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Berlin, Bahnhof Friedrichstraße 1990

Film von Konstanze Binder, Lilly Grote, Ulrike Herdin, Julia Kunert (1991) From Wikipedia, the free encyclopedia

Berlin, Bahnhof Friedrichstraße 1990 ist ein Dokumentarfilm im Stil des Direct Cinema von Konstanze Binder, Lilly Grote, Ulrike Herdin und Julia Kunert aus dem Jahr 1990. Er ist ein Zeitdokument des Wiedervereinigungsprozesses in Berlin.[1] Der Film, eine Produktion der ZDF-Sendereihe Das Kleine Fernsehspiel, wurde im Rahmen der 41. Internationalen Filmfestspiele Berlin 1991 beim 21. Internationalen Forum des Jungen Films uraufgeführt.

TitelBerlin, Bahnhof Friedrichstraße 1990
ProduktionslandDeutschland
Erscheinungsjahr1991
Länge85 Minuten
Schnelle Fakten Titel, Produktionsland ...
Film
Titel Berlin, Bahnhof Friedrichstraße 1990
Produktionsland Deutschland
Erscheinungsjahr 1991
Länge 85 Minuten
Produktions­unternehmen SO 36 Film (Berlin), Ulrike Herdin (Berlin), im Auftrag des ZDF
Stab
Regie Konstanze Binder, Lilly Grote, Ulrike Herdin, Julia Kunert
Drehbuch Konstanze Binder, Lilly Grote, Ulrike Herdin, Julia Kunert
Produktion Lilly Grote, Ulrike Herdin
Musik Jon Rose
Kamera Konstanze Binder, Lilly Grote, Julia Kunert
Schnitt Yvonne Loquens
Besetzung
Ula Stöckl, Jon Rose, Jörg Foth, Herwig Kipping, Christian Noack, Marianne Staedtefeld
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Inhalt

Der Film zeigt die Entwicklung des Berliner Bahnhofs Friedrichstraße, der als Grenzübergangsstelle im Bahn-Transitverkehr zwischen Ost- und Westdeutschland diente, im Jahr 1990. Über den Verlauf eines halben Jahres bis zur Währungsunion begleiten die Filmemacherinnen die Veränderungen vom gelockerten Grenzverkehr zwischen Ost und West nach dem Mauerfall über die Wiederherstellung der durchgehenden Streckenführung der Bahn bis zum schrittweisen Rückbau der Grenzkontrolleinrichtungen.[2] Es werden Bahnmitarbeiter, Zollbeamte, Passagiere und Gewerbetreibende nach ihren Ansichten zu den gesellschaftlichen Änderungen der Wendezeit und ihren Plänen für die Zukunft befragt.[3]

Weiterhin kommen im Film unter anderem die in West-Berlin lebende Filmemacherin Ula Stöckl und der Musiker Jon Rose zu Wort, der sich an ein Grenzübertrittserlebnis im Bahnhof Friedrichstraße erinnert. Rose ist ein Vertreter der Neuen Improvisationsmusik und insbesondere für seine selbstgebauten Streichinstrumente bekannt. Nach einem Konzert in der DDR sei er mit seinem baulich veränderten, 19-saitigen Cello bei der Einreise in den Westen längere Zeit zurückgehalten und von der Staatssicherheit befragt worden, mit der Begründung, ein Cello habe nur 4 Saiten. Für einige Zeit sei sein Reisepass einbehalten worden, bis ein cellospielender Grenzbeamter kontaktiert und zu Rate gezogen worden sei. Eine spätere Filmsequenz zeigt ihn, wie er auf einem verwahrlosten Bahnsteigteil auf dem Instrument spielt.

Hintergründe

Berlin, Bahnhof Friedrichstraße 1990 wurde kollektiv von zwei westdeutschen und zwei ostdeutschen Filmemacherinnen hergestellt. Konstanze Binder und Lilly Grote stammten aus Westdeutschland und kannten sich aus der gemeinsamen Studienzeit an der DFFB. Die kurz nach Fertigstellung des Films bereits verstorbene Ulrike Herdin war 1968 aus der DDR nach West-Berlin geflüchtet.[4] Sie betrieb mit Lilly Grote die Produktionsfirma SO 36 Film, die auch für diesen Film die Produktion übernahm. Julia Kunert arbeitete bis zum Mauerfall als Kamerafrau in der DDR. Der Kontakt entstand aus der Zusammenarbeit mit Ula Stöckl, die im Film auch als Interviewpartnerin zu Wort kommt.

