Bartter-Syndrom
genetisch bedingte Krankheit
From Wikipedia, the free encyclopedia
Das Bartter-Syndrom ist eine äußerst seltene vererbte Krankheit der Niere. Es wurde benannt nach Frederic Crosby Bartter.[1] Befallen sind dabei die aufsteigenden Äste der Henle-Schleifen in den Nieren. Es kommt
- zum Salzverlust-Syndrom,
- zu einer hypokaliämischen metabolischen Alkalose und
- zum sekundären Hyperaldosteronismus bei normalem oder niedrigem Blutdruck.
| Klassifikation nach ICD-10 | |
|---|---|
| E26.8 | Sonstiger Hyperaldosteronismus - Bartter-Syndrom |
| ICD-10 online (WHO-Version 2019) | |
| Klassifikation nach ICD-11 | |
|---|---|
| GB90.43 | Bartter-Syndrom |
| ICD-11: Englisch • Deutsch (Vorabversion) | |
Neben der klassischen Form gibt es eine antenatale (pränatal, vorgeburtlich) Form des ungeborenen Fötus mit Polyhydramnion.
Definition
Das „Barttersche Syndrom [zeigt] die Symptomatik des Conn-Syndroms (Muskelschmerzen, Paresen, Tetanie, Polyurie, Hypokaliämie und Hypernatriämie) bei fehlender Hypertonie (!) infolge Hypertrophie und Hyperplasie des juxtaglomerulären Apparates.“[2] Das „Bartter-Syndrom [ist ein] autosomal-rezessiv vererbtes renales Kaliumverlustsyndrom mit Hypermagnesiämie, metabolischer Alkalose, erhöhtem Renin und Aldosteron.“[3] Auffällig sind außerdem niedrige Blutdruckwerte, eine Volumenkontraktion mit hypochlorämischer, hypokaliämischer metabolischer Alkalose, eine hohe Plasmareninaktivität, hohe Angiotensin-II-Werte, hohe Aldosteronwerte und eine hohe Prostaglandinausscheidung. „Die Krankheit ähnelt in der Tat einer Furosemiddauerinfusion.“[4]
Beschreibung
Betroffen sind die Henleschen Schleifen, sie bilden den mittleren Abschnitt der Nierenkanälchen. Auch sie sind an der Konzentrierung des Harns durch Wasserentzug aus dem Primärharn zurück in Blutkreislauf beteiligt. Ein Defekt der Nierenkanälchen reduziert die tubuläre Rückresorption von Wasser; so wirken Diuretika. So kommt es beim Bartter-Syndrom häufig zur Polyurie. Polyurie und Polydipsie gehören somit zu den typischen klinischen Merkmalen, besonders bei den antenatalen und bei den schweren Formen. Ein Säugling mit Bartter-Syndrom kann beispielsweise Urinmengen von mehr als 4 Milliliter pro Kilogramm Körpergewicht pro Stunde ausscheiden.[5]
Es besteht ein Defekt des Furosemid-sensitiven Na+/K+/2Cl−-Kotransporters (NKCC2, Typ I; auch BSC1 genannt) [oder des apikalen K+-Kanals (ROMK; Typ II) oder des basolateralen Cl−-Kanals (CLCKB, Typ III), die mit dem Na+/K+/2Cl−-Kotransport bei der Resorption von NaCl im Verdünnungssegment kooperieren] im aufsteigenden Ast der Henle-Schleife der Niere. Dadurch können Natrium-Ionen nicht genügend rückresorbiert werden, wodurch der Blutdruck abfällt. Dies führt einerseits via Pressorezeptoren der Aorta zur Katecholaminausschüttung und andererseits wegen geringerer Durchblutung der Vasa afferentia zu einer Ausschüttung von Renin und es entsteht ein hyperreninämischer Hyperaldosteronismus.
Typ IV ist durch einen Defekt in Barttin,[6] der essentiellen β-Untereinheit des ClC-K-Kanals, gekennzeichnet, der außer in der basolateralen Membran der Henle-Schleife auch in der basolateralen Membran der Stria vascularis im Innenohr exprimiert wird. Der Typ IV wird eingeteilt in Typ 4a und Typ 4b. Beide Phänotypen zeigen eine zusätzliche Taubheit, da die Produktion der K+-reichen Endolymphe gehemmt ist. So kommt es zu retrocochlearen Hörstörungen.[7][8]
Bei Typ V liegt eine Mutation im CaSR (extrazellulärer Calcium-Ion-Sensing-Rezeptor) vor, der die NKCC2 und den ROMK inhibiert.
Das Hyperprostaglandin-E-Syndrom ist eine Kombination aus den Typen I, II und III.
Häufigkeit
Genetik
Der Erbgang der Typen I bis IV ist autosomal-rezessiv. Typ V wird dagegen autosomal-dominant vererbt.[10]
Bisher wurden fünf verschiedene Gene gefunden, die bei der Entstehung des Bartter-Syndrom involviert sind:[10][11]
| Bartter-Syndrom | Chromosom Genlocus | Gen | kodiertes Protein |
|---|---|---|---|
| Typ I | Chromosom 15q15-q21.1 | SLC12A1[12] | NKCC2 |
| Typ II | Chromosom 11q21-25 | KCNJ1 | ROMK |
| Typ III | Chromosom 1p36 | ClCNKb | ClCN-Kb |
| Typ IV | Chromosom 1p31 | BSND | Barttin |
| Typ V | Chromosom 3q13.3-q21 | CASR | CaR |
Symptome
Der Blutdruck ist typischerweise trotz erhöhtem Renin und Aldosteron erniedrigt. Bei erniedrigten Kaliumwerten kommt es zur metabolischen Alkalose und zum Salzverlust. Dehydratation, Erbrechen und Polyurie sind möglich. Als Folge des Hyperaldosteronismus entstehen eine Hypokaliämie sowie eine metabolische Alkalose.
