Wu Peifu
chinesischer Militär
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Wu Peifu (chinesisch 吳佩孚, * 22. April 1874 in Dengzhou (登州) / Provinz Shandong; † 4. Dezember 1939 in Peking) war ein chinesischer Generalgouverneur, der zeitweise als mächtigste Persönlichkeit der Republik China agierte. Er vereinigte in seiner Persönlichkeit den Machtpolitiker, den Bildungsbürger und den Schöngeist. Während er in China den Spitznamen „Jade-Marschall“ (玉帥) trug, bezeichnete ihn die ausländische Presse als „Scholar War Lord“ und „Biggest man in China“.[1]


Herkunft und Aufstieg
Wu Peifu stammte aus einfachen Verhältnissen. Sein Vater besaß eine kleine Schiffswerft, schlug sich aber auch in konjunkturschwachen Zeiten als Straßenhändler durch. Dennoch finanzierten seine Eltern von seinem sechsten Lebensjahr an dem bildungshungrigen Kind einen Privatlehrer. Nach dem Tod des Vaters arbeitete Wu Peifu in den Marinekasernen von Dengzhou und ließ sich fortan auf eigene Kosten von einem renommierten Lehrer unterrichten. Im Alter von 23 Jahren legte er sein erstes Staatsexamen mit dem Titel „shengyuan“ ab. Mit dem Einstieg in die teilmodernisierte Truppe unter dem berühmten General Nie Shicheng (聶士成) in Tianjin wurde er Angehöriger der kaiserlichen Armee, dem ab 1902 gestattet wurde, die Militärakademie Baoding zu besuchen. Die Lehranstalt stand unter dem Kommando von Yuan Shikai (袁世凱), dem Generalgouverneur der Nordprovinz Zhili (直隸) und Günstling der Kaiserinwitwe Cixi. In Baoding spezialisierte er sich auf Kartographie und Vermessung, wurde 1903 zum Leutnant befördert und konnte zum integralen Bestandteil des Netzwerkes der Beiyang-Militärs aufsteigen. Innerhalb einer sinojapanischen Militärkooperation wurde Wu in eine japanische Armeenachrichteneinheit in Zhifu (芝罘), d. h. in der Nähe seines Geburtsortes, abgeordnet. Während des Russisch-Japanischen Krieges führte Wu Aufklärungsmissionen in Shandong, Korea und der Mandschurei durch und geriet in russische Gefangenschaft, aus der er entkommen konnte. Nach seinem Einsatz ehrte ihn die japanische Regierung mit einer Medaille.[2]
1906 verließ Wu Peifu den japanischen Geheimdienst und kehrte zum chinesischen Militär zurück, wo er unter dem Kommando der Generäle Duan Qirui (段祺瑞) und Cao Kun (曹锟) in der 3. Division diente. Auch während des Niedergangs der Qing-Dynastie, dem Ausbruch der Xinhai-Revolution und der Gründung der Republik China änderte sich nur wenig am Aufstieg Wu Peifus.[3]
Chinas starker Mann
Gleich nach Gründung der Republik China kam es zu Machtkämpfen zwischen den Revolutionären der Guomindang (Nationalpartei) und dem monarchistisch geprägten Präsidenten Yuan Shikai. Nach dessen Tod 1916 brachen Diadochenkämpfe in dessen Lager aus, wobei sich als „junfa“ (軍閥) oder „Nördliche Kriegsherren“ bezeichnete Militärmachthaber der „Zhili-Gruppe“ (Zhili xi 直隸系) um Feng Guozhang (馮國璋) und Cao Kun, der „Anhui- bzw. Anfu-Gruppe“ (Wan xi 皖系) unter Duan Qirui (段祺瑞) und Xu Shuzheng (徐樹錚) als Repräsentanten, sowie der „Fengtian-Gruppe“ (Feng xi 奉系) unter Zhang Zuolin (張作霖) gegenseitig bekämpften.[4]
Da Duan mit der Niederschlagung eines monarchistischen Putsches des „Zopfgenerals“ Zhang Xun im Jahr 1917 große Machtfülle erlangte, wurde Wu Peifu trotz seiner militärischen Erfolge im Kampf gegen die Guomindang nicht zum „dujun“ (Generalgouverneur) ernannt. Diese Missachtung führte zum Waffengang der „Zhili-Gruppe“ gegen Duan, dem Zhili-Anhui-Krieg von 1920.[5]
Der mit der Entmachtung Duans und der fast völligen Zerschlagung seiner Anhui- bzw. Anfu-Gruppe einhergehende Aufstieg der Zhili-Gruppe um Feng Guozhang, Cao Kun und Wu Peifu war für die Fengtian-Gruppe ein Dorn im Auge. Ihr Anführer Zhang Zuolin ließ Zhili-Lager am 10. April 1922 angreifen und eröffnete damit den sogenannten „Ersten Zhili-Fengtian-Krieg“, aus dem das Zhili-Lager am 18. Juni 1922 siegreich hervorging. Dies war in erster Linie das Verdienst Wus, der seit 1918 der Zhili-Gruppe vorstand.[6]
