Christos Kapsalis
Prokritos von Mesolongi und Freiheitskämpfer der Griechischen Revolution
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Christos Kapsalis (griechisch Χρήστος Καψάλης; * 1751 in Mesolongi; † 10. April 1826 ebd.)[1][2][3] war Prokritos von Mesolongi und Freiheitskämpfer der Griechischen Revolution. In dieser Funktion rief er in der Stadt den Aufstand aus.[3]
Besondere Bekanntheit erlangte er vor allem dadurch, dass er sich während des „Exodus von Mesolongi“ zusammen mit anderen im Pulvermagazin seines Hauses[4] die Luft sprengte.[5] Diese Tat fand internationale Beachtung und wurde in vielen europäischen Gesellschaften und Zeitungen emotional diskutiert.[6][5]
Zudem beherbergte er Lord Byron während seines gesamten Aufenthalts in Mesolongi bis zu dessen Tod.[3]
Frühes Leben
Christos Kapsalis stammte aus einer einflussreichen Familie, die in der Verwaltung von Mesolongi tätig war.[3]
Er wurde 1751 in Mesolongi geboren und war bereits in jungen Jahren in die Gemeindeverwaltung der damals osmanisch beherrschten Stadt eingebunden.[4]

Hinweise auf eine Mitgliedschaft in der Filiki Eteria liegen nicht vor.[3]
Beteiligung an der Griechischen Revolution
Zusammen mit anderen Prokritoi der Stadt Mesolongi proklamierte Kapsalis den Beginn der Griechischen Revolution in der Stadt.[3]
Im Jahr 1823 beherbergte er Lord Byron während dessen gesamten Aufenthalts bis zu dessen Tod in seinem Haus.[3]
Kapsalis setzte sein Vermögen für die Revolution ein und beteiligte sich während der ersten Belagerung von Mesolongi (25. Oktober 1822 – 31. Dezember 1822) an der Verteidigung der Stadt. Während der zweiten Belagerung (April 1825 – April 1826) war er für die Verwaltung der Munition zuständig.[3] Er ermutigte die Kämpfer in den Pausen der Kämpfe, reparierte Bastionen und lagerte in seinem Haus eine große Menge Schießpulver.[4]

Bei der letzten Versammlung des Kriegsrats der Stadt, am 8. April 1826, wurde der Auszug aus der Stadt beschlossen. Dabei stellte sich die Frage, was mit den Frauen, Kindern, Alten und Verwundeten geschehen solle. Kapsalis erklärte, er werde sich mit allen, die nicht fortgehen könnten, in sein Haus einschließen und es im entscheidenden Moment in die Luft sprengen.[4]
Am Morgen des 10. April 1826 begrub er seine Frau.[1] In der Nacht desselben Tages versammelten sich in seinem Haus rund 400 Personen aus den oben genannten Kategorien. Als die turko-ägyptischen Truppen das Haus umzingelten und eindringen wollten, warf Kapsalis eine brennende Fackel in das Pulver und sprengte sich zusammen mit den Eingeschlossenen und 1000[8] feindlichen Soldaten in die Luft.[4] Sein Sohn Apostolos fiel ebenfalls in der Nacht des Exodus.[9]
Rezeption und Nachwirkung
Künstlerische Darstellungen
Seine letzten Momente hielt ein Gemälde von Theodoros Vryzakis fest, das große Beachtung fand.[1] In der Bibliothèque nationale de France befindet sich eine weitere künstlerische Darstellung in Form einer Lithographie mit dem Titel Combat devant Missolonghi / Gefecht vor Missolonghi. Sie zeigt die Kämpfe vor der Stadt Mesolongi, im Hintergrund ist deutlich die große Explosion des Pulvermagazins zu sehen. Der ausführliche Werktitel der Abbildung ist zweisprachig, auf Französisch und Deutsch, und beschreibt die Ereignisse.[10][11]
Im Jahr 1827[9] widmete Evanthia Kairis, die Schwester von Theofilos Kairis, dem Ereignis das Theaterstück Nikiratos, dessen Titelheld Christos Kapsalis nachempfunden ist.[12][9] Kairis las das Stück auch Gospodar Alexandros Soutzos vor und erklärte: „Ich werde Ihnen die Stelle lesen, in der Christos Kapsalis, den ich unter dem Namen Nikíratos darstelle, entschlossen ist, in Mesolongi zu sterben.“[9]
In den Jahren 1926[13] und 1971 gab Griechenland Briefmarken zu seinen Ehren heraus.[14]
Niederschlag in der Historiographie
Kasomoulis berichtet in seinen Memoiren über Kapsalis’ Worte, als er ihm den Plan für den Zeitpunkt der Sprengung überbringen wollte: „Ich brauche keine Erklärung, nur einen guten Abschied für euch – und wenn ihr den Fuß des Berges erreicht, hört und seht ihr euren Kapsalis, der sich in die Luft erhebt.“[3]
Auch Spyramilios schildert die Sprengung: „Christos Kapsalis, der alt und lahm war, ging in die Häuser der Kapsalaiika, wo sich das Pulverlager befand, versammelte darin so viele Frauen und Kinder, die nicht hinausgehen konnten, und schloss sich mit dem Entschluss ein, das Pulver in Brand zu setzen, um nicht lebend den Türken übergeben zu werden.“[6]
