Christfluencer
christlich-religiöse Influencer
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Christfluencer sind christlich-religiöse Influencer, die aus ihrer persönlichen Erfahrung in den sozialen Medien Impulse für das Gebet, die Bibellektüre, die Glaubenspraxis und Alltagsthemen wie Beziehung, Liebe oder Mode teilen.[1] Der Begriff umfasst ein plurales Phänomen, da sowohl kirchliche Influencer als auch kirchlich ungebundene Christfluencer mit dem Begriff bezeichnet werden und die institutionelle Bindung bei vielen digitalen Auftritten nicht ersichtlich ist.[2] Aufgrund der hohen Reichweite und Sichtbarkeit von freikirchlichen und evangelikalen Influencern wird der Begriff häufig in Bezug auf missionarische, evangelikale, freikirchlich-konservative und fundamentalistische Influencer genutzt. Influencer mit einer stark evangelikalen und fundamentalistischen Ausrichtung wie Jasmin Friesen, Jana Hochhalter und Leonard Jäger bilden inhaltliche Brücken zur Neuen Rechten und dem Rechtspopulismus.
Beschreibung
Nach Auffassung der Soziologin Meike Haken erscheinen Christfluencer als Folge der digitalen Medialisierung: Als Ausdruck eines Wandels, der Religion an die Bedingungen der modernen Gesellschaft anpasst, entstehen durch die Medien neue Formen religiöser Kommunikation.[3] Es existiert eine große Vielfalt christlicher Influencer und Influencerinnen, was sich auch in uneinheitlichen Bezeichnungen zeigt. Neben dem Begriff Christfluencer werden auch Begriffe wie Sinnfluencer, Glaubensinfluencer oder kirchliche Influencer verwendet. Jedoch werden in der Medienpraxis unter Christfluencern hauptsächlich freikirchlich-konservative religiöse Influencer verstanden.[4] Der Begriff Sinnfluencer ist ein Überbegriff für alle Influencer, die eigene sinnstiftende oder inspirierende Erfahrungen in den sozialen Medien teilen und dabei Positionen zu gesellschaftspolitischen Themen einnehmen.[5] Christfluencer lassen sich der Überkategorie der Sinnfluencer zuordnen, aber unterscheiden sich aufgrund der spezifisch christlichen Lebensweise und Perspektive von ihnen. Charakteristisch für Christfluencer ist die authentische Inszenierung der subjektivierten Praxis ihrer Religiosität, bei der die eigenen religiösen Erfahrungen und Emotionen eine tragende Rolle spielen und parasoziale Beziehungen zu den Followern entstehen lassen.[3][6]
Christfluencer nutzen Internetplattformen wie Instagram, YouTube und TikTok nicht nur zur Verbreitung ihrer religiösen Überzeugungen, sondern kommerzialisieren den christlichen Lifestyle durch moderne Influencer-Marketing-Strategien. Es werden Merchandises wie T-Shirts, Bücher, Bibeln, Tagebücher im „Girl Defined“-Design, eigene Coaching-Programme oder Ratgeber vermarktet.[7] Indem sie ihr Leben ästhetisch ansprechend inszenieren, mit Marken zusammenarbeiten und mit ihrer Community interagieren, nutzen sie dieselben Mechanismen wie säkulare Influencer. Christfluencer können, wie auch WitchTok und islamische Influencer, spirituelle Inhalte viral verbreiten und eine über die Grenzen traditioneller religiöser Institutionen hinausgehende Gemeinschaft Gleichgesinnter erzeugen.[8]
Im Gegensatz zu herkömmlichen und institutionell getragenen Medien wie Bibel TV, katholisch.de oder das Domradio, die nur eine bestimmte Zielgruppe erreichen, gewinnen Christfluencer als Einzelakteure mit digitaler Reichweite zunehmend an Einfluss. Ihre Inhalte erreichen häufig höhere Sichtbarkeit und Anschlussfähigkeit und wirken auf viele Nutzer authentischer als traditionelle kirchliche Angebote. Christfluencer sprechen oft gezielt für die Phase der Adoleszenz relevante Bedürfnisse wie Streben nach Orientierung, Zugehörigkeit und Identifikationsfiguren an – so werden insbesondere Jugendliche und junge Erwachsene von Christfluencern erreicht.[9] Zu den Themen von Christfluencerinnen wie LiMarie oder dem amerikanischen Kanal Girl Defined gehören sowohl Kleidung, Makeup, Mediennutzung als auch Liebe, Sex und soziopolitische Fragen.[10]
