Die Werckmeisterschen Harmonien
Film von Béla Tarr und Ágnes Hranitzky (2000)
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Die Werckmeisterschen Harmonien (Originaltitel: Werckmeister harmóniák) ist ein international koproduzierter Film des ungarischen Regisseurs Béla Tarr aus dem Jahr 2000. Literarische Vorlage war der Roman Melancholie des Widerstands des Autors László Krasznahorkai. Der Film zeigt Vorgänge in einem abgeschiedenen ungarischen Dorf, in dem unheilvolle Ereignisse geschehen.
| Film | |
| Titel | Die Werckmeisterschen Harmonien |
|---|---|
| Originaltitel | Werckmeister harmóniák |
| Produktionsland | Ungarn, Deutschland, Frankreich, Italien |
| Originalsprache | Ungarisch, Slowakisch |
| Erscheinungsjahr | 2000 |
| Länge | 145 Minuten |
| Stab | |
| Regie | Béla Tarr |
| Drehbuch |
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| Produktion |
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| Musik | Mihály Víg |
| Kamera |
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| Schnitt | Ágnes Hranitzky |
| Besetzung | |
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Handlung
Hauptfigur ist der naiv wirkende János Valuska, der in dem ungenannten Dorf, wo tiefste Kälte herrscht, Zeitungen austrägt und umherwandert. In der ersten Szene lässt er von Besuchern der Dorfkneipe die Bewegungen im Sonnensystem nachstellen, um eine nahende Sonnenfinsternis mit den Bewegungen der Himmelskörper zu erklären.
Ein „Zirkus“ trifft im Dorf ein, welcher mit der Attraktion eines riesigen Walkadavers sowie dem „Herzog“ wirbt. Schon vor der Ankunft gibt es Gerüchte, der Zirkus bringe Unheil. János besichtigt fasziniert den Kadaver, der sich in einem Anhänger auf dem Marktplatz befindet, wo sich eine Menschenmenge versammelt.
Der zurückgezogen lebende Musiktheoretiker György Eszter, dem János im Haushalt hilft, wird von seiner getrennt von ihm lebenden Frau Tünde erpresst. Diese will gemeinsam mit dem Polizeichef des Ortes eine Organisation zur „Reinigung“ des Dorfs und Aufrechterhaltung der Ordnung gründen. György soll sich um die Organisation kümmern und seines angesehenen Namens wegen den Vorsitz übernehmen, was er widerwillig tut, da Tünde damit droht, ansonsten wieder bei ihm einzuziehen.
Tünde befiehlt János, genau zu beobachten, was auf dem Marktplatz geschieht. Dort hat die Menschenmenge inzwischen Feuer entzündet. János möchte noch einmal den Wal sehen und schleicht sich in den Anhänger. Dort hört er einen Disput des Zirkusdirektors mit dem Dolmetscher des „Herzogs“ und diesem selbst an; vom Herzog ist dabei nur sein Schatten an der Wand zu sehen. Der Direktor hat genug davon, dass der Herzog mit seinen aufrührerischen Reden die Menschen zu Unruhen anstachelt. Daraufhin beginnt der Herzog mit genau einer solchen Rede. János flieht, während offenbar ein Mob mit Verbrechen beginnt. So bricht eine Menschenmenge in ein Krankenhaus ein und misshandelt die Patienten, hält jedoch schließlich beim Anblick eines nackten alten Mannes ein und macht kehrt.
János findet die Leiche eines befreundeten Schuhmachers und wird von dessen Frau darüber informiert, dass er von der Obrigkeit gesucht werde. Auf der Flucht wird er gefangen genommen. György besucht ihn und berichtet davon, dass der Polizeichef und Tünde sich in seinem Haus einquartiert haben, während er einen kleinen Nebenraum zum Wohnen bekommen hat. Er verspricht János, dass auch dieser dort unterkommen könne, falls er wieder herauskommt.
