Aggada

nicht religionsgesetzliche Inhalte der rabbinischen Literatur in Talmud und Midrasch From Wikipedia, the free encyclopedia

Aggada (aramäisch אַגָּדָה; deutsch „Verkündung“, „Erzählung“, „Sage“, eigentlich: „Ansammlung“) bezeichnet im Unterschied zur Halacha die nichtgesetzlichen Inhalte der antiken rabbinischen Literatur, die – meistens im Anschluss an biblische Texte und Stoffe – das religiöse Denken widerspiegeln und illustrieren, jedoch nicht als verbindliche Lehre gewertet werden. Die meisten Elemente der Aggada sind über 2000 Jahre alt.

Aggada und Haggada

Der Ausdruck „Haggada“ (hebräisch הַגָּדָה שֶׁל פֶּסַח Haggada schel Pessach) ist nicht zu verwechseln mit Aggada[1], womit erzählende oder homiletische Texte aus dem Talmud gemeint sind. Haggada, als Oberbegriff, bezeichnet die Sammlung oder Fassung von Aggada-Texten, die speziell für den Pessach-Seder genutzt werden.[2][3] Damit ist die Haggada ein liturgischer Text des Pessach-Seders, der aus der rabbinischen Auslegungstradition hervorgegangen ist und daher zur rabbinischen Literatur gezählt wird.

Schmuel ha-Nagid definierte erweitert die „Haggada als jedwede Auslegung im Talmud zu jedem Thema, das nicht Gebot [ Halacha ] sei.“[4] Aus literarischer Perspektive ist die Haggada eine komplexe, multiperspektivische Textsammlung, also Textstrukturen in der verschiedene Narrative, Lehrmeinungen und liturgische Elemente gleichzeitig auftreten und die historische Erinnerung, ethische Lehre und liturgische Praxis miteinander verbindet. Sie besteht aus biblischen Zitaten, erzählenden Midraschim, Gebeten und Ritualanweisungen, die thematisch und episodisch angeordnet sind. Stilistisch zeichnet sie sich durch dialogische Strukturen, Wiederholungen, Parallelismen und symbolische Sprache aus, wobei Gegenstände und Handlungen als Metaphern für historische und spirituelle Inhalte dienen. Es finden sich Kurzkommentare zu Textstellen des Tanachs, Erzählungen, biographische aber auch historische Anekdoten, Sagen und Märchen, Fabeln, Sprichwörter, philosophischen Weisheiten oder Leitgedanken, Trostsprüchen u. v. m. Besonders auffällig ist der performative Charakter der Texte, sind sie doch nicht nur zum Lesen, sondern auch zur Rezitation und aktiven Teilnahme am Seder gedacht. Dadurch verbindet die Haggada Elemente von Didaktik, Epik und Drama, während ihre primäre Funktion die Vergegenwärtigung der Exodus-Erfahrung und die Vermittlung von Tradition und Identität ist.[5]

„(…) Ziel und Zweck der Haggada[6] ist ganz allgemein die religiöse Daseinsbewältigung. Mag auch das unterhaltsame Moment oft allbeherrschend erscheinen, so gibt es doch kaum einen haggadischen Text, der nicht auch sittlich-religiöse Belehrung bieten will. Die Haggada ergänzt somit die Halakha. (…) Zugleich ergänzt sie die religiöse Praxis durch eine Theologie, sofern man von einer solchen im rabbinischen Judentum sprechen kann: keine theoretisch-abstrakten Thesen, sondern «erzählende» Theologie bzw. eine Theologie in Aphorismen und Gleichnissen. (…) Die Haggada bietet erzählerisch eine Fülle von Aussagen über Gott und sein Verhältnis zur Welt und zum Menschen, über Gottes Wirken in der Geschichte, über Vorsehung und Erwählung, Bund und Gesetz, die Vergeltung von Gut und Böse, das jenseits usw. Doch bilden diese Aussagen bzw. die Vorstellungen, die ihnen zugrunde liegend, kein System, keine Theologie der Rabbinen [ Rabbanim ] (…)“

