Antiquariat

auf den Handel mit gebrauchten Büchern spezialisiertes Unternehmen From Wikipedia, the free encyclopedia

Ein Antiquariat ist ein auf den Handel mit gebrauchten Büchern spezialisiertes Unternehmen, welches als Laden- oder Versandgeschäft betrieben wird. Der Inhaber und im Antiquariat angestellte Buchhändler werden Antiquare genannt.

Das Antiquariat am Burgplatz in Braunschweig ist das kleinste Antiquariat Deutschlands. (2008)
Das Antiquariat Solder in Münster, bekannt aus der Fernsehserie Wilsberg (2006)
Ein (mittlerweile geschlossenes) Antiquariat in Frankfurt am Main (2008)

Das Spektrum der Antiquariate ist groß: Es reicht vom Flohmarkthändler mit breitem Angebot an gebrauchten Büchern bis hin zum bibliophilen Antiquariat mit Spezialgebieten. Während der eine seine Bücher kistenweise zum Stöbern anbietet, selektioniert der andere bereits beim Einkauf und bearbeitet die Ware mit Hilfe bibliographischer Nachschlagewerke.

Zu den Marktführern der bibliophilen Antiquariate zählen die Mitglieder der großen nationalen Berufsverbände. In Deutschland sind sie im Verband Deutscher Antiquare e. V. organisiert. Die nationalen Verbände wiederum sind in der Internationalen Liga der Antiquare (International League of Antiquarian Booksellers, ILAB) zusammengeschlossen.

Antiquariate handeln hauptsächlich mit Büchern, aber auch mit Handschriften, Autographen, Graphiken, Landkarten, Erstausgaben, Ansichtskarten, Zeitungen, und Musikalien. Im 19. Jahrhundert gehörten teilweise auch Gemälde, Möbel oder sonstige Antiquitäten zum Angebot, aber der Handel dieser Objekte hat sich seitdem auf den Kunst- und Antiquitätenhandel verlagert.

Zu den großen Antiquariatsmessen in Deutschland zählen die Stuttgarter Antiquariatsmesse, die seit 1962 jährlich vom Verband Deutscher Antiquare e. V. organisiert wird,[1] sowie die Antiquaria Ludwigsburg, die seit 1987 von Petra Bewer veranstaltet wird.[2] Die erste internationale Antiquariatsmesse fand 1958 in London statt, veranstaltet von der Antiquarian Booksellers’ Association. Seitdem sind andere Spezialmessen in Europa und Übersee dazu gekommen. Die mittlerweile größte Antiquariatsmesse ist die California International Antiquarian Book Fair, die 1967 gegründet wurde.

Das größte Antiquariat der Welt – mit dem Slogan 18 Miles of Books (rund 29 Kilometer Regalgesamtlänge) – soll The Strand Bookstore am New Yorker Broadway sein. Seit etwa zehn Jahren gibt es auch Bücherdörfer in Deutschland – Orte mit besonders vielen Antiquariaten. Beim größten Buch-Antiquariat Deutschlands soll es sich um das Antiquariat Hennwack in Berlin handeln, das sich heute in den ehemaligen Räumen des Hentrich & Hentrich Verlags befindet. Mit zu den großen Antiquariaten zählt auch die Bücherstadt in Wünsdorf[3] südlich von Berlin.

Geschichtliche Entwicklung

19. und 20. Jahrhundert

Die im 19. Jahrhundert sprunghaft steigende internationale Buchproduktion führte zum Rückfluss gebrauchter Bücher in das Antiquariat, das sich demzufolge als eine Spezialisierung des Buchhandels herausbildete. Entsprechende Kataloge stellten teilweise eine wissenschaftliche Leistung dar. Bei Auktionen zeigte sich vorübergehend ein deutlicher Anstieg der Preise. Das Börsenblatt gab zunächst eine Beilage Aus dem Antiquariat heraus.[4] Die Internationale Liga der Antiquare (ILAB) wurde 1947/1948 von europäischen Antiquaren gegründet.[5] Der Verband der Antiquare Österreichs wurde 1949 gegründet.

it dem Fortschritt der Reproduktionstechnik wurde es ab Mitte des 20. Jahrhunderts möglich, Faksimile von seltenen Büchern herzustellen. Dies führte vorübergehend zu einem Preisanstieg bei antiquarischen Büchern, da als Vorlage für den Nachdruck hochwertige Originalausgaben gesucht wurden. In der Folgezeit sanken jedoch die Preise, weil viele Kunden die preiswerten und teilweise hochwertig eingebundenen Faksimile-Ausgaben kauften und das Interesse an den ursprünglich seltenen Büchern geringer wurde.