Auch die griechischsprachige Ellinika Chronika berichteten über die Sprengung, die im In- und Ausland Beachtung fand.[6][12]
Die französischsprachige Zeitung Le Constitutionnel beschrieb 1827 die letzten Momente von Kapsalis und der Sprengung konkret: „Doch die Feinde hatten sich in Menge ringsum versammelt; jene versuchten, die Türen einzuschlagen, diese, die Fenster zu erbrechen; einige waren bereits auf das Dach gelangt und mühten sich ab, es einzureißen, um ins Innere zu dringen. Da sieht Capalis sie in großer Zahl versammelt, ruft ein Gebet, den Griechen vertraut, aus: ‚Gedenke meiner, Herr!‘ – Die Detonation war so heftig, dass die benachbarten Häuser einstürzten, breite Spalten sich im Boden öffneten, der ihn trug, und dass das Pulver, indem es sein Lager verließ, ein Viertel der Stadt überflutete.“[15]
Die deutschsprachige Zeitung Das Ausland berichtete am 21. April 1833: „Ein Primat [gemeint Kodjabaschi], Namens Kapsalis, begab sich mit seiner Familie in das Hauptmagazin, in dem sich dreißig Fässer Pulver befanden, neben denen ein lahmer Veteran saß, die brennende Lunte in der Hand.“[16]
In der deutschsprachigen Presse fanden sich teils auch abweichende Schilderungen. So berichteten die Lesefrüchte, belehrenden und unterhaltenden Inhalts, „Capsalis“ habe die Explosion in der Hauptkirche ausgelöst und es sei zuvor zu Schusswechseln mit den Angreifern gekommen.[17] Die Neckar-Zeitung schrieb in Bezug auf „Capsalis“, dass „die Mine gesprengt“ wurde.[18]
Georgios Ainian berichtete ebenfalls in der Genikí Efimerís (Γενική Εφημερίς της Ελλάδος) über Kapsalis’ Tat.[19] Nachdem die Osmanen das Haus umzingelt hatten und viele durch die Fenster einzudringen begannen, rief Kapsalis demnach „Gedenke meiner, Herr“ und zündete das Pulvermagazin an, wodurch umliegende Häuser einstürzten.[6][19]
Die französischsprachige Zeitung L’Illustration schrieb am 9. Juni 1866 rückblickend: „[…] ein weites Schlachtfeld, in dessen Mitte ein alter Bürger von Missolonghi namens Kapsalis seine Familie, die Frauen, Kinder und die Greise des Vorortes versammelte. Eingeschlossen – etwa 2 000 Personen – sprengten sie sich durch eine gewaltige Pulverexplosion selbst in die Luft […].“[20]
Der Tod Byrons und die Sprengung durch Kapsalis machten laut Professor M. Byron Raizis die Ereignisse in Mesolongi „in der ganzen zivilisierten Welt“ bekannt.[5]
Gedenken in Mesolongi
Am 23. April 1926 wurde im Heldenhain von Mesolongi auf Grundlage eines 1915 gefassten Beschlusses die Büste von Christos Kapsalis enthüllt, geschaffen vom Bildhauer Antonios Sochos.[13] Anlässlich des hundertjährigen Jubiläums der nationalen Unabhängigkeit prägte die Stadtverwaltung zudem goldene, silberne und bronzene Gedenkmünzen mit der Darstellung der Sprengung und der Inschrift: «Το Μεσολόγγι προς το ολοκαύτωμα του Χρήστου Καψάλη 1826–1930» („Mesolongi zum Holocaust des Christos Kapsalis 1826–1930“)[21].[4]
Seit 1930[12] finden in Mesolongi am Abend des Lazarussamstags alljährlich große Feierlichkeiten statt, bei denen auch die Sprengung des Pulvermagazins durch Christos Kapsalis nachgestellt wird.[22] Sie endet am „Heldenhügel“ mit einem Gedenkgottesdienst, Kranzniederlegungen, Reden und der Nachstellung der historischen Sprengung. An der zweitägigen Prozession nehmen Kulturvereine aus Griechenland und dem Ausland teil.[12] Die Auswahl der Person, die Kapsalis darstellt, erfolgt nach Kriterien von Stimme und Erscheinungsbild. Aufgrund der Unmittelbarkeit und der aktiven Beteiligung gilt die Prozession als kulturelles Ereignis von besonderer Bedeutung und ist fest in der städtischen Kultur verankert.[22] Bereits 1930 war Eleftherios Venizelos unter den Gästen,[22] 2021 nahmen unter anderem Staatspräsidentin Katerina Sakellaropoulou und Generalstabschef Konstantinos Floros teil.[12]
Aus Teilen der Einwohnerschaft gibt es auch Kritik an der bisherigen Erinnerungskultur: „Christos Kapsalis hat weder einen Platz noch eine Statue. Üblicherweise zeigen die zentralen Plätze überall auf der Welt die Geschichte ihrer Städte.“[22]
Das Staatsarchiv von Mesolongi befindet sich am Ort des ehemaligen Wohnsitzes von Christos Kapsalis.[23]
Im Museum von Mesolongi werden mehrere Objekte des Exodos von 1826 aufbewahrt, darunter die Waffen von Christos Kapsalis.[1]
Christos Kapsalis hatte mehrere bedeutende Verwandte und nach ihm benannte oder von ihm inspirierte Namensvettern,[13] darunter Christos F. Prantounas, der den Kampfnamen „Kapetan Kapsalis“ trug und 1906 am Makedonischen Freiheitskampf teilnahm.[24]