Wilfried Feichtinger
österreichischer Gynäkologe und Reproduktionsmediziner
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Wilfried Waldemar Feichtinger (* 19. Oktober 1950 in Wien-Döbling; † 3. Juni 2021 in Perchtoldsdorf) war ein österreichischer Gynäkologe und Reproduktionsmediziner. Er gilt als einer der Pioniere der In-vitro-Fertilisation (IVF) im deutschsprachigen Raum.
Gemeinsam mit Peter Kemeter baute er ab 1979 an der 2. Universitäts-Frauenklinik in Wien ein IVF-Programm nach dem Vorbild von Patrick Steptoe und Robert Edwards auf. Aus diesem Programm ging am 5. August 1982 mit Zlatan Jovanovic das erste in Österreich durch IVF gezeugte Kind hervor; im November 1982 folgten im Wiener Rudolfinerhaus die ersten europäischen IVF-Zwillinge. Noch im selben Monat eröffneten Feichtinger und Kemeter in Wien eine der ersten ambulanten IVF-Einrichtungen weltweit.
1984 entwickelte Feichtinger mit Kemeter und der Firma Kretztechnik die ultraschallgesteuerte transvaginale Follikelpunktion, die international zum Standardverfahren der Eizellentnahme wurde. Im selben Jahr gelang den beiden zudem die erste Schwangerschaft nach Eizellspende im deutschsprachigen Raum, 1986 die erste österreichische Geburt nach Kryokonservierung eines Embryos. 2005 folgte – gemeinsam mit dem Genetiker Markus Hengstschläger – die erste Präimplantationsdiagnostik in Österreich.
Das daraus hervorgegangene Institut – seit etwa 2013 Wunschbaby Institut Feichtinger – leitete er bis 2018, ehe sein Sohn Michael die Leitung übernahm. Nach Institutsangaben kamen bis zum 40-jährigen Bestehen im Jahr 2023 mehr als 20.000 Kinder mit Hilfe des Instituts zur Welt.
Feichtinger starb 2021 im Alter von 70 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung.
Herkunft und Ausbildung
Feichtinger wuchs in Wien-Döbling als Sohn einer aus Russland emigrierten Mutter und eines aus Mistelbach stammenden Vaters auf.[1] Sein Vater Friedrich Feichtinger (1920–2011) hatte Welthandel studiert und arbeitete als Buchhalter.[2]
Von seiner Großmutter mütterlicherseits erlernte er in der Kindheit Russisch in Wort und Schrift und wuchs zweisprachig auf. Von 1957 bis 1961 besuchte er die Volksschule in der Leopoldstadt, anschließend von 1961 bis 1969 das Gymnasium Hagenmüllergasse im 3. Wiener Gemeindebezirk, wo er am 10. Juni 1969 maturierte.[2]
Im Herbst 1969 begann er ein Medizinstudium an der Universität Wien, das er am 16. Mai 1975 mit der Promotion zum Doktor der gesamten Heilkunde abschloss.[3] Anschließend arbeitete er von 1975 bis 1977 als Turnusarzt im Krankenhaus Baden.[4]
Medizinische Laufbahn
| Zeitraum | Adresse | Leitung | Institutsbezeichnung |
|---|---|---|---|
| 1982–1984 | Hadikgasse 76, 14. Bezirk (Penzing) | Feichtinger & Kemeter | ARGE „Extrakorporale Fertilisierung und Sterilitätsdiagnostik“ |
| 1984–1990 | Trauttmansdorffgasse 3A, 13. Bezirk (Hietzing) | Feichtinger & Kemeter | Institut für Endokrinologie der Fortpflanzung und In-vitro-Fertilisierung (später: Institut für Sterilitätsbetreuung) |
| 1991–1999 | Trauttmansdorffgasse 3A, 13. Bezirk (Hietzing) | Feichtinger | Institut für Sterilitätsbetreuung |
| 2000–heute | Lainzer Straße 6, 13. Bezirk (Hietzing) | Feichtinger (bis 2018), danach Michael Feichtinger | Wunschbaby-Zentrum, Institut für Kinderwunsch (ab ca. 2013: Wunschbaby Institut Feichtinger – WIF) |
Zweite Universitäts-Frauenklinik (1977–1983)

Facharztausbildung
Im September 1977 begann Feichtinger seine Facharztausbildung zum Gynäkologen an der 2. Universitäts-Frauenklinik (2. UFK)[5][6] am Allgemeinen Krankenhaus (AKH) Wien unter Hugo Husslein (1908–1985).[7] Dieser hatte die Klinik von 1964 bis 1979 geleitet und ab etwa 1970 die Fortpflanzungsmedizin zu einem zentralen Forschungsschwerpunkt gemacht.[8] Nach Hussleins Emeritierung 1979 setzte Feichtinger seine Ausbildung zunächst unter Alfred Kratochwil (1928–2022)[9] und später unter Herbert Janisch (1927–2010)[10] fort.
