Central Archives for the History of the Jewish People
Zentrales Archiv für die Geschichte des Jüdischen Volkes
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The Central Archives for the History of the Jewish People (CAHJP) sind eine der wichtigsten Sammlungen von Quellen zur Geschichte des Judentums. Sie wurden 1939 in Jerusalem als Jewish Historical General Archives von aus Europa eingewanderten jüdischen Historikern und Archivaren wie Joseph Meisl und Ben-Zion Dinur gegründet. 1944 wurden sie der Historical Society of Israel angegliedert und 1947 für das Publikum geöffnet.[1]


Wie das Gesamtarchiv der deutschen Juden hatten die CAHJP zunächst die Aufgabe, Archive jüdischer Gemeinden und Organisationen zu einem zentralen historischen Archiv zusammenzuführen. Die Beschränkung auf das deutsche Judentum entfiel jedoch, die General Archives sollten von Anfang an die Geschichte des gesamten Judentums dokumentieren.
Während des Holocaust sind zahlreiche jüdische Gemeinden in Europa untergegangen. Ihre Archive sind vernichtet oder an den verschiedensten Orten eingelagert worden. Sie konnten in seltenen Fällen vor der Beschlagnahmung durch die NS-Behörden bewahrt werden, sind nach dem Krieg von den Alliierten in deutschen Archiven sichergestellt worden, teilweise wurden sie als Raubgut in sowjetische Archive gebracht. Historisch wertvolle Archivalien sind aus dem Zusammenhang gerissen und mit anderen Beständen vermischt worden, andere tauchten auf dem Sammlermarkt für Judaica auf.
Dieses Archivmaterial zu sichern und nach Jerusalem zu überführen war die wichtigste Aufgabe der Jewish History General Archives, die 1969 als Central Archives for the History of the Jewish People eine staatliche Einrichtung wurden. Diese Aufgabe endete nicht mit der Öffnung sowjetischer Archive in den 1990er Jahren, darunter das Sonderarchiv Moskau. Bis heute werden ganze Archive und einzelne historische Dokumente den CAHJP übergeben.
Den Vorstand der CAHJP bilden Vertreter der Regierung des Staates Israel, der Historical Society of Israel, der Jewish Agency for Israel, der Israelischen Akademie der Wissenschaften, der Hebräischen Universität Jerusalem, der Universität Tel Aviv und der Bar-Ilan-Universität.[2]
Zu den Beständen des Archivs gehören hunderte jüdische Gemeindearchive, Archive lokaler, nationaler und internationaler jüdischer Organisationen und mehr als 300 Familienarchive und private Sammlungen. Die CAHJP besitzen die weltweit umfangreichste Sammlung historischer Dokumente, Pinkassim, Memorbücher und weiterer Archivalien zur jüdischen Geschichte vom 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Das Material ist in etwa 70 Sprachen verfasst und stammt aus 60 Ländern in Europa, Nord- und Südamerika, dem Nahen Osten, Nordafrika und Südasien.[1]
Der Gesamtbestand umfasste 2022 auf 6.000 Regalmetern Dokumente mit insgesamt mehr als 60 Millionen Seiten, 18 Millionen Microfiches, 15.000 Fotografien von Personen des Judentums und Motiven wie Synagogen und jüdischen Friedhöfen bis zur Dokumentation einzelner Mazevot und ihrer Inschriften sowie 8.000 Drucksachen wie Satzungen, Flugblätter, Handzettel und Plakate. hinzu kamen 2.000 Repertorien von Archivalien anderer Archive, 1,2 Millionen Zeitungsausschnitte und 15.000 Bücher und Zeitschriften über die jüdische Geschichte.[2]
Viele der Archivalien sind als Folge unsachgemäßer Lagerung über viele Jahre und aufgrund anderer Umstände stark beschädigt. Ihre Restaurierung ist eine Aufgabe der CAHJP, die hohe Kosten verursacht.
Primär dienen die CAHJP als wissenschaftliches Archiv der Erforschung der jüdischen Geschichte. Einen breiten und zunehmenden Raum nimmt die Familienforschung ein. Insbesondere aus den Vereinigten Staaten erreichen die CAHJP zahlreiche private Anfragen.
Im Januar 2013 vereinbarten die Israelische Nationalbibliothek und die Central Archives for the History of the Jewish People ihren Zusammenschluss. Den CAHJP werden damit die Einrichtungen und Ressourcen der Nationalbibliothek verfügbar gemacht. So sollen ein besserer Zugang zu weiteren Archiven mit Material zum Judentum erreicht, und die umfangreichen Bestände der CAHJP einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.[2]
Geschichte des jüdischen Archivwesens
Bis ins 20. Jahrhundert
Die jüdische historische Forschung war über Jahrhunderte hinweg von der Betrachtung der talmudischen Geschichte und den Ereignissen bis zur Zerstörung des zweiten Jerusalemer Tempels dominiert. Erst mit dem Beginn der jüdischen Emanzipation im 18. Jahrhundert kam ein Bewusstsein für die neuere Geschichte der Juden auf.[3]
In der Diaspora konzentrierte sich die Forschung zunächst auf die Geschichte jüdischen Lebens in den jeweiligen Heimatorten oder -ländern. Vorrangige Themen waren die Geschichte der Judenverfolgungen und der jüdischen Emanzipation. Judenpogrome, falsche Anschuldigungen von Ritualmorden oder Brunnenvergiftungen und Judenprivilegien, sowie die Stellung der Juden als mit zunehmend mehr Rechten ausgestatteten und schließlich gleichberechtigten Bürgern in der sie umgebenden Gesellschaft.[3]
Die Arbeit von jüdischen Historikern, die an der Geschichte über die Interaktion der Juden mit ihrer Umgebung hinaus interessiert waren, wurde durch eine Reihe von Faktoren behindert. Es gab infolge der Judenverfolgungen in Mittelalter und Früher Neuzeit oft keine durchgehende oder überhaupt in Dokumente gefasste historische Überlieferung. Nur wenige jüdische Gemeinden besaßen eine Jahrhunderte zurückreichende Geschichtsschreibung. Selbst große jüdische Gemeinden begannen erst spät mit dem Aufbau von Archiven für profane Dokumente, so die Israelitische Kultusgemeinde Wien 1841 und die Jüdische Gemeinde Worms 1871. Kleinere Gemeinden folgten erst um die Wende zum 20. Jahrhundert. Demgegenüber stand eine reichhaltige Überlieferung bedeutender sakraler Objekte wie Torarollen, Machsorim und Haggadot und historischer Urkunden wie mittelalterlicher Judenprivilegen.[4]