Günter Stemberger: Das klassische Judentum. Kultur und Geschichte der rabbinischen Zeit. (2009)[7]

Aggada und Halacha

Halacha (Gesetz) und Aggada (Erzählung, Sage) sind zwei typische Begriffe der talmudisch/rabbinischen Lehren. Es sind die beiden wichtigsten Grundbegriffe der jüdischen Tradition. Die Halacha arbeitet mit Logik und talmudischer Dialektik, um ihre gesetzestechnischen Aufgaben zu lösen, und begründet das partikularistische Gemeinschaftsbewusstsein des Judentums in allen Lebensbereichen von der religiösen Rechtsprechung bis zur rituellen Speisevorschrift. Sie verkörpert über die Auslegung der Gesetze die „Wahrheit“ und die Normen einer religiösen Gemeinschaft. Die Aggada hingegen entspricht der universalistischen Tendenz im Judentum und dem allgemeinen Bedürfnis des Menschen, jede normative, gesetzliche oder rationale Ordnung mit einer einschlägigen Erzählung ihres Sinns begleiten zu können. Da es sich um religiöse Gesetze und nicht um weltliche Rechtsprechung handelt, ist die Aggada oftmals eine Erzählung über die Gerechtigkeit. Sie legitimiert, erklärt, begründet und überliefert den Glauben an die Gerechtigkeit. Aggadot findet man neben dem Talmud vor allem in den Midraschim.

Umfasst die Halacha die aus dem Schriftwort des Pentateuch sich herleitenden Gesetzesvorschriften, die in den talmudischen Texten weiter ausgeführt werden, lehnt sich die Aggada freier an die Stoffe von Tora und Talmud an. Sie ist Teil der Mündlichen Tora (תורה שבעל פה) und erklärt diese durch Sagen, Legenden, Gleichnisse, Glossen sowie durch ethische und historische Bemerkungen und versucht, jüdisches Wissen und Erfahrung nicht nur über Norm und Gesetz, sondern über Erzählung an den Menschen zu binden. Philosophisch oder literarisch gesprochen ist die Halacha die „Wahrheit“ oder der gesetzliche Inhalt einer solchen, die Aggada hingegen ist der Erfahrungskanal, in dem Wissen an den Menschen über Erzählung und Sprache gebunden werden soll. Damit ist die Aggada kein überflüssiges, bloß unterhaltendes Beiwerk im Auslegungsprozess der Gesetze, sondern garantiert mindestens ebenso wie die rationale und logische Ordnung der Halacha und das offenbarte Gesetz die Tradierbarkeit geschichtlicher Erfahrungen und Erinnerungen.

„Der Begriff der Aggada“, so schrieb 1853 Zacharias Frankel, „ist ein sachlicher, ein ganzes Literaturgebiet umfassender, der, man möchte sagen mehr fühl- als erkennbar ist.“ Er ist neben seiner Definition als Sage, Legende, öffentlicher Vortrag auch eine „religiöse und moralische Erklärung der heil. Schrift und deren Anwendung auf das Leben. ]…[ in ihrem Entstehen entsprach sie unstrittig dem etymologischen Begriffe ,Sage‘ und in einem indefiniten Sinne dem ,Sagen‘, und gab sich bloß als einfacher Ausdruck eines in Religion und Sittlichkeit gegründeten Gedankens ohne auf Geltung und Normierung Anspruch zu machen.“

Leopold Zunz beschreibt die Aggada als „das Product der freien Einsicht des Einzelnen, während die Halacha der strengen Autorität der Behörde, der Schulen und Gesetzeslehrer emaniert.“ Die Aggada ist hingegen etwas, was als „Sprichwörter in das Volk überging.“

Einzelnachweise

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