Ein zentraler Bestandteil seiner Ausbildung war die turnusmäßige Mitarbeit in der Hormon- und Sterilitäts-Ambulanz, die von den Oberärzten Florian Friedrich (* 1937) und Peter Kemeter (* 1941) geleitet wurde.[11][12]
Aufbau des IVF-Programms (1979–1983)
Am 25. Juli 1978 gelang den britischen Medizinern Patrick Steptoe und Robert Edwards mit der Geburt von Louise Joy Brown erstmals eine Befruchtung außerhalb des Körpers (in vitro), auch In-vitro-Fertilisation genannt. Der Erfolg gab auch in Österreich der Forschung zur Reproduktionsmedizin neue Impulse.
Im Jänner 1979 reiste Feichtinger – damals Universitätsassistent an der 2. UFK – nach London, wo das Verfahren bei einem Fachvortrag vorgestellt wurde.[13] Zurück in Wien erhielt er von Klinikleiter Hugo Husslein die Zustimmung, beim Forschungsförderungsfonds (FFF) einen Antrag auf Aufbau eines IVF-Programms nach britischem Vorbild zu stellen.[1][14] Mit den bewilligten Mitteln stellte er ein Team zusammen, das er bis 1982 leitete; sein wissenschaftlicher Schwerpunkt verlagerte sich auf IVF, Embryotransfer und hormonelle Zyklussteuerung (gynäkologische Endokrinologie).[13]
Im April 1983 verließ Feichtinger die 2. UFK, nachdem die Fortführung des IVF-Programms anderen Kollegen übertragen worden war.[11][15]
Erste IVF-Geburt in Österreich (1982)
1980 gelang dem Team der 2. Universitäts-Frauenklinik – Alfred Kratochwil, Adolf Beck, Wilfried Feichtinger, Stefan Szalay und Peter Kemeter – die erste IVF-Schwangerschaft in Österreich, die jedoch in der achten Woche mit einer Fehlgeburt endete.[16] Ein zweiwöchiger Studienaufenthalt von Feichtinger und Szalay beim IVF-Pionier Alex Lopata in Melbourne im Oktober 1980 führte schließlich zum ersten erfolgreichen Embryotransfer.[13]
Am 22. Oktober 1981 gelang Feichtinger, Kemeter und Szalay an der 2. UFK die erste erfolgreiche IVF-Behandlung Österreichs. Aus dieser ging am 5. August 1982 Zlatan Jovanovic hervor – das erste in Österreich durch IVF gezeugte Kind.[17] Österreich war damit das sechste Land weltweit, in dem auf diese Weise ein Kind geboren wurde.[8][18]
Feichtinger rückblickend zur Anfangszeit der IVF:
„Zurück in Wien erhielt ich die Zustimmung, alle notwendigen Schritte einzuleiten, um an der 2. Frauenklinik dieses Projekt zu starten. Damals waren die Informationen noch sehr spärlich, die medizinische Industrie war noch nicht auf die Herstellung der notwendigen Materialien eingestellt und wir mussten uns sehr viel selbst zusammenstellen. So ist es nicht verwunderlich, dass wir im ersten Jahr noch keinen Erfolg hatten. Die erste Schwangerschaft 1980 ging leider durch eine Fehlgeburt zugrunde und erst 1981 kam der große Durchbruch. Nach kurzen Studienaufenthalten in England und Australien, wo ich mir gemeinsam mit meinen Kollegen Dr. Kemeter, Dr. Szalay und Dr. Beck die letzten Details abschauen konnte, gelangen uns die ersten erfolgreichen Schwangerschaften in Serie.“
Erste IVF-Zwillinge in Europa (1982)
Am 10. November 1982 kamen in der Wiener Privatklinik Rudolfinerhaus die ersten durch IVF geborenen Zwillinge Österreichs – und zugleich Europas – zur Welt: zwei gesunde Mädchen. Auch diese Geburt wurde von Feichtinger, Kemeter und Szalay betreut.[8]
Ambulante IVF-Praxis Hadikgasse (1982–1984)

15 Tage nach der Zwillingsgeburt im Rudolfinerhaus gründeten Feichtinger und Kemeter am 25. November 1982 in der Hadikgasse 76 im 14. Wiener Gemeindebezirk (Penzing) die Arbeitsgemeinschaft (ARGE) Extrakorporale Fertilisierung und Sterilitätsdiagnostik. Sie selbst bezeichneten die Einrichtung als weltweit erste ambulante IVF-Praxis; eine unabhängige Bestätigung dieser Einordnung liegt nicht vor.[11][15]