Archivalien waren aus Desinteresse staatlicher Stellen und sogar jüdischer Gemeinden vernichtet oder dem Verfall preisgegeben worden. Viele Dokumente, Bibliotheksbestände und Judaica, denen ein kultureller oder materieller Wert zugemessen werden konnte, wanderten schon vor der Judenverfolgung im Nationalsozialismus in Bibliotheken und Sammlungen in der ganzen Welt. Das verbliebene Material befand sich verteilt in jüdischen Gemeindearchiven und anderen isolierten Beständen.[3]
Die Hinwendung zu einem Verständnis der jüdischen Geschichte als Nationalgeschichte des jüdischen Volkes begann im späten 19. Jahrhundert mit dem Beginn der zionistischen Bewegung. Schnell zeigte sich auch vor allem in Deutschland, dass es an der für die Geschichtswissenschaft unerlässlichen Verfügbarkeit historischer Quellen mangelte. Ein organisiertes Archivwesen auf nationaler Ebene, das Material zur Geschichte der Juden in Deutschland hätte bewahren und ordnen können, gab es nicht.[3]
Erst im 20. Jahrhundert wurden Archive aufgebaut, die Material zur jüdischen Geschichte zusammenführen sollten. Das waren 1905 in Deutschland das Gesamtarchiv der deutschen Juden, 1925 in Lettland der Jiddischer Wissenschaftlecher Institut (YIVO), und 1947 in den Vereinigten Staaten auf Initiative von Jacob Rader Marcus die American Jewish Archives. In Paris waren die Archive der Alliance Israélite Universelle von Bedeutung. Diese Archive hatten ihren besonderen Fokus: das Gesamtarchiv die Geschichte der Juden in Deutschland, der YIVO die Geschichte der osteuropäischen Juden, die American Jewish Archives die Geschichte der Juden in den Vereinigten Staaten, und die Archive der Selbsthilfeorganisation Alliance Israélite Universelle die Bürgerrechte der Juden in der ganzen Welt.[3]
Gesamtarchiv der deutschen Juden
Das Gesamtarchiv der deutschen Juden wurde 1905 mit Unterstützung des Deutsch-Israelitischen Gemeindebunds und des deutschen Dachverbands Unabhängiger Orden Bne Briss gegründet. Erster Direktor war Eugen Täubler, der von 1906 bis 1918 dieses Amt bekleidete.[5]
Zum Sitz des Gesamtarchivs wurde die Reichshauptstadt Berlin als Zentrum des politischen Lebens im Deutschen Kaiserreich bestimmt, obgleich sich auch die Jüdische Gemeinde Frankfurt am Main darum bemüht hatte. Der Leitung des Gesamtarchivs war es ein Anliegen, das deutsche Judentum als festen Bestandteil des deutschen Nationalstaats im Sinne Kleindeutschlands darzustellen. Hinzu kam, dass Berlin um die Jahrhundertwende einen besonders großen Zuwachs der jüdischen Bevölkerung erlebte.[6] Etliche Gemeinden beteiligten sich nicht, da sie um ihre Autonomie fürchteten.[6]
1907 besaß das Gesamtarchiv die Bestände von 88 jüdischen Gemeinden, 1910 waren es etwa 250 Gemeindearchive. In diesem Jahr entschied der Direktor des Preußischen Geheimen Staatsarchivs, Reinhold Koser, die im Staatsarchiv vorhandenen Material mit Bezug zum Judentum an das Gesamtarchiv zu übergeben.[5]
Der Erste Weltkrieg unterbrach die Tätigkeit des Gesamtarchivs, während der Weimarer Republik bedrohten Geldnot und geringe Besucherzahlen immer wieder den Fortbestand. Im Nationalsozialismus bestand das Gesamtarchiv der deutschen Juden zunächst weiter, musste aber den Namen Gesamtarchiv der Juden in Deutschland annehmen. Wegen der judenfeindlichen Gesetze waren viele Juden und Nichtjuden zur Feststellung oder Widerlegung ihrer jüdischen Familienzusammenhänge motiviert oder gezwungen. Die Besucherzahlen des Gesamtarchivs stiegen enorm an, auf 50 bis 100 Personen täglich in 1937 und 1938.[5]
Es folgte die Nutzung der jüdischen Archive, auch des Gesamtarchivs, durch den NS-Apparat. Noch in der Nacht der Novemberpogrome 1938 beschlagnahmte die Gestapo jüdische Archive im ganzen Reich. Auch das Gesamtarchiv war betroffen. Es wurde 1939 der Reichsstelle für Sippenforschung eingegliedert, der Leiter Jacob Jacobson musste für die Reichsstelle arbeiten. Im Mai 1943 wurde das Gesamtarchiv komplett vom Geheimen Staatsarchiv übernommen.[7]
In der Zeit von 1905 bis 1940 wurden im Gesamtarchiv Unterlagen aus mehr als 500 Gemeinden und anderer jüdischer Körperschaften zusammengeführt, darunter die Archive von mehr als 400 Gemeinden.[4][8]
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Bestände des Gesamtarchivs auf mehrere Orte verteilt wiedergefunden. Sie befanden sich im Geheimen Staatsarchiv in Potsdam und einer Sammelstelle für geraubtes Kulturgut in Schönebeck an der Elbe, in der sowjetischen Besatzungszone. Ein kleiner Teil des Archivbestands ist als Raubgut in das Sonderarchiv Moskau gebracht worden.[7]
In den 1950er Jahren kamen die Akten aus Schönebeck zurück zur jüdischen Gemeinde Berlin, von dort gingen historisch wertvolle Teile an die Jewish Historical General Archives in Jerusalem. Der Rest wurde bis 1988 für die Forschung unzugänglich im Deutschen Zentralarchiv in Potsdam aufbewahrt. Seit 1996 befinden sie sich im Centrum Judaicum der Jüdischen Gemeinde Berlin, wo sie geordnet, auf Film gesichert und katalogisiert wurden.[8]
An die Konzeption des Gesamtarchivs der deutschen Juden knüpft das 1987 gegründete Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland an. Es wird vom Zentralrat der Juden in Deutschland getragen und vom Bundesministerium des Innern und für Heimat finanziert.[9]
Zionistisches Zentralarchiv
Das Zionistische Zentralarchiv (heute The Central Zionist Archives) wurde 1919 in Berlin von Georg Herlitz gegründet. Herlitz war bis zum Ersten Weltkrieg Archivar im Gesamtarchiv der deutschen Juden. Die Zielsetzung bestand in der umfassenden Dokumentation aller Aktivitäten der Zionistischen Bewegung. Zu Beginn wurden die Archive der Kölner und Wiener Büros der Zionistischen Vereinigung für Deutschland (ZVfD) übernommen, dann die des Jüdischen Nationalfonds und der Zionistischen Organisation. Daneben sammelte das Zentralarchiv eigenständig Bücher, Zeitschriften und Fotografien zur Geschichte der zionistischen Bewegung.
Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 wurde das Zionistische Zentralarchiv von Berlin nach Jerusalem gebracht. Seither gehört die Dokumentation des Jischuv und seiner Organisationen zu seinen Aufgaben. Ein wichtiger Bestandteil der Sammlungen sind Nachlässe und weiteres biografisches Material über bedeutende Zionisten wie Theodor Herzl, Nachum Sokolow, David Wolffsohn, Max I. Bodenheimer, Henrietta Szold, Eliezer Ben-Jehuda und Chaim Arlosoroff.
Jiddischer Wissenschaftlecher Institut (YIVO)
Der Jiddischer Wissenschaftlecher Institut (ייִדישער װיסנשאַפֿטלעכער אינסטיטוט, in YIVO-Umschrift Yidisher visnshaftlekher institut, deutsch ‚Jüdisches Wissenschaftliches Institut‘) wurde 1925 gegründet. Sein Sitz war Vilnius, seinerzeit in Polen, es gab Außenstellen in Berlin, Warschau und New York City. Schwerpunkt seiner Tätigkeit war die Erforschung des osteuropäischen Judentums und der Auswanderung von Juden nach Amerika.
Mitbegründer waren der Philologe Max Weinreich (1894–1969), der Historiker Elias Tcherikower (1881–1943) und der Linguist und Autor Nochum Shtif (1879–1933). Zu den Mitarbeitern gehörten Simon Dubnow, Alexander Harkavy, Zelig Kalmanovitch, Jakob Lestschinsky, Yudel Mark, Samuel Niger, Noah Pryłucki, Salman Reisen, Jacob Robinson und Uriel Weinreich.
Nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde erwogen, das YIVO-Archiv von Vilnius nach New York in Sicherheit zu bringen. Dieser Plan scheiterte an fehlenden finanziellen Mitteln. Nach der deutschen Besetzung Litauens im Jahr 1941 wurde der größte Teil des Archivs an Ort und Stelle durch Mitglieder des Einsatzstabs Reichsleiter Rosenberg vernichtet. Ein kleiner verbliebener Teil des Materials wurde 1942/43 zum Institut zur Erforschung der Judenfrage in Frankfurt am Main geschafft.[10]
Das in Frankfurt vorhandene Material wurde nach dem Krieg von den Amerikanern nach Großbritannien und in die USA gebracht. Ausgenommen waren einige Dokumente, die nach Prag kamen. In Vilnius konnten nach der Befreiung noch Teile des Archivs gerettet werden. Sie befanden sich als Rohstoff in Anlagen zur Papierverarbeitung. Es war zunächst beabsichtigt, diese Dokumente in einem neuen jüdischen Museum unterzubringen. Kurz vor der Schließung des Museums durch die sowjetischen Behörden konnten die Unterlagen nach New York verschickt werden. Insgesamt sind etwa ein Drittel des Archivguts des YIVO erhalten geblieben. Da der YIVO keine Nachfolger in Europa hatte befindet sich das Material weiterhin in den Vereinigten Staaten.[10]
Yad Vashem Archives
Die Yad Vashem Archives sollen als historisches Archiv des Holocaust und seiner Opfer gedenken. Sie sind ein Teil der Gedenkstätte Yad Vashem, die von der Knesset mit der Verabschiedung des Yad-Vashem-Gesetzes im Jahr 1953 als staatliche Behörde gegründet wurde. Neben dem Archiv gehören ein Museum, eine Bibliothek und in Forschungsinstitut zu Yad Vashem. Wie die CAHJP ist Yad Vashem kein Rechtsnachfolger einer Organisation oder Gemeinde. Durch ihre Aufgabe und ihren einzigartigen Status als Behörde sind die Yad Vashem Archives, im Unterschied zu anderen jüdischen Archiven, jeder Debatte über die Zielsetzung und die Herkunft des Archivguts entzogen.[10]
Der Bestand der Archive enthält etwa 200 Millionen Seiten, darunter allein 2,8 Millionen Zeitzeugenberichte. Schwerpunkt der Sammlung ist die Dokumentation von Einzelschicksalen und das Archivieren weiterer Dokumente mit Bezug zum Holocaust. Hinzu kommt Material zur Geschichte der deutschen Juden vor 1938, zum Neubeginn jüdischen Lebens in Deutschland und zur Erinnerungskultur. Historische Dokumente liegen überwiegend als Kopien vor.
Ein großer Teil des Bestands ist digitalisiert und online zugänglich. Eine Datenbank enthält die Namen von sechs Millionen Opfern des Holocaust. 1,2 Millionen Namen müssen noch dokumentiert werden.