Half Price Books in Berkeley, Kalifornien

Es entwickelte sich daraufhin der Begriff Modernes Antiquariat für den Verkauf verbilligter Bücher aus dem Handel oder aus Verlagsbeständen mit aufgehobenem Ladenpreis (Remittenden oder Mängelexemplare) als ein Marktsegment, das vor allem von Versandhändlern bearbeitet wurde. In den USA wurde 1972 das Unternehmen Half Price Books gegründet.[6]

Seit Mitte der 1990er Jahre gingen Antiquariate zunehmend dazu über, ihre Bücher über Internetmarktplätze zu verkaufen. Kunden besuchen die Ladengeschäfte immer weniger, insbesondere auch deshalb, weil es im Internet die Möglichkeit zum Preisvergleich gibt und man dort meist auch bei seltenen Werken (Rara), bei Büchern mit kleinsten Auflagen oder bei der Suche nach einzelnen Bänden mehrbändiger Werke schneller fündig wird. Verkaufsplattformen wie AbeBooks (unter dem Namen „justbooks.de“), Booklooker oder das Zentrale Verzeichnis Antiquarischer Bücher (ZVAB) präsentierten das Angebot von vielen Antiquaren anfangs teilweise kostenlos.

21. Jahrhundert

In Deutschland gab es im Jahre 2006 rund 1200 Antiquariate, von denen wohl 80 Prozent gegen Gebühr bei den verschiedenen Online-Plattformen anbieten. Im Jahr 2011 waren rund 4.100 Antiquariate aus 27 Ländern mit mehr als 30 Millionen Medien (Bücher, Graphiken, Tonträger Noten) im ZVAB präsent.[7] antiquariat.de hat Standards festgelegt, auf die die teilnehmenden Händler verpflichtet werden. Dazu gehören insbesondere mehrjährige Erfahrung, detaillierte bibliographische Erfassung der angebotenen Titel mit Nennung aller eventuellen Mängel, schnelle Lieferung, faire Rückgabemöglichkeit für die Kunden sowie sachgerechte Verpackung. Das ZVAB setzte bis zur Übernahme durch AbeBooks, einer zu Amazon gehörenden Plattform, im Herbst 2015 einen Gewerbeschein als Teilnahmebedingung voraus; dagegen lassen die Online-Handelsriesen eBay und Amazon oder Plattformen wie Booklooker auch Privatpersonen zu, was den Wettbewerb nach Einschätzung einiger Marktteilnehmer stark verzerrte.[8]

Meta-Suchmaschinen ermöglichen die vergleichende Suche im Angebot vieler dieser Plattformen, so dass der Kunde das günstigste Angebot auswählen kann und nicht mehr darauf angewiesen ist, das im örtlichen Antiquariat vorhandene Exemplar zum dort verlangten Preis zu erwerben. Dadurch ist der Konkurrenzdruck am Markt sehr groß, so dass viele Antiquariate ihre Bücher mittlerweile auch ohne Ladengeschäft anbieten, um die Kosten für ein solches (Miete, Beheizung, Verkaufspersonal) einzusparen. Auch gedruckte Kataloge, die früher von vielen Antiquariaten erstellt wurden, sind heute nur noch bei Spezialantiquariaten und beim Verkauf von besonders wertvollen Stücken üblich.

Ein weiterer Preisverfall zeichnet sich infolge der über das Internet verfügbaren digitalen Kopien von Beständen großer Bibliotheken, z. B. der Library of Congress ab. Da Bibliotheken vor diesem Hintergrund der Digitalisierung oft darauf verzichten, gezielt ältere Literatur zur Ergänzung ihrer Bestände nachzukaufen, andererseits aber auch Bibliotheken verkleinert oder ganz aufgelöst werden (z. B. von wegen Nachwuchsmangels geschlossenen Klöstern) und somit (Teil-)Bestände in den Handel gelangen, sind die Preise in den letzten Jahren zusätzlich gefallen. Hinzu kommen veränderte Lebensgewohnheiten, die durch Platzmangel oder häufigere Umzüge den Aufbau einer großen Privatbibliothek oft nicht mehr zulassen.

