Adele Sandler

israelische Illustratorin, Verlegerin und Unternehmerin From Wikipedia, the free encyclopedia

Adelheid „Adele“ Sandler (hebräisch אדלה סנדלר; * 23. Februar 1883 in Karlsruhe als Adelheid Straus; † 2. September 1946 in Jerusalem) war eine im Deutschen Kaiserreich geborene und später im Völkerbundsmandat für Palästina lebende Illustratorin, Verlegerin und Unternehmerin.

Kindheit und Jugend

Adele Straus wurde als viertes von neun Kindern von Isabella, geborene Feuchtwanger (1853–1893), und dem Karlsruher Bankier Samuel Straus (1843–1904) geboren. Ihre Geschwister waren Elias „Eli“ (1878–1933), Judith (1877–1881), Gertrude (1879–1940), Fanny (1880–1921), Isak (1881–1933), Albert (1884–1918), Raphael (1887–1947) und Gabor (1888–1914).[1] Ihr Vater engagierte sich in der jüdischen neo-orthodoxen Austrittsgemeinde von Karlsruhe, die 1869/70 als Gegengewicht zur Reformgemeinde gegründet worden war, und unterstützte die Gründung eines Lehr-, eines Armen- sowie eines Krankenhauses. Den Geschwistern wurde von klein auf eine zionistische Grundhaltung vermittelt.[2] 1893 starb die Mutter unerwartet. Die weitere Erziehung und Beaufsichtigung der Kinder übernahm die verwitwete Volksschullehrerin Ida Goitein, geborene Löwenfeld, deren Tochter Rahel bei Familie Straus bereits seit Kindesjahren oft zu Besuch gewesen war. Die Familie Goitein bewohnte ab 1893 die obere Etage im Elternhaus von Adele Straus. Rahel Goitein war eng befreundet mit Adele und deren älteren Schwestern Gertrude und Fanny. Nach dem Tod von Samuel Straus 1904 kümmerte sich der älteste Sohn Eli um seine jüngeren Geschwister Adele, Albert, Raphael und Gabor. Sie siedelten nach Frankfurt am Main über, wo Adeles mittlerweile verheiratete älteste Schwester Gertrude mit ihrem Ehemann Jacob Rosenheim wohnte und Adele eine gute Malschule besuchen konnte. Als Eli und Rahel 1905 heirateten, zog sie mit ihnen nach München.[3]

Weiterer Werdegang

Beim siebten Zionistenkongress in Basel lernte Adele Straus 1905 den aus Breslau stammenden Arzt Aron Sandler (1879–1954) kennen. Dieser hatte erst am Rabbinerseminar zu Berlin studiert und danach Medizin in Königsberg, Berlin und Würzburg, wo er sich um 1900 einem Kreis junger Zionisten anschloss. Nach der Verlobung im November 1906 und ihrer Heirat im Februar 1907 wählten Adele und Aron Sandler Palästina als Ziel ihrer Hochzeitsreise, begleitet von Eli und Rahel,[3] und besuchten dabei auch Ägypten, den Libanon, Smyrna, Konstantinopel, Budapest und Breslau.[2]

Leben in Breslau und Berlin

Adele Sandler und ihr Mann lebten zunächst in Breslau und bekamen drei Kinder. Sohn Raphael wurde 1908, Tochter Judith 1910 und Sohn Ludwig 1913 geboren. Privat beschäftigten sie eine Lehrerin aus Palästina, damit ihre Kinder fließend Hebräisch lernten.[2][4] 1911 veröffentlichte Adele Sandler ein deutsch-jüdisches Kinderbuch.

