Abdullah Ibrahim

südafrikanischer Pianist und Komponist From Wikipedia, the free encyclopedia

Abdullah Ibrahim (arabisch عبد الله إبراهيم, Geburtsname Adolph Johannes Brand; * 9. Oktober 1934 in Kapstadt; † 15. Juni 2026[2][3] in Prien am Chiemsee) war ein südafrikanischer Pianist und Komponist. Daneben spielte er auch Flöte, Saxophon und Cello. Abdullah Ibrahim galt als Protagonist des Modern-Creative-Stils in der Jazzmusik. Vor seiner Konversion zum Islam und der Annahme des Namens Abdullah Ibrahim im Jahr 1968 trat er unter dem Künstlernamen Dollar Brand auf.[4] Seine Komposition Mannenberg wurde zu einer inoffiziellen Hymne des Widerstands gegen die Apartheid.[5]

Schnelle Fakten
Abdullah Ibrahim (2016)
Abdullah Ibrahim (2016)
Chart­plat­zie­rungen
Erklärung der Daten
Alben[1]
The Balance
 CH9507.07.2019(1 Wo.)
Solotude
 CH9723.01.2022(1 Wo.)
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Leben und Wirken

Die Eltern hatten verschiedene ethnische Vorfahren. Sein Vater war ein Sotho und seine Mutter hatte Vorfahren unterschiedlicher ethnischer Herkunft. Nach der vor 1990 praktizierten Demografie Südafrikas wurde er der Bevölkerungsgruppe der Coloured zugeschrieben.[6]

Ibrahim wuchs bei seinen Großeltern in Kensington auf, einem armen, überwiegend von Coloureds[7] bewohnten Viertel Kapstadts. Sein Vater wurde ermordet, ebenso einige seiner Freunde. Einen Ruhepunkt fand er in der African Methodist Episcopal Church, in der seine Mutter und seine Großmutter Klavier spielten.[8] Ibrahim wuchs in einem stark von dieser Kirche geprägten Umfeld auf; seine Großmutter war dort Gründungsmitglied und seine Mutter Chorleiterin. Er besuchte eine Schule im kulturell vielfältigen District Six, dessen kreative Atmosphäre seine frühe musikalische Entwicklung mitprägte.[2] Im Alter von sechs Jahren begann er Klavier zu spielen. Mit sieben Jahren komponierte er erste eigene Stücke und erhielt Unterricht beim Lehrer der örtlichen Schule. Mit 16 Jahren beendete er den formalen Unterricht und setzte seine musikalische Ausbildung eigenständig fort.[9]

1949 wurde er professioneller Musiker, zunächst als Begleiter der Gesangsgruppe Streamline Brothers; später spielte er in Gruppen wie den Tuxedo Slickers und der Willie Max Big Band. Ab 1958 leitete er mit Kippie Moeketsi ein Quartett, zu dem Johnny Gertze am Bass und Makaya Ntshoko am Schlagzeug gehörten. 1959 formierte sich daraus unter Einbeziehung von Hugh Masekela und Jonas Gwangwa das Sextett Jazz Epistles.[2] Die Gruppe nahm 1960 Jazz Epistle Verse One auf, die erste abendfüllende Jazz-LP schwarzer südafrikanischer Musiker in Südafrika.[4] Die zunehmende Verschärfung der Apartheid setzte auch die südafrikanische Jazzszene unter Druck; obwohl die Musik der Jazz Epistles nicht ausdrücklich politisch war, geriet die Gruppe ins Visier staatlicher Stellen.[4]

1962 nahm Ibrahim die Gelegenheit wahr, Südafrika zu verlassen, nachdem er mit dem Musical King Kong bei einem England-Gastspiel gewesen war. Gemeinsam mit der südafrikanischen Jazzsängerin Sathima Bea Benjamin, die 1965 seine Frau wurde, ließ er sich zunächst in Zürich nieder. Dort trat er mit Johnny Gertze und Makaya Ntshoko fast zwei Jahre lang als Dollar Brand Trio vor allem im Café Africana auf. Benjamin stellte in der Schweiz den Kontakt zu Duke Ellington her, der das Trio im Café Africana hörte und anschließend förderte.[2]

Abdullah Ibrahim (Oslo Jazzfestival 2016)

