Grabdenkmal Daleu
Kriegerdenkmal im Schweizer Kanton Graubünden zum Gedenken an deutsche Soldaten, die während des Ersten Weltkriegs in der Schweiz interniert waren und starben
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Das deutsche Grabdenkmal Daleu (in der Presse auch Nazi-Stein oder Nazi-Denkmal) ist ein 1938/39 vom damals nationalsozialistisch orientierten Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge errichtetes Kriegerdenkmal auf dem Friedhof Daleu im schweizerischen Chur. Es erinnert an während des Ersten Weltkriegs in Graubünden internierte deutsche Soldaten und Zivilisten, die hier starben, und gefallene deutsche Soldaten, die aus Graubünden stammten.

Entstehungsgeschichte
Die neutrale Schweiz nahm im Ersten Weltkrieg seit 1916 von beiden kriegsführenden Seiten kranke und verwundete Kriegs- und Zivilgefangene auf, die hier interniert wurden und erst nach Kriegsende wieder in ihre Heimatländer zurückkehren durften. In Chur waren Ende 1916 vier Offiziere, 153 Soldaten und 19 Zivilisten aus Deutschland interniert. Während die meisten das Land nach Kriegsende wieder verliessen, starben einige von ihnen auf Schweizer Boden – mehrere an Kriegsverletzungen und der Spanischen Grippe, je einer an einer Blinddarmentzündung und durch Suizid im Gefängnis[1] – und wurden hier bestattet. In Chur waren zehn solcher Gräber auf dem Friedhof Daleu und zwei auf dem katholischen Friedhof Hof dokumentiert.[2]
Als die 25- bis 30-jährige Frist der Gräber zu Beginn der 1930er-Jahren ablief und sie deswegen aufgehoben werden sollten, bat der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge die Churer Stadtverwaltung um die Genehmigung, die bestatteten deutschen «Soldaten» (mindestens drei der später Inkludierten waren Zivilisten) in ein Gemeinschaftsgrab umzubetten und darauf ein gemeinsames Ehrenmal zu errichten.[3] Am 5. Oktober 1934[4] bewilligte der Churer Stadtpräsident Adolf Nadig[3] das Ansinnen. Er lehnte eine kostenlose Zuteilung der Grabstätten auf dem Friedhof Daleu ab, reduzierte aber den vorgesehenen Preis von 900 auf 600 Franken.[4][2] Nachdem der von Nationalsozialisten unterwanderte Deutsche Hilfsverein Chur diese Gebühr bezahlt hatte, erhielt er 1935 die Grabstätten 126a und 126b[4] und betraute daraufhin den lokalen Grabbildhauer Enrico Arioli mit der Ausführung des Denkmals.[3] Für den Auftrag und das Material erhielt die Firma Arioli 8000 Franken.[4] Der Entwurf stammte von der Bauleitung der Kriegsgräberfürsorge und lag im August 1936 vor.[2] In einer ersten Phase wurde ein Monolith aus Andeerer Granit nach München verfrachtet, wo er von deutschen Fachleuten bearbeitet wurde.[3] Arioli war dabei unterstützend tätig, zumal die deutschen Kollegen keine Erfahrung im Umgang mit dem Bündner Gestein hatten.[4]
Als die deutsche Gesandtschaft in Bern den Kleinen Rat des Kantons Graubünden ersuchte, Gräber deutscher Internierter vorläufig nicht aufheben zu lassen, berichtete der Churer Stadtpräsident Gian Rudolf Mohr am 12. April 1937, dass in seiner Stadt zwar einige Reihengräber aufgehoben, jedoch «schon seit längerer Zeit die Gebeine in einem Massengrabe, das das künftige Kriegerdenkmal tragen soll, bestattet» worden seien.[4] Im selben Jahr hiess es in einem Schreiben an den deutschen Gesandten, dass «bereits ein kleines Denkmal mit Genehmigung der Stadtgemeinde Chur in Bau genommen» sei, und in einem Bericht des deutschen Generalkonsulats in Zürich, es sei «zwar grösser als beispielsweise ein normales Familiengrab, kann aber doch nicht als eigentliches Ehrenmal angesprochen werden».[2]
