Wurstschnappen
Bewegungsspiel
From Wikipedia, the free encyclopedia
Wurstschnappen ist ein vor allem im deutschsprachigen Raum verbreitetes Bewegungsspiel, bei dem Kinder versuchen, an Schnüren oder Angeln befestigte Würstchen ohne Zuhilfenahme der Hände mit dem Mund zu ergreifen. Das Spiel tritt in mehreren Varianten auf – etwa mit waagerecht gespannter Schnur, mit einer von Erwachsenen geführten „Wurstangel“ oder mit über Kopfhöhe baumelnden Würstchen, nach denen die Kinder springen – und wird bei Fastnachtsbräuchen, Volks- und Kinderfesten ebenso praktiziert wie im Rahmen von Kindergeburtstagen. Neben der Verwendung klassischer Wiener Würstchen existieren Brettspieladaptionen und verwandte Spiele wie Apfeltauchen, bei denen das Grundprinzip des Erreichens von Lebensmitteln ausschließlich mit dem Mund in andere Spielkontexte übertragen wird.

Spielablauf und Regeln
Wurstschnappen wird in mehreren Varianten gespielt, die sich hinsichtlich des Aufbaus und der Durchführung unterscheiden.
Variante mit gespannter Schnur
Bei der verbreitetsten Grundform wird eine Schnur waagerecht durch einen Raum gespannt oder im Freien zwischen zwei Bäumen, Pfosten oder von zwei stehenden Personen gehalten. An dieser Schnur werden in Abständen mehrere Würstchen befestigt. Die Schnur wird so hoch gehängt, dass die teilnehmenden Kinder mit dem Mund gerade an die Würstchen gelangen können. Dem Kind werden mit einem Tuch oder Schal die Augen verbunden, woraufhin es zur Schnur geführt wird und versuchen muss, blind eines der Würstchen von der Schnur zu schnappen. Gelingt dies, darf das Kind die erbeutete Wurst behalten, und das nächste Kind ist an der Reihe.[1]
Variante mit Angel
Bei einer weiteren verbreiteten Spielform wird aus einem Stock und einer Schnur eine Angel gebaut, an deren Ende eine Wurst befestigt ist. Ein Erwachsener stellt sich auf einen Stuhl oder eine erhöhte Position und lässt die Wurst an der Angelschnur knapp über den Köpfen der Kinder herumbaumeln. Die Kinder müssen versuchen, nach der Wurst zu schnappen und Stücke abzubeißen.[2] Diese Variante findet sich insbesondere bei Fastnachtsfeiern und Volksfesten.[3] Bei der Veranstaltung des Obst- und Gartenbauvereins Hammelburg galt es beispielsweise, ein mit Wurst und Weck gefülltes Tütchen von der Angelschnur zu schnappen.[4]
Variante mit Springen
Bei einer dritten Spielform hängen die Würstchen an Angeln oder Schnüren über den Köpfen der Kinder, die nach diesen springen müssen, um sie zu erreichen.[3] Diese Variante ist vornehmlich bei Fastnachtsveranstaltungen im süddeutschen Raum dokumentiert.[5] In Konstanz beispielsweise stehen „Hunderte von Kindern“ rund um den Kaiserbrunnen auf der Marktstätte und versuchen, eines der Würstle zu schnappen, die an Angeln über ihren Köpfen schweben.[3]
Gemeinsame Grundregeln
Allen Varianten ist gemeinsam, dass die Hände nicht zum Ergreifen der Wurst eingesetzt werden dürfen. Bei der Löffinger Fasnet etwa müssen die Kinder nach einer Wurst schnappen, die an einer Schnur baumelt, wobei sie nicht ihre Hände benutzen dürfen, die auf dem Rücken verschränkt sind.[5] Alternativ zu Würstchen können auch Brezeln, Apfelstücke[1] oder Gummibärschlangen an der Schnur befestigt werden.[6]
Benötigte Materialien
