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Burg Sailhant

Schloss in Andelat, Département Cantal, Auvergne-Rhône-Alpes, Frankreich From Wikipedia, the free encyclopedia

Château du Sailhant (auch Schloss Sailhant, historisch Château de Saillans) ist eine denkmalgeschützte, in ihren Ursprüngen auf das frühe 11. Jahrhundert zurückgehende Spornburg im französischen Département Cantal in der Region Auvergne-Rhône-Alpes.[1] Sie liegt in der Gemeinde Andelat, etwa sechs Kilometer nordwestlich von Saint-Flour auf einem dreieckigen Basaltsporn der Hochebene Planèze.[2]

Schnelle Fakten Château du Sailhant ...
Château du Sailhant
Burgschloss Sailhant

Burgschloss Sailhant

Alternativname(n) Château de Saillans
Staat Frankreich
Ort Andelat
Entstehungszeit vor dem 11. Jahrhundert
Burgentyp Spornburg, Höhenburg
Erhaltungszustand restauriert
Geographische Lage 45° 4′ N, 3° 3′ O
Burg Sailhant (Auvergne-Rhône-Alpes)
Burg Sailhant (Auvergne-Rhône-Alpes)
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Geschichte

Status und Herkunft im Mittelalter

Im Gegensatz zu den meisten mittelalterlichen Befestigungen der Region besaß das Sailhant über Jahrhunderte hinweg den seltenen Status eines Allods (Freieigen) und war kein Lehnsgut (Fief).[1] Die Besitzer waren somit keinem Lehnsherrn zu Feudaleid und Huldigung (foi et hommage) verpflichtet, was die relative Armut an frühen feudalen Urkunden erklärt.[1] Noch im Jahr 1503 protestierte der damalige Herr, Guyon d’Amboise, gegen entsprechende Huldigungsforderungen.[1]

Die früheste urkundliche Erwähnung eines Ritters Guigonis de Salhens datiert auf den Beginn des 11. Jahrhunderts im Zuge der Gründung des Priorats von Saint-Flour durch den Abt Odilo von Cluny.[1] Nach einer urkundlichen Lücke von über 150 Jahren ging die Herrschaft um 1300 durch die Heirat einer Erbtochter der Familie de Saillans an Bertrand I. de Rochefort d'Aurouze über.[3] Im Jahr 1364 wird der Komplex unter Bernard de Rochefort erstmals explizit als „Château et châtellenie“ erwähnt.[3] Durch Erbfolge gelangte die Burg 1383 an die Familie Dauphin de Saint-Ilpize (eine jüngere Linie der Dauphins d’Auvergne) und 1436 weiter an die Familie de Lespinasse.[3][4]

Die Garnisons- und Belagerungsphasen im Hundertjährigen Krieg

Wegen seiner strategisch exponierten Lage nahe der Stadt Saint-Flour diente das Sailhant im Hundertjährigen Krieg wiederholt als militärischt-taktischer Stützpunkt wechselnder Kriegsparteien und Raubritter, während die rechtmäßigen Besitzer meist vertrieben wurden.[5] Zwischen 1359 und 1439 war die Festung insgesamt viermal für eine Gesamtdauer von fast zehn Jahren besetzt:[6]

  • 1359–1364: Erste Besetzung durch englische Truppen unter dem Truppenführer Robert Knolles.[6]
  • 1380–1384: Einnahme durch die englisch-gascognische Kompanie unter Pierre de Galard und dem „Bastard von Garlan“.[7] Trotz einer Belagerung im September 1382 durch den königlichen Marschall Louis de Sancerre und den Dauphin d’Auvergne blieb die Burg uneinnehmbar. Sie musste schließlich 1383/84 von den Bürgern von Saint-Flour für eine enorme Summe freigekauft werden.[7]
  • 1388–1391: Erneuter Handstreich durch den „Bastard von Alissan“; die Räumung erfolgte im März 1391 unter dem Kapitän Ramonet de Sors.[8]
  • 1436–1439: Besetzung durch den Söldnerführer Rodrigo de Villandrando im Zuge von Adelsverschwörungen gegen König Karl VII.[8]