Ende 1938 wurde das Denkmal zurück nach Chur transportiert.[2] Philipp Reusch (* 1888), ein deutscher Mitarbeiter Ariolis, der den Auftrag vermittelt hatte,[1] meisselte hier die Namen der Geehrten ein. Er hatte selbst im Ersten Weltkrieg gedient und war in Chur als «führender Nationalsozialist bekannt», soll in der Werkstatt aber «nie durch Nazi-Propaganda in Erscheinung getreten» sein.[3][4] Als aktives Mitglied der Ortsgruppe Chur der NSDAP und Sachverwalter der Reichsdeutschenhilfe, der ferner «mannigfache Beziehungen zu wegen verbotenen Nachrichtendienstes verurteilten Deutschen» unterhielt, wurde Reusch 1945 ausgewiesen und verliess die Schweiz mit seiner Frau am 29. September 1945.[5]
Die Geistige Landesverteidigung befand sich Ende der 1930er Jahre auf ihrem Höhepunkt, und die Errichtung eines deutschen Kriegerdenkmals unter Beteiligung von aktenkundigen Nationalsozialisten stiess in der Churer Bevölkerung angeblich auf scharfe Ablehnung. Die Firma Arioli berichtete, sie habe dadurch viele Aufträge verloren.[3]
Ob das Grabdenkmal noch 1938 oder erst 1939 offiziell eingeweiht wurde, ist unklar.[2] Die Aufstellung wurde laut einer Aktennotiz 1938 von Werner Nandelstaedt (* 1900), dem Leiter der deutschen Speisewagen-Gesellschaft MITROPA bei der Rhätischen Bahn, koordiniert.[1] Wie Reusch wurde auch Nandelstaedt 1945 des Landes verwiesen. Er war Churer Ortsgruppenleiter der NSDAP, stand unter starkem Spionageverdacht und galt als «gefährlicher Nazi».[6]
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die jung verstorbenen deutschen internierten Zivilisten Hans Joachim Bunzel (1926–1946) und Klaus Währer (1927–1946) auf dem Friedhof Daleu bestattet und 1967 in das Gemeinschaftsgrab umgebettet. Beide hatten in Davos die nationalsozialistisch ausgerichtete deutsche Schule «Fridericianum» besucht.[2] Bunzel war bereits in Berlin in den Jugendorganisationen der NSDAP gewesen. In Davos wurde er 1944 Parteimitglied und 1945 zum Kameradschaftsführer der Hitlerjugend ernannt. Aufgrund seines «Nazi-Fanatismus» wurde er am 28. August 1945 aus der Schweiz ausgewiesen, der Vollzug musste wegen seiner Krankheit jedoch sistiert werden. Er starb am 10. März 1946 im Kantonsspital Chur.[7]
1955 liess die Bundesbauleitung der Kriegsgräberfürsorge in München das Grabdenkmal restaurieren. Zur selben Zeit zogen Mitglieder der Familie Arioli die unleserlich gewordenen Namen nach.[3]
Aufarbeitung
Der Kunsthistoriker Leza Dosch veröffentlichte 1998 im Auftrag des Gartenbauamts der Stadt Chur einen Bericht über die französischen und deutschen Kriegsdenkmäler in der Stadt, in dem er auch die Geschichte des Grabdenkmals Daleu ausführlich rekonstruierte und eine erste kunsthistorische Einordnung vornahm.[8] Um es vor einem möglichen Abriss zu bewahren, regte er an, es unter Denkmalschutz zu stellen.[9] Der Journalist Hansmartin Schmid veröffentlichte 2014 im Bündner Tagblatt einen Artikel über das Monument[3] und besprach es 2021 in der Monografie Churer Grabmäler.[10]
Am 27. Januar 2023 publizierte Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) eine Online-Reportage über das Denkmal[1] und sendete in 10 vor 10 einen Beitrag mit anschliessendem Studiogespräch darüber.[11] Der Gedenkstein wurde darin als «Nazi-Denkmal mitten in Chur» skandalisiert und seine historische Kontextualisierung als sensationeller, investigativer Scoop gemeldet, obwohl die Hintergründe längst bekannt waren. Bigna Silberschmidt kündigte die Sendung beispielsweise folgendermassen an:
«Über Jahrzehnte blieb die Geschichte dieses Steins, ja dieses Mausoleums unbemerkt, bis unsere Kollegin Stefanie Hablützel darauf stiess. Sie begann zu recherchieren mit SRF Investigativ. Es ist eine Geschichte, wie es sie in der Schweiz so kein zweites Mal gibt.»

