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Werner Wilhelm Haase

Major der Wehrmacht, Filialleiter der Organisation Gehlen From Wikipedia, the free encyclopedia

Werner Wilhelm Haase (geboren 2. August 1915 in Berlin-Steglitz; gestorben nach 1971) war ein ehemaliger Major der Wehrmacht, der ab April 1953 für die Organisation Gehlen tätig war, wo er kurz die für militärische Beschaffung zuständige Filiale 120/A leitete. Am 13. November 1953 wurde er nach Ost-Berlin verschleppt, im Dezember 1953 zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt und im Dezember 1956 im Rahmen eines Agentenaustauschs freigelassen.

Werner Haases Foto in einer DDR-Propagandabroschüre zum 17. Juli 1953
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Leben

Familiärer Hintergrund und Kriegseinsatz

Haase wuchs als Sohn des Diplom-Ingenieurs Hermann Haase[1] und dessen Ehefrau Elfriede geb. Barth[2] in gutbürgerlichen Berliner Verhältnissen auf; seine Eltern vermittelten ihm nach eigener Aussage eine „nationale Gesinnung“. Als Achtzehnjähriger trat er als überzeugter Nationalsozialist in die Brigade Ehrhardt ein und wurde dadurch später auch Mitglied der SS. Kurz vor dem Abitur schickte ihn die SS zu einem Erholungsurlaub, den er im Haus des Direktors der Waffen- und Munitionsfabrik Treuenbrietzen („Metallwarenfabrik Treuenbrietzen GmbH“) verbrachte; dabei lernte er dessen Tochter kennen, seine zukünftige Frau. Er legte das Abitur ab und meldete sich als Rekrut zur Wehrmacht. Im März 1935 begann sein Dienst in einem Infanterieregiment in Rastenburg. Seine Offizierausbildung in München und Halle (Saale) war kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges abgeschlossen. Haase wurde zur 4. Kompanie des Infanterieregiments 162 versetzt, das in Polen, Frankreich und der Sowjetunion eingesetzt wurde. Für seine Rolle bei der Einnahme Warschaus im September 1939 erhielt er das Eiserne Kreuz. Zum Oberleutnant befördert, war er im Stab des Regiments tätig und nahm als Nachrichtenoffizier am Kriegseinsatz in Frankreich teil. Im Frühjahr 1941 führte er seine alte Kompanie und wurde mit dem Eisernen Kreuz I. Klasse ausgezeichnet. Im August 1942 folgte die Beförderung zum Hauptmann. Für seine Leistungen bei der Verteidigung des Brückenkopfs bei Grusino (Wolchow) wurde ihm das Deutsche Kreuz in Gold verliehen; anschließend wurde sein Truppenteil nach Leningrad verlegt. Im September 1943 wurde Haase zum Major befördert und zum Bataillonskommandeur ernannt. Haase erlitt 1944 bei Ausweichgefechten in Lettland eine schwere Verwundung. Knapp entging er der sowjetischen Kriegsgefangenschaft und kam in ein Lazarett in einem südbrandenburgischen Ort, in dem auch seine Frau mit den Kindern lebte. Die Familie floh vor der vorrückenden Roten Armee nach Schleswig-Holstein. Von Mai bis August 1945 war Haase dort in englischer Kriegsgefangenschaft. Nach seiner Entlassung kehrte die Familie 1946 nach Berlin zurück, wo Haases Eltern lebten.[3]

Tätigkeit in der Organisation Gehlen

Haases Vater leitete die Technische Privatschule von Barth in Berlin-Mitte (Chausseestraße 1).[4] Nachdem sich Haase erfolglos um einen Studienplatz an der Technischen Hochschule Berlin beworben hatte, legte er an der väterlichen Schule 1948 das Ingenieursexamen in Maschinenbau ab. Kurz unterrichtete er dort, aber 1950 schlossen die Ost-Berliner Behörden die Schule wegen „politischer Unzuverlässigkeit“. Zwar wurde sie in West-Berlin wieder eröffnet, litt aber unter großen Finanzproblemen und musste im Sommer 1952 endgültig schließen. Werner Haase trat nun eine Stelle beim Westberliner Zoll an.[5]