Trotz der wiederholten Belagerungen wurde die Burg in ihren Grundmauern nie zerstört, da es sich meist um Einschüchterungsversuche mittels Armbrustbeschuss und Sturmleitern ohne schweres Belagerungsgerät handelte.[9]

Neuzeitliche Transformation: Vom Wehrbau zum Wohnsitz

Nachdem die Burg ab 1482 über Antoinette d'Amboise kurzzeitig an das Haus La Rochefoucauld gefallen und unbewohnt geblieben war, folgte um 1540 eine Zäsur:[9] Antoinette d’Amboise verkaufte die Baronie Sailhant an Anne Hénard, die Witwe des Kanzlers Antoine Dubourg.[10] Die reich gewordene Amtsadelsfamilie (noblesse de robe) Dubourg machte die bisherige, unkomfortable Militärfestung zu ihrem ständigen Familiensitz und leitete umfangreiche Renaissance-Umbauten ein.[11]

Während der Hugenottenkriege traten die Dubourgs zum protestantischen Glauben über.[10] Im Jahr 1569 belagerte der katholische Gouverneur der Auvergne, der Graf von Montmorin Saint-Hérem, die Burg.[11] Nachdem die Schlossherrin Nicole (je nach Quelle Nicole de Clermont oder d’Andredieu) das Tor geöffnet hatte, wurde der kranke Schlossherr gefangen genommen und kam gewaltsam zu Tode (laut lokaler Überlieferung erstickte er in einem heißen Backofen). Das Schloss wurde daraufhin sieben Jahre lang von einer katholischen Garnison unter dem Sire de Neyrebrousse besetzt und erst 1576 nach dem Edikt von Poitiers geräumt.[11][12]

Die Ära d’Estaing und der Verkauf durch Voltaire

Im Jahr 1616 gelangte das Schloss durch die Heirat von Catherine Dubourg mit Jacques d’Estaing, dem Begründer der Linie d’Estaing-Saillans, in den Besitz der Familie d’Estaing.[10][12] Da die Familie d’Estaing jedoch ab der Mitte des 17. Jahrhunderts das weitaus prachtvollere Schloss Ravel als Hauptwohnsitz bevorzugte, verkam das Sailhant zunehmend zu einem unbewohnten Gutshof.[13] Um 1703 befand sich die Anlage in einem Zustand fortgeschrittener Baufälligkeit (einstürzende Mauern, verfaulte Decken).[14] Daraufhin erfolgte zwischen 1704 und 1710 unter dem Schlossherrn Gaspard d’Estaing und dessen Bruder Joachim-Joseph (Bischof von Saint-Flour) eine weitreichende Sanierung und Barockisierung der Wohnräume, an die heute noch das d’Estaing-Wappen mit der Jahreszahl 1710 über dem Portal erinnert.[14]

Mitte des 18. Jahrhunderts war die Erbmasse der d’Estaings hoch verschuldet.[15] Der berühmteste Gläubiger der Familie, der Philosoph und Denker Voltaire, betrieb gerichtlich die Beschlagnahmung und Zwangsversteigerung der Herrschaft. Nach einem mehrjährigen Prozess wurde das Schloss am 3. März 1753 im Auftrag Voltaires für 237.000 Livres an den Pariser königlichen Finanzsekretär François-Jean Roger versteigert.[15][16]

Die Familie Roger (Besitzer bis 1765) und die nachfolgenden Herren Serre de Saint-Roman (1765–1792) nutzten das Schloss kaum noch selbst, investierten aber massiv in die bauliche Substanz.[16][17] Zwischen 1756 und 1758 ließ der ältere Roger den maroden Dachstuhl des Hauptwohnhauses komplett abreißen und neu errichten; zeitgleich wurden die Wehrtürme geköpft.[18] Kurz vor der Französischen Revolution ging das Schloss an den Grafen Augeard (Sekretär der Königin Marie-Antoinette) über, dessen Güter 1793 als Emigrantenbesitz beschlagnahmt wurden.[19]

