Walther Freund
Kinderarzt
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Walther Freund (* 28. Februar 1874 in Breslau; † 11. Mai 1952 in Freiburg im Breisgau) war ein deutscher Kinderarzt. Er leitete von 1902 bis 1934 das Breslauer Säuglingsheim und Kinderobdach. Ab 1932 war er Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde (DGfK) und wurde als Jude 1934 amtsenthoben.
Herkunft
Walther war der Sohn von Wilhelm Salomon Freund, einem Breslauer Juristen und Reichstagsabgeordneten. Er war verheiratet mit Clara, geb. Immerwahr (1845–1914), einer Tante der Chemikerin Clara Immerwahr[1]. Das Ehepaar hatte vier Kinder: Elisabeth (1872–1963), Walther, Rudolf (1877–1959) und Hermann Freund (1882–1944) und lebte in großbürgerlichen Verhältnissen.
Ausbildung und Studium
Walther besuchte das Maria-Magdalenen-Gymnasium und legte 1891 das Abitur ab. Er begann zuerst ein Chemiestudium. Ein Mitstudent berichtete ihm von der Ankunft Adalbert Czernys mit originellen Ideen, worauf Walther das Medizinstudium aufnahm. Im Juli 1893 bestand er das Physikum und wechselte für 4 Semester nach Freiburg i/B, wo er u. a. am physiologisch-chemischen Laboratorium von Eugen Baumann arbeitete. Das Staatsexamen legte er am 4. Februar 1897 in Breslau ab. Seine Dissertation mit dem Titel „Chlor und Stickstoff im Säuglingsorganismus“ verteidigte er am 27. Juni 1898, Prädikat „summa cum laude“.
Klinische Tätigkeit
Seit 1895 war er mit wissenschaftlichen Arbeiten und auch praktisch klinisch in der Poliklinik der Universitäts-Kinderklinik zu Breslau beschäftigt. Nach dem Staatsexamen blieb er als Volontär-Assistent bei Adalbert Czerny tätig. Er ging er für eine Zeit zu Heinrich Finkelstein nach Berlin und ein halbes Jahr zu Johann von Bokay jun, in Budapest. Im Jahre 1902 wurde er Leitender Arzt am Städtischen Säuglingsheim und Kinderobdach Breslau. Gleichzeitig führte er eine Kinderarztpraxis.
Im Ersten Weltkrieg war Freund durchgehend an der Westfront als Feldarzt tätig. Er nahm an der Schlacht um Verdun teil und wurde mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet.
Erste Ehe
Am 17. März 1903 heiratete Walther die Sopranistin Marya Freund (1876–1966, geb. Henschel), Tochter eines polnischstämmigen Geschäftsmanns. Aus der Ehe ging der Sohn Stephan Walter Freund (Stefan Priacel, 1904–1974) und Konrad, genannt Doda, (Doda Conrad, 1905–1997) hervor, ein bekannter Bass-Sänger.[2] Die Ehe war unglücklich, sie trennten sich schon während der Schwangerschaft mit Doda, die Ehe wurde 1912 geschieden und die Söhne lehnten später jede Kontaktaufnahme mit dem Vater ab.
Zweite Ehe
Am 4. Juli 1922 heiratete Walther Freund in Breslau erneut. Er nahm die Schauspielerin Eleonor Freund, geb. Bach (1897–1976) zur Frau, die bei ihm im Säuglingsheim eine Ausbildung zur Kinderkrankenschwester absolviert hatte. Aus der Ehe gingen Gabrielle Clara Falk (geb. Freund, 1923–2019) und Andreas Walther Freund (1925–1996) hervor. 1929 zogen sie in ein Haus[3], das der Architekt Max Berg für sich selbst gestaltet hatte.