Durch Ellingtons Vermittlung konnte das Trio das Album Duke Ellington Presents the Dollar Brand Trio aufnehmen, das 1963 bei Reprise erschien, und auf bedeutenden Festivals wie in Antibes auftreten. 1963 gastierte Ibrahim zusammen mit Sathima Bea Benjamin in Paris; 1964 und 1965 tourte er durch Europa und trat unter anderem im Jazzhus Montmartre in Kopenhagen auf. 1965 übersiedelte er nach New York und spielte beim Newport Jazz Festival. In den USA arbeitete er mit einem eigenen Trio sowie mit John Coltrane und Ornette Coleman. 1966 vertrat er Ellington bei einigen Konzerten des Duke Ellington Orchestra, löste anschließend sein Trio auf und gehörte für ein halbes Jahr dem Quartett von Elvin Jones an. In den folgenden Jahren arbeitete er in unterschiedlichen Projekten, unternahm 1968 eine Solotournee, spielte in der Band von Don Cherry und trat im Duo mit Gato Barbieri auf. 1968 konvertierte er zum Islam und nahm den Namen Abdullah Ibrahim an.[4]

Die Tanzmusik und religiösen Hymnen aus den südafrikanischen Townships zählten neben den Kompositionen Duke Ellingtons zu den wichtigsten Einflüssen auf Ibrahims Werk. Seine religiöse Spiritualität wurde zu einem wesentlichen Bestandteil seiner Musik.[2] Pianistisch war er deutlich von Thelonious Monk und Randy Weston beeinflusst. In seinen Improvisationen führte er US-amerikanischen Jazz mit südafrikanischen Genres wie Marabi, Mbaqanga, langarm, vastrap und ticky draai zusammen; diese Mischung prägte den als Cape Jazz bezeichneten Stil.[2] Ibrahim trat sowohl solistisch und im Sextett als auch mit größeren Formationen auf, denen unter anderem Carlos Ward, Don Cherry und Johnny Dyani angehörten.

1974 organisierte Ibrahim während eines vorübergehenden Aufenthalts in Südafrika Aufnahmen mit Cape-Jazz-Musikern wie Basil Coetzee und Robbie Jansen. Im Juni 1974 entstand in Kapstadt die knapp 14-minütige Studioversion von Mannenberg – Is Where It’s Happening in einem einzigen Durchlauf als kollektive Improvisation.[2] Das Stück bündelte südafrikanische und internationale musikalische Ausdrucksformen und wurde zu einer der prägendsten Kompositionen des südafrikanischen Jazz.[2] Binnen eines Jahres verkaufte sich die Aufnahme häufiger als jedes andere südafrikanische Jazzalbum; durch Aufführungen bei politischen Protestveranstaltungen entwickelte sie sich zu einem Lied des Widerstands und der Selbstbehauptung gegen die Apartheid.[2][10][5]

Bei einem weiteren Aufenthalt in Südafrika organisierte Ibrahim 1976 ein Jazzfestival, bei dem die Rassentrennungsvorschriften des Apartheidregimes missachtet wurden. Nach dem Aufstand in Soweto vom 16. Juni 1976 erklärte er seine Unterstützung für den damals verbotenen African National Congress und kehrte nach New York zurück.[2]

Ibrahim gab im August 1982 in Maputo eine Serie von „Freiheitskonzerten“ zum Gedenken an die bei einem Bombenattentat in der Stadt getötete Sozialwissenschaftlerin Ruth First. Zu den Mitwirkenden gehörte seine Frau Sathima Bea Benjamin. Die Konzertveranstaltungen erhielten durch die Anwesenheit von Samora Machel und dessen Frau Graça Machel besondere politische Bedeutung.[11]

Abdullah Ibrahim (INNtöne Jazzfestival 2019)

1982 präsentierte er in Europa seine Kalahari Liberation Opera. Nachdem Ibrahim 1990 in Deutschland den kurz zuvor freigelassenen Nelson Mandela getroffen und dieser ihn zur Rückkehr aufgefordert hatte, kehrte er nach Südafrika zurück.[2] Er beeinflusste in der Folge die südafrikanische Jazzszene maßgeblich, behielt jedoch zugleich einen Wohnsitz in New York. 1994 spielte er mit einem Sinfonieorchester bei der Amtseinführung Mandelas zum Präsidenten Südafrikas.[2] 1999 gründete Ibrahim in Kapstadt eine Akademie zur musikalischen Ausbildung junger Südafrikaner.[2] Aus dieser Bildungsarbeit ging auch die Akademie „M7“ hervor; 2006 initiierte er außerdem das aus 18 Musikern bestehende Cape Town Jazz Orchestra. 2016 trat er erstmals ab 1960 wieder mit Hugh Masekela auf; die Wiedervereinigung der Jazz Epistles erinnerte zugleich an den 40. Jahrestag des Aufstands in Soweto.[2]