Im selben Jahr begann im Churer Gemeinderat der politische Prozess mit einer Interpellation von Angela Carigiet Fitzgerald und einem Auftrag an den Stadtrat von Tino Schneider. Es sollte geklärt werden, wie künftig mit dem umstrittenen Denkmal umzugehen sei. Weiter sollten die Geschichte des Denkmals aufgearbeitet und Massnahmen ergriffen werden, um den historischen Kontext vor Ort sichtbar zu machen.[12]
Die Deutsche Kriegsgräberfürsorge nahm am 3. April 2023 Stellung zu den Vorwürfen. Das Monument sei kein «Nazi-Denkmal», wie es nun in der internationalen Berichterstattung genannt werde, sondern «tatsächlich ein Grabstein für tote Soldaten des Ersten Weltkriegs». Insgesamt seien 181 deutsche Soldaten des Ersten Weltkriegs in der Schweiz bestattet, abgesehen von Chur auch in Luzern, Davos und Genf. Wie die Deutsche Kriegsgräberstätte Meersburg-Lerchenberg könne auch das Churer Denkmal künftig als «Gedenkstätte zur Erinnerung an die zwei Millionen Vermissten der Weltkriege» dienen.[9]
Das Stadtarchiv Chur führte eine historische Aufarbeitung durch und erstellte in Zusammenarbeit mit dem Kanton Graubünden einen Entwurf für eine Tafel, die dem Gemeinderat im April 2024 vorgelegt wurde.[13] Mitglieder des Gemeinderates und Historiker kritisierten die Tafel teilweise: Sie sei zu allgemein gehalten und gehe zu wenig auf den NS-Hintergrund sowie die Verantwortung der Behörden ein. Aufgrund dessen wurden Präzisierungen vorgenommen und das Layout der Tafeln überarbeitet.[14] Im Juli 2025 stellte die Stadt Chur mit der Unterstützung des Kantons Graubünden vier Informationstafeln auf dem Friedhof Daleu auf, die die Hintergründe des Grabdenkmals in einen historischen Kontext stellen.[15]
Beschreibung
Das Grabdenkmal besteht aus Andeerer Granit aus dem Steinbruch Conrad[3] und ist mindestens 13 Tonnen schwer. Es ist formal an den Grundformen eines antiken Mausoleums orientiert.[16]

Auf dem vorderseitigen Fries des Sockels steht in Gebrochener Grotesk[17] die Inschrift: «1914 Hier ruhen Deutsche Soldaten 1918». Der Oberbau ist auf allen vier Seiten durch Pilaster in je drei Felder gegliedert. Im Mittelfeld der Frontseite ist ein Relief des Reichsadlers angebracht.