Erster internationaler IVF-Kongress in Wien (1983)
Vom 22. bis 24. Juni 1983 organisierten Feichtinger und Kemeter in der Wiener Hofburg den ersten internationalen Kongress zur In-vitro-Fertilisation. Die Tagung zog rund 360 Fachteilnehmer aus dem In- und Ausland an. Neben Fachvorträgen sowie ethischen und rechtlichen Diskussionen umfasste das Programm ein praktisches Seminar mit 80 Teilnehmenden und zehn Kinderwunschpaaren im Rudolfinerhaus.[20][15]
Die frühen Behandlungserfolge der Wiener IVF-Praxis fanden international Beachtung. Zahlreiche Berichte führten zu einem Zustrom ausländischer Patientinnen – vor allem aus Deutschland, Israel, Italien, den Niederlanden, Griechenland, Frankreich und der Schweiz. Der Standort in der Hadikgasse 76 stieß dadurch bald an seine Kapazitätsgrenzen. Von den ersten 200 dokumentierten Patientinnen (1982–1984) stammten 105 aus Österreich und 95 aus dem Ausland.[21]
| Herkunftsland | Patientinnen |
|---|---|
| Österreich | 105 |
| Deutschland | 51 |
| Israel | 11 |
| Italien | 8 |
| Niederlande | 6 |
| Griechenland | 5 |
| Frankreich | 4 |
| Schweiz | 2 |
| Äthiopien | 2 |
| USA | 1 |
| Nigeria | 1 |
| Finnland | 1 |
| Spanien | 1 |
| Jugoslawien | 1 |
| Kanada | 1 |
| Gesamt | 200 |
Institut Trauttmansdorffgasse (1984–1999)

Am 29. Dezember 1984 gründeten die beiden eine Offene Handelsgesellschaft (OHG) unter dem Namen Dr. Feichtinger & Dr. Kemeter, Institut für Endokrinologie der Fortpflanzung und In-vitro-Fertilisierung. Später firmierte sie als Dr. Feichtinger & Dr. Kemeter, Institut für Sterilitätsbetreuung. Die Praxis übersiedelte in eine nahegelegene Villa in der Trauttmansdorffgasse 3A im Zentrum des 13. Wiener Gemeindebezirks (Ortsteil Alt-Hietzing).
In dieser Zeit wechselten sich Feichtinger und Kemeter bei der Betreuung ihrer Patientinnen wöchentlich ab.
„Deshalb beschlossen wir bald, uns die Arbeit aufzuteilen und wechselten uns von da an, was die gesamte IVF-Behandlung betrifft, wöchentlich ab. So hatte jeder von uns jede zweite Woche frei für andere Tätigkeiten, z.B. für wissenschaftliche Arbeiten. Dieses System hat dann bis zum Schluß ausgezeichnet funktioniert.“
Das Institut zog in den folgenden Jahren Studierende und Fachleute aus IVF-Zentren weltweit an.[15]
Habilitation in Reproduktionsmedizin (1986)
1986 habilitierte sich Feichtinger an der Universität Wien im Fach Reproduktionsmedizin. Das Verfahren gestaltete sich schwierig, da er nicht mehr an der Universität Wien tätig war und die Vorstände der beiden zuständigen Universitäts-Frauenkliniken seinem Antrag ablehnend gegenüberstanden. Insbesondere Eduard Gitsch (1920–2013), Vorstand der 1. Universitäts-Frauenklinik (1. UFK), bezweifelte, dass die In-vitro-Fertilisation als eigenständiges wissenschaftliches Fachgebiet gelten könne. Nach einer ersten Ablehnung wurde sie schließlich in einem zweiten Verfahren am 7. Oktober 1986 angenommen, gestützt auf positive Gutachten internationaler IVF-Pioniere wie des späteren Nobelpreisträgers Robert Edwards.[22][23][15]
Im Jänner 1991 schied Peter Kemeter zunächst aus dem gemeinsamen Institut für Sterilitätsbetreuung aus und gründete in der Hadikgasse 82 (Penzing) ein eigenes Kinderwunsch-Institut.[8][15] Feichtinger leitete das Institut fortan allein und war dort bis Ende 1999 tätig.
