Anny Breer
deutsche Fotografin
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Agnes Anny Else Breer (geboren 27. Oktober 1891 in Hamburg; gestorben 21. Juli 1969 ebenda) war eine deutsche Porträtfotografin.
Leben
Anny Breer wurde am 27. Oktober 1891 in Hamburg als Agnes Else Breer geboren. Sie war die Tochter des 1. Schiffsvermessungsinspekteurs Theodor Wilhelm Breer und seiner zweiten Frau Agathe, die dieser nach dem Tod seiner ersten Frau 1891 geheiratet hatte. Breer hatte mit seiner ersten Frau bereits fünf Kinder. Agathe Breer wurde von ihren Stiefkindern abgelehnt und ihr Mann war ihr notorisch untreu. Unter diesen Umständen litt sie sehr. Auch Anny wurde von ihren 9 bis 14 Jahre älteren Stiefgeschwistern abgelehnt.[1]
Als sie 1912 Klavierunterricht vom 22-jährigen Pianisten Carl Rettbach erhielt, verliebte sich Anny Breer in diesen. Er war wie ein Gegenentwurf zu ihrem Vater und gegen dessen Willen verlobten sie sich im Februar 1915, mitten im Ersten Weltkrieg. Theodor Breer erlitt daraufhin einen Schlaganfall, von dem er sich nicht erholte und an dem er wenige Tage später verstarb. Für Anny Breer war dies wie die Befreiung von einem Tyrannen. Kurz nach der Verlobung wurde Rettbach eingezogen und am 26. November 1915 fiel er an der Ostfront. Nach dem Tod ihres Vaters stellte die Familie fest, dass er hoch verschuldet gewesen war. Zur Auszahlung der Gläubiger musste die Villa der Familie verkauft werden und Anny Breer musste eine Arbeit annehmen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Sie bekam eine Stelle in der Militärverwaltung in Altona.[1]
Ausbildung zur Porträtfotografin
Anny Breer lernte an ihrem Arbeitsplatz einen deutlich älteren, jüdischen Reserveoffizier kennen, der im Zivilberuf Jurist war. Er riet ihr zur Fotografie als Beruf, da er ihr Talent erkannte. Über die Witwe von Ernst Juhl, einer Bekannten ihres Verlobten, lernte sie die Porträtfotografin Minya Dührkoop kennen und den Hamburger Kunsthallen-Direktor Alfred Lichtwark. Juhl war als Fotosammler mit vielen weltbekannten Fotografen und Fotografinnen bekannt, zu diesen gehörten auch Minya Dührkoop und ihr Vater Rudolf Dührkoop. Zu ihrem Kundenstamm gehörten Kaiser und Präsidenten, hohe Militärs und berühmte bildende Künstler, Musiker und Schauspieler. Im Hamburger Atelier Dührkoop begann Anny Breer als unbezahlte Volontärin und innerhalb von zwei Monaten erhielt sie auch ein Gehalt, da sie ihre Arbeit hervorragend erledigte. Sie war eine begabte Zeichnerin und im Atelier arbeitete sie an der Retusche der Fotonegative und der Papierabzüge.[1]
Anny Breer erkrankte an Neurodermitis und musste ihre Arbeit aufgeben. Sie wurde 1917 in einem Krankenhaus behandelt, doch nach dem Ende der Behandlung konnte sie ins Atelier Dührkoop aufgrund der geschäftlichen Situation nicht zurückkehren. Vermutlich vermittelte Minya Dührkoop sie an ihre Bekannte und Konkurrentin Emma Wiemann. Diese hatte sich im August 1915, als junge Witwe, in Hamburg selbständig gemacht und war knapp vier Jahre älter als Anny Breer. Von ihr bekam Breer die Möglichkeit, Porträts selbst zu fotografieren. Dabei hatte sie einen intuitiven Blick für Aufbau, Beleuchtung und Komposition. Nach dem Ende ihres Volontariats bei Emma Wiemann im September 1918 war sie nach eigenen Angaben ein paar Monate im Atelier Bieber tätig, dort jedoch fühlte sie sich nicht wohl. Ab 1922 machte sie sich inoffiziell selbständig. Sie funktionierte das ehemalige Kinderzimmer in der Villa ihrer Halbschwester in der Brahmsallee zu einem Atelier um. Porträtfotos ihrer ersten Kunden nahm sie mit einer geliehenen 18 × 24 cm Atelierkamera auf. Sie entwickelte die Negative und die Abzüge in einem Mietlabor für Amateurfotografen. Nachdem sie einen Gewerbeschein erhalten hatte, machte sie sich in eigenen Räumlichkeiten in der Lübeckerstraße 78 im September 1922 offiziell selbständig.[1]
Atelier Anny Breer
Im eigenen Atelier baute sich Anny Breer fünf Jahre einen Kundenstamm auf. Ihre Porträts erschienen in der Fotobeilage des Hamburger Fremdenblattes. Vom Deutschen Schauspielhaus wurde sie 1927 engagiert, um Bühnenaufnahmen und Rollenporträts anzufertigen. Es entstanden dabei Fotos der Uraufführung von Erich Wolfgang Korngolds Das Wunder der Heliane und Schauspielerporträts unter anderem von Maria Eis. Die Fotos wurden in Der Kreis. Zeitschrift für künstlerische Kultur veröffentlicht.