In der letzten Einstellung geht György über den verlassenen Dorfplatz, wo zwischen Überresten der Unruhen noch der Walkadaver liegt. Er betrachtet ihn zum ersten Mal und geht dann weiter.
Hintergrund
Der Film wurde typisch für Tarrs Stil komplett in Schwarz-Weiß gedreht und besteht bei einer Gesamtlänge von 145 Minuten aus nur 39 Einstellungen.
Den Schnitt und Teile der Regie übernahm wie auch schon bei zahlreichen anderen Projekten Tarrs Ehefrau Ágnes Hranitzky.
Die Hauptrollen wurden mit deutschen Schauspielern besetzt, die ungarisch synchronisiert wurden. Valuska wird von Tamás Bolba gesprochen, Herr Eszter von Péter Haumann und Frau Eszter von Marianna Moór. Die Stimme des „Herzogs“, der slowakisch redet, ist die von Attila Kaszás.
An der Entstehung des Films waren insgesamt sechs Kameramänner beteiligt, davon ein Amerikaner, zwei Ungarn, zwei Deutsche und ein Franzose.
Der Titel spielt auf das System der Werckmeister-Stimmung (nach dem Barockmusiker Andreas Werckmeister) an. Die Figur Eszter hält im Film einen Monolog darüber, dass die gesamte westliche Musik mit den Ideen Werckmeisters auf einen Irrweg geraten sei und man vielmehr zur pythagoreischen Stimmung zurückkehren solle.
Struktur des Films
Die Handlung des Films erstreckt sich über knapp zwei Tage, vom Abend des ersten Tags bis etwa zum Nachmittag des dritten Tags. Der Film selbst besteht aus 37 Einstellungen (ohne Vor- und Abspann). In fast jeder Einstellung ist János Valuska präsent. Er fehlt nur in 28, 30 und 37. In der Verwüstung des Hospitals (29) erscheint er erst ganz am Schluss; in der Szene, in der Herr Eszter über die Harmonien nachdenkt (9), bleibt er völlig im Hintergrund. Darin besteht ein wichtiger Unterschied zum Roman, der in den sechs Abschnitten seines Hauptteils, an dem der Film sich orientiert, abwechselnd Valuska und Eszter in den Mittelpunkt stellt.
Kovács[1] hat eine dreiteilige, zyklische Struktur des Films plausibel gemacht, nach der die drei Teile jeweils mit einem bestimmten Ort beginnen und enden: Die Wohnung von Herrn Eszter (3–9), der Platz (10–26) und das Hospital (29–36). Der wichtigste Ort ist zweifellos der Platz, der insgesamt viermal vorkommt (10, 21, 25, 37) und der auch wegen des dort ausgestellten Wals das Zentrum der Handlung ist. Die Szenen, auf denen Valuska auf den Straßen unterwegs ist (insgesamt elf), bilden ein wichtiges verbindendes Element zwischen den Orten der Handlung. Nur selten wird direkt von einem Ort zum anderen geschnitten (besonders markant 23 auf 24).
