Willy Leuzinger
Schweizer Kinopionier und Filmemacher
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Willy Leuzinger (* 4. Mai 1878 in Rapperswil SG; † 5. September 1935 ebenda) war ein Kinopionier, der in der Ost- und Zentralschweiz ein Wanderkino betrieb und dafür Kurzfilme von lokalen Ereignissen drehte. Ausserdem gründete er mehrere Kinos, die teilweise heute noch existieren.
Leben
Nach der Schule machte Willy Leuzinger in Rapperswil eine Mechanikerlehre. Mit seiner Frau Mathilde Hofer, die er 1899 heiratete, hatte er die vier Kinder Mathilde, Wilhelm, Anna und Martha Leuzinger. 1901 wurde er Gastwirt in Rapperswil. Leuzinger engagierte sich als ehemaliger aktiver Kunstturner in der Turnbewegung. Der in Rapperswil ansässigen Zirkusfamilie Knie war er freundschaftlich verbunden.
Nach seinem Tod 1935 führte die älteste Tochter Mathilde Leuzinger das Unternehmen während über vierzig Jahren weiter. Willys Frau Mathilde Leuzinger-Hofer und die jüngeren Töchter Anna Regli-Leuzinger und Martha Strickler-Leuzinger arbeiteten mit ihren Ehemännern ebenfalls im Kinobetrieb mit. 1980 übernahm die Tochter von Martha, Marianne Hegi-Strickler, die Geschäftsleitung des Unternehmens.
Wirken
Willy Leuzinger kaufte 1905 das Gasthaus Zum Hecht in Rapperswil, wo er ein Jahr später mit Filmabenden begann. 1910 wurde daraus ein Kinotheater, das 1913 in den Gasthof Schwanen umzog. 1926 kehrte es in den Hecht zurück, der zum Schloss-Kino umgebaut worden war. Neben Rapperswil betrieb Leuzinger Kinotheater in Wädenswil (1912–1914), Rüti ZH (1918), Buchs SG (ab 1921) und ab 1925 in Altdorf UR.
Von 1919 bis zu seinem Tod betrieb Leuzinger zudem ein Wanderkino, mit denen er v. a. in der Zentral- und Nordostschweiz unterwegs war. Zwischen 1913 und 1930 waren zwei Kinozelte mit 300 bzw. 600 Plätzen im Einsatz. Die Zelte und die Projektionskabinen wurden mit der Bahn von Ort zu Ort transportiert. Gezeigt wurden Spielfilme mit Beiprogramm. Belegt ist zudem, dass Leuzingers Tochter Martha zwischen März 1929 und Mai 1931 eine grossen Saaltournee mit dem Monumentalfilm Ben Hur von Fred Niblo von 1925 unternahm und dabei an mindestens 110 Spielorten Halt machte.[1]
Das Unternehmen hiess zuerst National-Cinema W. Leuzinger, 1925–1931 Cinema W. Leuzinger und später Leuzinger’s Tonfilmcinema. Das Wanderkino wurde nach dem Tod von Willy Leuzinger bis 1942 weitergeführt.
Die Vorführung der Filme wurde immer mit Musik begleitet. Zuerst mit Klavier, ab 1926 auch mit Hupfeld-Phonoliszt-Violinas, kostspieligen Musikmaschinen, die pneumatisch Klavier und Violine spielten. In den Zeltkinos kamen zudem grosse Jahrmarktsorgeln zum Einsatz.
Von 1920 bis 1929 produzierte Leuzinger zusammen mit dem Kameramann Georg Winner eigene, meist kurze Filme, die im Beiprogramm liefen. Sie zeigen Umzüge, Jahrmärkte, Festen, Beerdigungen und Sportanlässe, gefilmt im Tourneegebiet des Wanderkinos und in Rapperswil. Ausserdem produzierten Leuzinger und Winner zwei lange Filme zu den Eidgenössischen Turnfesten in St. Gallen 1922 und Luzern 1928, die an Turnvereinssektionen verliehen wurden.
Überlieferung
Im Rahmen eines Projekts von Memoriav, dem Verein zur Erhaltung des audiovisuellen Kulturgutes der Schweiz, wurden die Filme zwischen 1998 und 2006 erschlossen, konserviert und restauriert. Von den Original-Nitratnegativen wurden neue 35-mm-Kopien aus Polyester angefertigt. Originale und Kopien sind in der Cinémathèque suisse archiviert. 85 Filme sind auf dem audiovisuellen Portal Memobase von Memoriav zugänglich. Darunter befinden sie auch einige Inhalte anderer Filmproduktionen.
Literatur
- Mariann Lewinsky Sträuli: Willy Leuzinger. In: Historisches Lexikon der Schweiz. 15. Januar 2021.
- Mariann Lewinsky: Schweizer National-Cinema Leuzinger, Rapperswil (SG). Aktualitätenfilmproduktion und regionale Kinogeschichte der Zentral- und Ostschweiz 1896-1945, in: KINtop. Jahrbuch zur Erforschung des frühen Films, Bd. 9, 2000, S. 63–82 (DOI).
- Mariann Lewinsky: Der Turnverein als Medium. Ein Album mit Filmbildern der Produktion W. Leuzinger, in: Cinema, 48, 2003, S. 23–45 (Online).