Religiöse Influencer gibt es auch in anderen Religionen wie dem Islam oder dem orthodoxen Judentum.[8]
Akteure
Zu den in Wissenschaft und Öffentlichkeit wahrgenommenen Christfluencern gehören LiMarie, liebezurbibel von Jasmin Friesen (ehemals Jasmin Neubauer), der Account Girl Defined der texanischen Schwestern Kristen Clark und Bethany Beal,[11] Jana Highholder, Tobias Teichen[3] und auch der politisch klar rechts stehende YouTuber Leonard Jäger (alias Ketzer der Neuzeit).[12]
LiMarie gehört zur Global Video Church (abgekürzt GIVICI oder GVC). Die finanzielle Unterstützung ermöglicht wohl ihre professionellen Videoauftritte. Sie positioniert sich in ihren Videos deutlich gegen Sex vor der Ehe und gegen Abtreibung sowie für geschlechterstereotype und klar binäre Rollenbilder.[13] Der Religionswissenschaftlerin[14] Anne-Viktoria Borsch zufolge liegen Antworten der Christfluencerinnen LiMarie und Girl Defined zu Themen wie Liebe, Sexualität und auch Sozialpolitik auf einer Linie mit Sichtweisen konservativer evangelikaler Kirchen – Beispiele solcher Antworten sind demnach kein Sex vor der Ehe, Ablehnung von Abtreibung oder Ermutigung zum Tragen von als sittsam dargestellter körperbedeckender Kleidung.[10]
Die Global Video Church hat hauptsächlich eine freikirchliche Zielgruppe und funktioniert vollständig online.[13] Sie wurde von ihrer leitenden Pastorin Inga M. Haase gegründet und kann als neu-charismatisch geprägt eingeordnet werden. Ihr Ziel ist es, durch online abrufbare Videos die Bildung von Hauskirchen für ein GVC-Netzwerk zu fördern. Seit der Corona-Pandemie liegt der inhaltliche Fokus verstärkt auf Endzeit-Themen – nach Auffassung von Svenja Hardecker und Philipp Kohler hat sich die Global Video Church von einer Plattform einer umstrittenen neucharismatischen Hauskirchenbewegung zu einem „Einstiegstor zu gefährlichem Verschwörungsdenken und offener Demokratiefeindlichkeit“ entwickelt.[15]
Jasmin Friesen betreibt außer ihren Social-Media-Aktivitäten auch eine Website, über die sie Merchandises wie Motivationspostkarten mit biblischen Sprüchen, Bibelregister, Bibelvers-Lernhilfen und mit Bibelzitaten bedruckte Kleidung sowie christlichen Schmuck und eigene Kinderbücher vertreibt. Sie gehört zusammen mit Jana Highholder zu den bekanntesten deutschen Christfluencerinnen und ist mit Leonard Jäger, mit dem sie gemeinsam eine Modemarke betreibt, vernetzt. Inhaltlich vertreten sowohl Jana Highholder als auch Jasmin Friesen eine Kombination von evangelikalem Glauben mit konservativem Weltbild, sie propagieren Keuschheit vor der Ehe, klare Geschlechterrollen und Unterordnung der Frau; LGBTQ-Rechte, Feminismus und Abtreibung lehnen sie ab.[11][12]
Jana Highholder vertrat zunächst für die evangelische Landeskirche in Deutschland das Projekt Jana glaubt. Die Kirche beendete die Zusammenarbeit, nachdem es Kritik an Highholders konservativem Frauenbild gegeben hatte.[16] Zusammen mit Jasmin Friesen betreibt sie den Podcast Jana & Jasmin;[17] sie ist auch Autorin mehrerer Bücher.[18]
Nach Martin Fritz von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) ist sowohl bei Highholder als auch bei Friesen eine Verschärfung konservativer Positionen zu beobachten, die der im Rechtspopulismus ähnlich sei.[18]
