Werner Rieker
Mitarbeiter des dänischen Auslandsnachrichtendienstes (Forsvarets Efterretningstjeneste)
From Wikipedia, the free encyclopedia
Werner Oskar Rieker (geboren am 2. September 1921 in Lauffen am Neckar; gestorben am 12. Juli 1984 in West-Berlin[1]), auch bezeichnet als Manfred Richter[2], war ein hauptamtlicher Mitarbeiter des dänischen Auslandsnachrichtendienstes (Forsvarets Efterretningstjeneste), nach anderen Quellen arbeitete Rieker für die Organisation Gehlen.[3] Er wurde 1955 in die DDR verschleppt und zu einer 15-jährigen Zuchthausstrafe verurteilt, die er in der Haftanstalt Bautzen II verbüßte. Nach seiner Haftentlassung im Rahmen eines Häftlingsfreikaufs kehrte er 1964 nach West-Berlin zurück.
Biografie
Rieker nahm als Soldat der Deutschen Wehrmacht am Zweiten Weltkrieg teil und erlitt 1942 eine schwere Verwundung.[4]
Werner Rieker und Iris Fraesdorf heirateten am 15. Mai 1943 in Berlin-Wedding.[5]
Seit 1947 lebte der gelernte Mechaniker Werner Rieker in Ost-Berlin; 1950 wurde er dort von einem Mitarbeiter von Forsvarets Efterretningstjeneste „für eine nachrichtendienstliche Tätigkeit“ angeworben. Im Jahr 1951 ermittelte die Volkspolizei gegen Rieker wegen des Verdachts, dass er Maschinen aus einer Ost-Berliner Fabrik in den Westen verschob. Rieker kam für kurze Zeit in Haft, fürchtete seine Enttarnung und setzte sich daraufhin nach West-Berlin ab. Dort war er weiter nachrichtendienstlich tätig. Seit 1953 war er Führungsoffizier für Agenten, die in der DDR eingesetzt waren, seit 1954 auch in der Volksrepublik Polen.[6] Durch Meldungen an den amerikanischen Partnerdienst ist bekannt, dass Forsvarets Efterretningstjeneste schon direkt nach Kriegsende ein Agentennetz in der Sowjetischen Besatzungszone unterhielt. Soweit aus deklassifizierten Akten hervorgeht, interessierten sich die Dänen vor allem für Volkseigene Betriebe. Durch den Fall Werner Rieker rückten die Aktivitäten des vergleichsweise kleinen dänischen Dienstes erstmals ins Scheinwerferlicht.[7]
Dem MfS wurde Riekers Agententätigkeit 1952 bekannt. Zuerst wurde vermutet, dass Rieker für amerikanische Auftraggeber DDR-Bürger als Agenten anwarb, die militärisch relevante Informationen sammeln sollten. Als die MfS-Hauptabteilung II/3 im Mai 1953 den Operativen Vorgang „Konsulat“ eröffnete, bezeichnete sie Rieker als Agenten eines skandinavischen Geheimdienstes.[8]
Unter den von Rieker rekrutierten Agenten war der aus Schlesien stammende Gerhard Bernatzki,[9] der 1954 aus Polen in die Bundesrepublik und dann weiter nach West-Berlin geflohen war und dabei von verschiedenen westlichen Geheimdiensten kontaktiert wurde, immer mit der Absicht, ihn in Polen einzusetzen, was Bernatzki nicht recht war. Über einen Mittelsmann der Organisation Gehlen nahm Rieker mit Bernatzki im August 1954 Kontakt auf. Er beauftragte ihn, in Polen militärisch und wirtschaftlich relevante Informationen zu sammeln. Im Oktober 1954 meldete sich Bernatzki jedoch bei der Volkspolizei in Ost-Berlin und berichtete über die Anwerbeversuche. Das MfS warb Bernatzki als GM „Herbert“ an und beauftragte ihn, den Kontakt zu Rieker weiter zu pflegen. Rieker schickte Bernatzki nun mehrfach mit Aufträgen nach Polen; das MfS war immer informiert und half beim Grenzübertritt. Da sich das MfS nun ein besseres Bild von Rieker machen konnte, wurde der Plan verworfen, diesen abzuwerben. Stattdessen sollte Rieker verschleppt werden. Weil bei den Treffen Riekers mit Bernatzki in West-Berliner Lokalen dem Alkohol zugesprochen wurde, war zunächst geplant, Rieker in alkoholisiertem Zustand in ein Auto zu setzen und nach Ost-Berlin zu transportieren. Doch die Gelegenheit bot sich nicht. Dann informierte Bernatzki das MfS, dass Rieker in die Bundesrepublik reisen werde, um in einem Flüchtlingslager polnische Staatsbürger als Agenten zu werben.[10] „Die Anwerbung von osteuropäischen Flüchtlingen in den bundesdeutschen Flüchtlingslagern war zu dieser Zeit eine übliche Methode westlicher Geheimdienste.“[11]
