Christfluencer
christlich-religiöse Influencer
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Christfluencer sind christlich-religiöse Influencer. Der Begriff ist nicht scharf definiert, wird aber in der Medienpraxis hauptsächlich für freikirchlich-konservative religiöse Influencer genutzt. Bei einigen Christfluencern gibt es inhaltliche und personelle Bezüge zur Neuen Rechten und zum Rechtspopulismus.
Beschreibung
Christfluencer erscheinen als Folge der digitalen Medialisierung: Als Ausdruck eines Wandels, der Religion an die Bedingungen der modernen Gesellschaft anpasst, entstehen durch die Medien neue Formen religiöser Kommunikation.[1] Dabei existiert eine große Vielfalt christlicher Influencer und Influencerinnen, was sich auch in uneinheitlichen Bezeichnungen zeigt. Neben dem Begriff Christfluencer werden auch Begriffe wie Sinnfluencer, Glaubensinfluencer oder kirchliche Influencer verwendet. Jedoch werden in der Medienpraxis unter Christfluencern hauptsächlich freikirchlich-konservative religiöse Influencer verstanden.[2] Als Unterscheidungsmerkmal von Christfluencern zu anderen Sinnfluencern wird auch eine auf christlichen Werten basierende Lebensweise genannt. Charakteristisch für Christfluencer ist, dass sie ihre persönliche Relevanz des Glaubens und die Emotionalisierung im Umgang mit Medien nutzen, um ein Gefühl der Verbundenheit mit ihrem Publikum herzustellen.[1]
Christfluencer nutzen Internetplattformen wie Instagram, Youtube und TikTok zur Verbreitung ihrer religiösen Überzeugungen, wobei sie von Werkzeugen des modernen Influencermarketings Gebrauch machen. Indem sie ihr Leben ästhetisch ansprechend inszenieren, mit Marken zusammenarbeiten und mit ihrer Community interagieren, nutzen sie dieselben Mechanismen wie säkulare Influencer. Christfluencer können, wie auch WitchTok und islamische Influencer, spirituelle Inhalte viral verbreiten und eine über die Grenzen traditioneller religiöser Institutionen hinausgehende Gemeinschaft Gleichgesinnter erzeugen.[3]
Anders als klassische evangelikale Formate wie Bibel TV, die außerhalb ihrer Zielgruppe kaum auf Resonanz stoßen, gewinnen Christfluencer als Einzelakteure mit digitaler Reichweite zunehmend an Einfluss. Ihre Inhalte erreichen häufig höhere Sichtbarkeit und Anschlussfähigkeit und wirken auf viele Nutzer authentischer als traditionelle kirchliche Angebote. Christfluencer sprechen oft gezielt für die Phase der Adoleszenz relevante Bedürfnisse wie Streben nach Orientierung, Zugehörigkeit und Identifikationsfiguren an – so werden insbesondere Jugendliche und junge Erwachsene von Christfluencern erreicht.[4] Themen von Christfluencerinnen wie LiMarie oder dem amerikanischen Kanal Girl Defined beinhalten sowohl Kleidung, Makeup, Mediennutzung als auch Liebe, Sex und soziopolitische Themen.[5]
Religiöse Influencer gibt es auch in anderen Religionen wie dem Islam oder dem orthodoxen Judentum.[3]
Akteure
Zu den in Wissenschaft und Öffentlichkeit wahrgenommenen Christfluencern gehören LiMarie, liebezurbibel von Jasmin Friesen (ehemals Jasmin Neubauer), der Account Girl Defined der texanischen Schwestern Kristen Clark und Bethany Beal,[6] Jana Highholder, Tobias Teichen[1] und auch der politisch klar rechts stehende Youtuber Leonard Jäger (alias Ketzer der Neuzeit).[7]