Archive for the History and Heritage of German-Speaking Jewry in Israel (AGSJI)
Das Archive for the History and Heritage of German-Speaking Jewry in Israel wurde 1968 in Netanja als Teil des Museum des deutschsprachigen Judentums gegründet und ist 1991 in den nahe gelegenen Industriepark Tefen umgezogen. 2021 erfolgte ein weiterer Umzug nach Haifa. Dort wurden die Sammlungen des Museums in das Hecht Museum integriert, das Archiv ist heute Teil des Haifa Center for German and European Studies.
Das AGSJI dient vorrangig der Dokumentation von individuellen Biografien. Das Archiv verfügt über Dokumente, Briefwechsel, Tagebücher und Fotografien aus mehr als 500 Familien in 14.000 Archivboxen. Mehr als zwei Drittel des Bestands sind digitalisiert und in der Datenbank der National Library of Israel erfasst worden.
Geschichte der CAHJP
Die Jewish Historical General Archives (JHGA) wurden 1939 auf Initiative des deutsch-israelischen Archivars und Historikers Joseph Meisl und des Historikers und späteren Erziehungsministers Ben-Zion Dinur in Jerusalem gegründet. Schon zu Beginn war die Zielsetzung, in Jerusalem, dem spirituellen und weltlichen Zentrum des Judentums, ein Gesamtarchiv für die Geschichte des gesamten jüdischen Volkes zu errichten. Ab 1944 waren die Jewish Historical General Archives der Historical Society of Israel angeschlossen und wurden von der Hebräischen Universität Jerusalem unterstützt.[10] Der erste bedeutende Zugang war das private Archiv des deutschen Rabbiners, Historikers und Bibliothekars Moritz Mosche Stern.[1] 1957 trat Daniel Cohen, ein aus Hamburg stammender Archivar, die Nachfolge Meisls an.
Rettung jüdischer Archive nach dem Holocaust
Nach dem Holocaust und dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa wurde rasch deutlich, dass ein großer Teil der jüdischen Gemeindearchive in Osteuropa und auf dem Balkan vernichtet waren. Die Archive der jüdischen Gemeinden in Deutschland, Österreich und in den von Deutschland im Zweiten Weltkrieg besetzten Gebieten waren nur teilweise erhalten. Viele waren während der Novemberpogrome 1938 und durch Kriegsereignisse verloren gegangen. Ein Teil der von der Gestapo beschlagnahmten Archive war dem Rasse- und Siedlungshauptamt der SS übergeben worden, weitere Teile waren verstreut.[3]
Vertreter der Jewish Historical General Archives versuchten, in Deutschland und anderen europäischen Ländern die noch vorhandenen Archive oder ihre Überreste zu retten. Dabei hatten sie keine eigenen Rechtsansprüche. Diese lagen bei den Rechtsnachfolgern untergegangener jüdischer Gemeinden und Organisationen. In der amerikanischen Besatzungszone war das die Jewish Restitution Successor Organization (JRSO, American Military Law 59 vom November 10, 1947). In der britischen Besatzungszone war die Jewish Trust Corporation (JTC, Military Law 59 vom Mai 1949, umgesetzt ab August 1950) tätig, und in der Französischen Besatzungszone die Jewish Trust Corporation Branche Française (JTC BF, Ordonnance 120 vom November 1947, umgesetzt ab März 1952). In der französischen Zone waren zuvor die Militärverwaltung, dann von 1949 bis 1952 die Bundesländer für die Regulierung zuständig. Daher wurden die jüdischen Gemeinden in Mainz, Koblenz, Neuwied, Bad Kreuznach und Trier im Januar 1950 von der rheinland-pfälzischen Landesregierung zu Rechtsnachfolgern der untergegangenen Gemeinden in ihrem Einzugsbereich erklärt.[11]
Jewish Trust Corporation und Jewish Restitution Successor Organization favorisierten zunächst die Übergabe des Archivguts an eine zentrale Einrichtung, entweder in Israel oder in den Vereinigten Staaten. Bald legten sie sich auf die Jewish Historical General Archives in Jerusalem fest. Für den Jüdischen Weltkongress galt es unmittelbar nach dem Holocaust als undenkbar, dass auf dem blutgetränkten europäischen Boden jemals wieder jüdisches Leben möglich wird, ganz zu schweigen von jüdischem Kulturleben. Später überwogen die Argumente, dass das Sammeln aller jüdischen Dokumente und Urkunden in Israel der jüdischen Forschung die Arbeit erleichtere oder erst möglich mache. Die Gemeinden in Deutschland seien gar nicht in der Lage, das Archivgut angemessen unterzubringen oder die historischen Dokumente wissenschaftlich zu bearbeiten. Schließlich kam die religiöse Haltung dazu, es handele sich nur um die „Rückführung“ des Kulturguts nach Israel als Heimat des jüdischen Volkes.[12][13]
An den Verhandlungen mit den drei Restitutions-Körperschaften, den Behörden und den Regierungen war Alex Bein maßgeblich beteiligt. Bein reiste 1951 und 1956 nach Deutschland, um die Übergabe aller Archivalien an Archive in Israel zu bewirken. Auch Vertreter des Staates Israel und Mitarbeiter der Jewish Agency waren beteiligt. In den meisten Fällen beugten sich die jüdischen Gemeinden den Forderungen der Rechtsnachfolger. So war es auch in Stuttgart. Die Jüdische Gemeinde Stuttgart wurde 1939 zwangsweise mit allen württembergischen Gemeinden zur Stuttgarter Großgemeinde zusammengefasst. Nach dem Holocaust begann in Stuttgart neues jüdisches Leben, und die Gemeinde beugte sich „schweren Herzens“ den Forderungen der JRSO. Gegen eine finanzielle und materielle Unterstützung bis hin zum Kauf von Immobilien wurde der Gemeinde abverlangt, dass sie beim Rückgang ihrer Mitgliederzahl unter eine festgelegte Grenze ihren Besitz dem JRSO zu übergeben habe.[11]