Um sich breiter aufzustellen, bemühte sich Anny Breer um Aufträge im Bereich der Sach- und Architekturfotografie. So fotografierte sie 1927 die neuen Glocken der St. Nikolai-Kirche. Im Jahr 1929 begleitete sie den Um- und Erweiterungsbau des katholischen Marienkrankenhauses in Hohenfelde, dabei dokumentierte sie fotografisch sämtliche Gebäude von innen und außen. Davon erschienen 1929 anlässlich der Fertigstellung des Krankenhauses 74 Aufnahmen in einer Veröffentlichung. Zudem fertigte sie Porträtaufnahmen sämtlicher Oberärzte. Dabei wurden die Personen von ihr vor einem dunklen Hintergrund platziert. Durch einen Lichtakzent im oberen linken Quadranten lockerte sie das Bild auf und dynamisierte es. Mal kam das Licht von rechts, mal von links. Die Gesichtsausdrücke der Porträtierten variieren dabei: Einige schauen müde, andere nachdenklich, wieder andere aufmerksam und konzentriert. So gelang es ihr, die homogene Gruppe der Oberärzte als Individuen darzustellen. Die Räumlichkeiten fotografierte sie im Gegensatz dazu menschenleer, klinisch rein und funktional.[1]
Als Paul Frank, der in Hamburg verantwortlich für die Laubenganghäuser am Dulsberg war, sie beauftragte, diese fotografisch zu dokumentieren, passte sie ihren Stil der neuen sachlichen Bauform an. Sie versuchte den Charakter des Gebäudeensembles bildmäßig zu erfassen. Im Jahr 1930/31 erhielt sie einen Auftrag vom „roten Grafen“ Alexander Stenbock-Fermor für sein Buch Deutschland von unten. In dem Buch prangert er die sozialen Verhältnisse an. Auf Breers Foto sitzt eine Hamburger Arbeiterfamilie rund um den Küchentisch in einer alten, heruntergekommenen Wohnung. Das Bild zeigte die Verhältnisse, die der Autor des Buches ändern wollte und die auch die Architekten des Neuen Bauens wie Paul Frank ändern wollten.[1]
Nach etwa zehn Jahren Selbständigkeit zog sie mit vier Angestellten in ein neues Atelier am Neuen Wall Nr. 2, Ecke Jungfernstieg, um. Die Räume übernahm sie von Hans Leip und sie blieb dort bis Juli 1943, als sie ausgebombt wurde. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sie sich einen Ruf erarbeitet, der über Hamburg hinaus reichte.[1]
Nach dem Krieg
Nachdem ihre Wohnung und ihr Atelier 1943 zerstört worden waren, sie überlebte den Angriff, da sie zu der Zeit in Marienbad zur Kur war, zog sie als Notlösung wieder zu ihrer Stiefschwester in die Brahmsallee. Neue Räume fand sie erst 1946 in einem teilzerstörten Gebäude am Speersort 8. Die Existenzängste, die sie plagten, und die Mühen der Reparaturen verzögerten die Neueröffnung ihres Ateliers. Erst am 15. November 1947 konnte sie inmitten einer Trümmerlandschaft wieder eröffnen. Ihre Ersparnisse wurden 1948 durch die Währungsreform vernichtet und dies ließ sie fast verzweifeln. Doch eine Ausstellung ihrer Fotos im Jahr 1948 unter dem Titel „Köpfe aus dem kulturellen Leben Hamburgs“ und Kredite stabilisierten ihre Situation und halfen bei ihrem Neustart. Als 1954 die letzte Baulücke am Ballindamm 35 geschlossen wurde, erhielt sie die Möglichkeit, dort ein neues Atelier einzurichten.[1]
Anny Breer arbeitete weitere 14 Jahre in ihrem Beruf. Sie erhielt auf der „Bildausstellung deutscher Berufsfotografen“ im Jahr 1955 eine Ehrenurkunde für ihr Werk. Da sie keine Altersversicherung besaß, arbeitete sie bis ein Jahr vor ihrem Tod. Sie verschwieg ihr Alter aus Angst, dies könnte geschäftsschädigend wirken. Ihre Kunden blieben ihr jedoch treu. Sie fotografierte weiterhin die Hamburger Prominenz aus Kunst, Politik und Wirtschaft wie Marie Luise Kaschnitz und Werner Finck sowie Weltstars wie José Ortega y Gasset und Pierre Boulez. Ihr Atelier übergab sie an ihre Assistentin Waltraut Frisch im Jahr 1968.[1]
Anny Breer starb am 21. Juli 1969 in Hamburg. Ihr Nachlass von Porträtfotos befindet sich im Staatsarchiv Hamburg.[2]
Ausstellungen
Anny Breer stellte mindestens seit 1927 ihre Werke aus. Neben Paula Modersohn-Becker, Käthe Kollwitz und ihrer ehemaligen Lehrerin Minya Dührkoop stellte sie bei Frauenschaffen des 20. Jahrhunderts in Hamburg aus.[1]
Im Jahr 1929 nahm sie an der Altonaer Kunstausstellung neben den Fotografen der Neuen Sachlichkeit und des Neuen Sehens wie Renger-Patzsch, Herbert und Irene Bayer, Aenne Biermann, Hans Finsler und den Geschwistern Walter und Grete Leistikow teil, ohne sich jedoch in ihrem Stil durchgehend dem Neuen Sehen oder der Neuen Sachlichkeit verpflichtet zu fühlen.
Ihre Fotografien zeigte sie 1932 und 1933 neben denen der bekannten Fotografinnen Olga Linckelmann und Lotte Genzsch.
In den Räumen des Werkbundes an der Rothenbaumchaussee stellte sie 1936 aus und veranstaltete selbst Atelierausstellungen und Künstlerfeste in ihrem neuen Atelier.
Für die Rundfunksendung „Schaffende Frauen in Hamburg“ berichtete sie 1938, wie sie zur Fotografie kam.
Ehrungen

Ihr historischer Grabstein wurde im Garten der Frauen zu ihrem Gedenken neu aufgestellt.[1]
Weblinks
- Anny Breer Garten der Frauen
- Anny Breer. In: Deutsche Biographie (Index-Eintrag).