Bewegung für die Rechte von Autisten
Soziale Bewegung, die sich für die Rechte, Inklusion und Würde von autistischen Menschen einsetzt
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Die Bewegung für die Rechte von Autisten (Autismusrechtsbewegung) ist eine seit den 1990er Jahren bestehende soziale Bewegung. Sie will erwirken, dass Autismus allgemein nicht mehr als Störung oder Krankheit gilt. Die autistischen Personen setzen sich selbst für ihre Rechte ein (self-advocacy) und fordern unter anderem gesellschaftliche Akzeptanz und Sichtbarkeit.

Definition

Die Autismusrechtsbewegung ist sowohl Teil der Behindertenbewegung als auch der Neurodiversitätsbewegung. Die Aktivisten der Autismusrechtsbewegung erstreben eine breite Akzeptanz autistischer Menschen sowie derer Merkmale und Verhaltensweisen. Die Bewegung ist nicht zentral organisiert, sondern wird an verschiedenen Orten von verschiedenen Personen vertreten, die meist informell miteinander vernetzt sind. Schwerpunkt sind englischsprachige Länder.
Die Bewegung für die Rechte von Autisten ist in Deutschland vergleichsweise schwach.
Zentrale Themen der Autismusrechtsbewegung sind das Recht auf körperliche Unversehrtheit, selbstbestimmtes Leben sowie die Selbstvertretung autistischer Menschen. Ihre Entstehung liegt zeitlich zwischen der Behindertenbewegung (1960er-, 1970er-Jahre) und der Neurodiversitätsbewegung, die Ende der 1990er-Jahre entstand und seit den 2010er-Jahren eine breite gesellschaftliche Wirkung entfaltet.

Geschichte
Vorgeschichte
Bevor es zu einer selbstbestimmten Autismusrechtsbewegung kommen konnte, konzentrierte sich die gesellschaftliche Wahrnehmung von Autismus vor allem auf autistische Kinder. Damals ging die Initiative von Eltern autistischer Kinder in den USA aus. 1965 gründeten Bernard Rimland, Ruth C. Sullivan und andere Eltern die National Society for Autistic Children, die später in Autism Society of America umbenannt wurde.[1][2]
Die Organisation Autism-Europe wurde 1983 von Elternverbänden gegründet.[3] Die Gründung von Autism-Europe war eine Folge von Konferenzen von Elternverbänden, beginnend 1980 in Gent.[4] Ein wesentlicher Aspekt bei der verspäteten Selbstvertretung der Autisten ist, dass bis in die 1990er Jahre hinein nur der frühkindliche Autismus als Autismus galt. Erst im Lauf der 1980er Jahre wurden das Asperger-Syndrom und der sogenannte „hochfunktionalen Autismus“ mit berücksichtigt. Helmut Remschmidt im Ärzteblatt über das Asperger-Syndrom: „Erst 1991 fand es Eingang in die internationale Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation (ICD-10) und erst 1994 in das diagnostische und statistische Manual psychischer Störungen (DSM-IV) der American Psychiatric Association.“[5]
Erste informelle Selbsthilfeorganisationen und Arbeitsgemeinschaften für die Rechte von Behinderten allgemein wurden in Deutschland in den 1960er Jahren ins Leben gerufen.[6] In Nordamerika begann diese Entwicklung bereits früher. Seit 1938 existierte die Organisation March of Dimes, die ab den 1950er Jahren zunehmend umfassend Behindertenrechte vertrat. In den 1960er Jahren entstand die Independent-Living-Bewegung für selbstbestimmtes Leben. In den 1970er Jahren verabschiedete die Vereinten Nationen zwei Deklarationen, auf die sich die Autismusrechtsbewegung beruft: die zu den Rechten geistig behinderter Menschen (1971) und den Rechten behinderter Menschen (1975).[7]
1990er Jahre

Erst seit den 1990er Jahren gibt es eine eigentliche Bewegung für die Rechte von Autisten, bei der diese sich selbst für ihre Rechte einsetzen. Das Jahr 1992 ist wegen mehrerer Entwicklungen relevant für die Bewegung für die Rechte von Autisten. In den USA gründeten Jim Sinclair, Kathy Grant, and Donna Williams das Autism Network International (ANI). Des Weiteren präsentierte Dinah Murray 1992 auf einer Konferenz der National Autistic Society in Durham ihren Aufsatz mit dem Titel Attention Tunnelling and Autism, in dem sie das Konzept des Monotropismus der Öffentlichkeit vorstellte.

