Wandlitz: Einzug ins Paradies

Fernsehdokumentation von Jan Carpentier von 1989 From Wikipedia, the free encyclopedia

Wandlitz: Einzug ins Paradies ist eine Fernsehdokumentation von Jan Carpentier von Ende November 1989 über die ehemalige Funktionärssiedlung Waldsiedlung Wandlitz.

TitelWandlitz: Einzug ins Paradies
ProduktionslandDDR
Erscheinungsjahr1989
Länge21 Minuten
Schnelle Fakten Titel, Produktionsland ...
Film
Titel Wandlitz: Einzug ins Paradies
Produktionsland DDR
Erscheinungsjahr 1989
Länge 21 Minuten
Produktions­unternehmen Fernsehen der DDR
Stab
Regie Jan Carpentier
Kamera Reno Lagé
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Journalisten im Schwimmbad der Waldsiedlung am 23. November 1989 (ADN-Foto)

Inhalt

Gezeigt wird ein Rundgang durch die Waldsiedlung Wandlitz durch den Leiter der Verwaltung, zusammen mit weiteren DDR-Journalisten. Zu sehen sind zunächst einige Häuser von außen, die kleine Schwimmhalle von innen und die ehemalige Wohnung des Politbüro-Mitglieds Herbert Häber. Das Filmteam trifft danach zufällig Kurt Hager, den ehemaligen Chefideologen im Politbüro, und dessen Frau und befragt ihn vorsichtig zu seiner jetzigen Situation. Dieser beklagt sich und erklärt unter anderem, dieses sei ein Internierungslager, und vergleicht es mit einem Konzentrationslager und mehreren Internierungslagern, in denen er in den 1940er Jahren war.

In der kleinen Verkaufsstelle wird ein breites Warenangebot gezeigt, das (erstaunlicherweise) fast ausschließlich aus der DDR und den sozialistischen Bruderländern stammt, außer einige Bananen, Ananas, Kiwis und Orangen sowie ein Puma-Sweatshirt in einer Schauvitrine (das offenbar beim vorherigen Ausräumen übersehen worden war). Die Verkaufsstellenleiterin erklärt, diese Produkte seien alle auch in der restlichen DDR erhältlich.

Der Reporter Jan Carpentier führt sehr ruhig und zurückhaltend durch diese Reportage. Er bedrängt niemanden, erklärt einmal in der Wohnung, er fühle sich unangenehm „wie ein Voyeur oder Spanner“, und verzichtet sogar auf das Angebot von Kurt Hager, gleich dessen Wohnung zu filmen, mit dem Verweis auf dessen Privatsphäre. Er erklärt mehrmals, er wolle nur zeigen, was er gesehen habe, ohne Verurteilungen oder Bewertungen.

Entstehung

In einer abgeschlossenen Siedlung bei Wandlitz nördlich von Berlin lebten seit 1960 die führenden Mitglieder des SED-Politbüros verhältnismäßig dicht beieinander. Bei der Redaktion des DDR-Jugendmagazins elf 99 mehrten sich nach der Maueröffnung und den politischen Veränderungen die Forderungen, auch das Leben der ehemaligen Führungselite zu untersuchen; ein Anrufer berichtete zudem, dass dort Sachen fortgeschafft würden.[1] Daraufhin fuhr der Fernsehjournalist Jan Carpentier am 21. November 1989 mit einem Kamerateam unangemeldet dorthin, um zu sehen, was dort geschehe. Er erhielt keine Dreherlaubnis, ihm wurde erklärt, er solle sich dafür an das Zentralkomitee wenden. Darüber berichtete er am selben Tag in einem kurzen Beitrag des Jugendmagazins. Am nächsten Tag rief das Politbüro-Mitglied Günter Schabowski in der Redaktion an und erklärte nach kurzem Zögern, dass das Kamerateam am folgenden Tag dort filmen dürfe.[2]

Am 23. November gab es um 13 Uhr einen offiziellen Pressetermin in der Waldsiedlung Wandlitz, bei dem auch Vertreter der Nachrichtenagentur ADN, der Nachrichtensendung Aktuelle Kamera, des SED-Zentralorgans Neues Deutschland, des FDJ-Zentralorgans Junge Welt und weiterer DDR-Medien teilnahmen. Ein Schweizer Fernsehteam wurde abgewiesen, angeblich, weil es keine Voranmeldung hatte.