Besonders seltene Bücher wie etwa Inkunabeln oder Alte Drucke sind von diesem Preisverfall nicht betroffen. Dabei handelt es sich um begehrte Sammelobjekte, die weltweit von Bibliotheken, Institutionen und bibliophilen Sammlern gesucht werden. Diese Raritäten werden von ausgesuchten Antiquariaten gehandelt und kommen auch über renommierte Auktionshäuser sowie spezielle Buchauktionshäuser auf den Markt.

Fachbegriffe

In den Antiquariatskatalogen findet zahlreiche Fachbegriffe: So bezeichnet man etwa Allgemeine Literatur als Belletristik oder Trivia. Seltene Bücher als Zimelien und Rara. Im Antiquariatshandel werden nach der Herkunft der Objekte (insbesondere auch bei Graphik) das Lateinische Suffix ia angehängt also etwa (Singular) Hamburgenia, Badenia oder Dresdenia oder bei Mehrzahl: Hamburgensia, Badensia, Dresdensia Weitere Fachbegriffe (Auswahl) sind:

Die Fachbegriffe werden in den Auktionskatalogen zumeist abgekürzt.

Statistik

Antiquariatskatalog von 1887 zum Verkauf der Bibliothek von Richard Lepsius nach dessen Tod.

Belastbare Wirtschaftsdaten über die Branche sind rar. Eine Umsatzerhebung der Arbeitsgemeinschaft Antiquariat im Börsenverein des Deutschen Buchhandels verzeichnete für die Branche 2005 ein Umsatzminus von elf Prozent.

Nach einer 2007 veröffentlichten Studie des ZVAB hatten klassische Antiquariate durchschnittlich 55 % des Umsatzes online erzielt. Der Online-Anteil war damit innerhalb eines Jahres deutlich angestiegen (Vorjahr 37 %). 19 % wurden über klassischen Versandhandel umgesetzt, 18 % im Ladengeschäft und 9 % über Messen und Märkte. Bereits 2004 waren 20 % der Antiquariate ausschließlich im Internet tätig.[9]

Antiquaria-Preis

Die Stadt Ludwigsburg, die Wiedeking Stiftung Stuttgart und der Verein Buchkultur e. V. verleihen jährlich den Antiquaria-Preis für besondere Leistungen zur Förderung und Pflege der Buchkultur. Er wird während der Antiquariatsmesse Antiquaria in Ludwigsburg vergeben und ist mit 10.000 Euro dotiert.[10]

Fachzeitschrift

Im deutschsprachigen Raum führendes Fachorgan ist die in Frankfurt am Main erscheinende Zeitschrift Aus dem Antiquariat (besteht seit 1948; seit Anfang 2016 mit 4 Heften im Jahr), die an die Mitglieder im Börsenvereins des Deutschen Buchhandels und auch an die Mitglieder der Maximilian-Gesellschaft verteilt wird.

Bekannte Antiquariate

Historische Antiquariate
Aktuell tätige Antiquariate

Literatur

  • Björn Biester: Antiquar, Antiquariatsbuchhandel, Antiquariatskatalog, Antiquariatsmesse, Antiquariatsverband, Auktion, Auktionskatalog. In: Reclams Sachlexikon des Buches. 3. Auflage. Reclam, Stuttgart 2015, ISBN 978-3-15-011022-5.
  • Björn Biester: Geschichte des Antiquariatsbuchhandels im 19. und 20. Jahrhundert. Literaturbericht 1997 bis 2012. In: Aus dem Antiquariat NF 11 (2013) Nr. 1.
  • Bernhard Wendt, Gerhard Gruber: Der Antiquariatsbuchhandel. Eine Fachkunde für Antiquare und Büchersammler. 4., neu bearbeitete Auflage. Hauswedell, Stuttgart 2003, ISBN 3-7762-0503-2.

Einzelnachweise

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