Cultural Heritage Response Unit
spezialisierte deutsche Auslandseinsatzeinheit zur Notversorgung von bedrohtem oder beschädigtem Kulturerbe im Katastrophenfall
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Die Cultural Heritage Response Unit (CHRU) ist eine spezialisierte deutsche Auslandseinsatzeinheit zur Notversorgung von bedrohtem oder beschädigtem Kulturerbe im Katastrophenfall. Sie wurde im Rahmen des Projekts KulturGutRetter (KGR) entwickelt und ist seit Ende Februar 2026 offiziell im europäischen Katastrophenschutzverfahren (UCPM) registriert. Sie ist damit die erst einsatzbereite europäische Einheit ihrer Art.[1]
Internationale Einbindung
Die CHRU ist eines der ersten Module im EU-Zivilschutz-Mechanismus, das sich gezielt auf den Schutz von Kulturgut konzentriert.[2]
Im Katastrophenfall, einer Naturkatastrophe oder durch den Menschen verursachte Krise, kann die Einheit nach einem internationalen Hilfsersuchen entsandt werden. Nach Annahme des Angebots durch das betroffene Land erfolgt die Entsendung gemäß der EU-Standards in der Regel innerhalb von 96 Stunden. Der Einsatz kann dabei erst nach Abschluss der unmittelbaren lebensrettenden Maßnahmen beginnen. Die Arbeiten vor Ort erfolgen in enger Abstimmung mit lokalen Behörden. Nach Abschluss der Erstmaßnahmen sollen sowohl die gesicherten Kulturgutobjekte als auch die erhobenen Daten an zuständige Institutionen im Einsatzland übergeben werden.[3]
KulturGutRetter
Die CHRU wurde im Rahmen des Projekts KulturGutRetter (KGR) entwickelt, das seit 2019 aufgebaut wird. Beteiligte Organisationen sind die Bundesanstalt Technisches Hilfswerk (THW), das Deutsche Archäologische Institut (DAI) und das Leibniz-Zentrum für Archäologie (LEIZA). Das Projekt bündelt dadurch Kompetenzen aus internationaler Katastrophenhilfe, Logistik, Denkmalpflege, Restaurierung und Datenmanagement. Finanziert wird das Projekt durch das Auswärtige Amt und vom Deutschen Bundestag unterstützt.[4]
Einsatzspektrum
Die CHRU vereint Fachleute aus dem Katastrophenschutz und dem Kulturgutschutz. Im Einsatz sollen unter anderem folgende Aufgaben übernommen werden:[5]
- Fernerkundung und Schadensanalyse
- Dokumentation von Kulturgütern
- Evakuierung gefährdeter Objekte
- Notkonservierung und Stabilisierung
- Sicherung von Fundstellen und Bauwerken
Projekt und Einheit setzen bei internationalen Kriseneinsätzen auf digitale Verfahren, standardisierte Abläufe und spezialisierte Logistik. Bereits vor dem Einsatz sollen Fernerkundungsdaten, Fotografien und Pläne gesammelt und ausgewertet werden. Während des Einsatzes können Fachkräfte große Datenmengen mithilfe digitaler Anwendungen erfassen, um Kulturgüter systematisch zu dokumentieren und Schäden zu analysieren. Hierzu können unter anderem die Open-Source-Anwendungen iDAI.field und QField kontinuierlich weiterentwickelt werden.[6]
Parallel dazu wurden digitale Arbeitsprozesse und IT-Infrastrukturen entwickelt, um Einsatzdaten zu erfassen und für Forschung und Dokumentation nutzbar zu machen.[7]
Eine wichtige Rolle spielen auch Einsatzplanung und Logistik. In Zusammenarbeit mit dem Technischen Hilfswerk wurden dafür Konzepte für Transport, Infrastruktur, Personal und Koordination entwickelt. Dazu gehören der schnelle Transfer von Einsatzkräften und Material sowie die Bereitstellung grundlegender Infrastruktur am Einsatzort, etwa Strom, Wasser und Kommunikationsmittel. Das THW greift hierbei auf seine Erfahrung mit Auslandseinsätzen und ein breites Netzwerk an ehrenamtlichen Kräften zurück.[8]
Ausstattung
Im Vollbetrieb umfasst die CHRU ein Team von 43 Personen sowie etwa 18 Tonnen Material. Die Einheit ist für Einsätze von mindestens zehn Tagen ausgelegt und kann weitgehend autark arbeiten. Die Ausstattung der CHRU ist dabei auf Mobilität ausgelegt und kann in transportfähigen Aluminiumboxen gelagert werden. Zur Ausstattung gehören spezialisierte Materialien und Systeme für den Schutz von immobilem Kulturgut (z. B. historische Gebäude und Denkmäler), einschließlich Reinigung, Dekontamination und Stabilisierung und mobilem Kulturgut (z. B. Sammlungen und Archive), unterstützt durch ein mobiles Notfalllabor.[9]
Für den Umgang mit immobilem Kulturgut wie Baudenkmälern wurden Einsatzstandards für Dokumentation, Schutz, Stabilisierung, Bergung und Lagerung definiert. Parallel dazu wurde für bewegliche Kulturgüter ein mobiles, modulares Rettungslabor entwickelt, das per Lufttransport in Krisengebiete gebracht werden kann. Dieses Labor ermöglicht eine serielle Erstversorgung von Objekten an spezialisierten Stationen, etwa zur Fotoerfassung, Trocken- und Nassreinigung sowie Verpackung. Ergänzend wurden wissenschaftlich fundierte Standardverfahren und Arbeitsabläufe etabliert.[10]
Das mobile Notfalllabor wurde vom LEIZA entwickelt und dient der Erstversorgung und Konservierung beschädigter Objekte vor Ort.[11]
Ausbildung und Übungen
Ein bedeutender Bestandteil der CHRU ist ein mehrstufiges Ausbildungsprogramm, das praktische Übungen, Tests und die Entwicklung von Mindeststandards umfasst. Diese Standards sollen unter anderem den Umgang mit unterschiedlichen Materialarten sowie die Abläufe im Einsatz regeln.[12] Die erste Vollübung erfolgte im September 2024.[13] Aufgrund einer Zusammenarbeit mit der EU-finanzierten Initiative ProCultHer konnte einer der ersten internationalen Übungsteilnahmen im Rahmen einer viertägigen „Module Exercise (ModEx)“ im Oktober 2024 in Venedig mit einer „Skeleton Crew“ erfolgen.[14][15]
Weiterentwicklung
Die offizielle Einsatzmeldung der CHRU gilt als wichtiger Schritt für die institutionelle Verankerung des Kulturgutschutzes im Katastrophenmanagement. Die Einheit soll in den kommenden Jahren weiter ausgebaut und im Rahmen des EU-Katastrophenschutzverfahrens zertifiziert werden.[16]
Zudem ist vorgesehen, Erfahrungen aus Aufbau und Einsatz der CHRU international zu teilen. Dadurch kann die Einheit als Modell für vergleichbare Initiativen in anderen Ländern dienen und zur Weiterentwicklung des internationalen Kulturgutschutzes beitragen.[17]