Es war die erste Besichtigung dieser Art. Die meisten Politbüromitglieder wohnten zu dieser Zeit noch dort, waren aber nicht zu sehen. Die Verkaufsstelle wurde vorher offenbar gesäubert, so dass dort fast keine Westwaren mehr zu finden waren, diese wurden vorher „palettenweise“ weggeschafft.[3][4] Der Filmtitel bezog sich wahrscheinlich lakonisch auf die Fernsehserie Einzug ins Paradies (1983/1987) über das neue Leben von mehreren Familien in einem Neubau in Berlin-Marzahn.[5]

Ausstrahlungen

Der Film wurde am 24. November um 18:30 im 2. Programm des DDR-Fernsehens in einer Spezial-Sendung mit einer Einschaltquote von 28,3 Prozent gesendet und danach mehrfach wiederholt.[6] Das dargestellte Leben in der Waldsiedlung rief in der Bevölkerung breite Empörung hervor.

„Der Film (...) schlug ein wie eine Bombe. (...) Die Schockwellen der Explosion reichten bis in den letzten Winkel der Republik. Bereits zwei, drei Tage später (...) wälzte sich ein Tsunami von Briefen über die Redaktion der DDR-Jugendsendung Elf 99. Der Tenor unisono: Jetzt muss aufgeräumt werden! Überall! Schonungslos! Nieder mit den Privilegien! Die Privilegierten an den Pranger!“[7]

Dabei waren die Häuser und die Ausstattung gemessen an der Bedeutung der Bewohner nicht übermäßig luxuriös.

„Doch abgesehen von Bananen und Ananas gab es nicht viel Exotisches in der Wandlitzer Waldsiedlung zu entdecken. Denn nicht märchenhafte Villen mit Pool und kostbarem antiken Mobiliar, keine weißen Yachten und Chrom glänzende Oldtimer, was alles das Staatsvolk der DDR mit dem vermeintlich üppigen Leben der SED-Granden in Verbindung gebracht hatte, gerieten ins Blickfeld der Kamera, sondern stattdessen: graue und biedere Einfamilienhäuser mit Schrankwänden in den Wohnzimmern und Bierkrügen statt Büchern in den Regalen.“[8]

Nachwirkungen

Der Film verstärkte die Delegitimierung der SED und die Auflösung ihrer bisherigen Strukturen erheblich.[9] Jan Carpentier drehte im Dezember 1989 noch eine Reportage Wandlitz mit neuem Antlitz, über die weitere Nutzung der Waldsiedlung, in der er auch einige Ausschnitte aus dem vorherigen Film zeigte, diese wurde 1990 bei der Berlinale gezeigt.[10] Wandlitz: Einzug ins Paradies wurde die bekannteste Reportage des DDR-Fernsehens aus der Wendezeit, von der Ausschnitte in zahlreichen späteren Dokumentationen über diese Zeit enthalten sind.

Rezeption

Die Reportage Wandlitz: Einzug ins Paradies wurde später mehrfach ausdrücklich gewürdigt. Jan Carpentier wurde sogar als Held von Wandlitz bezeichnet.[11]

Michael Meyer erklärte 2010 im Deutschlandfunk

„Die Reportage des Elf 99-Reporters Jan Carpentier aus der DDR-Bonzensiedlung Wandlitz hat einen erstaunlichen Ruhm erlangt. Noch heute gilt sie als eines der Symbole einer DDR im Umbruch – auch ihrer Medienlandschaft. Unvergessen ist etwa die Szene, in der die Reporter SED-Politbüromitglied Kurt Hager bei einem Waldspaziergang auflauern und ihn und seine Frau nach dem Leben in der abgeschiedenen Siedlung in Wandlitz befragen:“[12]

Der Mitteldeutsche Rundfunk schrieb 2022

„Sie gilt als "Meilenstein in der Geschichte des DDR-Fernsehens". Der junge Reporter gab sich weder empört noch schockiert über das Refugium der Politbüromitglieder, er zeigte lediglich, was er vorfand: die Biederkeit der einst mächtigsten Männer der DDR.“[13]

Der Spiegel schrieb 2009

„Mit seiner legendären Wandlitz-Reportage über die geheimnisumwitterte Wohnsiedlung der DDR-Elite wurde der Reporter Jan Carpentier im Herbst 1989 schlagartig berühmt.“[14]

Literatur

  • Jan Carpentier: Schockreport im Bonzenviertel. In: Spiegel vom 22. Oktober 2009 (Text), mit vielen Hintergrundinformationen
  • Hans-Erdmann Gringer: Einblicke ins SED-Paradies. In: Mitteldeutsche Zeitung vom 23. November 2004 (Text), mit einigen Hintergrundinformationen
  • Thomas Großmann: Umbruch im Fernsehen. Fernsehen im Umbruch. Logos, Berlin 2001. S. 238–241

Einzelnachweise

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