine Frau des Fremdgehens verdächtigt, weil sie ihre Zahnputzgewohnheiten geändert hat – unabhängig davon, ob sie ihn tatsächlich betrügt oder nicht –, leidet der Ehemann in diesem Fall unter einem wahnhaften Denkprozess. Diese Art ungerechtfertigter wahrer Überzeugung ist eine fehlerhafte Argumentationsweise, die im Gettier-Problem hervorgehoben wird. Daher ist es von äußerster Wichtigkeit, dass der Psychiater die genaue Phänomenologie der Patientenerfahrung und die Argumentation, durch die der Patient zu seiner Schlussfolgerung gelangt ist, ermittelt.[27]

In anderen Fällen kann eine Überzeugung fälschlicherweise von einem Arzt oder Psychiater als Wahn eingestuft werden, der subjektiv zu dem Schluss kommt, dass die Behauptungen eines Patienten unwahrscheinlich, bizarr oder von übermäßiger Überzeugung geprägt sind. Psychiater haben selten die Zeit oder die Ressourcen, um die Stichhaltigkeit der Behauptungen einer Person zu überprüfen, was dazu führt, dass manche wahren Überzeugungen fälschlicherweise als Wahn eingestuft werden.[28] Dies ist als „Martha-Mitchell-Effekt“ bekannt, benannt nach der Ehefrau des US-Justizministers John N. Mitchell und abgeleitet von der anfänglichen Reaktion auf ihre Vorwürfe, dass im Weißen Haus illegale Aktivitäten stattfänden. Damals wurden ihre Behauptungen als Anzeichen einer psychischen Störung gewertet; erst nachdem die Watergate-Affäre ans Licht kam, wurden ihre Behauptungen bestätigt und damit auch ihre geistige Zurechnungsfähigkeit.

Eine weitere Schwierigkeit bei der Diagnose von Wahnvorstellungen besteht darin, dass fast alle diese Merkmale auch bei „normalen“ Überzeugungen zu finden sind. Viele religiöse Überzeugungen weisen dieselben Merkmale auf, werden jedoch nicht allgemein als Wahn angesehen. Wenn eine Person beispielsweise eine wahre Überzeugung hätte, würde sie natürlich daran festhalten. Dies kann dazu führen, dass die Störung von Psychiatern falsch diagnostiziert wird. Diese Faktoren haben den Psychiater Anthony David zu der Feststellung veranlasst, dass „es keine akzeptable (im Gegensatz zu einer allgemein anerkannten) Definition eines Wahns gibt“.[29]

In der Popkultur

In dem Psychothriller Shutter Island aus dem Jahr 2010 unter der Regie von Martin Scorsese und mit Leonardo DiCaprio in der Hauptrolle wird neben anderen Störungen auch die wahnhafte Störung thematisiert.[30][31] Auch der indische Film Anantaram (Thereafter) unter der Regie von Adoor Gopalakrishnan beleuchtet die komplexe Natur von Wahnvorstellungen.[32][33] Die Handlung des französischen Films Wahnsinnig verliebt dreht sich um einen Fall von Erotomanie, ebenso wie die Handlung des Romans Enduring Love von Ian McEwan.

Commons: Wahnhafte Störungen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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