Verfall im 19. Jahrhundert und die historistische Restauration

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verfiel die Anlage unter lokalen Pächtern und Bauern zur Ruine.[20] Im Jahr 1830 wurden die Ringmauern der Vorburg sowie weite Teile der Wohnbauten abgerissen, um Baumaterial zu gewinnen; einzig das nackte barocke Hauptwohnhaus und der isolierte Südturm blieben stehen.[20]

Im Oktober 1881 kaufte der im Dorf Sailhant geborene und zu Reichtum gekommene Pariser Bankier Mary Raynaud die Ruine für 70.000 Franken.[20] Von 1888 bis 1890 führte er eine spektakuläre, romantisierende Restauration im Stil des Historismus durch.[21] Raynaud engagierte keine Denkmalschutz-Architekten, sondern setzte seine eigenen Vorstellungen einer idealisierten Ritterburg mittels Pariser Bauunternehmen um. Nach Raynauds spektakulärem Bankrott (1890) und seiner Flucht ins Ausland wurde das unvollendete Schloss beschlagnahmt und ging 1904 in den Besitz des bekannten Pariser Mediziners Dr. Paul Delbet über.[21][22] Am 13. September 2019 wurde das Schloss in seiner Gesamtheit unter staatlichen Denkmalschutz gestellt.[23]

Architektur

Das Schloss zeigt heute das Resultat der historistischen Rekonstruktion von 1888–1890, die auf den Resten der mittelalterlichen und barocken Vorgängerbauten aufbaut. Die Gebäude sind aus dunklem, vulkanischem Basalt- und Lavagestein der Region errichtet und mit den typischen schweren Steinplatten (lauzes) gedeckt.[24]

Das Nord- und Eingangsfront

Die nordseitige Angriffsfront präsentiert sich heute als imposante, wehrhafte Fassade mit vier markanten Rundtürmen und Scheinjurgetten (Zinnenkränzen).[25] Die baugeschichtliche Untersuchung zeigt jedoch ein stark differenziertes Bild:

  • Mittelalterlicher Bestand: Nur zwei der vier Rundtürme sowie die verbindende Vorhangmauer (Courtine) stammen aus dem Spätmittelalter (zweite Hälfte 14. Jahrhundert).[24][26] Dazu zählt der Turm direkt rechts neben dem Tor, der im Inneren mit Schießscharten für schwere Armbrüste (Arbalètrières) ausgestattet ist. In diesen Turm wurde im 16. Jahrhundert nachträglich eine tiefliegende Geschützpforte (embrasure à la française) eingebrochen.[27] Der Rundturm an der Nordostecke beherbergte im Erdgeschoss eine Abortanlage, die gleichzeitig als Verlies (Cachot) genutzt wurde und über ein Angstloch (occulus) von oben kontrolliert werden konnte.[28] Die beiden historischen Türme wurden im 18. Jahrhundert geköpft und schräg abgemauert, um unter ein durchgehendes Schleppdach zu passen; Raynaud ließ sie 1888 wieder aufmauern und mit Poivrière-Dächern versehen.[18]
  • Historistische Neubauten: Der Rundturm direkt links des Eingangstors sowie der äußere Nordwestturm sind reine Schöpfungen der Jahre 1888–1890. Sie besitzen im Inneren keinerlei Gewölbe, sondern dienten Raynaud zur Unterbringung moderner Infrastruktur wie der Wassertanks für die Regensammlung, der Rohre und der Heizanlagen für die damals hochmoderne Zentralheizung.[25]

Das rundbogige Eingangstor besitzt eine einfache Fase aus dunkelgrauer Lava; das Torgewölbe wurde im 18. Jahrhundert neu aufgeführt.[29] Das davorliegende historische Spalttal (Fossé) wurde im Zuge des Baus der neuzeitlichen Rampe zugeschüttet.[29]

Die Hoffassaden (Wohnflügel)