Auf Anregung bedeutender Intellektueller Chinas unterstützte Wu im Bereich der Nordallianz die Idee einer sauberen Regierung mit Angehörigen von hoher Integrität. Hierzu gehörte der berühmte Jurist Wang Chonghui, der das Amt des Premierministers übernahm. Allerdings torpedierte ausgerechnet Wus militärischer Ziehvater Cao Kun dieses Vorhaben. Durch Intrigen und falsche Anschuldigungen kam diese gegen Korruption und Machtmissbrauch gerichtete Regierung zu Fall.[7]
Das Ansehen Wus litt darunter nicht. Im Gegenteil: Er präsentierte sich als Einiger Chinas und hielt sich aus dem politischen Tagesgeschäft fern, wie sogar die New York Times vom 6. Mai 1922 notierte.[8]
Hatte die Kommunistische Internationale über den sowjetischen Botschafter Adolf Abramowitsch Joffe an einer Unterstützung Wus Interesse gezeigt, so machte dessen Vorgehen gegen die chinesischen Kommunisten jenes Vorhaben zunichte. Für die Wirtschaft in Wu Peifus Machtbereich stand nämlich das Überleben auf dem Spiel, da wegen der zu erwartenden Streiks allein dem Eisenbahnverkehr tägliche Einnahmeverluste von 50.000 Dollar entstanden wären. Wu ließ deshalb am 7. Februar 1923 Soldaten gegen die 150.000 Streikenden antreten, was zum Tod von dreißig Streikbeteiligten führte.[9]
Politische Differenzen zwischen Cao Kun und Wu Peifu wurden deutlich, als Cao am 13. Juni 1923 in einem Staatsstreich Präsident Li Yuanhong entmachtete und am 5. Oktober die Parlamentarier teils mit hohen Bestechungssummen dazu verleitete, teils mit Waffengewalt dazu zwang, ihn zum Präsidenten zu wählen.[10]
Obwohl Cao Kuns Taten durchaus gegen Wu Peifu gerichtet waren, distanzierte sich Wu nicht öffentlich von Cao und blieb auf dem Gipfel der Macht. Ein Artikel des Time Magazine vom 8. September 1924 schrieb die folgende Laudatio:
- General Wu Peifu, Tuchun der Provinz Zhili. Er ist der fähigste Kopf Chinas. Unter seiner Kontrolle stehen der gesamte Norden und das Zentrum Chinas, mit Ausnahme der Mandschurei. Er ist der oberste Schutzherr Pekings, das in seiner Provinz liegt. Obgleich ein Demokrat, strebt er eine Vereinigung Chinas mit dem Schwert an, was ihn in Konflikt mit den Tuchun der Mandschurei und Dr. Sun Yatsen im Süden brachte [...] Abgesehen von seinem militärischen Genius ist er ein Mann von Kultur, wissenschaftlich und literarisch. Er lernt unermüdlich. Kürzlich begann er, Englisch zu lernen, stellte einen Lehrer an und gab ihm die einzige verbleibende Zeit – 4.30 bis 5.30 Uhr. Er ist bekannt als „Mann, der gemütlich spricht und einen großen Stock trägt“.[11]
Der Niedergang der Zhili-Gruppe
Zhang Zuolin, der im „Ersten Zhili-Fengtian-Krieg“ 1922 vernichtend geschlagen worden war, plante 1924 einen Rachefeldzug, für den die Bedingungen günstiger schienen. Im „Zweiten Zhili-Fengtian-Krieg“ sollte Wus General Feng Yuxiang eine Schlüsselrolle zukommen. War der Zhili-Erfolg des „Ersten Zhili-Fengtian-Krieges“ Fengs militärischem Geschick zu verdanken, so beruhte die Niederlage der Zhili-Gruppe Fengs Seitenwechsel. Nach Peking vorgerückt, nahm er Cao Kun gegangen und zwang ihn einerseits zur Entlassunf Wus, andererseits zur eigenen Abdankung.[12]
Die Entlassungsurkunde schadete Wu zunächst nicht unmittelbar, denn immerhin war er noch der stärkste Akteur Chinas, allerdings hatte die Zhili-Niederlage das Bündnis geschwächt und deutlich gemacht, wie fragil Bündnisse sein können. Von größerer Bedeutung sollte der Nordfeldzug des Guomindang-Militärführers Chiang Kai-shek sein. Im September 1926 wurde Wu Peifu in die Flucht geschlagen und kapitulierte. Bei diesem Angriff schlug Chiang sämtliche gegnerischen Warlords und konnte dadurch wieder eine Zentralregierung nach dem politischen Konzepts Sun Yatsens errichten.[13]