Freund war langjähriges Mitglied der Ortsgruppe Breslau im Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Er hatte einen Lehrauftrag für Kinderheilkunde an der Ostdeutschen Sozialhygienischen Akademie und war aktiv in der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde. 1932 war er Vorsitzender und Tagungspräsident der 43. Jahrestagung in Wien, 1933 blieb er, wie in der Gesellschaft üblich, Stellvertreter. Zum Professor wurde er trotz seiner vielen Veröffentlichungen und seiner Dozententätigkeit nicht ernannt, möglicherweise spielten die Scheidung und sein Judentum dabei eine Rolle.
Erst nach dem Krieg wurde er durch Intervention des Freiburger Pädiaters Carl Noeggerath von der Universität Düsseldorf zum Honorarprofessor ernannt, auch zu Ehren seines ermordeten Bruders Hermanns.
Entlassung
Im Zuge der „Gleichschaltung“ nach der Machtergreifung erging am 15. August 1933 vom Reichsministerium des Innern die Anweisung, keine „Judenstämmlinge“ mehr in Vereinsvorständen zu haben. Walther Freund gab daraufhin seine Mitgliedschaft in der Dt. Ges. f. Kdhk. auf. Seine Stellung am Säuglingsheim behielt er zunächst bei, zu seinem 60. Geburtstag wurde er Anfang 1934 jedoch zwangspensioniert. Er durfte zunächst weiter seine Praxis ausüben. Ihr Haus mussten die Eheleute Freund verkaufen und sie zogen in eine Doppelhaushälfte im Finkenweg. 1936 versuchten die Eheleute, ihre Kinder Gabriele, 13 und Andreas, 11 Jahre alt, ins Ausland zu verbringen, weil eine Beschulung nichtarischer Kinder in öffentlichen Schulen untersagt wurde. Sie wurden mit der Kantonsschule Trogen im Kanton Appenzell Ausserrhoden fündig. Gabriele blieb bis 1948 in der Schweiz und wanderte dann in die Vereinigten Staaten aus. Walther versuchte um 1938 ein Affidavit von dem in Breslau geborenen Dirigenten Walter Damrosch zu erlangen, welches ihm zugesagt wurde, jedoch zu spät abgerufen wurde, weil die USA in den Krieg eingetreten waren.
Freiburg
Im April 1936 wurde der Breslauer Haushalt aufgelöst und die Eheleute zogen zusammen mit Eleonors Mutter Rosa nach Freiburg, wo Walther zwei 2 Jahre lang studiert hatte. Sie wohnten in einer Gründerzeit-Villa in der Wiehre[4]. Nach den Novemberpogromen 1938 waren sie der Vermögensabgabe unterworfen, ihr Eigentum wurde beschlagnahmt. Eleonor, die schon seit Ende der 1920er Jahre psychisch labil war, wurde psychotisch. Durch die Judenverfolgungen, die Verhaftungen und Denunziationen hatten ihre Wahnvorstellungen einen realen Hintergrund. Am Tag nach der Pogromnacht am 9. November 1938 kamen zwei Polizisten, die die Wohnung durchsuchten, Schmuck raubten und die Höhe der Strafzahlung, den die Juden nach den „Reichskristallnacht“ zu entrichten hatten, ermitteln sollten. Seither verschlechterte sich ihr psychischer Zustand, und im Sommer 1939 wurde eine Psychose offensichtlich.
Deportation
Die Familie Freund, bestehend aus Walther, seiner kranken Frau Eleonor und deren Mutter Rosa wurde am 22. Oktober 1940 im Rahmen Wagner-Bürckel-Aktion in das südfranzösische Camp de Gurs deportiert. Es herrschten katastrophale Verhältnisse, denen viele Deportierte erlagen. Nach einem Suizidversuch kam Eleonor in ein psychiatrisches Krankenhaus der Umgebung und wurde dort von der Bürokratie „vergessen“. Ihre Mutter Rosa blieb bis zum 19. Januar 1942 in Gurs, von dort wurde sie in das Camp de Noé gebracht und am 17. August 1943 entlassen. Rosa starb 1952 in Paris, ihre Tochter verstarb 1976 geistig umnachtet im Landeskrankenhaus Emmendingen, wo sie seit 1953 leben musste.
