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Dom (Ethnie in Vorderasien)

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Die Dom oder Domari sind eine im Nahen Osten, in Teilen Nordafrikas, Anatoliens und des Kaukasus lebende ethnische Minderheit indischer Herkunft. Sie werden in arabischsprachigen Ländern häufig mit Fremdbezeichnungen wie Nawar, Ghajar, Qurbat oder Zott bezeichnet, die vielfach abwertend gebraucht werden. In der älteren Literatur wurden sie oft als „Zigeuner“ (Gypsy) des Nahen Ostens beschrieben[1][2]; diese Bezeichnung gilt im Deutschen als stigmatisierende Fremdbezeichnung und wird in der Forschung meist vermieden.[3] Die Eigenbezeichnung Dom ist sprachgeschichtlich mit den Bezeichnungen Rom und Lom verwandt, bezeichnet jedoch eine eigenständige Gruppe mit eigener Migrationsgeschichte und eigener Sprache, dem Domari.[4]

Unterkunft der Dom in der Nähe von Jerusalem (1914)

Geschichte

Die Herkunft der Dom wird in der Forschung überwiegend mit mobilen umherziehenden Gruppen des indischen Subkontinents in Verbindung gebracht. Sprachwissenschaftliche Befunde belegen, dass Domari eine indoarische Sprache ist und dass die Dom zu einer frühen westwärts gerichteten Migrationswelle aus Indien gehören. Die Encyclopaedia Iranica unterscheidet innerhalb der sogenannten „Gypsy dialects“ drei große Gruppen: das nahöstliche Domari, das armenische Lomavren und das europäische Romani. Diese Gruppen teilen indoarische sprachliche Elemente, gehen aber nicht einfach auf eine einzige Wanderung zurück, sondern werden als Ergebnis mehrerer Migrationswellen gedeutet.[5]

Die Dom erreichten den Vorderen Orient vermutlich deutlich früher als die später in Europa nachweisbaren Roma. Das Auftreten indoarischer „Gypsy“-Dialekte wird auf die zweite Hälfte des ersten Jahrtausends n. Chr. datiert; während das europäische Romani in Südosteuropa im 11. Jahrhundert auftrat.[5] Eine Migrationswelle nach Vorderasien erfolgte im 9. Jahrhundert mit dem Einfall der Ghaznawiden in der Region Punjab.[6] In der arabischen und osmanischen Welt wurden Dom und verwandte Gruppen häufig nicht nach einer einheitlichen ethnischen Kategorie, sondern nach lokalen Fremdbezeichnungen, Berufen oder sozialen Rollen benannt. Dazu zählen unter anderem Nawar, Zott, Ghajar, Abdal, Qurbat, Karaçi, Mitrip, Çingene (ähnlich dem Wort Zigeuner) oder Haddadin.[1]

Historisch lebten viele Dom-Gruppen als wandernde Gemeinschaften, also nicht als nomadische Viehzüchter, sondern als mobile Dienstleister, die ihre Arbeitskraft und handwerklichen Fertigkeiten verschiedenen sesshaften Bevölkerungen anboten. Zu den überlieferten Erwerbsformen gehörten Metall- und Blechbearbeitung, Schmiedearbeiten, Korbflechterei, Musik, Tanz, Schaustellerei, Wahrsagerei, Tierhandel, informelle Zahnbehandlung, Beschneidung, Hausierhandel und saisonale Landwirtschaft.[7][8] Die Mobilität war dabei meist ökonomisch begründet: Familien oder kleinere Verbände zogen dorthin, wo ihre Dienste nachgefragt wurden.

