Wann, wenn nicht jetzt? (Primo Levi)
Buch von Primo Levi
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Der Roman Wann, wenn nicht jetzt? (italienisches Original: Se non ora, quando?) von Primo Levi wurde erstmals 1982 vom Verlag Giulio Eunaudi editore s.p.a. in Turin, veröffentlicht. Die erste deutschsprachige Ausgabe folgte 1986 durch den Carl Hanser Verlag München.[1]
Einleitung
Mit diesem Werk entfernt sich Primo Levi vom autobiographischen Format seiner ersten Bücher. Jedoch verarbeitet er auch hier eigene und fremde Erfahrungen des Krieges und der Nachkriegszeit. Eine Bestrebung ist vor allem, die Sichtweise zu beenden, dass die Juden nach Krieg und Holocaust vor der Welt vor allem als Opfer, kaum aber als Teil des Widerstands und auch des bewaffneten Befreiungskampfes gesehen werden. „... in Warschau haben bewaffnete Juden letzten April den Deutschen länger standgehalten als '41 die ganze Rote Armee.“[2] Auch in diesem Format bleibt Levis Fähigkeit zum analytischen Blick, zur Auswahl wesentlicher Details als repräsentative Impulse für die Handlung, deutlich sichtbar. Er stützt sich dabei auf den mündlichen Bericht von Vita Fizi, der in dem Mailänder Hilfsbüro arbeitete, über das im letzten Kapitel geschrieben wird, sowie auf das umfangreiche Archiv von Giorgio Vaccaroni.[3] Hinzu kommt die umfangreiche Nutzung von amerikanischen, italienischen, polnischen Dokumentationsmaterialien aus Archiven des jüdischen Widerstandes in Europa, sowjetischer Partisanen im Zweiten Weltkrieg, jüdischer Kultur, des polnischen Widerstandes, sowie der Besetzung der Ukraine.
Levi gelingt ein spannendes Buch über den Kampf einer jüdischen Partisaneneinheit in den letzten drei Jahren des Zweiten Weltkriegs, die sich in Weißrussland findet, durch Polen bis nach Deutschland zieht, und schließlich nach Mailand gelangt.
Handlung
Die Handlung führt in zwölf Kapiteln in die Zeit vom Sommer 1943 in den Sommer 1945, bis zum Tag des Abwurfs der ersten Atombombe auf Japan, der die Zeit des Kalten Krieges einleitet.
Die Schlüsselfigur des Romans ist der 28-jährige Mendel Nachmanovitch Dajcer (jiddisch: Mendel Ben Nachman), Uhrmacher und Mechaniker aus dem Dorf Strelka. Dort ermordeten Einsatzgruppen der SS und ihre einheimischen Helfer nahezu alle Einwohner, so auch Mendels Frau Rivke.
Die Figur des Mendel erfüllt außer der Rolle als versprengter Rotarmist und ausgebildeter Artillerist im Hinterland der deutschen Besatzer im Buch zwei weitere Aufgaben: Er ist schicksalhaft verknüpft mit fast allen Figuren des Romans und er bringt dem Leser jüdische/jiddische Begriffe und Bräuche nahe. Mendel-der Tröster-ist also im beidem eher ein Brückenbauer und Vermittler zwischen unterschiedlichsten Weltsichten und zwischen verschiedensten Menschen.
Juli 1943 bis Mai 1944 (1. bis 6. Kapitel)
Mendel trifft auf seinem Weg zuerst den 19-jährigen Leonid, einen jüdischen Fallschirmjäger der Roten Armee und ehemaligen Buchhalter, der gerade aus einem deutschen Lager entkommen ist. Leonid ist Sohn eines Eisenbahners, der 1920 noch im Krieg gegen die Weißen stand. Nachdem Leonid geboren war, wurde er aber mit dem Vorwurf der Sabotage auf die Solowski-Insel verbannt. Der Junge kam schließlich in ein Heim. Seine Mutter nahm ihn nicht zu sich, da sie einen neuen Mann heiratete.
Leonid zieht mit Mendel durch die Wälder hinter der Front in Richtung Westen, so wie es für versprengte Rotarmisten befohlen war. Sie treffen auf den Usbeken Peiami, der in einem abgeschossenen deutschen Jagdbomber haust, ziehen etwas später weiter nach Niwnoje, überqueren die Bahnlinie Gomel-Brjansk und finden nach wochenlangem Marsch durch die Wälder die Partisanka von Wenjamin Ivanovitch, die gerade lautstark die Kapitulation Italiens feiert. Wenjamins Gruppe nimmt Leonid und Mendel letztlich nicht auf und schickt die beiden weiter zur Schleife des Ptitsch nach Nowoselki, in die Sümpfe von Polesje. Die beiden überqueren den Dnepr und erreichen neun Tage später die „Republik der Sümpfe“. Zuerst begegnet ihnen dort der 35-jährige Adam, ein Textilarbeiter aus Minsk und früherer Gewerkschafter, der noch die Gefängnisse des Zaren kennengelernt hat, unter Stalin aber nach Wologda verbannt wurde und nun mit seiner Tocher Sissl zur Republik der Sümpfe in einer verlassenen Klosterruine, eher ein Familienlager als eine wirkliche Partisaneneinheit, gehört.