Walther konnte sich in das Internierungslager Les Milles bei Aix-en-Provence verlegen lassen. Im nahen Marseille wandte er sich an das amerikanische Konsulat, mit Hilfe dessen er hoffte, in die USA zu emigrieren. An der medizinischen Fakultät in Aix konnte er Literatur konsultieren, um über das Hungerödem zu schreiben, an dem er selbst litt. Durch den Kriegseintritt der USA scheiterte die Ausreisemöglichkeit und Walther wurde nach Rivesaltes geschickt.
Flucht in die Schweiz
Der Herausgeber der Basler Nachrichten und damalige Präsident der schweizerischen Depeschenagentur, Karl Sartorius, hatte gute Kontakte zum Vichy-Regime. Seine älteste Tochter, Marianne Sartorius (1916–1989), war über das Rote Kreuz als Krankenschwester in Gurs und Rivesaltes tätig. Dort lernte sie Walther kennen und konnte erreichen, das er als „zu alt für körperliche Arbeit“ von der Transportliste in die „Arbeitslager im Osten“ gestrichen wurde. Damit konnte die Deportation in ein Vernichtungslager verhindert werden. Unter der Auflage des Hausarrestes wurde er nach Le Chambon-sur-Lignon, ein Zentrum des protestantischen Flügels der Résistance, entlassen. Einwohner besorgten ihm Papiere unter dem Namen „Dr. Victor Framond“. Von Annemasse aus überquerte er im Januar 1943 die Grenze zur Schweiz. Marianne Sartorius legte den Schweizer Behörden seine eigentliche Identität offen, und er wurde zu seiner Tochter Gabriele, die inzwischen in Basel wohnte, entlassen.
Basel
In Basel schrieb er sich in der Universität ein und besuchte verschiedene Kurse, so bei dem Zoologen und Anthropologen Adolf Portmann und bei dem aus Frankfurt emigrierten Psychoanalytiker Heinrich Meng, dem ersten europäischen Lehrstuhlinhaber für Psychohygiene.
Nach dem Krieg bemüht sich die DGfK 1948, ihre jüdischen Mitglieder wiederzugewinnen. Freund antworte Goebel, der weiterhin Schriftführer der DGfK war, am 16. August 1948 aus Basel: „...Sie kennen das Symbol des ‚unbekannten Soldaten’ unter dem in den verschiedensten Ländern die nicht identifizierbaren Gefallenen des ersten Weltkriegs verehrt werden. Für mich gibt es das Problem des ‚unbekannten Deutschen’, das mich verhindert, nach Deutschland zu ziehen, wo mir auf Schritt und Tritt Menschen begegnen würden, von denen ich, ohne sie als solche identifizieren zu können, nicht weiß, wie wenig sie den ‚Hitler in sich’ überwunden haben, oder gar solchen, von denen ich sicher sein müsste, dass sie es noch nicht getan haben. Und es gibt ferner für mich das analoge Problem des ‚unbekannten Mitglieds der Dt. Ges. f. Kdhk’, das es mir - mindestens heute noch - unmöglich macht, Ihrer von mir hochgeschätzten Anregung Folge zu leisten. Lassen Sie mir noch etwas Zeit! Mir und vielleicht Anderen, denen, wie mir, jenes fanatische Ressentiment der Vielen fern liegt, ebenso fern, wie die These von der s.g. ‚Deutschen Kollektivschuld’, die ich überall bekämpfe, wo ich dazu Gelegenheit finde! Es schwebt mir vor, dass in der von Ihnen angedeuteten Richtung vielleicht einmal ein versöhnlicher Kollektivschritt möglich wäre, zu dem ev. die Gesellschaft selbst einen irgendwie gearteten Anstoß geben müsste...“ Goebel antwortete Freund am 31. August 1948: „...Ich glaube Ihnen versichern zu dürfen, dass einschl. derer, die wegen Parteizugehörigkeit entamtet wurden, in unserer Gesellschaft niemand mehr sein dürfte, der noch etwas ‚von Hitler in sich’ herumschleppt.“[5]
Walther Freund übersetze Shakespeares 154. Sonette ins Deutsche.[6] Währenddessen erkrankte er nach einem Eingriff an der Prostata an einer Urämie. Seine Tochter pflegte ihn und unterbrach dazu ihr Studium. 1949 zog sie nach Chicago, und Walther folgte ihr. Da er sich an das amerikanische Leben nicht gewöhnen konnte, kehrte er nach Freiburg zurück.