Für die Durchführung des Spiels werden je nach Variante unterschiedliche Utensilien benötigt. Die Grundausstattung umfasst eine Schnur oder ein Seil, Würstchen (üblicherweise Wiener Würstchen oder Bockwürste) sowie ein Tuch oder einen Schal zum Verbinden der Augen.[1] Bei der Angelvariante wird zusätzlich ein Stock benötigt, der zusammen mit der Schnur zu einer provisorischen Angel zusammengebaut wird.[4] Bei Großveranstaltungen, wie sie im Rahmen von Fastnachtsfeiern stattfinden, kommen teils mehrere Angeln gleichzeitig zum Einsatz.[7]
Fastnachtsbrauch (Auswahl)
Im Brauchtum der schwäbisch-alemannischen Fastnacht sowie des fränkischen Faschings ist das Wurstschnappen als fester Programmbestandteil verbreitet.[5] Die Kleine Fastnachtsfibel der Gemeinschaft maskentragender Zünfte und Vereine in Konstanz ordnet das Wurstschnappen gemeinsam mit dem Befreien der Schüler und den Fastnachtsverbrennungen als „relativ junge“ Bräuche ein, die „dennoch ein fester Bestandteil unserer heutigen Fastnacht“ seien.[8]
Schwäbisch-alemannischer Raum
Im Brauchtum der schwäbisch-alemannischen Fastnacht ist das Wurstschnappen als fester Programmbestandteil verbreitet. Die Kleine Fastnachtsfibel der Gemeinschaft maskentragender Zünfte und Vereine in Konstanz ordnet das Wurstschnappen gemeinsam mit dem Befreien der Schüler und den Fastnachtsverbrennungen als „relativ junge“ Bräuche ein, die „dennoch ein fester Bestandteil unserer heutigen Fastnacht“ seien.[8]
Konstanz: In Konstanz wird das Wurstschnappen am Fasnachtsmontag auf der Marktstätte durchgeführt und von der Konstanzer Blätzlebuebe-Zunft gemeinsam mit der Großen Narrengesellschaft Niederburg organisiert. Nach einem Kinderumzug, der sich vom Münster durch die Niederburg auf die Marktstätte bewegt und an dem zahlreiche Konstanzer Zünfte, Narrengruppen, Fanfarenzüge und Musikgruppen teilnehmen, erwartet die Kinder auf der Marktstätte das Wurstschnappen. Darüber hinaus gibt es Brezeln und verschiedene Spielstationen, die von Konstanzer Narrengruppen betreut werden.[3]
Löffingen: In Löffingen im Hochschwarzwald gehört das Wurstschnappen zum festen Programm des „Fasnet Zieschdig“ (Fastnachtsdienstag), der traditionell den jungen Narren gewidmet ist.[5] Das Spiel wird auf der Fasnachtsbühne in der Kirchstraße veranstaltet.[9] Fotografische Belege für diese Tradition liegen mindestens seit dem Jahr 1957 vor.[10] Neben dem Wurstschnappen werden dort weitere Spiele und Wettkämpfe durchgeführt, darunter Sackhüpfen.[11] Die Gewinner erhalten „Wurst und Wecken“.[12] Die ältesten Hinweise auf Fasnetbräuche in Löffingen stammen aus dem Jahr 1524. Der Verein der Laternenbrüder wurde 1889 neu gegründet.[13]
Scheer: In der oberschwäbischen Stadt Scheer ist das Wurstschnappen Bestandteil des traditionellen Bräutelns am Fastnachtsmontag. Beim Bräuteln zieht ein maskiertes „Brautpaar“ zum Hindenburgplatz,[14] während der „Hanswurst“ in der Grundschule die Kinder vom Unterricht befreit und anschließend mit dem „Narrensamen“ (dem Narrennachwuchs) zum Hindenburgplatz zum Wurstschnappen rennt.[15]
Fränkischer Raum
Hammelburg: In Hammelburg im unterfränkischen Landkreis Bad Kissingen findet am Faschingsdienstag traditionell ein Wurstschnappen statt, das vom Obst- und Gartenbauverein beim Weingut Ruppert veranstaltet wird.[16] Diese Tradition wurde einst vom Krons Schorsch in der Dalbergstraße ins Leben gerufen. Höhepunkt der Veranstaltung ist das Schnappen nach einem mit Wurst und Brötchen gefüllten Tütchen, das an einer Angelschnur baumelt. Zwischendurch werden den Kindern Süßigkeiten zugeworfen.[4]
Kinder- und Volksfeste (Auswahl)
Neben dem Fastnachtsbrauchtum ist das Wurstschnappen auch bei nichtkonfessionellen Kinderfesten und städtischen Volksfesten belegt.
