Albert Böhi
Schweizer Jurist und Politiker
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Albert Böhi (* 12. Juni 1862 in Schönholzerswilen; † 28. Dezember 1945 in Bürglen; heimatberechtigt in Schönholzerswilen) war ein Schweizer Jurist und Politiker (FDP).

Leben
Leben und Herkunft
Albert Böhi stammte aus der politisch und landwirtschaftlich aktiven Familie Böhi.[1] Sein Vater Johann Jakob Böhi († 1878) war Landwirt, Gemeindeammann und Bezirksstatthalter, der an den Verfassungsrevisionen von 1849 und 1869 einigen Anteil hatte; seine Mutter verstarb, als Albert Böhi noch ein Kind war.
Er hatte noch weitere Geschwister, darunter seinen Bruder, den evangelischen Pfarrer Adolf Böhi, der im Alter von 29 Jahren verstarb (* 1855 in Schönholzerswilen; † 26. März 1884 in Matzingen)[2]; sein Bruder war Mitbegründer der oppositionellen Thurgauer Volkszeitung (siehe Thurgauer Zeitung).[3] Böhi verwaltete nach dem Tod seines Bruders das umfangreiche Besitztum seiner früh verwitweten Schwägerin Minna Böhi-Scheitlin in Bürglen, das eine Mühle, Waldungen, einen Gutsbetrieb, den Böhi zum Musterbetrieb ausbaute, und ein Elektrizitätswerk[4] umfasste; dazu fungierte er als Vormund für die Kinder und Enkel seines Bruders.
Sein Neffe war der spätere Chemiker und Unternehmer Adolf Böhi (1884–1925).[5]
Albert Böhi blieb sein Leben lang ledig.
Ausbildung und berufliche Anfänge
Nach dem Besuch der Kantonsschule Frauenfeld studierte Böhi ab 1882 Rechtswissenschaften an den Universitäten Basel, München, Berlin und Zürich.[6] Nachdem er das thurgauische Anwaltspatent erworben hatte, wandte er sich jedoch gegen eine dauerhafte Anwaltstätigkeit und schlug stattdessen eine Laufbahn als Richter und Politiker ein.
Von 1887 bis 1897 war Böhi Gemeindeammann von Schönholzerswilen. Parallel dazu wirkte er von 1887 bis 1889 als Mitglied und Schreiber des Bezirksgerichts Münchwilen sowie von 1889 bis 1897 des Thurgauer Obergerichts.
1896[7] und 1913 präsidierte er den Grossen Rat, dem er von 1890 bis 1897 und von 1909 bis 1935 angehörte; 1895 war er zum Vizepräsidenten gewählt worden.[8]
1896 lehnte er eine Wahl in den Nationalrat ab.[9]
Regierungsrat und Gesetzgebung
Als Thurgauer Regierungsrat und Nachfolger des verstorbenen Friedrich Heinrich Häberlin war Böhi von 1897 bis 1908 für die Ressorts Justiz, Polizei und Armenwesen zuständig. In dieser Funktion trug er erheblich zur Schaffung moderner Gesetze bei: das Beamtenwirtschaftsgesetz (1904), das Friedensrichtern und Notaren untersagte, eine Wirtschaft als Nebenerwerb zu betreiben, das Wirtschaftsgesetz (1905), das Markt- und Hausiergesetz (1898) und das erste thurgauische Motorfahrzeuggesetz (1905). Daneben erwarb er sich Verdienste um die Anfänge des Finanzausgleichs zwischen Kanton und Gemeinden. 1908 demissionierte er wegen Arbeitsüberlastung. Nach seiner Amtszeit legte Böhi 1896 ein umfassendes Register zur thurgauischen Gesetzessammlung an.
Böhis Wirken war geprägt von einer strikten Auslegung rechtsstaatlicher Prinzipien und einer Fokussierung auf die Modernisierung und Kodifikation des Gesetzes. Er verkörperte den Typus des liberal-konservativen Politikers der Übergangszeit vom 19. zum 20. Jahrhundert, für den Rechtsordnung und institutionelle Stabilität zentral waren.