Am 17. November 1955 flogen Rieker und Bernatzki von West-Berlin in die Bundesrepublik; im Aussiedlerlager Warburg-Dössel[12] wollten sie Flüchtlinge aus Polen befragen und anwerben.[13] Dort wartete bereits eine dreiköpfige Entführergruppe unter Leitung des GM „Donner“ (Hans Wax). Geplant war, dass Bernatzki unter dem Vorwand, im Lager jemanden treffen zu wollen, das Fahrzeug verließ und „Donner“ an den wartenden Rieker herantrat, um ihn um Feuer zu bitten. Da aber Rieker misstrauisch war und mit einer Entführung rechnete, blieb er im Fahrzeug sitzen und öffnete die Tür nicht. Rieker fuhr nun mit Bernatzki bei Kassel auf die Bundesautobahn 5 Richtung Frankfurter Flughafen. Das Entführertrio improvisierte: in ihrem von Wax für den Einsatz aufgerüsteten Mercedes verfolgte die Gruppe Riekers Fahrzeug und drängte ihn bei Alsfeld[14] von der Fahrbahn ab. Rieker forderte seinen Beifahrer auf, ihm seine im Handschuhfach aufbewahrte Pistole zu reichen; Bernatzki reagierte darauf aber nicht, sondern stieg aus.[15] Die Scheibe der Fahrertür wurde eingeschlagen, die Tür aufgerissen und Rieker von zwei Männern mit Holzknüppeln zusammengeschlagen. Danach lag das gefesselte und geknebelte Opfer zunächst auf der Rückbank, nach Halt auf einem Parkplatz im Kofferraum des Mercedes und wurde so in die Ost-Berliner Magdalenenstraße transportiert, wo sich eine Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit befand. Den Wagen Riekers nahmen die Entführer mit. Damit machten sie es den westdeutschen Behörden unmöglich, den Tathergang zu rekonstruieren. Der offizielle Festnahmebericht des MfS behauptete, Rieker sei aus eigenem Antrieb in die DDR eingereist und „bei Ausübung seiner Spionagetätigkeit im Gebiet der DDR durch Mitarbeiter der Hauptabteilung II/4 festgenommen“ worden.[16]
In der Untersuchungshaftanstalt Hohenschönhausen war Rieker Dauerverhören ausgesetzt und erhielt erst nach Tagen ärztliche Hilfe. Am 29. Juni 1956, nach einem eintägigen Gerichtsverfahren, verurteilte der 1. Strafsenat des Bezirksgerichts Frankfurt/Oder Rieker wegen Spionage für den dänischen Geheimdienst (Verbrechen nach Artikel 6 der Verfassung der DDR) zu zwölf Jahren Zuchthaus. Dieses Urteil wurde infolge einer Kassation des Obersten Gerichts der DDR noch um 30.000 D-Mark Geldbuße verschärft. Das MfS verhinderte mit diesem Manöver die Herausgabe des Fahrzeugs Riekers, in dem westdeutsche Ermittler womöglich relevante Spuren sichern könnten. Riekers Berufung wurde verworfen. Neun Jahre seiner Haftzeit verbrachte er in der Haftanstalt Bautzen II, zum Teil in Einzelhaft. Im Rahmen eines Häftlingsfreikaufs kehrte er im September 1964 in die Bundesrepublik zurück.[17] Nun machte Rieker eine umfangreiche Aussage zu den Umständen seiner Verschleppung, in der er Bernatzki schwer belastete. Doch dieser hatte sich mittlerweile in die DDR abgesetzt.[18]
Werner Rieker, der zuletzt als Kaufmann in Berlin-Charlottenburg (Heilmannring 66a) wohnte, starb am 12. Juli 1984 im Universitätsklinikum Westend.[19]
Literatur
- Christoph Franceschini, Thomas Wegener Friis, Erich Schmidt-Eenboom: Spionage unter Freunden – Partnerdienstbeziehungen und Westaufklärung der Organisation Gehlen und des BND. Christoph Links Verlag, Berlin 2017, ISBN 978-3-86284-395-4.
- Susanne Muhle: Auftrag: Menschenraub: Entführungen von Westberlinern und Bundesbürgern durch das Ministerium für Staatssicherheit der DDR (= Analysen und Dokumente, Band 42). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2015, ISBN 978-3-647-35116-2.
- Susanne Muhle: Mit „Blitz“ und „Donner“ gegen den Klassenfeind: Kriminelle im speziellen Westeinsatz des Ministeriums für Staatssicherheit. In: Susanne Muhle, Hedwig Richter, Juliane Schütterle (Hrsg.): Die DDR im Blick. Ein zeithistorisches Lesebuch. Metropol, Berlin 2008, S. 159–167. (PDF)
- Roland Schißau: Strafverfahren wegen MfS-Unrechts: Die Strafverfahren bundesdeutscher Gerichte gegen ehemalige Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR (= Berliner Juristische Universitätsschriften, Strafrecht, Band 22). Berliner Wissenschafts-Verlag, Berlin 2006, ISBN 3-8305-1140-X.