Die Terroristen (Roman)

Roman von Sjöwall & Wahlöö From Wikipedia, the free encyclopedia

Der Kriminalroman Die Terroristen (schwedischer Originaltitel: Terroristerna) ist der zehnte und letzte Band der Krimi-Reihe Roman über ein Verbrechen des schwedischen Autorenpaars Maj Sjöwall und Per Wahlöö. Die schwedische Erstauflage des Buches erschien 1975. Die deutsche Übersetzung erschien in der Bundesrepublik 1977 und in der DDR 1986.

Handlung

Martin Beck und seine Kollegen sollen einen vermuteten Terroranschlag auf einen amerikanischen Senator bei dessen Staatsbesuch in Schweden verhindern. Den Anschlag plant die (fiktive) internationale Terrororganisation ULAG, die schon mehrere Anschläge erfolgreich und überaus brutal ausgeführt hat. Dabei handelt die ULAG nicht aus politischen Zielen, sondern zu Trainingszwecken und im Auftrag, weswegen ihre Opfer im gesamten politischen Spektrum zu finden sind.

Beck, der zuvor noch den Fall des ermordeten Pornoproduzenten Petrus aufgeklärt hat, der vom Vater eines missbrauchten Mädchens ermordet worden ist, wird zum Leiter der Schutzeinheit für den Staatsbesuch ernannt. Gemeinsam mit seinen Kollegen Gunvald Larsson, Fredrik Melander, Einar Rönn und Benny Skacke soll er den Fernschutz planen. Sie gehen davon aus, dass der Anschlag auf einem Platz, den der Konvoi passieren muss, verübt werden wird, vermutlich als Bombenattentat nach gleichem Muster wie bei einem vorherigen Anschlag der ULAG in einem lateinamerikanischen Land.

Die vier Terroristen der ULAG schaffen es, die Bombe zu platzieren. Sie werden jedoch beim Auslösen der Zündung durch eine verzögerte Fernsehberichterstattung getäuscht, und es gelingt Einar Rönn, den Platz kurz vor der Explosion räumen zu lassen. Die Situation scheint bereits unter Kontrolle zu sein, als es doch noch zu einem Attentat kommt, dessen Opfer allerdings nicht der amerikanische Senator, sondern der schwedische Ministerpräsident ist. Täterin ist die 18-jährige Rebecka Lind, ein zu Unrecht des Banküberfalls angeklagtes Justizopfer, das sich von der schwedischen Gesellschaft ausgegrenzt fühlt und ein verzweifeltes Zeichen gegen die Missstände setzen will.

Zwei der vier Terroristen können von der Polizei in ihrem Versteck überrumpelt und verhaftet werden. Der dritte, Levallois, ist vorher geflüchtet. Die Polizei riegelt alle Wege über die Landesgrenzen ab. Als der vierte Terrorist Heydt auf die Polizei trifft, kommt es zu einem Schusswechsel, bei dem Heydt von Benny Skacke getötet und dieser verletzt wird.

Hintergrund

Die Terroristen ist der abschließende zehnte Band der Reihe Roman über ein Verbrechen von Maj Sjöwall und Per Wahlöö. Noch vor seinem Erscheinen starb der schwer erkrankte Wahlöö. Sjöwall gab in einem Interview an, dass Wahlöö, im Wissen, dass es seine letzte Arbeit sein würde, besonderes Engagement in den Roman gelegt hatte. Anders als bei der üblichen Arbeitsteilung des Autorenpaars stammten rund 70 % des Manuskripts von ihm. Sjöwall habe einige seiner zu weitschweifigen politischen Ausführungen gekürzt, ansonsten habe sie das handschriftlich fertiggestellte Manuskript nur noch abtippen müssen.[1]

Interpretation

Bereits nach dem dritten Band der Serie, Der Mann auf dem Balkon, beschrieb Per Wahlöö in einem Interview die Idee hinter dem Romanzyklus Roman über ein Verbrechen: „Seine Idee besteht darin, in einem langen Roman von ca. dreitausend Seiten […] einen Längsschnitt durch eine Gesellschaft von einer bestimmten aktuellen Struktur zu legen, die Kriminalität als soziale Funktion zu analysieren und ihre Relation sowohl zu der genannten Gesellschaft als auch zu den moralischen Lebensformen verschiedener Art, die diese umgeben, offenzulegen.“[2] Die Gesellschaftskritik wurde von Band zu Band immer stärker, die Tonart laut Rudi Kost „zynischer, hämischer, gnadenloser“. Schließlich wurde die Ursache der Missstände beim Namen genannt: der Kapitalismus sei „die Wurzel allen Übels“, das „Verbrechen“ im Titel des Zyklus, das die jeweiligen Verbrechen in den Romanen hervorbringt.[3]