Die gleichberechtigte Vorgehensweise, die eine kollektive Regie einschloss, stieß bei der Redaktion der Reihe Das kleine Fernsehspiel beim ZDF zunächst auf Skepsis, konnte aber dank der Fürsprache der Redakteurin Annedore von Donop als Teil der Sparte Kamerafilm doch noch umgesetzt werden.[4] Der Film ist auf 16-mm-Negativen gedreht.

Der Film hatte seine Uraufführung bei den 41. Internationalen Filmfestspielen Berlin 1991 beim 21. Internationalen Forum des Jungen Films und wurde am 19. Februar 1991 im Spätprogramm des ZDF ausgestrahlt.[5] 2022 wurde der Film im Auftrag der Deutschen Kinemathek in 2K-Auflösung digitalisiert und durch die Firma Basis Berlin restauriert, was zu neueren Aufführungen als Zeitdokument der Wende führte.[6][7] Er wird im Februar 2026 erneut bei der Berlinale in der Sektion Retrospektive zu sehen sein.[8] Der Film ist im Verleih der Edition Salzgeber.

Rezeption

Eva Hohenberger nimmt den Film im Jahr 1996 für das Lexikon des internationalen Films als „teilweise kunstgewerblich“ anmutend und „voller Stereotypen“ wahr, dem der analytische Ansatz fehle und der zudem wenig Neues berichte. „Stattdessen werden Binsenweisheiten heraufbeschworen und bedeutungsschwangere Zusammenhänge hergestellt, die keiner näheren Überprüfung standhalten.“[9]

Fabian Tietke schätzt Berlin, Bahnhof Friedrichstraße 1990 in der taz anlässlich einer Wiederaufführung im Jahr 2019 ganz anders ein: als einen „der raren Glücksfälle, bei denen die filmische Kooperation zwischen ost- und westdeutschen Filmemacherinnen“ gelungen sei. Der Film verbinde „auf kluge Weise das physische Wiederzusammenwachsen [...] mit Gesprächen über die Vorstellungen und Ängste, die die Wiedervereinigung“ begleitet hätten. Er findet, der Film sei „einer der klügsten, die man zu 30 Jahren deutscher Einheit zu sehen bekommen wird“.[10]

Den Betreibern des Programmkinos Krokodil in Berlin-Prenzlauer Berg erscheint in den 2020er Jahren der Film als „ein bedeutendes Zeitdokument und gleichsam ein audiovisuelles Archiv, das die schwindelerregenden Veränderungsprozesse der Zeit ungeschminkt auf Zelluloid brachte.“[7] Felix Müller bescheinigt dem Film anlässlich seiner Wiederaufführung im Rahmen der Ausstellung Heute noch, morgen schon in der Berliner Nikolaikirche im Jahr 2025 in der Berliner Morgenpost, er lasse die „gemischten Gefühle“ der Nachwendezeit verblüffend präsent werden und führe die Zuschauenden „direkt in diese emotionalen und sozialen Räume, in denen noch heute wirksame Entscheidungen für die Zukunft getroffen wurden.“[11]

Die Filmhistorikerin Madeleine Bernstorff, die beim Film als Aufnahmeleiterin tätig war,[12] schrieb: „Der Film (...) konstituiert in seiner eigensinnigen kollektiven Zusammenarbeit eine verschränkte, multiperspektivische Erinnerung, die in ihrer künstlerischen und selbstverständlich feministischen Anlage die Berührung freilegt, die der immer noch nicht erlöste Zusammenprall zweier Gesellschaften mit sich brachte. In einer Zeit des oft ebenso mitleidig wie arrogant in Szene gesetzten Demontage-Journalismus, der die DDR auf Zerfall und Niedergang reduzierte, arbeitet der Film gegenläufig zum damals gängigen Narrativ und wirkt heute als vorsichtige und skeptische Bestandsaufnahme umso eindrucksvoller. Die Autorinnen/Regisseurinnen/Kamerafrauen aus West und Ost bringen ihre Erfahrungen, Fragen und Arbeitshintergründe in den Film ein. Dies führt (...) zu einem Eindruck voller Tiefe und Zwischentöne.“[13]

Literatur

  • Berlin, Bahnhof Friedrichstraße 1990. In: Horst Schäfer, Walter Schobert (Hrsg.): Fischer Filmalmanach 1992. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1992, ISBN 978-3596111985, S. 43.
  • Madeleine Bernstorff: „Wenn man dann auf einmal auf einer Welle ist.“ Zur Produktion ‚Berlin, Bahnhof Friedrichstrasse 1990‘. In: Betty Schiel, Maxa Zoller (Hrsg.): Was wir filmten. Filme von ostdeutschen Regisseurinnen nach 1990. Bertz + Fischer, Berlin 2021, ISBN 978-3-865-05267-4, S. 148–166.

Einzelnachweise

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