Ebenfalls 1992 veröffentlichte die Organisation Autism-Europe die Charter for Persons with Autism.[8] Die deutsche Bezeichnung lautet Charta für Menschen mit Autismus[9] Charta für autistische Menschen.[7] Autism-Europe setzte sich aktiv dafür ein, die Charter for Persons with Autism zu einem Bestandteil der Politik der Europäischen Union zu machen. 1996 stimmte das Europäischen Parlament dafür, die Charta offiziell zu unterstützen.[8] Die Charta legt einen umfassenden Katalog von Menschen- und Bürgerrechten für autistische Menschen fest, der Gleichberechtigung, Teilhabe und Schutz in allen Lebensbereichen sicherstellen soll.
1993 veröffentlichte Jim Sinclair den Artikel Don’t Mourn for Us, der heute als „Gründungsmanifest“ der Neurodiversitätsbewegung gilt. Ort der Veröffentlichung war Our Voice, der Newsletter von ANI.[10] Ein Beitrag zur Autismusrechtsbewegung waren die von ANI veranstalten Autreats ab 1996. Diese Treffen waren so konzipiert, dass sie die Bedürfnisse autistischer Personen berücksichtigten und dass viele typische Verhaltensweisen von Autisten, die anderorts gesellschaftlich stigmatisiert sind, hier begrüßt wurden. Obwohl Eltern, Fachkräfte und andere Besucher willkommen waren, wurde Autreat speziell für Autisten konzipiert und hatte eine „autismusfreundliche“ Umgebung.[11]
Seit 1998 veröffentlicht die australische Soziologin Judy Singer zum Thema Autismus. Sie untersucht seitdem die Verbindung von Autismus und ADHS.[12] Sie gehörte zusammen mit dem Journalisten Harvey Blume zu den ersten Personen, die den Begriff Neurodiversität öffentlich verwendeten.[13][14]
21. Jahrhundert

Das Thema Selbstvertretung hat seit der Jahrtausendwende mehr Gewicht in der Autismusrechtsbewegung. Die Möglichkeit, sich zu Online-Communities zusammenzuschließen und im Internet eigene Texte zu veröffentlichen – beispielsweise auf Blogs oder eigenen Homepages – hat zu mehr Aktivismus geführt. Es existieren zwei internationale Aktionstage: seit 2005 der Autistic Pride Day (18. Juni) und seit 2007 der Welt-Autismus-Tag (World Autism Awareness Day, 2. April).
- 2004 erstellten Dan Grover und Alex Plank die Website Wrong Planet,[15] die in den folgenden Jahren zu einer wichtigen Plattform für den Austausch zu den Themen Autismus, ADHS und anderen Neurodivergenzen wurde.[16]
- Seit 2005 existiert Autscape, eine jährlich in Europa stattfindende Konferenz, die von und für Autisten organisiert wird.[17][18]
- 2006 wurde das Autistic Self Advocacy Network gegründet (ASAN). Zentrale Person hierbei war Ari Ne’eman. ASANs Motto lautet „Nothing About Us Without Us“.[19] Größere Aufmerksamkeit erlangten ASAN und Ne'eman 2007, als sie sich kritisch gegenüber einer Plakat-Kampagne des Child Study Center der NYU äußerten.[20] Sie forderten die Entfernung der Ransom Notes-Plakate (deutsch: Lösegeld-Plakate), da diese implizierten, Autismus sei ein Entführer, der die Autisten als Geisel genommen hat.[21] Da neben Autismus auch andere Bereiche des Neurodivergenz-Spektrums in den Plakaten verunglimpft wurden, war die Petition zur Entfernung der Plakate im Namen aller neurodivergenten Personen gestellt. Mit dieser Aktion begann der Wandel von der Autismusrechtsbewegung zur Neurodiversitätsbewegung.[22]