So wird Schweden im Roman mit einer lateinamerikanischen Diktatur verglichen: „Trotz aller übrigen Unterschiede war dieses Land ebenso wie Schweden eine Scheindemokratie, beherrscht von einer kapitalistischen Wirtschaft und zynischen Berufspolitikern, die sehr darauf achteten, dass der Anschein einer Art von Sozialismus, der zwar nur ein Abglanz davon war, aufrechterhalten wurde.“[4] An anderer Stelle werden die Verantwortlichen benannt: „Hinter alledem stand eine Regierungspartei, die sich zwar sozialdemokratisch nannte, aber […] deren Namen einen immer fadenscheinigeren Vorhang vor einer kapitalistischen Staatsgewalt in Reinkultur darstellte.“[5]

Für Dennis Lehane werden die Missstände der schwedischen Gesellschaft in der Figur Rebecka Lind besonders herzzerreißend verkörpert. Sie spielt laut Lehane die Rolle der heiligen Närrin oder des Opferlamms. Von Natur aus völlig unpolitisch, macht sie eine negative Erfahrung nach der anderen mit denjenigen, die vorgeben, ihr zu helfen, ob es der Pornofilmer Petrus ist oder die schwedische Justiz, die sie mit der Farce eines Gerichtsverfahrens überzieht. Schließlich kann sie nur zum Schluss kommen, dass die Führer der Gesellschaft entweder verrückt oder kriminell sein müssen.[6] Ernst Ullrich Pinkert vergleicht sie mit der Titelfigur von Heinrich Bölls Roman Die verlorene Ehre der Katharina Blum. Beide Bücher spielen zur gleichen Zeit, haben ähnliche Hauptfiguren und zeigen auf, wie es im Untertitel von Böll heißt: Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann.[7]

Die zentrale Frage des Romans lautet für Anne Holt daher: „Wie entsteht Terrorismus? Oder besser gesagt: Was macht einen Menschen zum Terroristen?“ Neben Rebecka Lind, die eine ihr von der Gesellschaft vorgegebene Rolle annimmt, porträtiert der Roman eine Gruppe psychopathischer Terroristen ohne jedes politisch-ideelle Motiv, gewissermaßen den „blinden Terror“ im Stile von Frederick Forsyths Roman Der Schakal. Daneben werden jedoch auch viele weitere Arten von Übergriffen und Unterdrückung gegenüber dem kleinen Mann vorgeführt.[8] Konsequenterweise spricht Lehane somit auch beim Pornographen Petrus, dem amerikanischen Senator oder dem schwedischen Ministerpräsidenten von einer Form von Terror.[9] Und Pinkert zitiert Rhea Nielsen, Becks Freundin mit ihrer Aussage, „daß sich die Polizei als Organisation hauptsächlich damit befaßt, zwei Kategorien zu terrorisieren, nämlich Sozialisten und solche, die von dieser Klassengesellschaft im Stich gelassen worden sind“.[10]

Nicht zufällig lautet daher das letzte Wort des Romans und der gesamten Reihe „Marx“. Laut Pinkert ist dieses scheinbar absichtslos gebildete Wort bei einem Kreuzworträtsel ein deutliches Bekenntnis der Autoren zum Sozialismus. Es dient als Chiffre für eine Veränderung des Gesellschaft hin zu einer besseren Welt, zu der die Autoren mit ihren politisch gefärbten Kriminalromanen beitragen wollten. Auch das vorangestellte „Ich fange an“ Lennart Kollbergs soll kämpferischen Optimismus ausdrücken. Doch Pinkert weist darauf hin, dass das Wort gerade aus dem Mund des Ex-Polizisten seine Wirkung verliert, weil er doch keine andere Lösung gefunden hat, als sich der Gesellschaft zu verweigern. Zu stark wurden in den Romanen zuvor die Beharrungskräfte des politischen Systems vorgeführt, als dass eine Veränderung möglich scheint. Auch für Martin Beck eröffnen sich die neuen Perspektiven zuletzt vor allem im Privatleben. Dennoch bleibt er dem Polizeidienst treu und verhindert damit die vollständige Kapitulation der Identifikationsfiguren vor den gesellschaftlichen Zwängen.[11] Rudi Kost formuliert: „Martin Beck darf nicht sterben. Er verkörpert das kleine Stückchen Hoffnung, das Sjöwall/Wahlöö ihren Lesern mitgeben.“[12]

Film

Mit deutlich anderem Inhalt verfilmt wurde der Roman 1994 mit der schwedisch-deutschen Produktion Stockholm Marathon, in Deutschland trug der Film den Alternativtitel Der Tod läuft mit. Regisseur war Peter Keglevic.

Einzelnachweise

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