LiMarie gehört zur Global Video Church (abgekürzt GIVICI oder GVC). Die finanzielle Unterstützung ermöglicht wohl ihre professionellen Videoauftritte. Sie positioniert sich in ihren Videos deutlich gegen Sex vor der Ehe und gegen Abtreibung sowie für geschlechterstereotype und klar binäre Rollenbilder.[8] Nach Anne-Viktoria Borsch liegen Antworten der Christfluencerinnen von LiMarie und Girl Defined zu Themen wie Liebe, Sexualität und auch Sozialpolitik auf einer Linie mit Sichtweisen konservativer evangelikaler Kirchen – Beispiele solcher Antworten sind demnach kein Sex vor der Ehe, Ablehnung von Abtreibung oder Ermutigung zum Tragen von als sittsam dargestellter körperbedeckender Kleidung.[5]
Die Global Video Church hat hauptsächlich eine freikirchliche Zielgruppe und funktioniert vollständig online.[8] Sie wurde von ihrer leitenden Pastorin Inga M. Haase gegründet und kann als neu-charismatisch geprägt eingeordnet werden. Ihr Ziel ist es, durch online abrufbare Videos die Bildung von Hauskirchen für eine GVC-Netzwerk zu fördern. Seit der Corona-Pandemie liegt der inhaltliche Fokus verstärkt auf Endzeit-Themen – entsprechend der Analyse von Svenja Hardecker und Philipp Kohler hat sich die Global Video Church von einer Plattform einer umstrittenen neucharismatischen Hauskirchenbewegung zu einem „Einstiegstor zu gefährlichem Verschwörungsdenken und offener Demokratiefeindlichkeit“ entwickelt.[9]
Jasmin Friesen betreibt außer ihren Social-Media-Aktivitäten auch ein Website, über die sie Merchandises wie Motivationspostkarten mit biblischen Sprüchen, Bibelregister, Bibelvers-Lernhilfen und mit Bibelzitaten bedruckte Kleidung sowie christlichen Schmuck und eigene Kinderbücher vertreibt. Sie gehört zusammen mit Jana Highholder zu den bekanntesten deutschen Christfluencerinnen und ist mit Leonard Jäger, mit dem sie gemeinsam eine Modemarke betreibt, vernetzt. Inhaltlich vertreten sowohl Jana Highholder als auch Jasmin Friesen eine Kombination von evangelikalem Glauben mit streng konservativem Weltbild, sie propagieren Keuschheit vor der Ehe, klare Geschlechterrollen, Unterordnung der Frau; LGBTQ-Rechte, Feminismus und Abtreibung lehnen sie ab.[6][7]
Jana Highholder vertrat zunächst für die evangelische Landeskirche in Deutschland das Projekt Jana glaubt. Die Kirche beendete die Zusammenarbeit, nachdem es Kritik gab, weil Highholder ein zunehmend konservatives Frauenbild vertrat.[10] Zusammen mit Jasmin Friesen betreibt sie den Podcast Jana & Jasmin,[11] sie ist auch Autorin mehrerer Bücher.[12]
Nach Martin Fritz von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) ist sowohl bei Highholder als auch bei Friesen eine Verschärfung konservativer Positionen zu beobachten, die der im Rechtspopulismus ähnlich sei.[12]
Leonard Jäger begann zunächst ohne christlichen Bezug. Während der Corona-Pandemie äußerte er sich zu einem angeblichen Impfzwang und bediente auch mehrere Verschwörungserzählungen. 2023 veröffentlichte er gemeinsam mit Liebe zur Bibel (Jasmin Friesen) kritische Videos zu einem queeren Gottesdienst und begann vermehrt religiöse Inhalte zu produzieren. Anfang 2024 ließ sich Jäger unter Mitwirkung von Friesen in Costa Rica taufen.[11] Seine Beiträge beinhalten Antifeminismus, Anti-Woke-Aktivismus und Bibelposting. Ein Interview, das Jäger mit der Politikerin der AfD Alice Weidel geführt hatte, wurde auch von Jasmin Friesen veröffentlicht. Jäger führte außerdem bereits Interviews mit Beatrix von Storch und Hans-Georg Maaßen.[7]