- 2007 erschien das Buch Look Me in the Eye von John Elder Robison, in dem der Autor von seinem Leben als Asperger-Autist berichtet. 2008 erschien das Buch auf Deutsch unter dem Titel Schau mich an! Mein Leben mit Asperger.[23]
- 2007 erklärte die Generalversammlung der Vereinten Nationen den 2. April zum World Autism Awareness Day (WAAD). Die Vereinten Nationen erklärten die Absicht, die volle Verwirklichung der Menschenrechte und Grundfreiheiten für autistische Personen zu fördern und ihre gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft zu gewährleisten. Die Resolution der Generalversammlung von 2007 (A/RES/62/139) hob die Notwendigkeit hervor, das öffentliche Bewusstsein für Autismus (Autism Awareness) zu schärfen.[24]

- Seit 2008 veröffentlichen Nick Walker, Athena Lynn Michaels-Dillion und Remi Yergeau zu einer erkenntnistheoretischen Forschungsrichtung, die methodisch ähnlich auf Autismus blickt, wie die Queer-Theory Geschlecht und Sexualität betrachtet. Die „Neuroqueer* Theory“ hinterfragt kritisch die Konstruktion von Normalität in der Gesellschaft in Bezug auf Neurodivergenz wie beispielsweise Autismus.[25]
- 2011 erregte ein Vorfall in Mercer County (Kentucky) Aufsehen, als der neunjährige autistische Junge Christopher Baker zur Strafe in eine Duffle-Bag gesteckt wurde.[26] Eine Reaktion darauf war eine Petition, die Änderungen in den Richtlinien des gesamten Schulbezirks forderte.[27] Initiator der Petition war eine 18-jährige nonbinäre autistische Person, die heute weiter als Aktivist tätig ist.[28] Dieser Aktivist, Ly Xīnzhèn M. Zhǎngsūn Brown, wurde seitdem mit mehreren Preisen ausgezeichnet.[29][30]

- 2011 realisierte William Davenport den Dokumentarfilm Too Sane for This World. In dem Film tritt unter anderem Temple Grandin auf. Davenport war Mitglied der San Francisco Marin Autism Taskforce. Von 2007 bis 2011 war Davenport Geschäftsführer der gemeinnützigen Organisation Autism Social Connection. 2013 folgte der Dokumentarfilm Citizen Autistic.

- 2015 erschien das Buch NeuroTribes – The Legacy of Autism and the Future of Neurodiversity von Steve Silberman. Auf Deutsch erschien 2016 Silbermans Buch Geniale Störung – Die geheime Geschichte des Autismus und warum wir Menschen brauchen, die anders denken.[31]
Die Publikationen von Silberman bilden einen Übergang von der Autismusrechtsbewegung zur Neurodiversitätsbewegung. Allerdings bringt die Zusammenfassung jeglicher Neurodivergenz auch Probleme mit sich, da sich Grad der Behinderung und der Bedarf an Unterstützung innerhalb des Neurodivergenz-Spektrums erheblich unterscheiden.[32]
Autismusrechtsbewegung in Deutschland
Einer der prominentesten Fürsprecher für Autisten in Deutschland ist Mark Benecke. Er setzt sich für die Belange von Autisten ein[33] und gibt diesbezüglich Interviews und Vorträge.[34] Benecke ist vor allem im Bereich Aufklärung und Vermittlung aktiv. Auf seinem YouTube-Kanal präsentiert er autistische Kultur für ein breites Publikum.[35] Benecke ist auch aktiv für den Verein White Unicorn; Vorstandsvorsitzender ist Jörn Gudat.[36]

Eine der ältesten und wichtigsten Selbstvertretungsorganisationen in Deutschland ist der Verein Aspies. Der Verein betreibt nicht nur Aufklärung, sondern organisiert auch das größte deutschsprachige Online-Forum für Autisten. Er ist politisch aktiv und setzt sich für die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention ein. Der langjährige Aktivist Hajo Seng starb 2025.[37]
Die Ärztin Christine Preißmann ist seit ihrer eigenen Asperger-Diagnose 2005 aktiv. Sie hat zahlreiche Publikationen zum Thema Autismus veröffentlicht.[38] Aleksander Knauerhase,[39] Gee Vero und Sabine Grützmacher[40] sind weitere Aktivisten der Bewegung für die Rechte von Autisten in Deutschland. Seit 2017 erscheint das Magazin Autismus verstehen.
An der Humboldt-Universität Berlin gibt es die Autismus-Forschungs-Kooperation (AFK).[41] Weitere Vereine sind AutSocial, NeuroDivers und Autismus Selbstvertretung Bayern. Eine internationale, hauptsächlich englischsprachige Gruppe in Deutschland ist die Berlin Neurodivergent Community.[42]