Alter und Tod
Wu fand Aufnahme bei Warlord Yang Sen im Grenzgebiet zwischen Hubei und Sichuan. Weiterhin genoss er den Ruhm als Kriegsheld. Der nach der weitgehenden Vereinigung Chinas neue Machthaber Chiang bot Wu einen Posten in der Regierung an, was Wu anfänglich ablehnte. In der Folgezeit studierte er buddhistische Kanones und konfuzianische Klassiker. Anfang 1931 ging Wu aber auf das Angebot Chiangs ein, ein Regierungsratgeber mit Sitz in Peiping (vor 1928 Beijing/Peking) zu werden und residierte fortan ab 1932 im Beipinger Bezirk Dongcheng, wo er Bücher schrieb und sich der Kalligraphie widmete. Mit dem Ausbruch des Zweiten Sino-Japanischen Krieges 1937 und der Besetzung des nördlichen Teils Chinas kamen Gerüchte auf, Wu Peifu wolle sich mit der Besatzungsmacht arrangieren und ein Angebot von General Doihara Kenji annehmen, Regierungschef in dem japanisch besetzten Gebiet zu werden. Dies berichtete etwa die New York Times. Vielmehr lehnte Wu Peifu die Offerte ab und informierte die in den Westen Chinas verlegte Nationalregierung in Chongqing über geheime Briefwechsel mit Regierungschef Kong Xiangxi.[14]
Infolge einer Sepsis starb Wu Peifu nach einem Zahnarztbesuch am 4. Dezember 1939. Nach einer pompösen Trauerfeier und zahlreichen Ehrungen wurde Wu in einem Tumulus im Dorf Xihongmen beigesetzt. Der Sarg seiner Ehefrau Zhang Peilan, die am 15. Oktober 1949, zwei Wochen nach Ausrufung der Volksrepublik China, starb, fand gleichfalls dort Aufnahme.[15]
Wu Peifus Buchveröffentlichungen
- „Traktat zum Buch der Wandlungen“ (Yi zhen, 易箴)
- „Auslegung der konfuzianischen Klassiker“ (Ming jing shuo, 明經說)
- „Reden über die Förderung der menschlichen Güte“ (Furen jiangyi, 輔仁講義)
- „Über den Großen Mann“ (Dazhangfu lun, 大丈夫論)
- „Über die Grundlagen des Staates“ (Guoben shuo, 國本說)
- „Referenztheorie zur Sonnenfinsternis“ (Rishi cankao shuo, 日食參考說) (1910–1936).[16]
Literatur
- Jürgen Domes: Vertagte Revolution – Die Politik der Kuomintang 1923–1937. Walter de Gruyter, Berlin 1969.
- John King Fairbank: The Cambridge History of China, Bd. 12, Teil 1. Cambridge University Press, Cambridge 1983. ISBN 978-0521235419.
- Klaus Mühlhahn: Geschichte des modernen China. Von der Qing-Dynastie bis zur Gegenwart. C.H. Beck, München 2011. ISBN 978-3-406-76506-3.
- S. Noma (Hrsg.): Wu Peifu (Wu P’ei-fu). In: Japan. An Illustrated Encyclopedia. Kodansha, 1993. ISBN 4-06-205938-X, S. 1717.
- Sheridan, James E.: The Warlord Era: Politics and Militarism under The Peking Government. In: John King Fairbank: The Cambridge History of China, Bd. 12, Teil 1, S. 284–321.
- Jonathan D. Spence: The Search for Modern China. Norton, New York-London 1990. ISBN 978-1-324-07002-3.
- Thomas Weyrauch: Chinas unbeachtete Republik. Band 1 (1911–1949). Longtai, Heuchelheim 2009, ISBN 978-3-938946-14-5.
- Thomas Weyrauch: Chinas demokratische Traditionen vom 19. Jahrhundert bis in Taiwans Gegenwart. Longtai, Heuchelheim 2014, ISBN 978-3-938946-24-4.
- Thomas Weyrauch: Die Stunde des Zopfgenerals und die folgenden zwölf Tage, In: Deutsche China-Gesellschaft, Mitteilungsblatt 67 (2024), S. 33–40.
- Thomas Weyrauch: Wang Chonghuis bleibendes Erbe – Recht, Diplomatie, Politik. Longtai, Heuchelheim 2024., ISBN 978-3-938946-32-9.
- Thomas Weyrauch: Wu Peifu – Parabel vom Aufstieg und Fall des Jademarschalls, In: OAG-Notizen der Deutschen Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens (Tokyō), Mai 2026, S. 20–40, , Download am 2. Mai 2026.
- Larry M. Wortzel: Dictionary of temporary Chinese military history. Westport / CT: Greenwood Press 1999. ISBN 0-313-29337-6.
Weblinks
- Biographien Wu Peifu in der Kotobank, japanisch