Die Gruppe wird von Dov angeführt, der aus dem Dorf Mutoraj auf der Tunguska in Zentralsibirien stammt und dort als Kind 1908 die Tunguska Katastrophe erlebte. 1941 kam Dov zur Luftwaffe und im Juli 1941 ins Gefangenenlager der Deutschen, aus dem er flieht. Eine Verletzung am Bein, heilt bei Bauern weitgehend aus. Die Gruppe wird aufgefordert, sich mit zwei Kämpfern an einem Anschlag auf eine Jagdgesellschaft deutscher und ukrainischer Militärs in Rowno zu beteiligen, um gegenüber den Russen zu beweisen, dass auch Juden bereit sind, unter Einsatz ihres Lebens gegen die Faschisten zu kämpfen. Dov schickt den jungen Rabbinerschüler Ber und Wadim, einen 22-jährigen konvertierten Juden, „zwei Nebbiche, zwei unerfahrene Grünlinge“.[4]
Wadim kam zurück und berichtete über den erfolgreichen Anschlag bei dem schließlich die ukrainischen Hilfstruppen der Deutschen auch aufeinander und auch auf deutsche Offiziere schossen. Am nächsten Tag ist auch Wadim tot, gestorben an seinen Verletzungen. Die SS rächt sich mit einem Massaker an den Bauern von Rowno. Die ältesten im Lager bitten darum, das Lager verlassen und ins Ghetto gehen zu dürfen. Das bieten die Deutschen auf Plakaten, die sie überall in der Gegend verbreiten, als „Amnestie“ für die Versteckten an. Die Situation der Gruppe ist deprimierend. Mendel philosophiert über die Anklage, die Juden gegen Moses erhoben, als die Wagen des Pharao sie bedrängten: „Waren nicht Gräber in Ägypten, dass du uns wegführen musstest, damit wir in der Wüste sterben?“[5] Zwei Tage später folgt auch die Rache der SS-Menschenjäger in Waldversteck von Nowoselki, nur 11 der Kämpfer bleiben übrig, unter ihnen Leonid und seine Freundin Line, (genannt nach Emmeline Pankhurst), Sissl, die Tochter Adams, vier Rotarmisten, die kurz vor dem Gefecht im Kloster zu ihnen gestoßen waren und die Nachricht gebracht hatten, dass die Russen Charkow zurückerobert hatten. Adam verblutet nach dem Gefecht. Der Schnee hilft ihnen bei der Flucht und bedeckt ihre Spuren. Sie beschließen, die starke Partisanengruppe um den jüdischen Gedale Skidler zu suchen, der nicht nur als Violinist und Verfasser von Gedichten bekannt ist, sondern auch durch seine unkonventionellen Kampftechniken einen Ruf erworben hat.
Während der nächtlichen Rast in einer Hütte, werden sie von Ulybins Kämpfern aufgestöbert. Piotr, ein Russe, der sie zuerst in der Hütte fand, charakterisiert die Lebensweise in Gedales Partisaneneinheit, die von Ulybin angeführt wird: „Bei uns läuft die Zeit wie ein Hase im Zick-Zack. Wer für den nächsten Tag einen Plan macht und ihn dann auch durchführt, der ist tüchtig: wer aber einen Plan für die nächste Woche aufstellen will, der ist verrückt oder ein deutscher Spitzel.“[6]
Später erzählt Piotr Mendel auch vom Bruch zwischen Ulybin und Gedale, da letzterer unbedingt eine jüdische Partisaneneinheit gründen will, die Devise aus Moskau aber verlangt, dass die jüdischen Kämpfer auf verschiedene Einheiten verteilt werden sollen. Ulybins Gruppe ist deutlich besser organisiert als die, die sie bisher kennenlernten.
Mendel erlebt eine spontane Aktion der Ulybin-Partisanka, als Fedja, ein siebzehnjähriger Junge aus dem Dorf Turow, meldet, er habe eine deutsche Telefonleitung zwischen Turow und Schitkowitschi durchtrennt. Ulybin meint, eine Telefonleitung durchtrenne man nicht, man höre sie ab und beschließt am Tag darauf, mit Pavel Jurevic und Mendel an Ort und Stelle zu gehen, um die Idee umzusetzen. Pavel hat gerade die Partisanen mit einer Vorstellung seiner Schauspielkunst, seiner hervorragenden Deutsch- und Jiddisch-Kenntnisse amüsiert.
Am nächsten Tag gibt Pavel am Telefon gegenüber den Deutschen den Oberst Graf Heinrich von Neudeck und Langenau, Kommandant des 3. Regiments der 13. Division der Roten Armee, Abteilung Innere Front und Besetzte Gebiete und narrt so die Telefonisten.[7] Es meldet sich ein Deutscher aus David Gorodok zurück. Die Aktion endet mit zwei gefangenen ukrainischen Hilfsmilizionären, die die Deutschen zur Erkundung in den Wald geschickt hatten, einigen Informationen über die Deutschen in Turow, Schitkowitschi und David Gorodok sowie dem Beschluss, die Garnison von Schitkowitschi anzugreifen. Einer der beiden Gefangenen versucht, unterwegs zu fliehen und wird angeschossen. Am Abend verlangt Ulybin von Mendel, dass er den schlafenden, verletzten Hilfsmilizionär erschießt. Der beschlossene Angriff auf Schitkowitschi fällt aber aus, da die Moskauer Pläne andere sind.
In der Partisanka freundet sich Leonid mit Line an. Leonids Beziehung zu Line wird Anlass für Mendel, sich intensiver mit den Beziehungen der Frauen und Männern der Partisanka zu beschäftigen. Auch mit seiner eigenen Beziehung zu Sissl, der Tochter Adams. Dabei kommt immer wieder Mendels jüdische Prägung zum Vorschein. Warum tut Line Leonid, dem die Erlebnisse seiner frühen Jugend viel Vertrauen in die Menschen zerstört haben, gut? Wer ist sie? Lines Großmutter mütterlicherseits wurde am gleichen Tag geboren wie Emmeline Pankhurst. Sie studierte Wirtschaftswissenschaften in Zürich und setzte sich nach ihrer Rückkehr nach Russland für Frauenrechte ein. Ihre Eltern sind beide russische Juden und Philosophiestudenten. Line gehörte in Dovs Gruppe zu den Kämpferinnen der Partisanka. Als die Deutschen kamen, blieb Line die zuvor in Tschernigow wohnte, dort und wurde ins Ghetto gesperrt. Sie beschafft mit Gefährten, die sie aus Kiew kannte, Waffen, erlernte den Umgang damit „die Frau, die Jüdin, die Zionistin, die Kommunistin war in Line zu einer einzigen Person geworden, die nur einen einzigen Feind hatte“.[8] Sie ist eine moderne Frau, an die sich Leonid, der jünger ist als sie, gern anlehnt. Mendel vergleicht sie mit Rahab, der Verführerin von Jericho und anderen Frauen der Talmudlegende. Mit Yael, oder Michal, die allein durch ihren Anblick bezauberte,[9] Abigail, der klugen Königin, die jeden bestrickte, der auch nur an sie dachte.