Wunschbaby Institut Feichtinger (ab 2000)

Nachdem die Stadt Wien die behördliche Bewilligung erteilt hatte, übersiedelte das Institut am 22. Februar 2000 an seinen heutigen Standort in der Lainzer Straße 6 in Hietzing.[24]
2001 zog Feichtinger in einem Interview eine Zwischenbilanz: Durch die Arbeit seines Teams – zunächst an der Universitäts-Frauenklinik, später am eigenen Institut – seien bis dahin über 3.000 Kinder durch künstliche Befruchtung gezeugt worden.[23][25]
2002 erfolgte die Umbenennung des Instituts für Sterilitätsbetreuung in Wunschbaby-Zentrum, Institut für Kinderwunsch, da der Begriff „Sterilität“ häufig irrtümlich mit „Sterilisation“ assoziiert wurde.[26]
2008 kehrte Peter Kemeter zurück und übernahm die Leitung der Abteilung für Samenspende am Wunschbaby-Zentrum. Dabei wurde die Samenbank organisatorisch ausgegliedert und an die Vorgaben des Fortpflanzungsmedizingesetzes (FMedG) angepasst, das für Spendersamen eine Aufbewahrungsfrist von 30 Jahren ab Behandlung vorsieht (§ 15 FMedG).[3]
Etwa 2013 erhielt das Institut seinen heutigen Namen Wunschbaby Institut Feichtinger (WIF).
Im Sommer 2017 ging das Institut eine Kooperation mit der neu gegründeten IVF-Klinik Kinderwunsch im Zentrum in Tulln an der Donau ein[27][28][29] und erwarb 30 % der Anteile an der betreibenden Kinderwunsch im Zentrum GmbH,[30] die von Kathrin und Michael Sator geleitet wird.
Im Mai 2018 übergab Feichtinger die Leitung des Instituts an seinen Sohn Michael Feichtinger, der bereits seit einigen Monaten stellvertretender Leiter gewesen war.[31][32]
Eröffnung des Standorts Baden (2018)

Im Juli 2018 eröffnete das Wunschbaby Institut Feichtinger einen zweiten Standort in der Roseggerstraße 4 in Baden bei Wien: das Wunschbaby Institut Feichtinger Niederösterreich.[33]
Wissenschaftliche Arbeit
Transvaginale Follikelpunktion (ab 1984)
1984 entwickelten Feichtinger und Kemeter zusammen mit der oberösterreichischen Firma Kretztechnik AG[34][35] einen Ultraschallgerät-Prototypen, der erstmals eine ultraschallgesteuerte transvaginale Follikel-Punktion zur Eizellenentnahme ermöglichte.[36][22] Damit konnten die Eizellen durch die Scheide entnommen werden – anstelle des bis dahin üblichen laparoskopischen Zugang durch die Bauchdecke (Bauchspiegelung).[37] Das Verfahren machte die IVF erstmals ambulant möglich, ohne stationären Aufenthalt;[16] es setzte sich international durch und wurde zum Standardverfahren der Reproduktionsmedizin.
Bei der transvaginalen Follikelpunktion wird unter Ultraschallkontrolle eine dünne Hohlnadel (Kanüle) durch die Scheidenwand in den Eierstock eingeführt. Die Follikelflüssigkeit wird aus den Eibläschen (Follikeln) abgesaugt, um die darin enthaltenen Eizellen für die künstliche Befruchtung zu gewinnen. Der Eingriff erfolgt in der Regel unter Sedierung oder Vollnarkose.
Erste Schwangerschaft nach Eizellspende (1984)
1984 erzielten Feichtinger und Kemeter die erste erfolgreiche Schwangerschaft nach einer Eizellspende im deutschsprachigen Raum.[38] Am 11. April 1986 berichtete die Medical Tribune über die Behandlung einer Patientin, der zuvor beide Eierstöcke entfernt worden waren (Ovarektomie).[15] Da ihre Gebärmutter erhalten geblieben war, konnte ihr im Rahmen einer IVF eine von einer anderen Patientin gespendete, befruchtete Eizelle übertragen werden. Peter Kemeter präsentierte den Fall bei einer gynäkologischen Fortbildungsveranstaltung an der Münchner Frauenklinik vor über 200 Fachärzten.
Rechtslage in Österreich
Zum Zeitpunkt dieser ersten Eizellspende war das Verfahren in Österreich gesetzlich nicht geregelt. Mit Inkrafttreten des Fortpflanzungsmedizingesetzes (FMedG) 1992 wurde es ausdrücklich verboten (§ 3 FMedG).[39][40] Während dieses Verbots (1992–2015) ließen zahlreiche Paare entsprechende Behandlungen im Ausland durchführen, etwa in Tschechien oder Spanien.[41] Das Fortpflanzungsmedizinrechts-Änderungsgesetz (FMedRÄG) von 2015 erlaubte die Eizellspende schließlich unter klar definierten Voraussetzungen (§ 3 Abs. 3 FMedG).[42][43] Personen, die durch Eizellspende gezeugt wurden, haben nach Vollendung des 14. Lebensjahres ein Recht auf Auskunft über die Identität der Spenderin (§ 20 FMedG); für Behandlungen vor 1992 besteht eine eingeschränkte Auskunftslage.