Leonard Jäger begann zunächst ohne christlichen Bezug. Während der Corona-Pandemie äußerte er sich zu einem angeblichen Impfzwang und bediente auch mehrere Verschwörungserzählungen. 2023 veröffentlichte er gemeinsam mit Liebe zur Bibel (Jasmin Friesen) kritische Videos zu einem queeren Gottesdienst und begann vermehrt religiöse Inhalte zu produzieren. Anfang 2024 ließ er sich unter Mitwirkung von Friesen in Costa Rica taufen.[17] Seine Beiträge beinhalten Antifeminismus, Anti-Woke-Aktivismus und Bibelposting. Ein Interview, das Jäger mit der Politikerin der AfD Alice Weidel geführt hatte, wurde auch von Jasmin Friesen veröffentlicht. Jäger führte außerdem bereits Interviews mit Beatrix von Storch und Hans-Georg Maaßen.[12]
Sabrina Müller, Professorin für Praktische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn,[19] stellt heraus, dass in der Medienpraxis eher freikirchlich-konservative Influencer als Christfluencer bezeichnet werden, während die Mitglieder etwa des Yeet-Netzwerks eher als Sinnfluencer gelten,[4] dennoch werden auch die Mitwirkenden dieses Netzwerks manchmal mit dem Begriff Christfluencer beschrieben.[3] Yeet wurde im Februar 2020 als evangelisches Contentnetzwerk begonnen. Nach eigenen Angaben unterstützt es christliche Creator, die ihren Glauben mit Sinnfragen, Werten und gesellschaftlichen Fragen über die Sozialen Medien bei der Zielgruppe der 14- bis 39-Jährigen ins Gespräch bringen.[20]
Wirken
Christfluencer haben seit Beginn der 2020er-Jahre stark an Bedeutung gewonnen.[4] Nach Ansicht von Rahel Sarai Kellich kann die Verbreitung fundamentalistischer Botschaften durch Christfluencer über Soziale Medien nicht nur der historisch-politischen, sondern auch der pädagogischen Dimension zugeordnet werden, denn sie habe Einfluss auf die Lebenswelt junger Menschen. Soziale Medien fungierten so als religiöse Sozialisationsräume, in denen epistemologische Orientierungen und Glaubensüberzeugungen vermittelt werden.[21]
Von einzelnen Christfluencern werden Themen wie Antifeminismus oder Debatten zum Kampfbegriff Genderwahn bespielt. Solche Themen sind sowohl in fundamentalistisch-christlichen als auch in neurechten Milieus anschlussfähig.[21] Auch weitere konservative und antimodernistische Themen wie der Tradwife-Lifestyle und Ereignisse wie der Mord an dem ultrarechten Influencer und Aktivisten Charlie Kirk werden oft von Christfluencern aufgegriffen und auch ideologisch instrumentalisiert.[22] Über die inhaltliche Nähe hinaus gibt es auch konkrete Allianzen von einzelnen Christfluencern zu rechtspopulistischen Akteuren.[12]
Einordnungen
Die Soziologin Meike Haken ordnet Christfluencer als Sozialfiguren der digitalen Welt mit gemeinschaftsbildender Wirkung ein. Demnach erzeugen sie eine virtuelle soziale Form, die als digitale Netzwerk-Kirche beschrieben werden kann.[3]
Der Religionssoziologe Gert Pickel betont, dass es bei Christfluencern auch ums Geschäft geht, und untermauert dies mit Beispielen. Pickel sieht zudem eine subtile und manipulative Mischung aus Identifikation und Ideologisierung, indem Christfluencer ihre Botschaften etwa in Alltagsszenen, Stylingtipps oder emotionalen Einblicken in ihr Leben verpacken.[12]
Nach Claudia Jetter, Theologin an der Humboldt-Universität, zeigen Beispiele, dass bei Christfluencerinnen eine enge Verknüpfung religiöser Inhalte mit der jeweiligen Person bestehe. Oft zweitrangig seien differenziert entfaltete theologische Standpunkte, ein geistliches Amt oder eine fachliche Qualifikation, während die glaubhafte Darstellung der eigenen religiösen Biografie und der Glaubens- und Lebenspraxis im Alltag entscheidend sei.[11] Jetter ordnet Christfluencer, die Keuschheit vor der Ehe, klare Geschlechterrollen und die Unterordnung der Frau propagieren sowie LGBTQ-Rechte, Feminismus und Abtreibung ablehnen, als Teil der Purity Culture ein. Diese aus den USA kommende Bewegung erhebt Keuschheit und heteronormative Ehe zum Kern christlicher Identität.[12]