Es gab vielerorts von deutschen Juden und ihnen nahestehenden Akteuren nachhaltigeren Widerstand gegen die Übereignung von Gemeindearchiven an die Jewish Historical General Archives. Viele überlebende Juden wollten in Deutschland bleiben oder waren dorthin zurückgekehrt. Sie wollten ihre untergegangenen Gemeinden wieder aufbauen, und dabei nicht auf die historischen Dokumente verzichten. In Einzelfällen wurde von den Restitutions-Körperschaften massiver Druck auf die Gemeinden ausgeübt. So wurde 1951 von der JTC einzelnen kleinen Gemeinden in Aussicht gestellt, dass sie, wenn sie ihr Kulturgut behielten, auch für alle Verbindlichkeiten der wesentlich größeren Vorgängergemeinden aufzukommen hätten.[11]
Die Bemühungen der Gemeinden wurden durch ein Urteil des Court of Restitution Appeal in Nürnberg, der auf der Grundlage des Bürgerlichen Gesetzbuchs zu entscheiden hatte, stark beeinträchtigt. Die jüdische Gemeinde in Augsburg hatte Anspruch auf das Archiv ihrer Vorgängergemeinde erhoben. Die Richter urteilten im Sinne der JRSO, dass die neue Augsburger Gemeinde nicht der Rechtsnachfolger der Vorkriegsgemeinde sei. Letztlich einigten sich die Gemeinde und die JRSO darauf, dass Archivalien bis um das Jahr 1870 nach Jerusalem gingen, und neuere Dokumente in den Besitz der Gemeinde übergingen. Dieser Lösung folgten zahlreiche weitere Verhandlungen einzelner Gemeinden mit JTC und JRSO, in denen ähnliche Einigungen erzielt wurden.[14]
Fallbeispiel Jüdische Gemeinde Worms
Im Rahmen der Novemberpogrome 1938 und der Brandstiftung in der Synagoge Worms und den angrenzenden Bauten der Synagogengemeinde wurden die meisten Sammlungsgegenstände des Jüdischen Museums Worms und eine Reihe historischer Handschriften zerstört. Das bis in das 16. Jahrhundert zurückreichende Archiv der Jüdischen Gemeinde Worms blieb fast vollständig unversehrt, wurde aber sofort von der Gestapo beschlagnahmt und auf Umwegen frühestens April 1940 in einen Keller des Gestapo-Gebäudes in Darmstadt gebracht. Dort oder während des Transports wurden Akten der 1930er Jahre mit jenen der jüdischen Gemeinde in Darmstadt vermischt.[15]
Etwa 1943 hatte der Stadtarchivar Friedrich Maria Illert das Archiv unter bis heute ungeklärten Umständen zurückgeholt und mit anderen historischen Dokumenten in einem der Türme des Wormser Doms versteckt. Die nach dem Krieg gelieferten Erklärungen Illerts über seine Motive und den genauen Ablauf der Ereignisse sind lückenhaft, widersprüchlich und teilweise widerlegbar.[15]
Nach dem Krieg erhob 1948 und 1949 die für Worms zuständige Jüdische Gemeinde Mainz Anspruch auf das Archiv und traf dabei auf den entschiedenen Widerstand Illerts. Dieser wollte das Archiv unbedingt für die Stadt Worms sichern und fand dabei die Unterstützung des letzten Vorsitzenden der ausgelöschten Gemeinde, Isidor Kiefer, und des Wormser Rabbiners Isaac Holzer. 1949 wurde dieser Anspruch vom Court of Restitution in Mainz bestätigt. Für die erloschene jüdische Gemeinde Worms wurde die Jüdische Gemeinde Mainz zum Rechtsnachfolger bestimmt. 1952 wurde jedoch von dem französischen Hohen Kommissar in der Alliierten Hohen Kommission die JTC BF zum Rechtsnachfolger der jüdischen Gemeinden in der französischen Besatzungszone erklärt.[11][15]
Damit waren die gerichtlichen Auseinandersetzungen nicht beendet. 1954 wurde gegen die Stadt Worms ein Rückerstattungsverfahren eingeleitet und der Anspruch der JTC BF im folgenden Jahr vom französischen Restitutionsgerichtshof in Mainz bestätigt. Nun stützte die Jüdische Gemeinde Mainz ihre Ansprüche auf das 1955 verkündete Gesetz zum Schutz deutschen Kulturgutes gegen Abwanderung. Die rheinland-pfälzische Landesregierung war jedoch der Ansicht, dass die Registrierung des Wormser Archivs und anderer Objekte als nationales Kulturgut die Übergabe an die JTC BF nicht verhindern könne. Hinzu kam massiver Druck seitens des Auswärtigen Amts und des Bundeskanzleramts, sogar Bundeskanzler Konrad Adenauer soll an der Angelegenheit persönlich interessiert gewesen sein.[11][15]
Nach weiteren Verhandlungen wurde im Oktober 1956 eine Vereinbarung getroffen, der zufolge alle Wormser Archivalien verfilmt werden sollten. Im März und April 1957 wurden das Archiv und der Wormser Machsor als Diplomatengepäck an die Jewish Historical General Archives in Jerusalem übersandt. Nur wenige museale Objekte aus dem Jüdischen Museums Worms blieben zurück.[11][15]
Fallbeispiel Jüdische Gemeinden in Hamburg
Ein herausragendes Beispiel ist das bis 1641 zurückreichende umfangreiche Archivgut der jüdischen Gemeinden in Hamburg. Schon im Rahmen der Bemühungen des Gesamtarchivs hatten sich die jüdischen Gemeinden geweigert, ihre Archive herauszugeben. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten warnte der Jurist und ehemalige Staatsrat Leo Lippmann, 1933 aus seinem Amt entlassen und seit 1935 im Vorstand der jüdischen Gemeinde, dass das Archiv der Gemeinde in Gefahr sei. Er schlug vor, die Archivalien im Hamburger Staatsarchiv unterzubringen. Als sich nach den Novemberpogromen 1938 abzeichnete, dass die Archive der jüdischen Gemeinden beschlagnahmt und nach Berlin geschafft werden sollten, schafften Hamburger Juden ihre Gemeindearchive bis 1943 nach und nach in das Staatsarchiv. Eingeschlossen waren die Archive der 1937 mit Hamburg zusammengelegten Synagogen in Altona und Wandsbek.[16]