Erste Geburt nach Embryonenkryokonservierung (1986)
1986 gelang Feichtinger und Kemeter in Österreich die erste Geburt eines Kindes aus einem zuvor eingefrorenen Embryo.[44][15] Die Kryokonservierung – das Einfrieren und spätere Auftauen von Embryonen – ermöglicht es, nicht unmittelbar verwendete Embryonen für spätere Transfers aufzubewahren, und zählt heute zum Standard der Reproduktionsmedizin. Sie wurde später durch das ultraschnelle Gefrierverfahren der Vitrifikation weiter verbessert, bei dem das Zellmaterial in flüssigen Stickstoff (−196 °C) überführt und in einen glasartigen (amorphen) Zustand versetzt wird.
Rechtslage in Österreich
Die Kryokonservierung wird vielfältig eingesetzt, etwa zur Erhaltung der Fruchtbarkeit vor medizinischen Eingriffen wie einer Chemo- oder Strahlentherapie (Medical Freezing) oder zur vorsorglichen Einlagerung unbefruchteter Eizellen ohne medizinische Indikation (Social Freezing). In Österreich war bislang ausschließlich das Medical Freezing – also die Konservierung aus medizinischer Indikation – gesetzlich erlaubt.
Zum Zeitpunkt der ersten erfolgreichen Kryokonservierung von Embryonen gab es in Österreich noch keine gesetzliche Grundlage für deren Lagerung. Erst mit dem Fortpflanzungsmedizingesetz von 1992 wurde die Aufbewahrung sogenannter „entwicklungsfähiger Zellen“ gesetzlich geregelt und auf ein Jahr begrenzt (§ 17 FMedG).[39] Mit der Novelle des FMedG im Jahr 2004 wurde die Kryokonservierung auch bei medizinischer Indikation ausdrücklich erlaubt und die maximale Aufbewahrungsdauer auf zehn Jahre verlängert (§ 17 Abs. 1 FMedG).[45][46]
Am 21. Oktober 2025 hob der Verfassungsgerichtshof (VfGH) das in § 2b Abs. 1 FMedG[47] enthaltene Verbot des sogenannten „Social Egg Freezing“ als verfassungswidrig auf.[48][49] Die Aufhebung tritt am 1. April 2027 in Kraft; bis dahin bleibt Social Freezing in Österreich weiterhin untersagt.
Lasergestützte „Schlüpfhilfe“ (1990)
1990 führte Feichtinger die lasergestützte „Schlüpfhilfe“ (Assisted Hatching) ein. Dabei wird die äußere Hülle des Embryos, die Zona pellucida, mithilfe eines speziell entwickelten Erbium-YAG-Lasers angeritzt. Dieser Laser arbeitet im Infrarotbereich und ermöglicht präzise, gewebeschonende Eingriffe. Das Verfahren erleichtert die Einnistung des Embryos in die Gebärmutterschleimhaut, meist im Blastozystenstadium. Das Lasergerät wurde von Feichtinger gemeinsam mit der Firma LISA Laser entwickelt.[50]
Weiterentwicklung Ultraschallverfahren (2000)
Im Jahr 2000 entwickelte Feichtinger das Ultraschallverfahren weiter, sodass erstmals eine Live-3D-Darstellung reifer Eizellen möglich wurde.[11][15]
Erste Präimplantationsdiagnostik in Österreich (2005)
Im Juli 2005 gelang Feichtinger gemeinsam mit dem Genetiker Markus Hengstschläger die erste erfolgreiche Präimplantationsdiagnostik (PID) in Österreich.[51][52] Dabei kam ein von Feichtinger mitentwickelter Laser zum Einsatz, mit dem der Polkörper der Eizelle abgetrennt und auf Gendefekte untersucht wurde. Bei der Polkörperdiagnostik werden die bei der Eizellreifung abgespaltenen Polkörper analysiert; daraus lässt sich indirekt auf die mütterliche Erbinformation in der Eizelle schließen. Sie wird im Rahmen einer intrazytoplasmatischen Spermieninjektion (ICSI) angewendet, um genetisch belastete Eizellen vor der Einnistung auszuschließen.[53]
Rechtslage in Österreich
Wie bei der Eizellspende und der Kryokonservierung war auch die PID zum damaligen Zeitpunkt rechtlich nicht ausdrücklich geregelt, weshalb ihre Zulässigkeit umstritten war. Erst mit dem Fortpflanzungsmedizinrechts-Änderungsgesetz (FMedRÄG) von 2015 wurde die PID unter klar definierten Voraussetzungen erlaubt, etwa bei schwerer genetischer Belastung eines oder beider Elternteile oder zur Vermeidung schwerer Erbkrankheiten beim Kind (§ 2a FMedG).[54][42]