Inhalte und Ziele
Die Forderungen der Charta für autistische Menschen beinhalten, dass autistische Menschen die gleichen Rechte und Privilegien wie der Rest der europäischen Bevölkerung erhalten – soweit dies im besten Interesse der autistischen Menschen liegt – und dass diese Rechte durch Gesetze in jedem Staat geschützt und durchgesetzt werden sollten. Die Charta listet 19 Rechte auf, darunter unter anderem: das Recht auf unabhängiges Leben, faire und zutreffende Diagnose, Zugang zu Bildung, Mitbestimmung bei Entscheidungen über die eigene Zukunft, geeigneten Wohnraum, Unterstützung und Hilfsmittel, angemessene Gesundheitsversorgung, Beschäftigung ohne Diskriminierung, zugängliche Mobilität, Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, rechtlichen Schutz, sowie Schutz vor Misshandlung oder ungerechtfertigter Unterbringung.[7]
Selbstvertretung
Die Bewegung betont das Prinzip „Nothing about us without us“ („Nichts über uns ohne uns“).[43] Autistische Menschen sollen bei allen Entscheidungen, die ihr Leben betreffen – von Forschung über Bildung bis zu politischen Maßnahmen – aktiv beteiligt sein.[19][44][45] Ein Anliegen der Autismusrechtsbewegung ist ein respektvoller sprachlicher Umgang, je nachdem, ob man personenbezogene Sprache (person-first language = PFL) oder identitätsbezogene Sprache (identity-first language = IFL) bevorzugt.[46] Vereinfachend kann gesagt werden, dass die meisten anderen Behindertenorganisationen PFL bevorzugen „Person mit Behinderung“. Im Gegensatz dazu bevorzugen Autisten in der Regel IFL „autistische Person“.[47] Die PFL-Bezeichnung „Person mit Autismus“ gilt als problematisch.[48][49]
Gesellschaftliche Teilhabe und Nachteilsausgleiche
Bestimmte Bereiche der bereits geltenden Behindertenrechte sind auch für Autisten relevant, werden jedoch nach wie vor zu wenig berücksichtigt. Dies betrifft Barrierefreiheit, Teilhabe am Leben in der Gesellschaft sowie Nachteilsausgleich am Arbeitsmarkt. Der Bundesverband zur Förderung von Menschen mit Autismus formulierte die Forderungen 2017 in der Broschüre Rechte von Menschen mit Autismus – Ratgeber zu den Rechtsansprüchen von Menschen mit Autismus und ihrer Angehörigen.[50] Folgende Ziele hat die Bewegung für die Rechte von Autisten zumindest teilweise in Deutschland erreicht:
- Frühzeitige Unterstützung und Förderung von Kindern, um deren Teilhabe zu ermöglichen.[50.1]
- Anspruch auf angemessene schulische Förderung, inklusive Schulbegleitung und ergänzende Hilfen. Zugang zu Berufsausbildungen nach dem Schulabschluss.[50.2]
- Recht auf Teilhabe am Arbeitsleben, wie beispielsweise Unterstützung bei Ausbildung und Beschäftigung. Auch Autisten ohne Lernbehinderung brauchen Nachteilsausgleiche auf dem Arbeitsmarkt.[50.3]
- Geeignete Wohnformen, die Unterstützungsbedarf berücksichtigen.[50.4]
- Sozialleistungen wie Grundsicherung, Kindergeld, Pflegeversicherung und steuerliche Nachteilsausgleiche, die Autismus berücksichtigen.[50.5]
Als alarmierend gilt, dass selbst bei gut ausgebildeten Autisten mit durchschnittlicher bis hoher kognitiver Begabung der Grad der Arbeitslosigkeit bei rund 50 % liegt.[51]
Ablehnung von Heilungsbestrebungen
Viele Vertreter der Bewegung lehnen medizinisch-therapeutische Ansätze ab, die auf „Heilung“ oder „Normalisierung“ abzielen. Stattdessen setzen sie sich für unterstützende Maßnahmen ein, die die Lebensqualität erhöhen, Barrieren abbauen und Anpassungen an individuelle Bedürfnisse ermöglichen. Die Anwendung von Applied Behavior Analysis (ABA) ist innerhalb der Autismusrechtsbewegung stark umstritten. Kritiker sehen darin eine Form der Verhaltensformung, die Autisten zu gesellschaftlicher Anpassung zwinge und negative psychologische Folgen haben könne.[52]