Deutschschweiz und Süddeutschland
Schaffhausen: In Schaffhausen gehört das Wurstschnappen zu den Attraktionen des Munot-Kinderfestes, das seit 1940 in seiner modernen Form durchgeführt wird und auf eine ältere Tradition zurückgeht. Bereits im Festprogramm des Munotfestes von 1892 ist das Wurstschnappen neben Kasperli-Theater, Fischen, Ballwerfen, Singen, Luftballons und Feuerwerk als Programmpunkt aufgeführt. Die Kinder wurden in den Zwischenpausen mit Brot, Wurst und einem Getränk verpflegt. Das Kinderfest steht auf der Liste der lebendigen Traditionen in der Schweiz und wird vom 1839 gegründeten Munotverein getragen. Am Durchführungstag sind sämtliche Kinder des Kantons Schaffhausen mittags vom Schulunterricht dispensiert.[17]
Weingarten: Beim Weingartener Schüler- und Heimatfest (dem heutigen Welfenfest) ist das Wurstschnappen ebenfalls als Programmbestandteil dokumentiert. Beim Schülerfest 1921 gab es neben Reigen, Turnspielen, Wettlauf und Kletterbaum auch eine „Wurstangel“. Nach dem Zweiten Weltkrieg, beim ersten Schülerfest am 12. Juli 1948, fand „für die Alten“ ein Wurstschnappen statt. Im Erfahrungsbericht der Schülerfestkommission über das Schülerfest 1948 heißt es dazu: „Wurstschnappen ist unbedingt durchzuführen, nur nicht zu lange. Auch ist es ein Fehler, wenn der ‚Angler' zu lange nicht anbeißen lässt. Dies führt zu Verärgerungen bei den Wurstschnappern wie auch bei den Zuschauern.“[18]
Mitteldeutschland
Auch in mitteldeutschen Regionen ist das Wurstschnappen historisch als Bestandteil von Kinderfesten überliefert. In der Mitteldeutschland: Saale-Zeitung vom 20. September 1937 heißt es im Zusammenhang mit einem Kinderfest, bei dem nach Nationalliedern das Kinderfest gefeiert wurde: „Für Belustigungen der Kinder war reichlich gesorgt, wobei „Onkel Pelle“ eine wichtige Rolle spielte. Das Wurstschnappen erweckte Heiterkeit bei groß und klein.“[19] Als Pächter mehrerer Rummelplätze war Adolf Rautmann als „Onkel Pelle“ sehr bekannt im Berliner und Potsdamer Umkreis. Er fand auch über die Grenzen hinaus mehrere Nachahmer, die in seine Fußstapfen traten.[20]
Wurstschnappen als Kindergeburtstagsspiel
In der modernen Spielkultur ist Wurstschnappen eines der verbreitetsten Geburtstagsspiele für Kinder.[21] Verschiedene Ratgeber für Kindergeburtstage beschreiben das Spiel als geeignet für alle Altersklassen. Üblicherweise wird in der Kindergeburtstagsvariante eine Angel aus Stock und Schnur gebaut, an deren Ende ein Würstchen hängt. Ein Erwachsener hält die Angel und lässt die Wurst über den Köpfen der Kinder baumeln, während diese versuchen, danach zu schnappen.[2] Diese Ausgestaltung entspricht im Ablauf einigen der oben beschriebenen Fastnachts- und Volksfestbräuche.[3]
Wurstschnappen als Brettspiel
Der Ravensburger Spieleverlag hat das von Rudi Hoffmann 1966 entwickelte Spiel unter dem Namen „Wurstschnappen“ für eines der vier Teilspiele in der seit Jahrzehnten aufgelegten Spielesammlung 4 erste Spiele übernommen.[22] Diese Brettspielsammlung richtet sich an Kinder ab drei Jahren und umfasst neben dem Wurstschnappen die Spiele Vogelspiel, Blumenwürfeln und Das Spiel mit dem Schloss. Das Brettspiel Wurstschnappen ist als Farbwürfelspiel für zwei bis vier Kinder ab fünf Jahren konzipiert. Zum Spielmaterial gehören ein Spielplan, vier Spielfiguren, zwölf Wurstkärtchen und ein Farbwürfel. Zu Beginn werden die zwölf Wurstkärtchen auf die weißen Felder des Spielplanes gelegt, und jeder Spieler wählt eine Spielfigur, die ins Hundekörbchen gesetzt wird. Je nach gewürfelter Farbe darf die eigene Figur in verschiedene Richtungen gezogen werden.[23]
Daneben existiert das eigenständige Kinderspiel Schnapp die Wurst, bei dem Hundefiguren auf einem Rundkurs unter einer Wäscheleine laufen, an der Würstchen und Kärtchen hängen. Die Spieler versuchen, durch Würfeln und Ziehen der Wäscheleine ihren Hund im richtigen Moment unter einer Wurst zu positionieren und möglichst viele Würstchen zu sammeln.[24]
Weblinks
- Regelvideo für die Version von Ravensburger auf Youtube.
Verwandte Spiele und Bräuche
Das Prinzip, Lebensmittel ohne Zuhilfenahme der Hände nur mit dem Mund zu ergreifen, findet sich in mehreren verwandten Spielformen. Beim „Apfeltauchen“ (auch „Apfelschnappen“) wird ein Apfel in eine mit Wasser gefüllte Schüssel gelegt, und die Spieler müssen ihn mit auf dem Rücken gebundenen Händen ausschließlich mit dem Mund aus dem Wasser herausfischen.[25] In Norddeutschland ist im Rahmen der winterlichen Kohlfahrten das sogenannte „Bockwurstschwingen“ verbreitet, bei dem eine Bockwurst an einem Band auf Bauchnabelhöhe befestigt wird und durch Beckenbewegungen in Schwingung versetzt werden muss, bis sie den Mund erreicht.[26] Historische fränkische Faschingsbräuche wie das „Spießrecken“ oder „Wurstbuttern“, bei dem Burschen und Mädchen vermummt mit einem langen Spieß und einem großen Topf zum „Wursthaus“ zogen und die Bäuerin ihnen Würste an den Spieß hängte, weisen thematische Parallelen in der Verbindung von Wurst und Fastnacht auf, unterscheiden sich aber in ihrer Ausführung grundlegend vom Wurstschnappen als Geschicklichkeitsspiel.[27]