Wiederholt arbeitete Ibrahim mit Big Bands und Sinfonieorchestern zusammen. Aus der Kooperation mit Daniel Schnyder, der seine Kompositionen orchestrierte, entstand 1997 die African Suite für Jazztrio und Sinfonieorchester. Er arbeitete außerdem mit George Gray, Buddy Tate und Max Roach zusammen. Auch Soloprogramme bildeten einen wichtigen Teil seines Schaffens, darunter das auf Senzo von 2008 dokumentierte Programm. 2011 schrieb er den Klavierzyklus African Songs. Als Interpret wurde er als „ein Zauberer der Wiederholung, und hinter jedem Ton steht eine ganze Landschaft“ charakterisiert; seine Musik „strahlt Weite und Ruhe aus“.[12]

In seiner rund acht Jahrzehnte umspannenden Laufbahn nahm Ibrahim mehr als 70 Alben auf.[3][4] Als letzte Aufnahme erschien 2024 das Doppelalbum 3.[2] Seinen letzten Auftritt absolvierte er in einem Solokonzert am 27. März 2026 beim Cape Town International Jazz Festival.[4]

Aus der Ehe Ibrahims mit Sathima Bea Benjamin stammen die New Yorker Underground-Rapperin Jean Grae und der Sohn Tsakwe. Ibrahim lebte seit 2012 mit seiner aus Italien stammenden zweiten Frau Marina Umari[13] in Aschau im Chiemgau.[14] Nach kurzer Krankheit starb er im Alter von 91 Jahren am 15. Juni 2026 im Kreis seiner Familie in Deutschland.[3]

Preise und Auszeichnungen

1999 wurde Ibrahim mit dem Order for Meritorious Service in Silber ausgezeichnet,[15] im Jahr darauf mit dem Ehrenpreis der deutschen Schallplattenkritik.[16] 2009 erhielt er den Aachener Innovationspreis Kunst, der mit 10.000 Euro dotiert und von der Peter-und-Irene-Ludwig-Stiftung vergeben wird. Im selben Jahr wurde er mit dem Order of Ikhamanga in Silber geehrt.[17] 2017 erhielt er die German Jazz Trophy.[18] 2019 hat ihm die amerikanische National Endowment for the Arts die NEA Jazz Masters Fellowship verliehen.[19]

Diskografie (Auswahl)

  • 1990: Duet (mit Archie Shepp)
  • 1991: Desert Flowers
  • 1991: Mantra Mode
  • 1993: Knysna Blue
  • 1995: Yarona
  • 1997: Cape Town Revisited (Live in Kapstadt)
  • 1997: Cape Town Flowers
  • 1998: African Suite (DE: Gold (German Jazz Award)Gold (German Jazz Award))[20]
  • 1998: Made in Southafrica Township
  • 1998: Voice of Africa
  • 1999: African Sun
  • 2001: Ekapa Lodumo
  • 2001: African Symphony
  • 2002: African Magic
  • 2003: The Journey
  • 2005: A Celebration
  • 2008: Senzo (Preis der deutschen Schallplattenkritik (Bestenliste 4/2008))
  • 2009: Bombella
  • 2011: Sotho Blue (Sunnyside)
  • 2013: Mukashi (Once Upon a Time)
  • 2019: The Balance
  • 2019: Dream Time (Solo Piano)
  • 2021: Solotude (Solo Piano)
  • 2024: 3 (Doppelalbum)[2]

Filmmusik und Dokumentarfilme

Abdullah Ibrahim (2005)
  • Abdullah Ibrahim schuf 1988 mit dem Album Mindif die Filmmusik zur Rassismus-Studie Chocolat – Verbotene Sehnsucht von Claire Denis
  • 1988 erstellte er den Soundtrack zum Dokumentarfilm The Cry of Reason: Beyers Naude – An Afrikaner Speaks Out von Robert Bilheimer
  • 1990 schuf er zu einem weiteren Film der Regisseurin Claire Denis eine atmosphärisch dichte Musik, diesmal zum Drama No Fear, No Die (Originaltitel: S’en fout la mort)
  • A Brother with Perfect Timing ist ein Dokumentarfilm von Chris Austin über Ibrahim, der 1987 gedreht wurde und 2005 auf DVD erschien.[21]
  • 2004 drehte der Regisseur Ciro Cappellari die dokumentarische Hommage Abdullah Ibrahim – A Struggle for Love, wofür er 2005 den Grimme-Preis in der Kategorie Information & Kultur erhielt.[22]

Literatur

Lexigrafische Einträge

Interviews

  • Stefanie Flamm: Jazzmusiker Abdullah Ibrahim – Überwinde deine Angst! In: Die Zeit. Nr. 20/2013 (zeit.de – Anmeldung erforderlich).
  • Petra Mostbacher-Dix: Ein Leben im Klang — Interview mit Abdullah Ibrahim. In: PIANO-POST. Ausgabe Nr. 5 (piano-fischer.de)

Einzelnachweise

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