Inzwischen hat die Rote Armee den Dnepr überschritten, bei Krywyj Rih wird gekämpft. Auf einem provisorischen Flugplatz landet ein P2-Holzflugzeug, ein Partisanenflugzeug, das von der Pilotin Polina Gelman aus Homel, nicht älter als zwanzig Jahre, vom Frauenregiment, Tochter eines Rabbiners, der Großvater Flickschuster (aus dem Ghetto von Soligarsk) gelenkt wird. Außer Medikamenten und Lebensmitteln brachte sie auch die Nachricht, dass die Deutschen starke Kräfte für die Partisanenjagd in die Gegend von Polesje und der Prypjatsümpfe geschickt hatten. Die Bewohner des Ghettos von Soligorsk seien alle erschossen worden. Zwei Fliegeroffiziere steigen aus und beraten sich mit Ulybin über die nächsten Aktionen, nach deren Abflug folgt eine Zeit der Untätigkeit. Heimweh greift um sich, das am schlimmsten für die Juden ist, denn ihre Heimat ist vernichtet worden. Heimweh ist für sie das gleiche wie Verzweifelung.
Der Gruppe gelingt ein Täuschungsmanöver als deutsche Flugzeuge, Versorgungsgüter für ihre Truppen abwerfen. Ulybins Gruppe macht allerhand Beute, brauchbares und unbrauchbares. Unter anderem deutsche Minensuchgeräte. Allerdings verlieren sie zwei Gefährten, als sie den Landeplatz noch einmal aufsuchen, in der Annahme, die Deutschen würden dort ein zweites Mal Kisten abwerfen. Statt Fallschirmen kommen aber Bomben.[10]
Als Ulybin anweist, die jungen Dimitri und Wladimir im Gebrauch der Minensucher zu unterrichte, mahnt Mendel zur Vorsicht. Das sei nichts für Kinder. Ulybin fährt ihm über den Mund: „Alle seid ihr gleich, alle ganz groß im Reden und alles halbe Deutsche: Rosenfeld, Mandelstamm, .. und Du, wie heißt du? Dajcer, nicht?“ Mendel erinnert sich, dass beim Versöhnungsfest der Juden (Jom Kippur) der Priester früher alle Sünden einem Ziegenbock auflud[11], den man dann in die Wüste jagte. Mendel entdeckt die Ähnlichkeit zu der christlichen Gewohnheit, für die Sünden ein Schaf verantwortlich zu machen.
Dov geht es mit seinem Bein immer schlechter und er kann sich in der Gruppe kaum noch nützlich machen. Schließlich nimmt ihn ein Flugzeug mit nach Kiew, wo er operiert wird. Er wird bei seiner Rückkehr den ersten Fallschirmsprung seines Lebens absolvieren. Als sie langsam das im Sumpf versinkende Lager abbrechen, stößt Gedale zu ihnen mit einer Partisanengruppe, die er selbst zusammengestellt hat. „Sie waren keine Bettler und kein fahrendes Volk,…eine Gruppe, die sich aus Überlebenden der Gemeinden der Polesje, Wolhyniens[12] und Weißrusslands zusammensetzte, eine jämmerliche Elite, die stärksten, die klügsten und die, die am meisten Glück gehabt hatten. Einige kamen aber von weit her, auf Wegen voller Blut, sie waren den Pogromen der litauischen Plünderer entgangen, den Flammenwerfern der Einsatzkommandos, den Massengräbern von Riga und Kowno.“ Wenige Tage zuvor hatten sie die Garnison von Ljuban angegriffen, wo deutsche und ukrainische Truppen für die Säuberungsaktionen zusammengezogen wurden. Gemeinsam mit den Bewohnern des kleinen Handwerkerghettos von Ljuban, 80 km von Turow entfernt, hatten sie die Deutschen in den eisigen Fluss gejagt. „Die Deutschen waren nicht aus Stahl, sie waren sterblich. Sie hatten die Rache gekostet“[13]. Die Rache der Deutschen folgte ebenfalls. Alle, die im Ghetto geblieben waren, erschossen sie. Gedale selbst ist ein Überlebender des Warschauer Ghettoaufstands von 1943.
Im Mai 1944, kommt aus Moskau die Erlaubnis für Gedale, sich mit seiner jüdischen Partisanengruppe von Ulybins Gruppe zu trennen und eigenständig zu operieren. Auch Piotr, der Russe, entscheidet sich, mit Gedale zu ziehen. Gedales Plan: Die Befreiung von Gefangenen, die Störung deutscher Etappen, die Begleichung von Rechnungen.
Bald trennen sich die beiden Gruppen. Ulybins Partisanka kehrt auf sowjetische Gebiet zurück. Gedales Gruppe wandert Richtung Polen. Sein Stellvertreter Jozek ist ein Pole aus Białystok. Als gelernter Drucker wechselte er frühzeitig ins Fälscherhandwerk, seit 1937 fälscht er auch Ausweise, besonders arische Personalausweise für Juden. Für sich selbst hatte er bestätigt, dass er in der dritten Generation Christ ist. Die Konkurrenz zeigte ihn an, so dass er schließlich im KZ Sachsenhausen landete. Dort arbeitet er für die SS in einem Fälscherlabor. Er bastelt sich einen Überweisungsschein nach Brest-Litowsk und besticht zwei Landsturmmänner mit Gold, taucht unter und stößt zur Gruppe von Gedale. Gedales Haupmerkmal ist seine Neugier, sein Interesse an Menschen. Er hört gern die Geschichten seiner Leute und liefert dann Einschätzungen wie ein Indianerhäuptling oder wie ein Prophet.