Kontroversen
Disziplinarverfahren wegen Plakatkampagne (1999–2002)
1999 initiierte die von Feichtinger und seiner Ehefrau geführte Gesellschaft Dr. W. F. GesmbH eine Plakataktion, um auf die bevorstehende Übersiedlung des Instituts für Sterilitätsbetreuung in die Lainzer Straße aufmerksam zu machen. Über einen Zeitraum von einem Monat wurden 805 Plakate in mehreren Städten Ostösterreichs affichiert; die Sujets zeigten Feichtingers schwangere Ehefrau – die zugleich für Planung und Durchführung der Kampagne verantwortlich war – mit einem Straußenei in der Hand.[13]
Die Aktion erregte öffentliches Aufsehen und führte zur Einleitung eines Disziplinarverfahrens durch die Ärztekammer.[55] Die Disziplinarkommission verhängte wegen aufdringlicher Werbung eine bedingte Geldstrafe, die von der Berufungskommission bestätigt wurde. Feichtinger bekämpfte die Entscheidung erfolglos vor dem Verfassungsgerichtshof. In seinem Erkenntnis vom 24. September 2002[56] stellte der VfGH fest, dass es sich bei den Plakaten nicht um sachliche Information, sondern um kommerzielle Werbung handle. Die disziplinarrechtliche Verantwortlichkeit Feichtingers als ärztlicher Leiter der Aktion wurde verfassungsrechtlich nicht beanstandet.
Todesfall nach Follikelpunktion in Baden (2020)
Am 3. Juni 2020 kam es im Wunschbaby Institut Feichtinger Niederösterreich in Baden bei drei Patientinnen zwischen 31 und 35 Jahren[57][58] nach Follikelpunktionen unter Vollnarkose zu schweren Komplikationen. Alle drei Frauen entwickelten innerhalb eines Tages Kreislaufprobleme und mussten intensivmedizinisch betreut werden. Eine 32-jährige Patientin verstarb am 5. Juni 2020[59][60] an Multiorganversagen nach septischem Schock infolge einer Keimkontamination. Diese war auf die unsachgemäße Lagerung und Wiederverwendung des Narkosemittels Propofol durch den behandelnden Anästhesisten zurückzuführen. Die beiden anderen Frauen fielen ins Koma,[61] erholten sich aber nach längerer Krankenhausbehandlung – sie hatten eine geringere Menge des kontaminierten Narkosemittels erhalten.
Die Ermittlungen richteten sich zunächst gegen Unbekannt, später konkret gegen den Anästhesisten. Dieser hatte eine bereits geöffnete Propofol-Flasche unsachgemäß in seinem privaten Kühlschrank gelagert und erneut verwendet; in der Flasche hatten sich Keime gebildet, die die Infektionen verursachten. Der Arzt gestand den schweren Behandlungsfehler[62] und wurde am 11. August 2022 in zweiter Instanz wegen grob fahrlässiger Tötung und schwerer Körperverletzung zu 16 Monaten Freiheitsstrafe verurteilt, davon fünf Monate unbedingt und elf Monate bedingt.[63][64]
Die damalige Leiterin des Wunschbaby Instituts in Baden zeigte sich tief betroffen und leitete interne Untersuchungen ein. Nach Angaben der Klinikleitung ergaben diese, dass die Eingriffe im Institut fachgerecht durchgeführt worden waren. In der Folge wurden für mehrere Wochen keine Follikelpunktionen mehr vorgenommen.[61][62]
Wirken im Ausland
Während seiner Facharztausbildung an der 2. UFK war Feichtinger im Rahmen eines Forschungsprojekts zur Einführung des österreichischen Mutter-Kind-Passes mehrere Wochen in Lomé in Togo (Westafrika) tätig.[2][3]
Von 1990 bis 1992 wirkte er im Auftrag des österreichischen Bundeskanzleramts an einer wissenschaftlichen Kooperation mit dem sowjetischen Gesundheitsministerium sowie dem Forschungszentrum für Mutter- und Kindergesundheit in Moskau mit.