Autistische Kultur
Ein wesentlicher Aspekt der Bewegung für die Rechte von Autisten betrifft autistische Kultur. Bestimmte Eigenheiten und autistische Verhaltensweisen sind gesellschaftlich stigmatisiert. Die Autismusrechtsbewegung setzt sich dafür ein, dass diese Verhaltensweisen als eigenständige Kultur anerkannt werden.[53]
Ein eigenes Vokabular
Das Vokabular der autistischen Kultur ist stark davon geprägt, dass die Bewegung für die Rechte von Autisten erstens international ist und zweitens am aktivsten in englischsprachigen Ländern ist. Viele Ausdrücke des autistischen Vokabular sind Anglizismen. Beispiele hierfür sind stimming und masking. Das Vokabular der autistischen Kultur enthält unter anderem: Alexithymie, Double-Empathy-Problem, Echolalie, Hyperfocus, Monotropismus, Infodumping, Meltdown, Mutismus, non-speaking, Parallel Play, Safe Food, Skill Regression, Scripting, Shutdown.[54] Relevant ist auch der Ausdruck allistisch, der ebenfalls von einem englischen Wort abstammt – allistic. „Als allistisch werden nicht autistische Menschen bezeichnet, die dennoch auch neurodivergent sein können, z. B. Menschen mit ADHS. Allistisch ist dabei ein Begriff, der von vielen Selbstvertreter*innen im deutsch- sowie englischsprachigen Diskurs verwendet wird.“[55]
Autism-friendly
Autismusfreundliche Kommunikation beinhaltet klare, direkte Sprache, Verzicht auf Doppeldeutigkeiten, Visualisierungen, ausreichend Zeit für Antworten. Wichtig für autismusfreundliche Umgebung ist es, bestimmte für Autisten typische Verhaltensweisen nicht als unhöflich zu bewerten, obwohl sie nicht neurotypischen Umgangsformen entsprechen. Ausweichende Blicke, Schweigsamkeit, direkte Sprache und Vermeidung von Körperkontakt gelten in neurotypischen Umgebungen als unhöflich. Autism-friedly hingegen ist es, diese Eigenheiten nicht negativ zu bewerten.
Autsismfriendly bezeichnet die Gestaltung von Umgebungen, Dienstleistungen und sozialen Interaktionen, die auf die spezifischen neurologischen Bedürfnisse von Menschen im Autismus-Spektrum zugeschnitten sind. Ziel ist es, Barrieren abzubauen, die Teilhabe am öffentlichen Leben zu erhöhen und Reizüberflutungen zu minimieren. Herkömmliche öffentliche Räume – wie Supermärkte, Kinos oder Ämter – sind häufig durch hohe Geräuschpegel, helles Licht und unvorhersehbare soziale Interaktionen geprägt. Diese Faktoren können bei Autisten zu Stress, Erschöpfung oder einem Meltdown führen. Ein „autismusfreundlicher“ Ansatz versucht, diese Barrieren durch Anpassungen in der Umgebung sowie durch die Sensibilisierung des Umfelds zu reduzieren. Arbeitgeber sind dann autism-friendly, wenn sie klare Aufgabenbeschreibungen stellen, feste Ansprechpartner bieten sowie die Möglichkeit, in Einzelbüros oder im Homeoffice zu arbeiten.
Symbolik
Verschiedene Symbole werden verwendet, um autistische Kultur zum Ausdruck zu bringen.
- Das Puzzleteil-Symbol ist weit verbreitet. Für ein Awareness Ribbon verwendete man ein Muster aus Puzzleteilen. Das Puzzleteil-Symbol wird von vielen Aktivisten abgelehnt, da es ein Symbol für ein „fehlendes Stück“ ist. Diese Symbolik verfestigt die Vorstellung, dass Autismus ein Defizit sei.