Nach dem Krieg gehörten die Hamburger Gemeindearchive für die JHGA zu den am stärksten begehrten. Gershom Scholem, der zu diesem Zeitpunkt für die Israelische Nationalbibliothek in Deutschland nach geraubten Büchern suchte, erhielt im August 1946 einen Hinweis auf den Verbleib der Gemeindearchive von Hamburg, Altona und Wandsbek. Es folgte eine 15 Jahre währende Auseinandersetzung. Die Gemeinden erhielten Unterstützung von dem Hamburger Archivar und Historiker Erich von Lehe, der forderte, dass die Archive unter keinen Umständen aufgeteilt oder auf andere Weise von ihrem historischen Ursprungsort entfernt werden dürften. Kern der Auseinandersetzung war die Frage, ob die Archive als Zeugnisse Hamburger Stadtgeschichte oder als Teil des Erbes des gesamten jüdischen Volkes zu betrachten seien. Prominente Hamburger Juden wie Max Plaut, Harry Goldstein als Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde und Ludwig Loeffler als Rechtsbeistand der Hamburgs machten geltend, dass die Archive aus freien Stücken im Hamburger Staatsarchiv untergebracht worden seien, und daher kein Raubgut im Sinne des Restitutionsrechts darstellten.[16]
Der Hamburger Hans W. Hertz initiierte 1953 mit Unterstützung des Historikers Fitz Fischer und des Bankiers Eric M. Warburg ein Forschungsprojekt zur Geschichte der Juden in Hamburg. Sie hofften, so das Abwandern des Materials zumindest für die Dauer des Forschungsprojekts und möglicherweise dauerhaft zu verhindern.[12] Ein starkes Argument der Hamburger Seite war der Hinweis, dass ihre Bestände aus der Obhut einer staatlichen Organisation in private Hände gegeben werden sollten. Die Jewish Historical General Archives hatten als Teil der Historical Society of Israel formal keine Bindung an den Staat Israel.[17]
Unter dem Eindruck des langjährigen Rechtsstreits um das Gemeindearchiv in Worms, und wegen des Bestehens einer aktiven jüdischen Gemeinde in Hamburg, scheute die JTC eine gerichtliche Klärung des Streits. Letztlich wurde eine Vereinbarung getroffen, nach der ein Teil des Archivs nach Jerusalem kommen und der Rest in Hamburg bleiben sollte. Jede Seite erhielt die fehlenden Dokumente als Kopie auf Mikrofilm. Bei den Archivalien, die nach Jerusalem abgegeben wurden, handelte es sich überwiegend um Dokumente in hebräischer Schrift aus der Zeit vor 1811.[16]
Nachkriegszeit: Archive außerhalb Deutschlands
In Österreich waren die Bemühungen weniger erfolgreich. So wurden die Archive der jüdischen Gemeinden im Burgenland jahrzehntelang nicht herausgegeben. Von der Israelitischen Kultusgemeinde Wien wurde den Central Archives fast die gesamte Überlieferung von etwa 350 Regalmetern als Leihgabe überlassen.[3] Ihre Katalogisierung und die Veröffentlichung des Katalogs waren erst 1980 abgeschlossen.[18]
Auch außerhalb Deutschlands und Österreichs wurden wichtige Erfolge erzielt. Der israelische Diplomat Zeev Shek war den Jewish Historical General Archives eng verbunden und konnte 1946 in der Tschechoslowakei Dokumente des Ghetto Theresienstadt sichern.[18] Aus Großbritannien erhielt das Archiv 1954 die zu Beginn des Zweiten Weltkriegs dorthin gebrachten Manuskripte für den zweiten Band des historisch-topographischen Handbuchs Germania Judaica. Dabei handelte es sich um etwa 80 Prozent der mehr als 100 vor den Novemberpogromen 1938 fertiggestellten Ortsartikel. Das Material wurde im folgenden Jahr dem Leo Baeck Institut übergeben, das den Judaisten und Historiker Zvi Avneri mit der Weiterarbeit an dem Handbuch betraute.
Die israelische Regierung beschloss 1969 die Einrichtung der Central Archives for the History of the Jewish People als eigenständiger Körperschaft. Zu dieser Zeit wurde, ohne die Bemühungen zur Rettung von Archiven aus dem vom Holocaust unmittelbar betroffenen Europa aufzugeben, zunehmend auf den Erhalt von Archiven in den Balkanstaaten, Asien und Lateinamerika Wert gelegt. Viel Arbeitsaufwand erforderte zudem das Auffinden und die Akquisition privater Familienarchive und bisweilen wertvoller Dokumente aus dem Besitz jüdischer Immigranten in Israel.[3]
In den 1970er Jahren traten jüdische Organisationen vermehrt an die Central Archives heran, um ihre historischen Archive in Jerusalem aufbewahren zu lassen. Wo die Ausfuhr von Archivgut aufgrund nationaler Gesetze nicht möglich war, oder die Besitzer selbst für den sicheren Erhalt und die Zugänglichkeit der Archivalien für die Forschung sorgen konnten, wurden sie auf Mikrofilm aufgenommen und nach Jerusalem geschickt. Diese neuen Aufgaben erforderten viel Arbeitsaufwand und die finanzielle Ausstattung der Central Archives war unzureichend.[3]
Ein weiteres Hindernis war, dass Dokumente mit Bezug zum Judentum oder zu Personen des Judentums in die allgemeinen oder historischen Archive vielfach ohne Hinweise auf ihren Kontext aufgenommen wurden. So waren wichtige Archivalien unzugänglich. Die Central Archives haben sich um die Erstellung eines Katalogs bemüht, in dem solche in Archiven der ganzen Welt „versteckten“ Dokumente erfasst werden. Dabei kooperierten sie erfolgreich mit Archiven in Deutschland, Österreich, Frankreich, Spanien, Portugal, Jugoslawien und mit dem Public Record Office in London.[3]
Zerfall der Sowjetunion