In Retzschina an der ukrainischen Grenze ist kein Deutscher zu sehen. Dort findet sich aber Piotr ein, der sich mit Ulybin gestritten hatte, und schließlich davongejagt worden war. Am Abend gab es im Lager ein Fest, vielleicht, weil sie die Einkesselung durch Partisanenjäger verlassen hatten und den ersten Tag außer Gefahr waren. Pavel gibt eine Vorstellung als Hitler und dann als betrunkener chassidischer Rabbi, unterbrochen durch Auftritte weiterer Gedalisten, u. a. Mottel einem Metzger, der nicht nur gut jongliern, sondern auch hervorragend Messerwerfen kann, was sich später als nützlich erweisen wird. Es gibt einen Schaukampf zwischen Piotr und Leonid, und zwischen dem zurückgekehrten Dov und Piotr, bei dem Dov mit beeindruckender Kampftechnik der sibirischen Samojeden aufwartet. Am Ende nimmt Gedale seine Geige und singt das Lied der Gedalisten, in das einige einstimmen.
Dritte Strophe des Liedes der Gedalisten[14]:
Davids Söhne seinds mir und stur wie die von Masada.
A jeder von uns tragt in der Tasche den Stein
Der dem Goliath die Stirn schlug ein.
Brüder:fort ausm Europa der Gräber
Laßt uns gehen g`meinsam ins Land.
Wo mir Menschen sein derfen unter Menschen.
Wer für mich, wenn nicht ich?
Wie, wenn nicht so? Wann, wenn nicht jetzt?
Am nächsten Tag fragt ihn Mendel nach der Herkunft des Liedes. Er erfährt, den Text habe ein Martin Fontasch verfasst, ein Tischler, Vater von vier Kindern und Teilnehmer am Ghettoaufstand in Kossowo. Er sei ein bekannter Liederdichter aus Galizien gewesen. Gedale erzählt, dass Martin Fontasch bei einer Säuberungsaktion in die Hände der Deutschen fiel.[15] Bei der Durchsuchung fand ein Deutscher ins Martins Tasche seine Flöte und gewährte ihm, da er selbst Musikliebhaber und selbst Flötenspieler sei, einen Wunsch. Martin bat darum, ein letztes Lied komponieren zu dürfen und bekam dafür vor seinem Tod eine halbe Stunde. Er schrieb das Lied, unterzeichnet am Samstag, dem 13. Juni 1943. Und fügte hebräisch hinzu: „Höre Israel, einzig ist der Herr, dein Gott.“ Die Partisanen fanden das Lied bei dem Deutschen, als sie diesen töteten.
Gedale beschließt, dass die Bande per Eisenbahn in Polen einrollen soll. Dafür muss ein Zug besetzt werden. Die Wahl fällt auf die Eisenbahnlinie nach Sarny. Der Handstreich gelingt. Die Partisanen töten Wachmannschaften und Personal eines Zuges, der allerdings aus Sarny kommt. Mendel und die schwarze Rokhele, die den Heizer ersetzen muss, werden die neue Lokomotivbesatzung. Die Lok schiebt nun den Zug zurück Richtung Polen und nach kurzem Stopp in Kolki geht’s weiter bis kurz vor Sarny, wo die Lok abgekoppelt wird und dann ohne Besatzung auf den Lok-Schuppen und die Plattform des Reparaturbetriebes in Sarny zurollt. Der Schaden ist immense und Gedales Bande feiert den Erfolg.
Juni 1944–Januar 1945 (Kapitel 7–9)
Gedale verschwindet für einige Zeit und kommt mit Informationen aus dem neuen Umfeld zurück. Die Bande soll Gefangenenlager und KZs angreifen. Den Russen kommt es darauf an, dass sie als Russen präsent sind.
Die Frühlingshochwasser beginnen und sie finden Unterschlupf in einer Windmühle. Essbares gibt es dort nicht. Besonders hungrig ist Isidor, ein fast siebzehnjähriger Überlebender aus Blizna. Vier Jahre lebten er, sein Vater, seine Mutter und das Schwesterchen versteckt unter einem Stall in Polen. Der Bauer nahm ihnen Geld und alle Wertsachen ab und meldete sie dann der polnischen Polizei. Als die Deutschen kamen, war Isidor draußen und beobachtete, wie SS-Leute, nicht viel älter als er selbst, Vater, Mutter und die Schwester mit Vergnügen zu Tode prügelten, der Bauer und seine Frau sahen kreidebleich zu. Seitdem ist Isidor gestört.[16]
ALs sie weitermarschieren, übernimmt Jozek die Führung als Pfadfinder, der die Gegend von früher kennt. Sie treffen auf einen Kontrollposten der freien polnischen Armee, der seinen Unwillen über die Anwesenheit der jüdischen Partisanka zum Ausdruck bringen. Die Polen haben Leonid und den Georgier Arie Hazansvili festgesetzt, die sie ihnen übergeben. Arie wurde erst 1943 zum Militär eingezogen, da er hinkt.
Gedale nimmt Arie auf und auch Leonid : „Strafen mag ich nicht, weder austeilen noch bekommen.“ meint er[17] Er erhofft sich, von Line etwas über Leonids Probleme zu erfahren.
Bei Anapol an der Weichsel verschwindet Gedale wieder und kehrt mit kleinen Geschenken für die Frauen zurück.
Mottel findet in einem Bauernhaus in der Nähe eine alte Frau mit gebrochenem Bein, die ihm aber zeigt, wo es Wasser gibt und ihn bittet, auch sie zu unterstützen. Nur Kinder und Greise sind in den zerstörten Bauernhäusern zu sehen, obwohl das Korn auf die Ernte wartet.
