Anastasios Goudas
griechischer Arzt und Schriftsteller
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Anastasios Nikolaos[1] Goudas (griechisch Αναστάσιος Νικόλαος Γούδας, * 1816 in Grammeno[2], Epirus[3]; † 1882 in Athen[2]) war ein griechischer Arzt und Schriftsteller.[4][5]

Er gilt als erster promovierter Absolvent der Medizinischen Fakultät der Universität Athen und erlangte Bekanntheit durch eine neuartige, nebenwirkungsarme Behandlungsmethode gegen Cholera. Durch sein medizinisches Schaffen zählt er zu den bedeutendsten griechischen Ärzten des 19. Jahrhunderts.[3][5]
Außerdem veröffentlichte er in seinem geschichtswissenschaftlichen Hauptwerk Βίοι Παράλληλοι (Parallele Lebensläufe) detaillierte Informationen zu Persönlichkeiten der Griechischen Revolution.[3][4] Es gilt als wertvolle Quelle für die neuzeitliche Geschichte Griechenlands.[6]
Er wurde von Presse und Zeitgenossen auch als „ein moderner Plutarch“[7] bezeichnet.[3]
Leben
Frühe Jahre und Ausbildung
Während des Griechischen Unabhängigkeitskrieges floh seine Familie zunächst nach Korfu, das zu den Vereinigten Staaten der Ionischen Inseln gehörte und unter britischem Protektorat stand, wurde jedoch auch von dort vertrieben und gelangte später nach Souli, wo sie „Strapazen“ erlebte.[6] Obwohl seine Familie arm war, gelang ihm eine schulische Ausbildung.[1]
In seinen frühen Jahren arbeitete Anastasios Goudas zunächst als Pädagoge in seiner Heimatregion bei Ioannina. Später zog er nach Athen, um ein Studium aufzunehmen, schwankte zunächst zwischen geisteswissenschaftlichen Fächern und Medizin, entschied sich schließlich aber für ein Medizinstudium.[3]
Anastasios trat bereits als Medizinstudent an der jungen Universität Athen in Erscheinung, als er gemeinsam mit Ioannis Kompotis einen Protest gegen den Physiologen Dimitrios Mavrokordatos anführte. Die Studenten forderten, Mavrokordatos solle seine Vorlesungen langsamer diktieren und die Inhalte veröffentlichen, damit sie gründlicher mitschreiben und studieren konnten. Der Professor wies diese Wünsche zurück, woraufhin Goudas und seine Mitstreiter für drei Tage den Unterricht boykottierten und eine Petition an die Universitätsleitung einreichten. Der Senat der Universität bestrafte Goudas als einen der Rädelsführer mit acht Tagen Arrest und erteilte den übrigen Beteiligten öffentliche Rügen. Später war es ausgerechnet Goudas, der als erster Stipendiat von Mavrokordatos’ Vermächtnis profitierte. Dieser hatte nämlich nach seinem Tod sein Haus der Universität vermacht, um Medizinstudenten zu unterstützen. Goudas nutzte diese Förderung und machte sich später einen Namen als Herausgeber der medizinischen Zeitschrift Melissa.[8]
Medizinische Laufbahn
Im Jahr 1843[9] wurde er als erster Absolvent der Medizinischen Fakultät der Universität Athen zum Doktor der Medizin und Chirurgie[10] promoviert.[3] Im Jahr 1850 reiste er nach Paris[6] in Frankreich, um sich weiterzubilden.[3] Dort kam er in Kontakt mit der französischen liberalen und radikalen Bewegung. Er verfasste medizinische Studien, übersetzte medizinische Werke und seine Mitarbeit an der wissenschaftlichen Weiterbildung der jungen Ärzte galt als bedeutend.[6]
Während der Cholera-Epidemie in Athen 1854/55 wurde er als einer von vier Ärzten nach Piräus entsandt und behandelte zahlreiche Patienten erfolgreich nach dem Verfahren, das er später öffentlich vorstellte.[11][5] Anhand dieses Verfahrens berichtete er über das Verschwinden vergrößerter Milzen und das Abklingen von Erbrechen und Durchfall und schlug die Methode auch zur Malariatherapie vor.[5] Am 23. August 1856 hatte Goudas erste Ergebnisse seiner Forschungen zu Cholera im Berliner Fachjournal Die Deutsche Klinik veröffentlicht.