Haltung zur internationalen Arbeitsgesetzgebung
Ein Aspekt von Böhis unnachgiebiger Verfechterschaft der Staatssouveränität zeigte sich in seiner kritischen Position gegenüber dem Internationalen Übereinkommen Nr. 29 über Zwangs- und Pflichtarbeit der Internationalen Arbeitsorganisation. Böhi lehnte das Abkommen kategorisch ab und warnte das Parlament vor einer Bevormundung durch internationale Verpflichtungen. Er argumentierte, dass die Schweiz durch die Unterzeichnung möglicherweise gezwungen würde, kantonale Institutionen wie die Zwangsarbeitsanstalt Kalchrain (siehe Zisterzienserinnenkloster Mariazell zu Kalchrain) aufzugeben, in die der Thurgauer Regierungsrat sogenannte «liederliche Leute» einweisen konnte. Böhis Warnung blieb ungehört – die Schweiz unterzeichnete und ratifizierte das Abkommen, ignorierte es jedoch jahrzehntelang. Erst 1969 gestand Bundespräsident Ludwig von Moos ein, dass die Schweiz möglicherweise ein ernsthaftes Problem mit Zwangsarbeit und das internationale Abkommen gegen Zwangsarbeit verletzt habe – ein Versäumnis, das Böhi 40 Jahre zuvor, allerdings mit anderen Motiven, bereits vorhergesehen hatte.[10]
Späte Karriere und Ständerat
Nach seiner Demission war Böhi von 1908 bis 1932 erneut als Oberrichter und von 1909 bis 1935 als Kantonsrat tätig. Als Präsident der Gesetzgebungskommission hatte er einen grossen Anteil an der Schaffung der thurgauischen Zivilprozessordnung von 1928.
Sein Höhepunkt in der eidgenössischen Politik war seine Wahl als Nachfolger von Adolf Deucher (1861–1910)[11] in den Ständerat, dem er vom 4. April 1910 bis zum 1. Dezember 1935 angehörte. Von 1922 bis 1923 bekleidete er das Amt des Ständeratspräsidenten.
Er war ein grundsätzlicher und nachdrücklicher Gegner des Beitritts der Schweiz zum Völkerbund.
Weitere Funktionen
Albert Böhi war von 1884 bis zu seinem Tod Präsident der Böhi AG, Mühle Bürglen.
Von 1896 bis 1902 gehörte er dem Verwaltungsrat der Thurgauischen Hypothekenbank an. Von 1908 bis 1941 war er Präsident der paritätischen Administrativkommission.
Im Dezember 1934 wurde im Rahmen der parlamentarischen Beratungen zur Sanierung der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) wiederholt eine gesetzliche Besserstellung des Bahnpersonals gefordert. Albert Böhi, der als Nachfolger von Felix Calonder seit 1913[12] dem Verwaltungsrat der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (Suva) angehörte, brachte einen entsprechenden Antrag ein. Dieser wurde jedoch mit 18 zu 10 Stimmen abgelehnt. Die Mehrheit des Rates befürchtete, dass zusätzliche finanzielle Belastungen durch verbesserte Arbeitsbedingungen den Erfolg der angestrebten Gesamtsanierung der Bundesbahnen gefährden könnten.[13]
Mitgliedschaften
Böhi war seit 1891 Mitglied des Historischen Vereins für den Kanton Thurgau.[14]
Schriften (Auswahl)
- Generalregister zur Gesetzes-Sammlung für den Kanton Thurgau. Frauenfeld, 1896 (Digitalisat).
Literatur
- Albert Böhi. In: Neue Zürcher Zeitung. 28. Dezember 1945, S. 5 (Digitalisat).
- Albert Böhi. In: Thurgauer Zeitung. 29. Dezember 1945, S. 1 (Digitalisat).
- Albert Böhi. In: Neue Zürcher Zeitung. 30. Dezember 1945, S. 6 (Digitalisat).
- Albert Böhi. In: Bote vom Untersee und Rhein. 31. Dezember 1945, S. 1 (Digitalisat).
- Albert Böhi. In: Thurgauer Zeitung. 31. Dezember 1945, S. 2 (Digitalisat).
- Albert Böhi. In: Schweizer Bauer. 31. Dezember 1945, S. 2 (Digitalisat).
- Albert Böhi. In: Thurgauer Jahrbuch. Band 23. 1947, S. 38–39 (Digitalisat).
- André Salathé: Albert Böhi. In: Historisches Lexikon der Schweiz.
Weblinks
- Albert Böhi. In: Dodis
- Albert Böhi. In: Schweizerische Eliten im 20. Jahrhundert
- Albert Böhi auf der Website der Bundesversammlung
- Albert Böhi. In: Staatsarchiv Thurgau