Wenige Monate zuvor gab es einen Angriff der Polnischen Heimatarmee auf die Deutsche Garnison von Lublin, sowjetische Fallschirmjäger hatten deutsche Verbindungslinien südlich von Lublin unterbrochen, polnische Einheiten hatten Brücken und Viadukte zerstört. Die Deutschen hatten sich an der Zivilbevölkerung, den polnischen Bauern, gerächt, sie zur Zwangsarbeit deportiert sowie „arisch“ aussehende Kinder nach Deutschland verschleppt.
Immer wieder gibt es Diskussionen und Bemerkungen über die Vorurteile der verschiedenen, früher mehr oder weniger tolerant nebeneinander lebenden, Bevölkerungsgruppen, Russen, Polen und Juden. So meint Jozek: „Bevor die Deutschen kamen und ihre Häuser niederbrannten, steckten sie unsere Häuser an. Sie haben was gegen Juden und auch gegen Russen. Sie haben gehört, was in den zwanziger Jahren mit den russischen Bauern passiert ist, und fürchten die Kollektivierung.“[18]
Trotzdem wird man sich mit dem Bürgermeister (Burgemistrz) einig, dass die Gedalisten nun helfen, den Roggen zu mähen und einzubringen, eine in den Augen der Polen ungewöhnliche Tätigkeit für Juden. Zwanzig von ihnen arbeiten mit, für einen Anteil an der Ernte. Die anderen arbeiten im Dorf nach Anweisungen des Bürgermeisters.
Nach den Erntetagen ziehen die Gedalisten weiter. Die Alliierten sind in der Normandie gelandet. Die Front steht still. „So wie seinerzeit die Polen den Aufstand der Juden im Ghetto, so ließen nun die Russen den Aufstand von Warschau ausgehen, den die polnische Exilregierung von London aus direkt geleitet hatte.“[19]
Den Gedalisten gelingt es, unter Mithilfe zweier polnischer Polizisten, einen Waggon mit Rüben und Kartoffeln von einem Zug abzukoppeln. Jedoch werden sie von einer Einheit der freien polnischen Armee überrascht. Nach dem gemeinsamen entladen des Waggons, setzen die Polen sie fest. Ihr Anführer ist der Medizinstudent Edek, nun Leutnant der Armia Krajowa. Er will auf Anweisungen warten, ehe er die jüdischen Partisanen freiläßt.
Gedale schätzt ein, die Nazis und Hitler hätten ganze Arbeit geleistet: „Sein Evangelium haben sie alle gelernt: Russen, Litauer, Ukrainer, Kroaten, Slowaken.“[20] Auch die Polen hätten es gelernt. „Sind wir Gäste oder Gefangene bei Euch?“ Edek ist unsicher- noch unklarer ist ihm das künftige Schicksal Polens. Er fürchtet, den Krieg, der auf den gerade zu Ende gehenden folgen könnte.
Gedale erzählt Edek von den Moment, als er von einem Tag zum anderen plötzlich Partisan wurde. 24-jährig, versteckt mit seiner Mutter in einem Kloster, im März 1943, brachte ihm eine der Klosterschwestern die Nachricht eines Freundes aus dem Ghetto: „Komm zu uns. Dein Platz ist hier.“ Er ging, bewaffnet mit zwei Pistolen. Es folgen Fragen nach politischen Ansichten, über Kommunisten, die Oktoberrevolution, Juden wieder als freie Bürger, Stalins Pakt mit Hitler, Juden als Fremde im eigenen Land, Sozialisten und den Geschmack der Freiheit in den Wäldern und Sümpfen und der Solidarität.
Nach einem SOS Ruf per Funk eilt eine gemischte Abteilung aus Edeks und Gedales Leuten in die Berge, um einer eingekesselten Einheit der Armia Krajowa zu helfen. Vor Ort, in dem völlig nebligen Terrain, fällt es schwer, Freund oder Feind auszumachen. Schließlich ziehen die Deutschen nach einer letzten Artillerieattacke und einem Bombardement ab und hinterlassen auf ein weiteres Mal ein Feld, bedeckt mit Toten. Die Partisanen haben zu spät eingegriffen. Angehörige des polnischen Bauernbatallions und russische Partisanen sind die Gefallenen. Sie wollten ein deutsches Gefangenenlager in den Bergen am Heiligen Kreuz befreien.
Mendel grübelt über eine Inschrift „Marie komm nicht in Polen nieder…..“: „Das sind sie, die Polen, die Fanatiker des Kreuzes, die unsere Väter erstachen und nach Rußland zogen, um die Revolution zu ersticken. Auch Edek ist Pole. Und jetzt kommen sie um, wie wir, gemeinsam mit uns“.[21]
Beim Appell stellt sich heraus, dass Jozek, der Fälscher, fehlt. Er war von einer Granate getroffen worden.
Die Deutschen flüchten immer umfassender, aber in den Ardennen beginnen sie eine neue Offensive. Edek zweifelt, er fürchtet den nächsten Krieg nach dem Ende des aktuellen.
Mendel denkt über den Zweifel nach und über die Kompromisslosigkeit von Line, die nicht zweifelt. „Zweifel legt sich aufs Visier von Gewehr“. Er vergleicht sie mit Rivke, seiner Frau, der balebusteh-der Königin im Haus. Im Dezember bittet die weiße Rokhele Mendel, sie mit Isidor zu verheiraten. Sie bitte ihn, weil er ein Gerechter sei. Trotz zahlreicher Bedenken erklärt er sich bereit.
Januar–August 1945 (Kapitel 10–12)
Gedales Leute und einige der Polen aus Edeks Abteilung feiern im Januar Isidors Hochzeit mit der weißen Rokhele, die schwanger ist. Es geht hoch her und es gibt viel Musik, die Kreutzersonate und viele populäre Lieder. Und am Höhepunkt des abendlichen Festes das bekannte jiddische Scherzlied vom narrischen Bucher[22]:
Refrain des Liedes vom narrischen Bucher:
tumbala tumbala tumbalalaika,
Tumbala tumbala tumbalaika,
Tumbalalaika, spil balalaika,
Tumbalalaika, frailech sol sain ![23][24]
Als die Gesellschaft sich immer mehr in den Refrain hineinsteigert, mischt er sich schließlich mit dem Donner von Raketen und Bomben, der immer näher kommt.[25] Die Erde bebt und die Partisanen begreifen, dass gerade die Front über sie hinwegzieht.