1991 gründete er gemeinsam mit seiner Frau und dem ungarisch-amerikanischen Arzt Steven G. Kaáli[65] die ungarische Kinderwunschklinik Kaáli Intézet (Kaáli-Institut) in Budapest. Weitere Niederlassungen folgten in Szeged (1997), Győr (1999) und Debrecen (2003). Feichtinger war am Aufbau dieser Zentren beteiligt und führte dort IVF-Technologien ein. Für seine Verdienste wurde ihm 2006 das Ritterkreuz des Verdienstordens der Republik Ungarn verliehen.[4] Aus wirtschaftlichen Gründen verkaufte er 2008 seine Anteile und zog sich aus dem Klinikverbund zurück.
Feichtinger nahm an internationalen Fachkongressen teil und pflegte Kontakte zu Reproduktionsmedizinern im Ausland. Mehrfach reiste er zu zwei Zentren in Russland, wo er Patientinnen vor Ort betreute und auf IVF-Behandlungen in Wien vorbereitete. Feichtinger sprach neben seiner Muttersprache Deutsch fließend Russisch, Italienisch, Französisch und Englisch.[66]
Gesellschaftliche Positionen und öffentliches Auftreten
Feichtinger bezog in Interviews, Pressekonferenzen, Fernsehauftritten und Sachbüchern wiederholt Stellung zu fachlichen, rechtlichen und gesellschaftspolitischen Fragen der Reproduktionsmedizin. Der Kritik der katholischen Kirche an der IVF trat er entgegen und bezeichnete sie als „rückwärtsorientiert“.[67]
2012 war er Präsident der Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin und Endokrinologie (ÖGRM) in Wien.[68] 2013 debattierte er im Magazin profil mit Peter Husslein, dem damaligen Vorstand der Universitätsklinik für Frauenheilkunde der Medizinischen Universität Wien und Sohn seines früheren Ausbildners Hugo Husslein, über die Kaiserschnittrate in Österreich. Feichtinger plädierte dabei für deren Senkung und verwies auf einen aus seiner klinischen Erfahrung abgeleiteten Zusammenhang zwischen Kaiserschnitt und sekundärer Unfruchtbarkeit.[69]
Im Vorfeld der Novellierung des Fortpflanzungsmedizingesetzes (2015) sprach er sich für eine Liberalisierung der gesetzlichen Rahmenbedingungen aus, darunter eine Ausweitung der Möglichkeiten zur Präimplantationsdiagnostik.[68]
Privatleben und Tod
Seit 1990 lebte Feichtinger mit seiner Familie in Perchtoldsdorf bei Wien.[70] Zu seinen Hobbys zählten die Jagd in Prigglitz, wo er Präsident des örtlichen Jagdvereins war, sowie das Singen: Neben Wienerliedern widmete er sich später dem Operngesang und absolvierte eine entsprechende Ausbildung; mit beidem trat er gelegentlich in Heurigenlokalen auf.[66]
In der Nähe des Semmerings betrieb Feichtinger eine kleine Landwirtschaft, auf der er mit seiner Familie viel Zeit verbrachte und gerne kochte – vor allem russische Küche.[2]
Den Kontakt zu Zlatan Jovanovic, dem ersten österreichischen IVF-Kind, hielt er über Jahrzehnte aufrecht.[71]
Er war Mitglied der Österreichisch-Russischen Freundschaftsgesellschaft und konvertierte gegen Ende seines Lebens zum russisch-orthodoxen Glauben.[3]

Feichtinger erlag am 3. Juni 2021 im Alter von 70 Jahren einer Krebserkrankung.[72][73][3] Er hinterließ seine Frau Brigitte, sieben Kinder und ebenso viele Enkelkinder.[1] Sein Grab befindet sich auf dem Perchtoldsdorfer Friedhof (Gruppe 11, Nummer 8).[74]
Nachwirkung
Nach Feichtingers Tod im Jahr 2021 wurde das Institut unter der Leitung seines Sohnes Michael fortgeführt.
Anlässlich des 40-jährigen Bestehens im November 2023 gab die Einrichtung bekannt, dass seit der Gründung mehr als 20.000 Kinder mit Hilfe des Instituts zur Welt gekommen seien.[75]
2025 wurde der Standort in Wien nach einer mehrmonatigen Kernsanierung mit einem erweiterten Embryologie- und Genetiklabor wiedereröffnet.[76] Im selben Jahr expandierte das Unternehmen mit der Eröffnung des Wunschbaby Hubs in St. Pölten als regionaler Außenstelle.[77]
Auszeichnungen
- 1991: Verleihung des Titels außerordentlicher Universitätsprofessor[4]
- 1996: „Goldene Schubertnadel“ des Wiener Schubertbundes
- 1997: Ehrenmitgliedschaft der Ungarischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe
- 2005: Silbernes Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien[78]
- 2006: Ritterkreuz des Verdienstordens der Republik Ungarn
Ausgewählte Publikationen
Monografien
- W. Feichtinger, E. Stanzl: Kinderwunsch und Lebensplan: Chancen und Grenzen der Reproduktionsmedizin: Ein Ratgeber. Orac, Wien 2018, ISBN 978-3-7015-0607-1.