Einem Netzwerk alter Kriegskameraden war es zu verdanken, dass Werner Haase von der Organisation Gehlen angeworben wurde und dadurch erstmals seit 1945 wieder ein gesichertes Auskommen hatte: Ex-Generalmajor Helmut Kleikamp empfahl Haase dem Leiter der Bezirksvertretung E der Organisation Gehlen, Ebrulf Zuber, der ihn an Friedrich Sturz vermittelte und dieser wiederum an einen Westberliner Filialleiter, Karl-Heinz Hesse. Haase unterschrieb seine Verpflichtungserklärung im April 1953 mit dem Decknamen „Wilhelm Heisler“. Hesse, der sein Studium der Rechtswissenschaft fortsetzen wollte, machte Haase zum stellvertretenden Leiter der Filiale 120/D. Er bewährte sich schnell und im September 1953 stellte ihm Sturz die Leitung einer eigenen Filiale in Aussicht. Die Übergabe geschah unter Zeitdruck schon im Oktober. Fürs Erste wurde Haases Privatwohnung zum Filialbüro 120/A, seine Frau war als Schreibkraft eingesetzt. Hesse machte sich nun daran, sein Agentennetzwerk kennenzulernen, und traf einige nachrichtendienstliche Verbindungen persönlich.[6]

Verschleppung nach Ost-Berlin

Laubengelände am Heidekampgraben; in diesem Bereich sollte die „Drahtschleuse“ verlegt werden

Unter den von Haase geführten nachrichtendienstlichen Verbindungen war Heinz Busse (geboren 1924). Nach Heimkehr aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft war er 1947 kurz bei der Kasernierten Volkspolizei tätig, wurde aber wieder entlassen, machte eine Ausbildung zum Sprengtechniker bei der Wismut AG, floh aber im Januar 1953 nach West-Berlin. Dort fand er eine Stelle als Bügler in einer Spandauer Wäscherei und war zugleich als Werber für die Organisation Gehlen tätig. Er hatte den Eindruck, dass die Organisation Gehlen nicht dauerhaft an ihm interessiert war und ihm das Staatssekretariat für Staatssicherheit eine Zukunftsperspektive bieten werde. Die Gelegenheit war günstig, als Busse betraut wurde, in einer Kleingarten-Anlage an der Sektorengrenze zwischen den Stadtbezirken Kreuzberg und Treptow eine geheime Telefonverbindung der Filiale 120/A der Organisation Gehlen nach Ost-Berlin zu installieren. Diese „Drahtschleuse“ sollte den immer gefährlicher werdenden Kurierweg ersetzen. Am 11. November besprach Haase mit Busse die von der Organisation Gehlen genehmigte Aktion; am 12. November meldete sich Busse telefonisch beim Staatssekretariat für Staatssicherheit und ließ sich zusichern, dass er als Bürger der DDR eine Stelle als Sprengmeister und bis zu deren Antritt finanzielle Unterstützung erhalten werde. Am 13. November schlug Busse Haase auf Westberliner Gebiet nieder, und eine im Gebüsch versteckte Operativgruppe der Staatssicherheit verschleppte Haase daraufhin nach Ost-Berlin in die Untersuchungshaftanstalt II in der Magdalenenstraße. Haase wurde gezwungen, seiner Frau einen Brief zu schreiben, in dem er sie aufforderte, dem Überbringer des Briefes alle Filialunterlagen auszuhändigen. Busse führte den Auftrag durch und aufgrund dieser Unterlagen verhaftete die Staatssicherheit 23 Agenten der Filiale 120/A.[7] Möglicherweise in der Hoffnung, ihrem Mann helfen zu können, gab Frau Haase nicht nur die Unterlagen der Filiale 120/A heraus, sie machte auch weder gegenüber der Westberliner Polizei noch gegenüber dem Counter Intelligence Corps der Vereinigten Staaten oder der Organisation Gehlen klare Angaben über das Verschwinden ihres Mannes. Erst 48 Stunden, nachdem Haase verschleppt worden war, wurden die gefährdeten nachrichtendienstlichen Verbindungen durch Kuriere oder Telegramme zur Flucht aufgefordert, jedoch zu spät. Trotzdem war der Schaden für die Organisation Gehlen geringer, als er hätte sein können, denn Haase gab in den Verhören nicht preis, dass er zuvor in der Filiale 120/D tätig gewesen war; so wurde keiner der dortigen nachrichtendienstlichen Verbindungen enttarnt.[8]