In den weiteren fünf Feldern der Vorder- und Rückseite stehen insgesamt 58 Namen. Auf der Vorderseite sind die Namen der zwölf in das Gemeinschaftsgrab auf Daleu umgebetteten Internierten alphabetisch gelistet: links Theobald Bösshar (Zivilist, † 1918), Max Buron (Soldat, † 1918, ursprünglich auf dem katholischen Friedhof Hof bestattet), Albrecht Gemsemer (Soldat, † 1917), Otto Grundlach (Soldat, † 1916, ursprünglich in Disentis/Mustér bestattet), Franz Handzik (Zivilist, † 1918), Philipp Krebs (Zivilist, † 1918), Georg Krumreich (Soldat, † 1918) und Paul Möller (Soldat, † 1917, ursprünglich in Disentis/Mustér bestattet), rechts Wilhelm Müller (Soldat, † 1919), Karl Sommer (Soldat, † 1918), Karl Schröder (Soldat, † 1916) und Eberhard Verbünt (Soldat, † 1918, ursprünglich auf dem Friedhof Hof bestattet). Die Liste enthält die Namen von vier weiteren Deutschen. Mindestens drei davon – Ernst Parol, Jakob Rössel und Fr. Sassmannshausen – wurden anscheinend nicht hier begraben.[2] Auf der Rückseite stehen die Namen aller Deutschen aus Graubünden, die im Ersten Weltkrieg gefallen sind.[3]
Einordnung
In der SRF-Reportage 2023 bezeichnete der Historiker Bernd Ulrich das Grabdenkmal als «nazistisch geprägt», und die Sprecherin der Kriegsgräberfürsorge Diane Tempel-Bornett konstatierte: «Natürlich klebt da ein Stück Gesinnung dran». Ferner wurde auf den Totenkult der Nationalsozialisten verwiesen.[1] Dabei ist aber unklar, inwiefern reichsdeutsche Stellen auf die Gestaltung und Errichtung des Denkmals Einfluss nahmen, und die Frage, ob es eine nationalsozialistische Ästhetik und Ikonografie aufweist, wurde nie von kunsthistorischer Seite untersucht.[18] Im SRF-Artikel wurde lediglich darauf hingewiesen, die Form eines Mausoleums sei «auffällig» und die verwendete Fraktur «beliebt bei den Nazis» gewesen.[1][19] Die Stadt Chur informiert auf einer Gedenktafel, dass «auf eine eindeutig nationalsozialistische Symbolik verzichtet» worden sei: Die gewählte Form eines Mausoleums sei «klassisch», die Inschrift «betont nüchtern gehalten» und die angewandte Form des Reichsadlers schon in der Weimarer Republik üblich gewesen.[2] In einem Podcast des SRF befand Andreas Koop wiederum, auch wenn das Denkmal zurückhaltend gestaltet sei, sei das «eigentlich Nationalsozialistische» die Theatralik und Dramatik seiner Gesamterscheinung.[17]
Siehe auch
- Liste von Denkmälern im Kanton Graubünden
- Liste von Kriegsgräberstätten
- Italienisches Gefallenendenkmal (Mendrisio), unter Beteiligung von italienischen Faschisten eingeweihtes Kriegerdenkmal in Mendrisio im Kanton Tessin
Literatur
- Leza Dosch: Grabdenkmäler für französische und deutsche Kriegsinternierte in Chur. Bericht und Dokumentation. Raetica, Chur 1998.
- Hansmartin Schmid: Das deutsche Kriegergrab 1914-18 – einst umstritten, heute vergessen. In: Bündner Tagblatt. 11. Januar 2014, S. 9.
- Hansmartin Schmid: Das deutsche Kriegerdenkmal. In: Churer Grabmäler. Was uns die Grab- und Denkmäler der Friedhöfe Daleu und Hof erzählen. Tardis, Chur 2021, ISBN 978-3-9525049-4-9, S. 106–108.
- Andrea Tognina / Christian Ruch: Das Grabmal für verstorbene deutsche Kriegsinternierte des Ersten Weltkriegs auf dem Daleu-Friedhof in Chur. In: Geschichte des Faschismus und Nationalsozialismus in Graubünden. Forschungsstand und Forschungslücken. Bericht im Auftrag und zuhanden der Regierung des Kantons Graubünden. August 2024, S. 93–105 (PDF; 1,6 MB).
Weblinks
- Grabdenkmal Daleu und Text auf den vier Gedenktafeln auf der Website der Stadt Chur