Beim Versuch, Schutz zu finden, geraten sie an Schmulek, den eine ihrer Wachen gerade festgesetzt hatte und der stark verunsichert ist, als er Juden und Polen zusammen erkennt. Dann erklärt er ihnen aber, dass er für sie einen guten Schutzraum vor dem Bombardement kennt und fordert alle auf, ihm zu folgen. Durch Granathagel und den brennenden Wald führt er sie, im Laufschritt zu einem Brunnen, in den er klettert und ruft ihnen zu, ihm zu folgen. Alle gelangen in eine große Höhle, lassen sich dort erschöpft nieder und verschlafen den Durchmarsch der Front.
Morgens hört Mendel Glockenläuten, das nicht aufhören will. Die Bauern der Gegend feiern das Ende des Krieges, das Ende eines Albtraums. An Mendel laufen seine Erlebnisse wieder vorbei:[26] „Leonid, der Usbeke, Wenjas Bande, Flüsse, Wälder und Sümpfe, die Schlacht im Kloster, Ulybin, Dovs Rückkehr, ……….. Line, Sissl. Mendel der Unbeweibte. Er erinnert sich wieder an Rivke“, die balebusteh, die Königin des Hauses.
Dov bietet sich an, als erster den Unterschlupf zu verlassen, nachzusehen, ob Russen da sind, oder gar etwas zu Essen aufzutreiben ist. Dov klettert aus dem Brunnen und überrascht junge sowjetische Soldaten, die sich dort waschen. Sie amüsieren sich über das seltsamen Land, in dem plötzlich weißhaarige Männer aus einem Brunnen steigen.[27]
Ein Oberleutnant des NKVD verlangt, alle mögen herauskommen. Er lässt sie bewirten und teilt die Neuankömmlinge in drei Gruppen auf: Den größten Teil der Polen, die in die Rote Armee eingegliedert werden sollen, Edek, einige Studenten und Angestellte, für eine spätere Verwendung, wobei er das Kommando von Edek beendet. Die Armija Krajowa habe sich aufgelöst. Die Exilregierung habe das über Radio London bekannt gemacht. Die dritte Gruppe aus den Gedalisten, einschließlich Piotr und Schmulek. Dov will nach Hause, nach Sibirien. Er verfasste in Schönschrift einen Bericht und verabschiedet sich nach zwei Wochen.
Wieder sind die Gedalisten untätig. Misstrauen breitet sich aus. Die russischen Wachmannschaften verschwinden schließlich. Sie ziehen in eine Schule in Wolprom um und Rokhele und Isidor bekommen ein königliches Bett.
Mendel und Gedale plaudern gern mit dem russischen Hauptmann in ihrer Schule, um zu erfahren, wie es weitergeht. Der warnt, sich nicht vorzeitig selbstständig zu entfernen. Noch sei alles unübersichtlich. Es sei sogar schon passiert, dass russische Soldaten sich gegenseitig beschossen.[28]
Die chaotischen Ströme der Soldaten der Roten Armee gehen nun auch in Richtung Osten, Verwundete, Beurlaubte, Heimkehrer. Nachts aber erlebt Mendel den Vorbeimarsch des Teils der Roten Armee, der die großen Schlachten geschlagen hat, die die Wende dieses Krieges brachten. Eine moderne, gut organisierte, bestens ausgerüstete, motorisierte Armee und ihm wird klar, dass auch er die Uniform dieser Armee trägt, verwaschen zwar, aber immer noch erkennbar. Auch er fühlt sich als krasnoarmeetz-als Rotarmist.
Am Tag gibt es ein erstes Zeichen, dass die antijüdischen Ressentiments noch sichtbar werden. Junge Männer werfen einen Molotov-Coctail in die Schule. Piotr schaltet schnell und wirft ihn zurück auf die Straße, wo er eine haushohe Stichflamme hervorruft.
Gedale beschließt, dass sie Wolbrom verlassen. Der geschäftstüchtige Pavel, der oft auf dem Schwarzmarkt unterwegs ist, hat entdeckt, wo ein Lastwagen zu haben wäre. Ohne Bezahlung, auf einem Stellplatz für ausrangierte russische Militärfahrzeug, für deren Reparatur sich die Soldaten nicht die Zeit nehmen konnten. In der Nacht können sie in Richtung Zawierce entkommen. Mendel macht den Fahrer. Den Schlagbaum an einem Kontrollposten fegt der LKW hinweg. „Wie, wenn nicht so? Wann, wenn nicht jetzt?“ ruft Gedale.
Die Fahrt läuft gut, auch zwischenzeitlicher Treibstoffmangel kann durch die Reserven in Schrottpanzern am Straßenrand überwunden werden. Mendel lernt Isidor als Fahrer an, der von nun an völlig in seine neue Aufgabe versinkt. Sie erreichen Rawitsch an der Grenze zwischen Schlesien und Großpolen. Sie beschließen dort, den Amerikanern entgegenzufahren.
Unterwegs in Richtung Glogau werden sie von einer Schar russischer Soldaten aufgehalten, deren Lastwagen im Straßengraben festsitzt. Es gelingt, ihn herauszuziehen, aber die Soldaten bestehen darauf, dass die Gedalisten, nun auf zwei Lastkraftwagen verteilt, mit ihnen gemeinsam nach Glogau fahren. Dort werden sie nicht verhört, sondern in ein mit Stacheldraht umzäuntes Lager gebracht. Es gibt unregelmäßig, aber reichlich zu essen. Die Baracken sind geheizt. Aber der Lastwagen verschwindet einschließlich der Waffen und wieder folgt eine Zeit der Untätigkeit.