In der Organisation Gehlen war im November 1953 die „Pannenursache“ (also die Rolle Busses) weitgehend geklärt. Da Haase sein Amt als Filialleiter nur kurz innehatte, konnte er nicht viel über die Agentenrekrutierung preisgeben. Problematisch waren aber seine privaten und dienstlichen Kenntnisse über den „Meldekopf Berlin“. Um ihre Enttarnung zu verhindern, mussten dessen Leiter Helmut Kleikamp und sein Stellvertreter Wilhelm Schreyer abgezogen werden.[9]

Schauprozess

„Blick auf die Anklagebank im Prozeß vor dem Obersten Gericht“ (Neues Deutschland, 19. Dezember 1953)
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Nachdem der Staatssicherheit durch Busses Aktion mit Walter Haase ein Filialleiter der Organisation Gehlen in die Hände gefallen war, wurde ein Schauprozess vorbereitet. Um Haase als Hauptangeklagten wurden sechs weitere Angeklagte gruppiert, die für unterschiedliche Agententypen standen und verschiedene Spionageaktivitäten ausgeführt hatten. Diese Gruppe war ein Konstrukt, allerdings kannten sich die Angeklagten teilweise, und mit dem Gewerbelehrer Siegfried Altkrüger war eine nachrichtendienstliche Verbindung aus Haases Filiale darunter. Im 1. Strafsenat des Obersten Gerichts der DDR amtierte Oberrichter Walter Ziegler als Vorsitzender; Richterin Helene Kleine und Oberrichter Max Möbius waren Beisitzer. Generalstaatsanwalt Ernst Melsheimer und Staatsanwalt Walter Piehl vertraten die Anklage. Haase wurde im Prozess intensiv zu seinem Werdegang als Berufssoldat und seiner Anwerbung durch die Organisation Gehlen befragt. Dabei gelang es Haase, seine Herkunftsfamilie als nationalkonservativ darzustellen und die eigene frühe nationalsozialistische Prägung zu verschweigen. Bei der Anwerbung für die Organisation Gehlen erweckte er den Eindruck, er habe sich von einer Wiederbewaffnung der Bundesrepublik eine bessere berufliche und finanzielle Perspektive versprochen. Das Netzwerk alter Kriegskameraden, und speziell die Verbindung zu Kleikamp, gab er nicht preis. Was Haases eigene kurze Tätigkeit bei der Organisation Gehlen anging, machte das Gericht übertriebene Angaben zur Zahl neu angeworbener Agenten und neu angelegter toter Briefkästen. Aber am schwersten wog der Versuch, eine „Drahtschleuse“ über die Sektorengrenze hinweg einzurichten, bei dem Haase angeblich gefasst worden war, zumal eine US-amerikanische Kabeltrommel vorgeführt wurde.[10] Als Belastungszeuge trat ein Mitarbeiter der Organisation Gehlen auf, der im Februar 1953 nach Ost-Berlin verschleppt und in der Haft „umgedreht“ worden war: der Journalist Wolfgang Höher.[11] Befragt nach dem Aufstand vom 17. Juni 1953, erklärte Haase, die Organisation Gehlen sei davon völlig überrascht worden, und erläuterte: „Wir waren auch nicht an der Durchführung beteiligt. Da wir nach dem 17. Juni 1953 zirka 4 Wochen keinerlei Verbindung mit unseren Agenten in der DDR mehr hatten, wurde uns die Aufgabe gestellt, für eventuelle erneute Vorfälle ähnlich dem 17. Juni eine Nachrichtenübermittlung durch die Agenten unbedingt sicherzustellen. Daher wurde auch mit allem Nachdruck die Legung von Telefonschleusen […] gefordert.“[12]