Seit der Perestroika in der Sowjetunion hatten westliche – einschließlich israelischer – Forscher erstmals seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs Zugang zu den Archiven, die als „Beutegut“ von der Roten Armee geraubt worden waren. Nach der Öffnung der zuvor verschlossenen sowjetischen Archive im Jahr 1990 wurden rasch Mitarbeiter der Central Archives for the History of the Jewish People nach Russland geschickt, um dort Archive mit Bezug zum Judentum ausfindig zu machen und deren Inhalt auf Mikrofilm aufzunehmen.[12] Während die politische Öffnung im Allgemeinen die Archive zugänglich machte, stellte der Zerfall der Sowjetunion in mehrere Nationalstaaten bisweilen eine neue Erschwernis dar. Neu entstandene Staaten wie die Russische Föderation, Belarus und die Ukraine begannen damit, aus den Beständen der sowjetischen Archive eigene Nationalarchive zu bilden.[19]
Die CAHJP schlossen mit diesen Staaten 1992 und 1993 Verträge über eine Laufzeit von fünf Jahren, in denen die Zentralarchive zur Begleitung der Suche nach relevanten Archivalien und zum Anfertigen von Kopien angeforderter Dokumente verpflichtet wurden. Im Gegenzug übernahmen die CAHJP Koordination und Finanzierung der Arbeiten. Mit der wachsenden wirtschaftlichen Selbständigkeit der Archive bevorzugten diese das Anfertigen von Kopien auf der Basis von individuell an sie gerichteten Aufträgen, anstelle der weniger lukrativen zwischenstaatlichen Rahmenvereinbarungen. Nach und nach gingen Aufgaben von Angestellten der Archive auf lokale Wissenschaftler und Archivare über, die bei der CAHJP unter Vertrag standen.[19]
Kern des Projekts war die Katalogisierung und Verfilmung sämtlicher Dokumente, die das Judentum in den Grenzen der Sowjetunion von 1939 betrafen. Es zeigte sich, dass Dokumente zur Geschichte der einzelnen jüdischen Gemeinden häufig auf mehrere Archive verteilt waren. Das waren im Falle Russlands nicht nur das Russian State Historical Archive in Sankt Petersburg, das Russische Staatsarchiv Alter Akten und das Staatsarchiv der Russischen Föderation, beide in Moskau, sowie die großen Archive in Belarus und der Ukraine. Die Archive der Sowjetrepubliken, der Oblaste und vieler Städte enthielten umfangreiche Bestände mit Bezug zum Judentum, die als solche gar nicht erfasst waren. Von sehr großer Bedeutung waren und sind die Archive mehrerer Geheimdienste bis zurück in den Zarismus wie das Sonderarchiv Moskau mit aus Deutschland und anderen Ländern Europas während und nach dem Zweiten Weltkrieg geraubten Akten. Zudem gab es vom Kaiserreich bis in die ersten Jahrzehnte der Sowjetunion eine Vielzahl von Behörden, die speziell für Aspekte jüdischen Lebens zuständig waren. Insgesamt waren die Bestände von mehr als 80 Archiven und Museen verschiedener Staaten auszuwerten.[19]
Die Mitarbeiter der CAHJP stießen rasch auf die Problematik der über mehrere Archive verteilten und geografisch oder inhaltlich zusammenhängenden Dokumente. Erschwerend kam hinzu, dass viele Namen von Gemeinden, Organisationen und Personen nicht eindeutig waren, sei es wegen zufälliger Namensgleichheiten oder unterschiedlicher Transkriptionen. Durch die umfassende Katalogisierung der Bestände und ihre Erfassung in Datenbanken wurde es möglich, solche verteilten Archivalien im Zusammenhang zu erschließen und die Archive von mehr als 800 jüdischen Gemeinden zu rekonstruieren. Die Arbeiten waren nach zwei Jahrzehnten noch nicht abgeschlossen und werden durch die politischen Verwerfungen in mehreren Nachfolgestaaten der Sowjetunion nach wie vor behindert.[19]
Bestand
Bis 1952 waren den Jewish Historical General Archives die Archive von mehr als 350 deutschen und österreichischen Gemeinden übergeben worden, von denen 164 aus dem Bestand des Gesamtarchivs der deutschen Juden stammten. 1957 waren es bereits mehr als 800 Gemeindearchive.[17] Aktuell sind Tausende jüdische Gemeinden der ganzen Welt mit ihrem kompletten Archiven oder mit Teilbeständen in den CAHJP vertreten. Dazu gehören fast alle der mehr als 400 Gemeindearchive aus dem Gesamtarchiv der deutschen Juden. Die Tektonik der CAHJP baut auf den Staatsgrenzen von 1939 auf.[20][21]
Wenige Archivalien der deutschen Gemeinden datieren aus dem 15. und 16. Jahrhundert, die Mehrheit aus dem 18. bis 20. Jahrhundert. Bis in die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts sind die meisten Dokumente auf Jiddisch oder Hebräisch verfasst, gelegentlich auch auf Deutsch in hebräischer Schrift.[21]
Beispiele für die von den CAHJP gehaltenen Bestände:
Archive
- Der größte Teil des Gesamtarchivs der deutschen Juden;
- Teilarchive der Jewish Claims Conference (JCC), der Jewish Trust Corporation (JTC), der Jewish Trust Corporation Branche Française (JTC BF), der Jewish Restitution Successor Organization (JRSO) und weiterer Organisationen;
- Archiv der Israelitischen Kultusgemeinde Bayreuth 1759–1938 (Geschichte der Juden in Bayreuth);
- Archivgut der jüdischen Gemeinden in Hamburg (teilweise nur Kopien auf Mikrofilm, die Originale verblieben im Hamburger Staatsarchiv);
- Gemeindearchiv der Jüdischen Gemeinde Worms und der Wormser Machsor;[3]
- Zahlreiche historische Fotografien, teils in Alben, von Grabsteinen jüdischer Friedhöfe;[18][22]
- Fast die gesamte Überlieferung der Israelitischen Kultusgemeinde Wien als Leihgabe;[3]
- Familienarchiv aus Padua, dessen ältestes Dokument aus dem Jahr 1491 stammt;