Im Jahr 1912 zog das Ehepaar Sandler nach Berlin.[2] Sie gehörten „der zweiten Generation zionistischer Aktivistinnen und Aktivisten im Kaiserreich“ an,[5] pflegten Kontakte und Freundschaften zu Gleichgesinnten und Künstlern, darunter zum Maler Hermann Struck, und führten ihr sozialpolitisches und zionistisches Engagement weiter. Aron Sandler war als Dezernent für Bibliotheks- und Kunstwesen tätig, im Vorstand der jüdischen Gemeinde Berlins und Mitglied des Zentralkomitees der Zionistischen Vereinigung für Deutschland. Adele Sandler setzte ihre bereits in Frankfurt begonnene Sammlungstätigkeit zur Unterstützung jüdischer Wohlfahrtseinrichtungen und Projekte in Palästina fort. Zudem engagierte sie sich im „Verband Jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina“.[4] In dem von ihr an ihrer Wohnadresse Droysenstraße 6 in Berlin-Charlottenburg gegründeten Verlag Hajeled veröffentlichte sie mit dem Palästina-Quartett 1922 und einem Palästina-Reisespiel 1921 zwei eigene Kinderspiele sowie ein „Purim-Theaterpiel“ von A. Lessle im Jahr 1925.[6]

Leben im Exil

Nach der Machtergreifung Adolf Hitlers 1933 und aufgrund des zunehmenden Antisemitismus emigrierte das Ehepaar 1934 in das Völkerbundsmandat für Palästina[2] und zog in eine Wohnung in Jerusalem. Adele Sandler veröffentlichte nichts mehr, war aber künstlerisch tätig und malte etwa ihre Familienmitglieder. Sie starb im September 1946.[7]

Künstlerische Arbeit und Verlagstätigkeit

Adele Sandlers Arbeiten waren geprägt von der Idee des Zionismus.[5] Sie veröffentlichte ein Bilderbuch, über das die Kritik schrieb:

„Diese Veröffentlichung wird zweifellos einem in vielen jüdischen Familien lebhaft empfundenen Mangel abhelfen. Ein jüdisches Bilderbuch wird da unsern Kindern geboten. ‚Bilder, Verse mancherlei, auch viel Jüdisches dabei!‘ dies ist das Motto des Bilderbuches. Und die Bilder sind gut, die Verse lustig und munter, das Jüdische ist nicht aufdringlich und gibt dem ganzen doch einen Ton von Heimatluft. Und wenn es da in einem Verslein heißt:

Wir bauen uns Jerusalem
Aus bunten Steinen auf…

so kann man hoffen, daß die Kinder, denen unser Judentum in so liebenswürdiger Weise eingeimpft wird, dereinst wirklich helfen werden, unser Volkstum aufzubauen… So sei denn Adele Sandlers jüdisches Bilderbuch unseren Eltern herzlich empfohlen!“

Jüdische Volksstimme vom 27. September 1911[8]

Ferner gründete Adele Sandler um 1921 ihren eigenen Verlag hebräischer Kinderspiele „Hajeled“, in dem sie zwei eigene Kinderspiele und ein weiteres Spiel verlegte.[4][6] Als Verlegerin förderte sie einerseits Kinder in ihrem jüdischen Selbstbewusstsein,[9] andererseits auch „eine spielerische, aber doch bewusste Auseinandersetzung mit der problematisch gewordenen, antisemitisch geprägten Gegenwart der Weimarer Republik“.[3] Sie gab „im frühen 20. Jahrhundert wesentliche Impulse zur Entwicklung einer anspruchsvollen und vielschichtigen deutsch-jüdischen Kinderkultur“:[3]