Wochenschau, Rundfunk und alle Tageszeitungen der DDR berichteten vom 22. bis 24. Dezember 1954 intensiv über den Prozess; auf Betriebsversammlungen wurden Tonaufnahmen aus dem Gerichtssaal abgespielt. Trotzdem verpuffte die Propagandawirkung weitgehend, vermutlich, weil die DDR-Bürger an den Tagen vor Weihnachten mit anderen Themen beschäftigt waren oder weil durch die andauernde Berichterstattung über Westspionage eine Übersättigung eingetreten war.[13] Werner Haase wurde zu lebenslanger Haft verurteilt – in der Urteilsbegründung hieß es: „Seine außerordentliche Aktivität lässt einen so hohen Grad der Gefährlichkeit seiner Verbrechen erkennen, dass im Interesse des Schutzes des Friedens nur seine völlige Isolierung auf Lebenszeit gerechtfertigt ist.“[14]

Haftentlassung

Drei Jahre verbrachte Werner Haase in Haft, zuletzt in der Haftanstalt Bautzen II. Seine Frau und die beiden Kinder lebten währenddessen in prekären finanziellen Verhältnissen in West-Berlin. Dann wurde Haase im Rahmen des ersten deutsch-deutschen Agentenaustausches freigelassen gegen Ule Lammert, den Sohn des Bildhauers Will Lammert, der im Oktober 1955 wegen Spionageverdachts von der US-amerikanischen Militärpolizei verhaftet worden war. Allerdings war das Ermittlungsverfahren gegen Lammert ergebnislos eingestellt worden und dieser konnte ohnehin nicht länger in Haft gehalten werden. Um das Austauschobjekt nicht zu verlieren, nahm ihn die Organisation Gehlen für zwei Tage in Gewahrsam. Am 29. März 1956 passierte Lammert den Grenzübergang nach Ost-Berlin. Aber die Organisation Gehlen musste noch bis Anfang Dezember warten, ehe der Präsident der DDR, Wilhelm Pieck, am 7. Dezember 1956 die Begnadigung Haases unterschrieb. In der Untersuchungshaftanstalt II machte die Staatssicherheit noch einen Versuch, Haase abzuwerben, ehe er am Abend des 10. Dezember in West-Berlin eintraf und zwei Tage später seine Familie in Westdeutschland wiedersah.[15] Während der Hauptangeklagte des Schauprozesses vom Dezember 1953 also dank intensiver Bemühungen der Organisation Gehlen nur drei Jahre seiner lebenslänglichen Zuchthausstrafe verbüßte, verbrachten die in diesem Prozess verurteilten sechs DDR-Bürger zwischen acht und elf Jahre als Strafgefangene; Haases V-Mann Siegfried Altkrüger beispielsweise wurde am 19. August 1964 aus der Haft entlassen.[16]

Weiterer Berufsweg

Der Bundesnachrichtendienst (BND), der am 1. April 1956 aus der Organisation Gehlen hervorgegangen war, finanzierte Haase auf Vorschlag Ebrulf Zubers einen Familienurlaub nach den erlittenen Strapazen. Haase war danach auf eigenen Wunsch für den BND im Befragungswesen tätig. Er leitete ab 1958 die Befragungsstelle Hamburg, wurde 1966 zur Betreuungsstelle Nord versetzt und schied 1971 aus dem BND aus.[17]

Literatur

  • Karl Wilhelm Fricke, Roger Engelmann: Konzentrierte Schläge: Staatssicherheitsaktionen und politische Prozesse in der DDR 1953-1956. Ch. Links, Berlin 1998, ISBN 3-86153-147-X. (PDF)
  • Ronny Heidenreich, Daniela Münkel, Elke Stadelmann-Wenz: Geheimdienstkrieg in Deutschland: Die Konfrontation von DDR-Staatssicherheit und Organisation Gehlen 1953 (= Unabhängige Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte des Bundesnachrichtendienstes 1945–1965, Band 3). Ch. Links, Berlin 2016, ISBN 978-3-86153-922-3.
  • Susanne Muhle: Auftrag: Menschenraub: Entführungen von Westberlinern und Bundesbürgern durch das Ministerium für Staatssicherheit der DDR (= Analysen und Dokumente, Band 42). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2015, ISBN 978-3-647-35116-2.

Anmerkungen

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