Sie lernen Francine eine französische Kinderärztin aus Paris kennen, die durch die Russen aus dem Lager KZ Groß-Rosen befreit wurde. Sie erklärt ihnen, was der Ausdruck „ins Gas gehen“ bedeutet.[29] Griechen und Franzosen werden schließlich entlassen, Francine mit ihnen. Polen und Deutsche müssen bleiben.
Bei Breslau und in den Sudeten wird noch gekämpft. Hauptmann Smirnow bewirtet Gedale mit irischem Whisky und kubanischen Zigarren. Er mahnt zur Geduld. Äußert aber auch Interesse an ihrem persönlichen Weg, ihren Kämpfen und schlägt Mendel vor, als Ausbilder für die Rote Armee zu arbeiten. Mendel bittet um Bedenkzeit. Die Truppen der 1. Ukrainischen Front stehen vor Berlin. Die Amerikaner haben Nürnberg erobert, die Franzosen Stuttgart, die Engländer stehen an der Elbe. In Italien haben Partisanen die Nazis gestürzt als die Alliierten anrückten. Smirnov teilt Mendel mit, dass er gern die Geschichte der jüdischen Soldaten der Roten Armee aufschreiben würde äußert seinen Respekt, dass sie sich nicht zu einer Wahl zwingen ließen, Jude oder Russe, zu sein.
Schließlich verschwinden alle Wachposten des Lagers und die Gedalisten beschließen, zu Fuß weiterzuziehen. Smirnov hat ihnen Waffen, eine Generalstabskarte von Sachsen und Bayern, und achthundert Dollar hinterlassen. Die weiße Rokhele ist im siebenten Monat. Ab und zu bitten sie auf sowjetischen Fahrzeugen oder auf Pferdewagen mitfahren zu dürfen.
Ende Mai gelangt die Bande nach Neuhaus bei Dresden. Die Stadt wird von deutschen Zivilisten kontrolliert. Sie ist voll von Flüchtlingen aus dem bombardierten Dresden. Auf der Suche nach Lebensmitteln klopfen sie an ein Bauernhaus, das sich allerdings als Bunker herausstellt.
Zurück in der Stadt, sagt Rokhele, Piotrs Frau, auf jiddisch „Hier sieht es aus wie im Ghetto“ „Es ist eins.“ antwortet Pavel. Die Menschen erkennen den jiddischen Dialekt, beginnen, sie zu beschimpfen und sammeln sich bedrohlich um sie, bis ein Schuss fällt und alles auseinanderläuft. Die schwarze Rokhele ist tödlich am Kopf getroffen. Die Bande beschließt, sich über Nacht mit einem Überfall auf die Verantwortlichen im Rathaus zu rächen. Dabei werden zehn der Insassen des Rathauses getötet. Im Rathauskeller finden sie Brot, Speck und Schinken und ziehen dann weiter.
In Plauen freundet sich Gedale mit dem Eisenbahnarbeiter Ludwig an, der Flötenspieler ist. Gemeinsam musizieren sie in einem Gärtchen vor dem Bahnhof. Schließlich hilft Ludwig, einen separaten Waggon für die Gedalisten an einen Zug Richtung Italien anzukoppeln. Mottel hat billig einen Fotoapparat mit eigelegtem Film gekauft. Sie machen ein Gruppenfoto vor den Trümmern der Stadt. An den Waggon hat Ludwig ein Schild gehängt: München-Innsbruck-Brenner-Verona.
Tagsüber steht der Zug jedoch meistens. Dann fahren Güterzüge, die Hunderttausende, die als Sklaven dem Dritten Reich dienten, Militärs und Zivilisten, aber auch Deutsche, die der Justiz der Alliierten entgehen wollen, für die Italien Transit ist, das Ziel aber Südamerika, Syrien und Ägypten.
Der Zug rollt Richtung Brenner und Mendel hat viel Zeit zum Grübeln, über Italien, das Land der Herzlichkeit und der Mafia, das Land der umgangenen Verbote und der anarchistischen Toleranz. Mendel bewundert die friedliche Landschaft der Oberpfalz und Bayerns, ein fruchtbares kultiviertes Land. Er hat keine Heimat, aber Gefährten. Würde er für Piotr sterben? Ja.
Gedales Name: Gedale war ein Statthalter von Nebukadnezar, für die wenigen nach der Deportation nach Judäa verbliebenen Juden,[30] also ein Kollaborateur. Er war von Ismael ermordet worden, einem Partisanen. Der Name passt nicht zu Gedale. Er sollte Jubal heißen, der Flöte und Gitarre erfunden hatte, oder Jabal oder Tubalcain, alles Söhne des Lamec, einer geheimnisvollen Rächerfigur der Bibel.
Sie passieren Innsbruck auf dem Weg zum Brenner, Gedale spielt auf seiner Geige, erst Zigeunerlieder, kaum unterscheidbar von russischen oder jiddischen Melodien. In der Musik berühren sich die Völker, denkt Mendel. Gedale wechselt zu Tanzmusik, die Bande wird immer lebhafter, beim Aufstieg, aliya, den die Fahrt zum Brenner symbolisiert.[31]
Am 25. Juli 1945 sind sie am Brenner. Vor der italienischen Grenze. Die 35 Gedalisten sind sich unklar, gibt es Kontrollen? Sind wir schon in Italien? Von draußen klopfen Soldaten in englischen Kakhi Uniformen mit dem sechszackigen Stern, dem Schild Davids, und sprechen hebräisch. Nur Line spricht hebräisch, das sie bei den Zionisten in Kiew gelernt hat. Sie sind von der „Palästinensischen Brigade“ aus Eretz Israel und erzählen, gestern waren wir in Krakau, morgen sind wir in Mauthausen und Gusen und übermorgen in Wien. Sie laden ein zu einem kum-sitz (Komm setz dich) auf der Wiese vor dem Zug und erzählen dann von der aktuellen Situation in Italien. Dort hat es nie Pogrome gegeben. Chaim schlägt ihnen vor, die Waffen abzugeben, um Probleme zu vermeiden. Für die Amerikaner seien Partisanen= Kommunisten, und solche aus dem Osten gleich doppelte Kommunisten. Schließlich lassen sich Gedale und seine Leute überreden, ihnen den größten Teil der Waffen zu überlassen. Die palästinensischen Soldaten nennen ihnen eine Adresse in Mailand, wo es ein Hilfsbüro für DPs geben soll. Dort sollen sie sich melden.