  • Adele Sandler schrieb und illustrierte ein 1911 im „Jüdischen Volksschriftenverlag“ in Frankfurt/Main erschienenes deutsch-jüdisches Kinderbuch,[5] das in der „Lithographischen Kunstanstalt Duisburg J. A. Steinkamp“ als Siebenfarben-Lithographie gedruckt wurde.[7] Es vermittelte „deutsche, jüdische und sogar zionistische Kultur“[3] und zeigte erstmals auch jüdische Geschichten statt der christlichen Darstellungen.[9] Angelehnt an den Zeichenstil von Gertrud Caspari integrierte Adele Sandler Szenen des häuslichen, jüdisch erlebten Familienlebens und die jüdischen Feiertage im Jahresverlauf in kindgerechte Erzählungen, in die Verweise auf „Erez Israel“ eingearbeitet sind. Das Buch wurde in der Zeitung Der Israelit wie auch der übrigen jüdischen Presse lobend besprochen. Es fand Anklang sowohl bei der nicht-zionistischen jüdischen Bevölkerung als auch bei den Zionisten, auf deren zehntem Jahreskongress in Basel es vorgestellt wurde. Es wurde auch in die Empfehlungsliste der Jugendschriften-Kommission des jüdischen Lehrer-Verbandes aufgenommen.[7]
  • Das Palästina-Reisespiel von Adele Sandler, das sie 1921 im eigenen Verlag Hajeled herausbrachte, war ein Gesellschaftsspiel mit einer „Mischung aus Würfel- bzw. Trendelglück und Wissensfragen“ zu hebräischen Begriffen, biblischen Orten und deren Geschichte, deren richtige Beantwortung einen Bonus einbringt, aber auch mit vielfältigen Beschreibungen verschiedener Orte und Sehenswürdigkeiten. Der Spielplan startet mit der Ankunft im Hafen von Jaffa und führt dann virtuell durch das Land. Während der Gründer und Vorsitzende des 1921 entstandenen Verbandes nationaldeutscher Juden Max Naumann im verbandseigenen Mitteilungsblatt Eltern vor „dem ‚Gift‘, das auf diese Weise in die Kinderstube geschmuggelt werde“ warnte, lobte die Mehrzahl der Rezensenten das Potenzial spielerischen Lernens und die gute Konzeption und Ausführung des Spiels.[6]
  • Während ihrer Palästina-Reise 1907 fertigte Adele Sandler zahlreiche Skizzen an, die sie auch zur Illustration späterer Arbeiten verwendete, unter anderem für das aus 48 Karten bestehende Palästina-Quartett für Kinder[4] mit Zeichnungen von Landschaften, Architektur, Landwirtschaft, Menschen und Häusern aus Palästina.[10] Es sollte Kindern die Schönheit Palästinas und eine Vertrautheit mit dem potentiellen Emigrationsziel vermitteln.[3] Die Spielkarten waren auf Hebräisch beschriftet,[11] die Spielanleitung war viersprachig auf „Deutsch, Englisch, Hebräisch und Jiddisch“. Sie publizierte das Spiel 1922 ebenfalls im eigenen Verlag Hajeled.[6][10]
  • 1925 brachte Adele Sandler in ihrem Verlag ein Purim-Theaterspiel heraus, das auf die politischen Verhältnisse in der Weimarer Republik rekurrierte.[6]

Im Jahr 2025 zeigte das Jüdische Museum Berlin die von Michal Friedlander kuratierte Ausstellung Widerstände. Jüdische Designerinnen der Moderne, in der auch Adele Sandler vertreten war.[12] Ihr Kartenspiel Palästina-Quartett befindet sich in den Sammlungsbeständen des Museums.[13]

Publikationen

  • Adele Sandler: Bilderbuch. Jüdischer Volksschriftenverlag, Frankfurt/Main 1911. 18 Bildtafeln
    • 1. Neuauflage: Jüdisches Bilderbuch. Welt-Verlag 1920, 10 Bildtafeln
    • 2. Neuauflage: Jüdisches Bilderbuch. BIAS-Verlag 1925[7]
  • Adele Sandler: Palästina-Reisespiel. Verlag Hajeled, Berlin 1921
  • Adele Sandler: Palästina-Quartett. Verlag Hajeled, Berlin 1922
  • A. Lessler: Purim-Spiel. Adele Sandler (Hrsg.) Verlag Hajeled, Berlin 1925[6]

Literatur

  • Manja Herrmann: Zionismus und Authentizität. Gegennarrative des Authentischen im frühen zionistischen Diskurs. De Gruyter 2018, ISBN 978-3-1105-4601-9
  • Julia Schweisthal: Adele Sandler, Künstlerin, Autorin, Verlegerin: Vorreiterin deutsch-jüdischer Kinderkultur zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Chilufim, Heft 27, 27. Jahrgang 2020, S. 27–62
  • Michal S. Friedlander (Hrsg.): Widerstände. Jüdische Designerinnen der Moderne. Hirmer, München 2025, ISBN 978-3-7774-4623-3, S. 172–173, 184, 186–187

Einzelnachweise

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