Seit dem 20. Jahrhundert wurden viele Dom-Gruppen sesshaft oder halbsesshaft. Dieser Prozess wurde durch staatliche Grenzziehungen, Urbanisierung, industrielle Massenproduktion, den Bedeutungsverlust traditioneller Handwerke und die Ausweitung moderner Verwaltungs- und Schulsysteme beschleunigt. In vielen Städten leben Dom-Familien am Rand ärmerer Viertel oder in informellen Siedlungen. Ein anderer Teil besaß Land oder lebte in Dörfern, während andere weiterhin saisonale oder kurzfristige Mobilität praktizieren.[7]

Die Kriege und Staatskrisen im Nahen Osten führten seit den 2000er und besonders seit dem Syrischen Bürgerkrieg zu neuen Fluchtbewegungen. Syrische Dom gelangten vor allem in die Türkei, wo sie neben den allgemeinen Problemen von Flüchtlingen noch von zusätzlicher ethnischer Stigmatisierung betroffen waren.[9]

Verbreitungsgebiet

Die Dom leben verstreut in mehreren Staaten des Nahen Ostens und angrenzender Regionen. Genannt werden Syrien, Türkei, Libanon, Jordanien, Israel, die palästinensischen Gebiete, Irak, Iran, Ägypten, Saudi-Arabien, Kuwait, die Vereinigten Arabischen Emirate sowie Teile des Kaukasus und Nordafrikas.[8] Die Dom bilden dabei keine territorial geschlossene Minderheit, sondern leben meist in kleineren lokalen Gemeinschaften, oft in städtischen Randlagen oder in halbnomadischen Arbeitsverhältnissen.

Verlässliche Bevölkerungszahlen fehlen fast überall. Viele Staaten der Region erheben keine ethnischen Daten oder führen Dom nicht als gesonderte Kategorie. Hinzu kommt, dass Angehörige der Minderheit ihre Herkunft wegen sozialer Nachteile oft verbergen und sich als Angehörige der Mehrheitsbevölkerung registrieren lassen.[7] Für Syrien weist die EUAA ausdrücklich darauf hin, dass die tatsächliche Zahl unbekannt sei; Vorkriegsschätzungen schwankten zwischen 100.000 und 500.000 Personen, während eine syrische Quelle 2012 von mehr als 60.000 sprach.[7] Das European Roma Rights Centre nannte für Syrien eine Schätzung des Dom Research Center von 250.000 bis 300.000 Dom vor dem Krieg.[10]

Weitere Informationen Staat/Gebiet, Schätzung ...
Schätzungen zur Verbreitung der Dom
Staat/Gebiet Schätzung Anmerkung
Naher Osten insgesamt ca. 5 Mio. Schätzung; wegen fehlender amtlicher Erfassung sehr unsicher.[8]
Türkei über 500.000 Dom; für „Gypsies“ insgesamt je nach Quelle 500.000 bis 5 Mio. Kırkayak Kültür unterscheidet Dom, Lom, Roma und verwandte Gruppen; Dom und Lom leben vor allem im Südosten und Osten.[8] (Siehe auch Roma in der Türkei)
Syrien ca. 100.000–500.000 Vorkriegsschätzungen; keine amtliche ethnische Erfassung.[7]
Syrische Dom in der Türkei ca. 40.000–50.000 Schätzungen aus Studien und Berichten zu syrischen Dom-Flüchtlingen.[11][9]
Ägypten ca. 1.000.000–2.000.000 Schätzungen evangelikaler Organisationen; Unterteilt in Untergruppen wie Ghagar, Nawar und Halebi.[8]
Iran ca. 1,7 Mio. Schätzung der Universität Québec für die Sprecher von Roma-Sprachen, darunter auch Domari.[12]
Irak ca. 50.000–200.000 Schätzungen; lebt häufig am Rand von Großstädten wie Bagdad, Mossul und Basra[8]
Jerusalem ca. 111 Familien Schätzung aus einer sozialwissenschaftlichen Studie zur Domari-Gemeinschaft in Ostjerusalem.[13]
Westjordanland und Gazastreifen ca. 15.000 Schätzung in derselben Studie; Zahlen sind nicht amtlich.[13]
Jordanien 5 Großfamilien Schätzung; die alteingesessene Dom-Bevölkerung verteilt sich auf fünf Hauptfamilien; daneben leben eingewanderte Dom-Gemeinschaften aus Nachbarstaaten im Land.[8]
Libanon k. A. Dom leben in nennenswerter Zahl in Sidon, Beirut, Tyros, Byblos, Tripoli und im Bekaa-Tal.[8]
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Die Zahlen in der Tabelle sind nicht unmittelbar vergleichbar, da sie auf unterschiedlichen Definitionen beruhen. Einige Quellen verwenden Dom eng für Domari-sprachige oder historisch Domari-sprachige Gruppen, andere fassen unter Dom mehrere verwandte Gruppen zusammen, die lokal als Nawar, Ghajar, Qurbat, Abdal oder mit anderen Namen bezeichnet werden. Besonders groß ist diese Unschärfe in der Türkei, in Syrien und im Irak, wo Dom-Gruppen häufig mehrsprachig sind und sich in der Öffentlichkeit nicht notwendig als Dom bezeichnen.