In Mailand angekommen, hat Pavel einige Schwierigkeiten, die Adresse zu finden, die wohl wegen des faschistischen Vorbesitzers des Gebäudes keiner mehr kennen will. Inzwischen ist dort jedoch ein Hilfsbüro, das sich schließlich auch für die Gedalisten wirklich als hilfreich erweist. Allerdings ist die Konfusion in der Via Unione zuerst ungeheuerlich.
Aber es gibt eine disziplinierte Schlage, in die sie sich als Neuankömmlinge einreihen. Mendel resümiert wieder einmal. Er fühlt sich fremd: „Russe in Italien, Jude vor dem Dom, Uhrmacher vom Dorf in der Stadt, Partisan in Friedenszeiten, fremd in Sprache und Empfindung und fremd durch Jahre gesetzlosen Lebens.“[32] „Fremd , aber angenommen. Nicht gelitten, sondern angenommen.“
Pavel erklärt mit seinem begrenzten Italienisch am Schalter, dass sie Partisanen, praktisch also Soldaten seien. Und mit etwas Verzögerung landen sie nicht in einem Lager, sondern auf einem Bauernhof, wo sich jüdische Flüchtlinge auf die Ausreise nach Israel vorbereiten, auch mit Schießübungen, die zwei Ausbilder der Roten Armee anleiten. Mendel erinnert sich an das Angebot Smirnovs. Allerdings lehnt der Gutsverwalter Zvi die weiße, schwangere Rokhele erst einmal ab, da sie nicht arbeiten könne. Der Protest der Gedalisten bewirkt aber, dass er nicht weiter darauf besteht.
Nach ein paar Tagen, kommt eine Einladung der Deutschlehrerin Adele S., die sie im Hilfsbüro aufgenommen hatte. Sie lädt Gedale und einige seiner Leute nach Mailand in ihren Salon ein. Dort treffen die Partisanen auf italienische Juden, die dem Anschein nach kaum etwas verloren haben bzw. bereits einiges zurückerhalten haben, was ihnen genommen wurde. Adele stellt ihnen den Partisanen Francesco, der in den Veltliner Alpen kämpfte, vor und schließt mit der Bemerkung ab, schade dass er Kommunist sei, was Mendel irritiert. Er hält das für einen Scherz. Mendel meint, er habe nichts gegen Stalin, im Gegenteil sei er froh, dass Stalin Hitler geschlagen habe.
Zvi ruft vom Gutshof an, man habe Rokhele in eine Klinik gefahren. Rechtsanwalt Longo, Adeles Mann, ist bereit, die Gäste in die Klinik zu bringen. Dort ist besonders Isidor über die lange Wartezeit und den Zustand Rokheles beunruhigt. Mendel überlegt, ob das Kind nun ein Pole, Ukrainer oder Italiener sein wird. „Narrische bucher, vos darfst du fregen?“[33] antwortet Line. Der aufgeregte Isidor fordert den Arzt mit vorgehaltener Pistole auf, seine Pflicht zu tun. Am nächsten Tag ist Isidors und Rokheles Sohn gesund geboren. Der Arzt gratuliert und wird dann auf dem Korridor von Kollegen mit einer Zeitung aufgehalten. Die Schlagzeile gilt dem Atombombenabwurf auf Hiroshima. Es ist der 7. August 1945.
Rezeption
Im Jahre 1995 greift der englische Liedermacher, Sänger, Satiriker und spätere Kinderbuchautor Leon Rosselson die Geschichte des Tischlers Martin Fontasch aus Primo Levis Buch in einem seiner Songs auf. Das Lied von Martin Fontasch, hier aber ein Lied über den fiktiven Martin Fontasch, erscheint auch 2002 und 2010 auf einer CD mit mehreren Liedern über Israel und Palästina.[34] Rosselson, der selbst mit einem jüdischen kulturellen Hintergrund aufgewachsen ist, warnt mit Verweis auf das Lied vor einem sich anbahnenden Widerspruch zwischen jüdischen Werten und der Gefahr, Israel könnte sich selbst zu einem Kolonialstaat entwickeln.[35][36] Das Lied selbst wird zu den Antikriegsliedern gezählt, die bis heute verbreitet sind.
Die letzte Zeile des Liedes der Gedalisten findet sich 2009 in einem Lied von Johannes Oerding[37], wobei hier aber nicht bekannt ist, ob Oerding einen Bezug zu Primo Levis Geschichte sieht. Auf die ermunternde und appellierende Wirkung der Zeile „Wann, wenn nicht jetzt? Wo, wenn nicht hier?“ wird aber auch in Oerdings modernem Lied gesetzt. Offensichtlicher kommt Rio Reiser mit seinem Lied „Wann?“ (wenn nicht jetzt) in den 90ern dem Lied der Gedalisten und auch Primo Levis Anliegen nahe, mit zeitgemäßem Inhalt.[38]
Die Jüdische Allgemeine preist Levis Roman anlässlich seines 100. Geburtstags als den vitalsten Ausdruck jener „entfernten Möglichkeit des Guten“, nach der er in Auschwitz so verzweifelt gesucht habe. „Protagonisten, die dem sogenannten Schicksal den Mittelfinger zeigen. Ein tapferes Lachen, unter Tränen-unvergesslich.“[39]