| Nr | Beginn (m:s) | Dauer (s) | Ort, Handlung |
| 0 | Vorspann | ||
| 1 | 1:18 | 600 | Kneipe, Darstellung der Sonnenfinsternis, Schließung |
| 2 | 11:18 | 79 | Straße |
| 3 | 12:37 | 399 | Eszters Wohnung |
| 4 | 19:16 | 233 | Straße, Traktor mit Anhänger (Wal) |
| 5 | 23:09 | 201 | Post, Abholen der Zeitungen (Gespräch über Wal und Prinz) |
| 6 | 26:30 | 83 | Straße, Austragen der Zeitungen |
| 7 | 27:53 | 213 | Hotel, Gespräch über den Wal |
| 8 | 31:26 | 67 | Straße, Sonnenaufgang |
| 9 | 32:33 | 288 | Eszters Wohnung, Harmonien |
| 10 | 37:21 | 304 | Platz, Eröffnung der Ausstellung, Ticketkauf |
| 11 | 42:25 | 230 | Wal |
| 12 | 46:15 | 113 | Straße, Lajos Harrer |
| 13 | 48:08 | 177 | Valuskas Wohnung, Aufräumen und Essen |
| 14 | 51:05 | 397 | Valuskas Wohnung, Tünde Eszter |
| 15 | 57:42 | 99 | Hof vor Valuskas Wohnung, Lajos Harrer, Aufbruch |
| 16 | 59:21 | 335 | Eszters Wohnung, Frau Harrer, Koffer |
| 17 | 64:56 | 159 | Aufbruch von Eszter und Valuska |
| 18 | 67:35 | 289 | Straße, Gehen (Eszter und Valuska), Gespräch mit drei Männern |
| 19 | 72:24 | 192 | Hotel, Küche |
| 20 | 75:36 | 128 | Straße (Eszter und Valuska), Gespräch, Trennung |
| 21 | 77:44 | 212 | Platz, Schließung der Ausstellung |
| 22 | 81:16 | 45 | Straße |
| 23 | 82:01 | 289 | Wohnung Tünde Eszter, Polizeichef, Tanz |
| 24 | 86:50 | 179 | Wohnung Polizeichef, Kinder |
| 25 | 89:49 | 317 | Straße, Lajos Harrer / Platz |
| 26 | 95:06 | 292 | Wagen, Wal, Diskussion (Direktor, Prinz) |
| 27 | 99:58 | 148 | Straße, Valuska läuft, Feuer |
| 28 | 102:26 | 251 | Marschierende Menge |
| 29 | 106:37 | 491 | Hospital, Verwüstung und Rückzug |
| 30 | 114:48 | 177 | Straße, Abzug der Menge |
| 31 | 117:45 | 200 | Gebäude mit Waschmaschinen, Notizbuch |
| 32 | 121:05 | 197 | Straße, Offizier und Tünde Eszter |
| 33 | 124:22 | 128 | Straße, Lajos Harrer (tot) |
| 34 | 126:30 | 136 | Hof vor Valuskas Wohnung, Frau Harrer |
| 35 | 128:46 | 254 | Schienen, Hubschrauber |
| 36 | 133:00 | 242 | Hospital, Herr Eszter und Valuska |
| 37 | 137:02 | 302 | Platz, Wal, Herr Eszter |
| 142:04 | Abspann |
Rezeption
Die Werckmeisterschen Harmonien erhielt fast ausschließlich positive Kritiken. So erreichte der Film unter anderem auf Metacritic eine Durchschnittswertung von 92 aus 100 möglichen Punkten (basierend auf 8 Kritiken), und Rotten Tomatoes verzeichnete 97 % anerkennende Rückmeldungen von insgesamt 38 Kritiken.
Der Filmkritiker Roger Ebert gab dem Film die Höchstwertung 4 von 4 Sternen und bezeichnete ihn als "einzigartig und originell" und schrieb des Weiteren, dass er dem Cinéma vérité genauso ähnele wie den Werken von Frederick Wiseman. Im Jahre 2007 fügte er den Film zudem seiner Liste der "Großartigen Filme" hinzu.[2]
2016 belegte Die Werckmeisterschen Harmonien bei einer Umfrage der BBC zu den 100 bedeutendsten Filmen des 21. Jahrhunderts den 56. Platz.
Literatur
Jörn Glasenapp: Ein Wal ist ein Wal ist ein Wal: Béla Tarr, Die Werckmeisterschen Harmonien, in: Große Werke des Films: Band 2. 2017, 167–94. PDF-Datei
John Hodgkins: Not Fade Away: Adapting History and Trauma in László Krasznahorkai’s "The Melancholy of Resistance" and Béla Tarr’s "Werckmeister Harmonies". In: Adaptation: The Journal of Literature on Screen Studies 2,1, 2009, 49–64
Dan North: How to Watch Werckmeister Harmonies? In: Spectacular Attractions, 9.11. 2008 online