Der langgestreckte Wohnflügel zur Hofseite verdankt seine regelmäßige, klassizistische Symmetrie mit großen Kreuzfenstern und flachen Pilastern einer durchgreifenden Modernisierung im 18. Jahrhundert (entweder um 1710 unter d’Estaing oder um 1760 unter Roger).[30] Hierzu wurden breite vertikale Schnitte in das mittelalterliche Mauerwerk gebrochen, um die Barockfenster einzusetzen; Reste älterer Renaissance-Fenster und einer großen, vermauerten Balkonarkade des 17. Jahrhunderts sind im Mauerwerk der Hoffassade noch als Fragmente sichtbar.[31] Raynaud kopierte dieses Fensterschema beim Wiederaufbau des im Westen anschließenden, 11 Achsen langen Flügels komplett, um eine einheitliche Monumentalfassade zu erzielen.[32]

An der Südostecke des Hauptwohnhauses schließt sich ein markanter, quadratischer Turm an.[32] Hierbei handelt es sich um das im Kern aus dem 16. Jahrhundert stammende Verbindungsglied (Redan) zu dem 1830 abgerissenen Ostflügel, in dem sich einst die Schlossküche befand.[33] Der ehemals niedrige Vorbau wurde 1890 stark erhöht und mit historistischen Zinnen versehen.[33][32] Er weist an seiner Nordseite noch vermauerte, originale Hakengeschütz-Pforten (canonnières) und Musketen-Schlitzscharten des 16. Jahrhunderts auf.[34]

Der Südturm (Donjon)

Am südlichen Ende des Plateaus steht isoliert die ehemalige Tour-maîtresse (Südturm) aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts (vmtl. errichtet unter Béraud IV. de Lespinasse-Dauphin).[35] Der mächtige quadratische Turm besitzt an seiner Nordseite eine halbrunde, im Zuge des Baufortschritts angelehnte Treppentrommel. Das tonnengewölbte Erdgeschoss, fälschlich oft als „Obliette“ bezeichnet, besitzt originale, horizontal ausgerichtete Bogenscharten des 15. Jahrhunderts für Feldschlangen (Couleuvrines).[36]

Ursprünglich besaß der Turm mindestens pfünf bis sechs Stockwerke und einen auskragenden Wehrgang mit Pechnasen (Mâchecoulis), analog zum Donjon von Schloss Pesteils.[37] Wegen konstruktiver Mängel und Rissen in der Treppentrommel wurden die oberen Etagen im frühen 17. Jahrhundert (unter Jacques d’Estaing) gezielt abgetragen und der Turm zu einem eleganten, niedrigeren Pavillon (Pavillon Beauregard) mit klassizistischem Dreiecksgiebel-Portal umgestaltet.[37][38] Zu dieser Zeit wurde auch der innere Graben, der den Turm ehemals vom Schlosshof trennte und über eine Zugbrücke erreichbar machte, zugeschüttet.[35][39]

Wasserfall und Geologie

Unmittelbar östlich unterhalb der Burgmauern stürzt der Bach Babory über eine Steilkante aus vulkanischem Basalt rund 20 Meter in die Tiefe.[2] Er ergießt sich in einen kreisrunden, prähistorischen Maar-Kratersee, dessen Tiefe auf sechs bis sieben Meter geschätzt wird. Der Wasserfall und der See sind eng mit lokalen Volkssagen über eine im Strudel mitsamt Ochsengespann versunkene Dienstmagd verknüpft.

Literatur

  • Christian Corvisier: Château du Sailhant (Andelat, Cantal). Monographie historique et architecturale. Étude approfondie de documentation et d’analyse historique et archéologique. Bruyères-sur-Fère 1999 (französisch).
  • Hippolyte de Barrau: Documents historiques et généalogiques sur les familles et les hommes remarquables du Rouergue dans les temps anciens et modernes. Band 1. Imprimerie de N. Ratery, Rodez 1853 (französisch, Digitalisat bei Google Books).
  • Joseph Pell Lombardi: Château du Sailhant Andelat, France. A Millennial History. 2021 (englisch).
Commons: Château du Sailhant – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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