Ende in Freiburg
Ein Freiburger Anwalt hatte die beamtenrechtliche Wiedereinsetzung einschließlich der Nachzahlung entgangener Pensionsansprüche erreicht, sodass die finanziellen Probleme von Walther Freund gelöst waren. Mit 77 Jahren verliebte er sich in eine Frau in den Vierzigern, gleichfalls Flüchtling, Franziska Cerba[7], mit der er zusammenziehen wollte. Sie hatten bereits eine Wohnung gemietet, als Walther an einer tuberkulösen Meningitis schwer erkrankte. Er verstarb am 11. Mai 1952 im Alter von 78 Jahren und wurde auf dem Hauptfriedhof bestattet.
Wissenschaftliches Werk
Freund schrieb ca. 100 Originalarbeiten. Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte waren der Stoffwechsel, Tetanie und Säuglingsekzem. Bekannt ist der „Freund’scher Haarschopf“: ein kammartiges Hochstehen der Scheitelhaare bei „neuropathischen“ Säuglingen, so etwa in dem weit verbreiteten, in neun Sprachen übersetzten pädiatrischen Lehrbuch von Fanconi und Wallgren, von der ersten Auflage 1950 bis zur letzten von 1972[8].
Veröffentlichungen
- Mikroskopische Untersuchungen an peripheren Nerven bei Erkrankungen des Säuglingsalters. Monatsschrift für Psychiatrie und Neurologie (1899) 6 (1): 14–16
- Zur Kenntnis der Schwefelausscheidung bei Säuglingen. Biological Chemistry, vol. 29, no. 1, pp. 24–46, 1900. https://doi.org/10.1515/bchm2.1900.29.1.24
- Physiologie und Pathologie des Fettstoffwechsels im Kindesalter. In: Kraus, F. et al. Ergebnisse der Inneren Medizin und Kinderheilkunde. Springer, Berlin, Heidelberg. 1909, S. 139–185 https://doi.org/10.1007/978-3-642-90631-2_6
- Über eine sehr leichte und doch folgenschwere Ernährungsstörung des Säuglings; zugleich ein Beitrag zur Kenntnis pseudohypogalaktischer Zustände. Mschr. Kinderheilk. 42, 1929, S. 192–197
- Der heutige Stand der Lehre von der natürlichen Ernährung. In: Czerny, A. et al. Ergebnisse der Inneren Medizin und Kinderheilkunde. Springer, Berlin, Heidelberg. pp 136–186, 1931, https://doi.org/10.1007/978-3-642-90645-9_3
- Skorbut im Säuglingsalter (Möller-Barlowsche Krankheit) und im Kindesalter. in: Meinhard von Pfaundler und Arthur Schlossmann (Hrsg.) Handbuch der Kinderheilkunde, 4. Aufl., Bd. 1, Berlin 1931, S. 811–832
- William Shakespeare: Sonette. Deutsch von Walther Freund. Verlag. Scherz, 1. Aufl. Bern 1948
- Dentitio difficilis – Aberglaube und psychologischer Tatbestand. In: Meng, Heinrich (Hrsg.) Psychologie in der zahnärztlichen Praxis. Hans Huber, Bern und Stuttgart, 1952, S. 135–146
Literatur
- Seidler Eduard: Jüdische Kinderärzte 1933-1945: Entrechtet - Geflohen - Ermordet. Jewish Pediatricians - Victims of Persecution 1933–1945 Basel, Karger 2007. ISBN 978-3-8055-8284-1. S. 213–215