- W. Feichtinger, E. Stanzl: Die Unfruchtbarkeitsfalle: Wie es dazu kommen kann, dass man den Zug verpasst. Orac, Wien 2009, ISBN 978-3-7015-0520-3.
- W. Feichtinger, G. Reiger: Die Wunschkind-Diät: Junge oder Mädchen. Orac, Wien/München/Zürich 1991, ISBN 3-7015-0237-4.
Herausgeberschaft
- W. Feichtinger, P. Kemeter (Hrsg.): Future Aspects in Human In Vitro Fertilization. Springer, Berlin/Heidelberg 1987, ISBN 3-642-71412-9. doi:10.1007/978-3-642-71412-2
Fachartikel
- W. Feichtinger, S. Szalay, P. Kemeter, A. Beck, H. Janisch: In vitro Fertilisierung menschlicher Eizellen sowie Embryotransfer – Erste Ergebnisse an der II. Universitäts‑Frauenklinik Wien. In: Geburtshilfe und Frauenheilkunde. Band 41, Nr. 7, 1981, S. 482–489. doi:10.1055/s-2008-1037288 PMID 6911088.
- W. Feichtinger, S. Szalay, P. Kemeter, A. Beck, H. Janisch: Zwillingsschwangerschaft nach laparoskopischer Eizellgewinnung, In-vitro-Fertilisierung und Embryotransfer. In: Geburtshilfe und Frauenheilkunde. Band 42, Nr. 3, 1982, S. 197–199. doi:10.1055/s-2008-1037262 PMID 6210599.
- W. Feichtinger, P. Kemeter, S. Szalay: The Vienna program of in vitro fertilization and embryo-transfer – a successful clinical treatment. In: European Journal of Obstetrics & Gynecology and Reproductive Biology. Band 15, Nr. 2, 1983, S. 63–70. doi:10.1016/0028-2243(83)90174-0 PMID 6409685.
- W. Feichtinger, P. Kemeter, S. Szalay: Organization and computerized analysis of in vitro fertilization and embryo transfer programs. In: Journal of Assisted Reproduction and Genetics. Band 1, Nr. 1, 1984, S. 34–41. doi:10.1007/BF01129618 PMID 6242160.
- P. Kemeter, W. Feichtinger, E. Bernat: The Willingness of Infertile Women to Donate Eggs. In: W. Feichtinger, P. Kemeter (Hrsg.): Future Aspects in Human In Vitro Fertilization. Springer, Berlin/Heidelberg 1987, S. 145–153. doi:10.1007/978-3-642-71412-2_22
- W. Feichtinger, I. Benkö, P. Kemeter: Freezing Human Oocytes Using Rapid Techniques. In: W. Feichtinger, P. Kemeter (Hrsg.): Future Aspects in Human In Vitro Fertilization. Springer-Verlag, Berlin/Heidelberg 1987, S. 121–130. doi:10.1007/978-3-642-71412-2_15
- W. Feichtinger: Preimplantation Diagnosis (PGD) – A European Clinician’s Point of View. In: Journal of Assisted Reproduction and Genetics. Band 21, Nr. 1, 2004, S. 15–17. doi:10.1023/B:JARG.0000017229.75316.35 PMID 15098818, PMC 3468238 (freier Volltext).
Beiträge in Sammelbänden
- W. Feichtinger, P. Kemeter: Über die In‑vitro‑Fertilisierung. In: E. Bernat (Hrsg.): Lebensbeginn durch Menschenhand: Probleme künstlicher Befruchtungstechnologien aus medizinischer, ethischer und juristischer Sicht. Leykam, Graz 1985, ISBN 3-7011-8956-0, S. 59–71.
Weblinks
- Wunschbaby Institut Feichtinger
- Wissenschaftliche Publikationen von Wilfried Feichtinger auf dem Dokumentenserver Researchgate
- Literatur von und über Wilfried Feichtinger im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Lebenslauf Dr. Wilfried Feichtinger ( vom 21. September 2008 im Internet Archive)
- Peter Kemeter: In Memoriam Prof. Wilfried Feichtinger (PDF)