[5] Goudas deutete die Cholera im Sinne der hippokratischen Lehre als nicht übertragbaren, miasmatischen „bösartigen Fieberzustand“ mit drei Entwicklungsphasen. In seiner Ätiologie sah er die Ursache in einer „atmosphärischen Vergiftung“ durch sumpfige Miasmen. Er betonte, dass eine Heilung nur in der Prodromalphase möglich sei, empfahl Chinin als einzig wirksames Heilmittel und beschrieb 1862 dessen transdermale Aufnahme. Zur wichtigsten Vorbeugung schrieb er: „[…] wir sind allmächtig darin, uns zu schützen, sofern wir uns nur nicht fürchten, sofern wir keinerlei diätetischen oder sonstigen Exzess begehen, sofern wir von keiner unserer vernünftigen Gewohnheiten abweichen und jede beliebige Krankheit, selbst eine einfache Unpässlichkeit, rechtzeitig behandeln.“ Er lehnte staatliche Quarantänen und andere Maßnahmen jedoch ab, da sie seiner Ansicht nach Panik auslösten und Angst selbst als direkter Auslöser der Krankheit wirke. Während der Epidemie 1854/55 geriet er deshalb in Konflikt mit den Behörden und trat als öffentlicher Arzt in Piräus zurück. Er stritt zudem mit dem Arzt Konstantinos Vousakis, der Chinin für schädlich hielt.[11]
Am 4. Juli 1865 präsentierte er auf dem Omonia-Platz in Athen öffentlich seine Beobachtungen zu Cholera und empfahl, Chinin beziehungsweise die Nebenprodukte der Peruanischen Rinde nicht oral zu verabreichen, sondern als Kataplasma auf die Bauchdecke zu reiben. Auf diese Weise, so berichtete er, lasse sich die Substanz besser aufnehmen und Nebenwirkungen wie Erbrechen, Durchfall oder übermäßige Magenreizung könnten vermieden werden.[5] Seine Arbeiten fanden Beachtung. 1865 und 1866 schickte Goudas Berichte und Briefe an die Medizinische Gesellschaft von Athen (Ιατρική Εταιρεία Αθηνών) sowie an Ärzte in Griechenland und im Ausland, darunter Konstantinopel, Paris und die Insel Syros. Zeitgenössische Zeitungen und medizinische Journale wie Aromonia, Anatolikos Astir, Ethnos, Nomos und Melissa veröffentlichten Berichte über seine Behandlungserfolge, und viele griechische wie ausländische Mediziner bestätigten die Wirksamkeit seiner Methode. Auch die Académie nationale de médecine in Paris nahm seine Experimente zur Prüfung an, und ein Versand seiner Unterlagen an die US-Regierung wurde erwogen. Damit gilt Goudas als einer der bedeutendsten griechischen Ärzte des 19. Jahrhunderts und als Pionier einer nebenwirkungsarmen Behandlung von Cholera.[5]
Er gab die medizinischen Zeitschriften Iatrikí Mélissa (Ιατρική Μέλισσα) und später Mélissa ton Athinón (Μέλισσα των Αθηνών) heraus.[11]
Trotz seiner Erfolge in der Medizin beendete er später seine ärztliche Tätigkeit.[3]
Politisches Engagement
Goudas befasste sich ausführlich mit der Revolution des 3. September 1843, die zur Verfassung von 1844 führte. Er deutete das Ereignis als Auseinandersetzung zwischen „Griechen und Bayern“ und beschrieb es als „Verschwörung, die zu einer allgemeinen Erhebung der Nation gegen die Bayern mit der Forderung nach einer Verfassung führte“. Zwar erkannte er den revolutionären Charakter des Aufstands an, doch hielt er den Erfolg für nur kurzlebig, da König Otto, „während er der Verfassung Treue schwor, bereits über deren Zerstörung nachdachte“. Auch in späteren Schriften kritisierte Goudas den politischen Missbrauch der Megali Idea, die nach seiner Ansicht oft dazu diente, von drängenden innenpolitischen Problemen abzulenken. Historiker wie Dimitrios Fotiadis und Tryfon Evangelidis nahmen zu diesen Aussagen von Goudas Stellung.[12]
Er beteiligte sich weiterhin an der Revolution des 23. Oktober 1862 gegen König Otto.[3] Aufgrund seiner demokratischen politischen Ansichten in seiner Zeitung[1] wurde er verfolgt, ein Jahr lang inhaftiert und ging anschließend ins Exil.[3][4] Er floh zunächst nach Smyrna und später nach London.[4] Über seine Anklage vor dem Schwurgericht berichtete die deutschsprachige Allgemeine Zeitung.[13] Zu seiner Flucht schrieb die Zeitung Fränkischer Herold Folgendes: „Goudas, der Anstifter des Bauernaufstandes, dessen er per Kopf hundert Drachmen bezahlte, hielt sich einige Tage in Athen versteckt, flüchtete sich auf ein englisches Kriegsschiff im Piräus, und da dieses abfahren wollte, so begleiteten ihn zwei englische Offiziere auf ein französisches Postschiff, mit welchem er nach Smyrna abging. Noch wenige Minuten vor der Abreise erhielt er noch von Athen aus hundert Louisdor zugeschickt. Er flüchtete sich in den Kleidern seiner Frau nach Piräus. In Smyrna wurde er vom englischen Konsul feierlichst empfangen und in seine Wohnung gebracht. Man bezeichnet ihn dort als einen heldenmüthigen Patrioten, der in seinem Freiheitsdrange nicht mehr für die irdische Gesellschaft unter König Otho paßte.“[14] Im Ausland veröffentlichte er zahlreiche politische Flugschriften.[3][4]