- Pinkas der jüdischen Gemeinde in Posnan, für den Zeitraum von 1592 bis 1689, und zahlreiche weitere Pinkassim, Memorbücher und Mohelbücher;
- Archiv der Sephardim in Jerusalem, das bis in die Zeit der Eroberung Palästinas durch die Osmanen Anfang des 16. Jahrhunderts zurückreicht;
- Archiv der Jewish Colonisation Association betreffend ihre Aktivitäten in Argentinien;[18]
Mikrofiches
Schon früh, in den 1950er Jahren, arbeiteten die Jewish Historical General Archives mit Mikrofilm. Aufgenommen wurden bis in die 1990er Jahre jene Bestände, deren Übergabe im Original durch die Besitzer abgelehnt wurde, oder die aufgrund der Gesetze eines Landes nicht ausgeführt werden durften. Diese Lösung wurde als unzureichend angesehen. Mit Nachdruck wurde weiterhin danach gestrebt, in den Besitz der Originale zu kommen.[23] Dennoch war bis 1980 der Bestand auf mehrere Millionen Mikrofiches angewachsen.[12]
- Regesten 1360–1596 des Historischen Archivs der Stadt Köln;[24]
- Dokumente aus dem Frankfurter Stadtarchiv betreffend die Kulp-Kannschen Wirren (11 Bände, 5830 Mikrofiches);[24]
- Akten aus dem portugiesischen Nationalarchiv Arquivo Nacional da Torre do Tombo, betreffend 16 Verfahren während der Inquisition von Coimbra im Zeitraum von 1588 bis 1605 (3700 Microfiches) und weiterer 57 Verfahren von 1640 bis 1656 (5800 Mikrofiches);[24][22]
- Mehr als 1,5 Millionen Seiten aus russischen und sowjetischen Archiven, die aus dem russischen Kaiserreich und der Sowjetunion stammen;
Privat- und Familienarchive, Nachlässe von Personen des Judentums
Privat- und Familienarchive haben im Judentum eine lange Tradition und reichen bisweilen über Generationen und Jahrhunderte zurück. Die Nachlässe folgender Personen des Judentums wurden den Central Archives meist von den Hinterbliebenen übereignet:
- Willy Cohn (1888–1941), Historiker und Lehrer, Tagebücher;
- Eduard Duckesz (1868–1944), 1891 bis 1939 Klausrabbiner an der Alten und neuen Klaus in Altona, Bibliothekskatalog der Alten und Neuen Klaus (um 1890), Fotosammlung;
- Shlomo Ettlinger (1889–1964), Frankfurter Rechtsanwalt und Notar, das unveröffentlichte Manuskript seiner Personengeschichte der Frankfurter Juden von 1241 bis 1830;
- Ernst Grumach (1902–1967), deutscher Klassischer Philologe und Literaturwissenschaftler, Herausgeber der Ost-Berliner Goethe-Ausgabe und der Ost-Berliner Akademieausgabe des Aristoteles;
- Max Grunwald (1871–1953), Rabbiner in Hamburg und Wien und Autor von Werken zur jüdischen Geschichte und Volkskunde;
- Theodor Harburger (1887–1949), Münchner Kunsthistoriker und Fotograf, einschließlich aller Glasnegative im Nachlass;
- Meyer Isler (1807–1888), Philologe und Bibliothekar, Ephraim Moses Lilien, (1874–1925), Grafiker, Illustrator, Maler und Fotograf, Otto Magnus (1836–1920), Jurist, der sich als Anwalt für die Zulassung von Juden zum Notariat einsetzte, Rudolf Magnus (1873–1927), Arzt, Pharmakologe und Physiologe, Sophie Magnus (1840–1920), Frauenrechtlerin und leitende Mitarbeiterin von Frauenprojekten in Braunschweig, Dokumente im Familienarchiv Isler/Magnus/Lilien;
- Georg Kareski (1878–1947), Bankier, Direktor der 1927 von ihm gegründeten jüdischen Genossenschaftsbank Iwria und zionistischer Politiker (persönlicher Nachlass);
- Bruno Kirschner (1884–1964), Judaist, Historiker, Numismatiker, Mitbegründer und Mitherausgeber des Jüdischen Lexikons, nachgelassene Aufzeichnungen und Briefe 1955–1962;
- Bruno Kisch (1890–1966), Kardiologe, Physiologe und Mitbegründer der Deutschen Gesellschaft für Herz- und Kreislaufforschung, Teile des Nachlasses, weiteres Material im Historischen Archiv der Stadt Köln;
- Louis Lamm (1871–1943), Buchhändler, Antiquar und Verleger, Dokumente aus seinem Privatarchiv;
- Akiva Posner (1890–1962), Rabbiner in Kiel, Nachlass mit mehreren unveröffentlichten Manuskripten;[25]
Gebäude

Von 1948 an waren die General Archives in einem Appartement-Komplex in einer Vorstadt von Jerusalem untergebracht. 1957 bezogen sie übergangsweise Räume auf dem Gelände der Gedenkstätte Yad Vashem. Nachfolgend gab es immer wieder Pläne für ein eigenes Gebäude oder für einen großen, repräsentativen Archivbau, der das Israelische Nationalarchiv, die Central Zionist Archives und die Jewish History General Archives unter einem Dach beherbergen sollte. Bedingt durch Finanzierungsprobleme und den Sechstagekrieg und seine Folgen wurden die Pläne immer weiter verschoben und schließlich aufgegeben.[26]
2007 bezogen die Central Archives for the History of the Jewish People ein ehemaliges Studentenwohnheim auf dem Gelände der Hebräischen Universität Jerusalem. Seit 2023 ist das CAHJP im Neubau der National Library of Israel untergebracht.
Literatur
- Jason Lustig: A Time to Gather. Archives and the Control of Jewish Culture. Oxford University Press, New York 2022, ISBN 978-0-19-756352-6.
Weblinks
- The Central Archives for the History of the Jewish People (CAHJP). The National Library of Israel, 2025.
- Jewish Communities List. The National Library of Israel, 2025 (Jüdische Gemeinden nach Ländern in den Grenzen von 1939).
- Online-Katalog der Central Archives for the History of the Jewish People in der Israelischen Nationalbibliothek.
- Jason Lustig: The Central Archives for the History of the Jewish People. In: jewisharchives.org. (Überblick über die Geschichte der CAHJP).