Weitere Symptome sind:
- Verlangen nach Kochsalz
- Muskelkrämpfe
- Muskelhypotonie (Muskelschwäche) bis zur Bewegungsunfähigkeit
- Zittern, Taubheitsgefühle in den Fingern/Zehen, brennende Füße
- Migräneartige Kopfschmerzen, Verwirrtheit, Erinnerungsstörungen, Schwindelgefühl
- Gelenkschmerzen, Magenkrämpfe
Differentialdiagnose der Harnkonzentrierungsstörungen
| Bartter-Syndrom | Schwartz-Bartter-Syndrom | Diabetes insipidus centralis | Diabetes insipidus renalis | |
|---|---|---|---|---|
| Pathophysiologie | Kanaldefekt in der Niere (Na+/K+/2Cl−-Symporter, ROMK oder CLCKB) | unangemessen hohe ADH-Sekretion → Aquaporineinbau ↑ | unzureichende ADH-Sekretion → Aquaporineinbau ↓ | ADH-Typ 2-Rezeptordefekt → Aquaporineinbau ↓ oder Aquaporindefekt |
| Ätiologie | erblich (autosomal-rezessiv) |
|
|
|
| Klinik | Polyurie, Salzappetit, Muskelschwäche und Muskelschmerzen, Krämpfe | ZNS-Symptomatik, Muskelschwäche und Muskelschmerzen, Krämpfe | erhöhte Urinmenge, erhöhte Trinkmenge | erhöhte Urinmenge, erhöhte Trinkmenge |
| Labor | Serum: Na+ ↓, K+ ↓, Osmolalität ↓, pH-Wert ↑ | Serum: ADH ↑, Na+ ↓, K+ ↓, Osmolalität ↓, pH-Wert ↑ | Serum: ADH ↓, Na+ ↑, Osmolalität ↑ | Serum: ADH ↔, Na+ ↑, Osmolalität ↑ |
| Urin: Na+ ↑, K+ ↑, Osmolalität ↑ | Urin: Na+ ↑, Osmolalität ↑ | Urin: Na+ ↓, Osmolalität ↓ | Urin: Na+ ↓, Osmolalität ↓ | |
| Weitere Diagnostik | Nachweis eines sekundären Hyperaldosteronismus |
|
|
Therapie
Es wird versucht, durch Infusionen den Kaliumspiegel und den Natriumspiegel zu heben. Außerdem können Aldosteronantagonisten sowie Prostaglandinsynthesehemmer (z. B. Indometacin) eingesetzt werden.
Antenatales Bartter-Syndrom
Auch das antenatale Bartter-Syndrom wird meist autosomal-rezessiv vererbt. Es heißt auch neonatale Furosemid-ähnliche Salzverlusttubulopathie oder neonatales Bartter-Syndrom.[14] Es wurden dieselben Loss-of-Function-Mutationen wie bei der klassischen Form beschrieben.
Die „Patienten mit ‚antenatalem‘ Bartter-Syndrom leiden unter einer schweren Systemerkrankung mit starken Elektrolytverlusten, Polyhydramnion und Hyperkalzurie mit Nephrokalzinose; für viele dieser Symptome sind die deutlich erhöhte renale Synthese und [die] Ausscheidung von Prostaglandin verantwortlich.“[15]
Durch den Salzverlust im dicken aufsteigenden Ast der Henle-Schleife kommt es in utero zu einer massiven Polyurie und zu einem schweren Polyhydramnion, welches in der Regel zu einer Frühgeburt führt. Die Behandlung umfasst vor allem einen Flüssigkeits-Ausgleich und eine Salzsupplementierung jeweils antepartal bei der Schwangeren. Nichtsteroidale Entzündungshemmer werden beim Neugeborenen aufgrund der möglichen schweren unerwünschten Nebenwirkungen in der Nachgeburtsphase (postnatal) nur vorsichtig eingesetzt. Eine postpartale Therapie der Mutter ist nicht erforderlich.
Daneben beschrieb eine Marburger Arbeitsgruppe 2016 eine transiente Form des antenatalen Bartter-Syndroms mit einem X-chromosomalen Erbgang, ausgelöst durch eine Mutation des Gens für das "Melanoma-assoziierte Antigen D2" (MAGE-D2) im Bereich Xp11.2.[16] Die genaue molekulare Funktion dieses Proteins ist nicht bekannt. Es bindet an Chaperon Hsp-40 und an zytoplasmisches Gs-alpha-Protein und ist an der Zellzyklus-Regulation, an der Apoptose und an der Neurogenese beteiligt. Außerdem ist es mit einigen Karzinomen assoziiert. Die klinische Implikation ist vor allem, dass die risikoreiche postnatale Therapie des Bartter-Syndroms nicht notwendig ist.[17]
Geschichte
Das Bartter-Syndrom wurde erstmals 1962 von dem US-amerikanischen Endokrinologen Frederic Crosby Bartter (1914–1983) beschrieben.[18]
Siehe auch
Weblinks
- Typ I Bartter-Syndrom. In: Online Mendelian Inheritance in Man. (englisch)
- Typ II Bartter-Syndrom. In: Online Mendelian Inheritance in Man. (englisch)
- Typ III Bartter-Syndrom. In: Online Mendelian Inheritance in Man. (englisch)
- Typ IV Bartter-Syndrom. In: Online Mendelian Inheritance in Man. (englisch)
- Artikel zum Bartter-Syndrom. (PDF; 1,3 MB) Charité Universitätsmedizin Berlin
- Bartter Syndrome and Gitelman Syndrome (englisch)