Trotz dieser Kritik schilderte er Ottos Abdankung 1862 mit Sympathie und lobte dessen Entscheidung, „um Blutvergießen zu verhindern, mit der Gelassenheit eines christlichen Gläubigen“ auf ein britisches Schiff überzusetzen.[12] Nach der Abdankung Ottos kehrte er nach Griechenland zurück und blieb auch nach der Verfassungsänderung politisch aktiv, konnte jedoch bei einer Kandidatur für ein Abgeordnetenmandat keinen Erfolg erzielen.[3] Nach Eustratiadis bewohnte Goudas in dieser Zeit das Haus seines Schwiegervaters Chatzis Stamatakis an der Ecke Mitropoleos- und Deka-Straße in Athen.[15] Er ärgerte sich außerdem darüber, dass in Griechenland Ikonen mit russischen Inschriften verkauft wurden, obwohl sie griechischer Herkunft waren, und kritisierte diese Praxis als irreführend.[16]
Historisches Schaffen
Neben seinen medizinischen Arbeiten veröffentlichte Goudas auch geisteswissenschaftliche Schriften in griechischer und französischer Sprache.[17] Goudas’ naturwissenschaftliche Ausbildung prägte sein methodisches Vorgehen. Er suchte persönliche Anschauung, belegte seine Darstellungen mit Zeugnissen und Dokumenten und schuf damit Biografien, die selbst als historische Quellen gelten.[3] Viele der von ihm beschriebenen Revolutionäre traf er persönlich. Er erwähnt auch ausführlich physiognomische Details, etwa Augenfarbe, Bart und Blick.[18] Sein bedeutendstes Werk ist die auf zwölf Bände angelegte Sammlung «Βίοι Παράλληλοι» (Parallele Lebensläufe), deren erster Band 1869 und deren achter Band 1876 erschien. Die einzelnen Bände vereinten thematisch zusammengehörige Biografien griechischer Revolutionäre und trugen ausführliche, zeittypische Titel.[3] In den Vorworten jedes Bandes ergänzt er dies um Überlegungen, Anmerkungen und Vorschläge zur politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lage Griechenlands seiner Zeit.[6]
Die zeitgenössische Kritik fiel überwiegend positiv aus. Presse und einzelne Gelehrte hoben die Originalität des Werkes hervor, wenngleich es vereinzelt Einwände gegen den Titel gab, welcher sich an Plutarchs Parallelbiographien anlehnte. Spätere Autoren betonen besonders den Wert der Vorworte der acht erschienenen Bände, die zahlreiche Beobachtungen zur wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und bildungspolitischen Lage Griechenlands enthalten.[3]
In Anlehnung an Plutarchs Parallelbiographien versammelt jeder Band thematisch ähnliche Lebensläufe:[6]
- Band 1: Geistliche
- Band 2: Persönlichkeiten der Bildung, darunter Gerasimos Koupas
- Bände 3 & 4: Fürsten, Proestoi und Kaufleute, die durch Handel reich wurden und den Hellenismus förderten
- Band 5: Gründer und Mitglieder der Filiki Eteria, darunter Ioannis Vlassopoulos
- Bände 6 & 7: Politische Akteure der revolutionären und frühen nachrevolutionären Jahre, im 7. Band u. a. Konstantinos und Andreas Metaxas
- Band 8: „Helden des Festlandes“ des Kampfes von 1821
Trotz einer Auflage von jeweils über 3000 Exemplaren führten finanzielle Schwierigkeiten zum Abbruch des Projekts nach dem achten Band. Weder staatliche Unterstützung noch private Förderer oder Spenden der Nachkommen der Porträtierten konnten die Fortsetzung sichern.[3]
Anastasios Goudas starb 1882 im Alter von 66 Jahren in Athen[2] „fast vergessen“.[3] Nach eigenen Angaben hatte er den Stoff für vier weitere Bände bereits fertiggestellt, doch sein Archiv ist bislang verschollen.[3]
Eine fotomechanische Neuauflage seiner «Βίοι Παράλληλοι» (Parallele Lebensläufe) im Verlag Grigoriadis (1972) rückte, laut Konstantinos Th. Dimaras, sein Werk erneut ins öffentliche Bewusstsein und ermöglichte eine neue Bewertung seiner Bedeutung für die griechische Historiografie.[3]
Eine Ausstellung zu Anastasios Goudas fand 2021 in der Iakovateios-Bibliothek statt.[6]