- Weit verbreitet ist die Regenbogenfarben-Symbolik, da dies die direkteste Illustration eines Spektrums ist. Das Autismus-Spektrum ist weit gestaffelt und hat viele verschiedene Ausprägungen. Die verschiedenen Arten, autistisch zu sein, werden durch die verschiedenen Farben des Spektrums symbolisiert.
- Das Unendlichzeichen hat zweierlei Bedeutungen. Es symbolisiert erstens die unendlich vielen verschiedenen Ausprägungen des Autismus, ähnlich der Regenbogen-Symbolik. Zweitens symbolisiert es die unendlich vielen Überschneidungen und Mischformen der Neurodiversität. Das Symbol für den höchsten Grad an Inklusion und Intersektionalität ist ein Unendlichzeichen in Regenbogenfarben. Das Unendlichzeichen kommt auch einfarbig vor, wenn es ausschließlich Autismus symbolisieren soll – und nicht das komplette Neurodivergenz-Spektrum. Die Flagge für Autistic Pride ist ein weißes Unendlichzeichen auf mehrfarbigem Hintergrund.
- Die Symbolik des Disability Pride basiert auf diagonalen Streifen. Behindertenrechte-Aspekte der Autismusrechtsbewegung werden durch diagonale Streifen und ein einfarbiges Unendlichzeichen symbolisiert.
- Auch die Hidden Disabilities Sunflower gehört zu den Symbolen autistischer Kultur.
Zwei Farben haben besondere Bedeutung für die Autismusrechtsbewegung: Blau und Gold.
- Die Farbe Blau steht in Zusammenhang mit dem Welt-Autismus-Tag. Unter dem Motto „light it up blue“ werden zahlreiche Gebäude blau beleuchtet, um auf Autismus hinzuweisen.[56][57] Mittlerweile regt sich Kritik gegen diese Symbolik, da die Farbe Blau eng verbunden ist mit dem Puzzleteil-Logo der Organisation Autism Speaks.[56][58]
- Die Farbe Gold hat eine Bedeutung, da das Elementsymbol für Gold (lateinisch aurum) Au – wie Autismus – ist. 2018 plädierte Julia Morgan für die Verwendung eines goldfarbenen Unendlichzeichens als Symbol für Autismus. Ihr Gegenentwurf zu dem Motto „light it up blue“ lautete „going gold“.[59]
- Autistic-Pride-Flagge mit Unendlichkeits-Symbol
- Autismus-Awareness-Ribbon als Regenbogen
- Disability-Pride-Flagge
- Flagge für Autistic Disability Pride
- Goldenes Unendlichzeichen
- Awareness Ribbon aus Puzzleteilen
- Kritik am Puzzlestück-Logo
- Symbolische Darstellung von Identity First Language und Person First Language
- Autistische Kultur: geräuschreduzierender Kopfhörer gegen akustische Reizüberflutung
- Autistische Kultur: Stimming
- Unendlichzeichen als Tätowierung
- Hidden Disabilities Sunflower
Rezeption
Der wesentliche Kritikpunkt, der sowohl auf die Bewegung für die Rechte von Autisten als auch auf die Neurodiversitätsbewegung zutrifft, ist, dass sie potenziell wieder die Personen benachteiligt, die großen Bedarf an Unterstützung haben – beispielsweise in der Kommunikation oder beim Wohnen.[60] Ein Problem besteht darin, dass das Prinzip der Selbstvertretung darauf beruht, dass die Personen sich auch selbst vertreten können. Bei der Verteilung von Ressourcen und Aufmerksamkeit begünstigt self-advocacy die Personen, die sich selbst am besten vertreten können, was diejenigen Autisten benachteiligen kann, denen die öffentliche Kommunikation ihrer Bedürfnisse schwerer fällt als anderen Autisten.[60] Marek Grummt vermutet, dass die geringere Repräsentation autistischer Menschen mit größerem Unterstützungsbedarf in der Bewegung darauf zurückzuführen ist, dass sie häufig nicht die nötige Unterstützung für Aktivismus bekommen, auch weil ihnen die Fähigkeiten hierfür abgesprochen werden.[61]