Zwar stellt Sabrina Müller heraus, dass in der Medienpraxis eher freikirchlich-konservative Influencer als Christfluencer bezeichnet werden, während die Mitglieder des Yeet-Netzwerks eher als Sinnfluencer gelten,[2] dennoch werden auch die Mitwirkenden dieses Netzwerks manchmal mit dem Begriff Christfluencer beschrieben.[1] Yeet wurde im Februar 2020 als evangelisches Contentnetzwerk begonnen. Nach eigenen Angaben unterstützt es christliche Creator, die ihren Glauben mit Sinnfragen, Werten und gesellschaftlichen Fragen über die Sozialen Medien bei der Zielgruppe der 14 bis 39 Jährigen ins Gespräch bringen.[13]
Wirken
Christfluencer haben seit Beginn der 2020er-Jahre stark an Bedeutung gewonnen.[2] Dabei kann die Verbreitung fundamentalistischer Botschaften durch Christfluencer über Soziale Medien entsprechend der Analyse von Rahel Sarai Kellich nicht nur der historisch-politischen, sondern auch der pädagogischen Dimension zugeordnet werden, denn sie habe Einfluss auf die Lebenswelt junger Menschen. Soziale Medien fungierten so als religiöse Sozialisationsräume, in denen epistemologische Orientierungen und Glaubensüberzeugungen vermittelt werden.[14]
Von einzelnen Christfluencern werden Themen wie Antifeminismus oder Debatten zum Kampfbegriff Genderwahn bespielt. Solche Themen sind sowohl in fundamentalistisch-christlichen als auch in neurechten Milieus anschlussfähig.[14] Auch weitere konservative und antimodernistische Themen wie der Tradwife-Lifestyle und Ereignisse wie der Mord an dem ultrarechten Influencer und Aktivisten Charlie Kirk werden oft von Christfluencern aufgegriffen und auch ideologisch instrumentalisiert.[15] Über die inhaltliche Nähe hinaus gibt es auch konkrete Allianzen von einzelnen Christfluencern zu rechtspopulistischen Akteuren.[7]
Einordnungen
Die Soziologin Meike Haken ordnet Christfluencer als Sozialfiguren der digitalen Welt mit gemeinschaftsbildender Wirkung ein. Demnach erzeugen sie eine virtuelle soziale Form, die als digitale Netzwerk-Kirche beschrieben werden kann.[1]
Der Religionssoziologe Gert Pickel betont, dass es bei Christfluencern auch ums Geschäft geht und untermauert dies mit Beispielen. Pickel sieht zudem eine subtile und manipulative Mischung aus Identifikation und Ideologisierung, in der Christfluencer ihre Botschaften etwa in Alltagsszenen, Stylingtipps oder emotionalen Einblicken in ihr Leben verpacken.[7]
Nach Claudia Jetter, Theologin an der Humboldt-Universität, zeigen Beispiele, dass bei Christfluencerinnen eine enge Verknüpfung religiöser Inhalte mit der jeweiligen Person bestehe. Oft zweitrangig seien differenziert entfaltete theologische Standpunkte, ein geistliches Amt oder eine fachliche Qualifikation, während glaubhafte Darstellung der eigenen religiösen Biografie und der Glaubens- und Lebenspraxis im Alltag entscheidend seien.[6] Von Jetter werden Christfluencer, die Keuschheit vor der Ehe, klare Geschlechterrollen und die Unterordnung der Frau propagieren sowie LGBTQ-Rechte, Feminismus und Abtreibung ablehnen, als Teil der Purity Culture eingeordnet. Diese aus den USA kommende Bewegung erhebt Keuschheit und heteronormative Ehe zum Kern christlicher Identität.[7]