Kultur und Lebensweise

Tänzerinnen der Ghawazi in Ägypten, einer wie die Nawar Domari sprechenden Gruppe wandernder Unterhaltungskünstler.

Die Dom-Kultur ist traditionell stark durch mündliche Überlieferung, Familienverbände, berufliche Spezialisierung und mehrsprachige Anpassung an die jeweilige Umgebung geprägt. Viele Gemeinschaften besaßen keine schriftlich fixierte Geschichtstradition; Herkunft, Gruppenzugehörigkeit und soziale Normen wurden innerhalb von Familien und lokalen Verbänden weitergegeben. Musik, Tanz, Erzählungen und handwerkliche Fertigkeiten hatten in vielen in Dom-Gruppen eine besondere Bedeutung, wobei die konkreten Formen regional stark variieren. Insgesamt ist das Volk der Dom und ihre Traditionen relativ wenig erforscht und historisch war Analphabetismus unter den Dom die Regel, weshalb es an Schriftquellen mangelt.[6]

Die Sprache der Dom ist das Domari, das in Palästina, Jordanien, Libanon, Syrien und die Türkei sowie wahrscheinlich in Iran und Irak gesprochen wird.[6] Die am besten dokumentierte Varietät ist das Jerusalem-Domari, das unter starkem Einfluss des Arabischen steht.[14] In vielen Gemeinschaften ist Domari jedoch bedroht oder bereits weitgehend durch Arabisch, Türkisch, Kurdisch, Persisch oder andere Umgebungssprachen verdrängt worden.

Sozial sind bzw. waren Dom-Gemeinschaften häufig in Großfamilien oder lokale Verbände gegliedert. In Berichten werden Gruppen von fünf bis fünfzehn Familien beschrieben, die gemeinsam Ressourcen teilen und gegenseitige Solidarität üben, auch wenn sie in getrennten Wohnungen oder Zelten leben. Ein Ältester oder Anführer vermittelte häufig zwischen der Gruppe und der Mehrheitsgesellschaft. Dieses Clansystem der Dom ist dabei noch vom Kastensystem des indischen Subkontinents beeinflusst.[6][11]

Religiös sind die Dom im Nahen Osten überwiegend von den Mehrheitsreligionen ihrer Umgebung geprägt. In arabischen und türkischen Kontexten sind viele Dom Muslime; in einzelnen Regionen bestehen lokale Besonderheiten und Mischformen. Religion bildet jedoch meist kein eigenständiges Abgrenzungsmerkmal der Dom, da sie in religiöser Hinsicht häufig mit der jeweiligen Mehrheitsbevölkerung übereinstimmen.

Diskriminierung und soziale Lage

Dom gehören in vielen Ländern des Nahen Ostens zu den sozial am stärksten marginalisierten Minderheiten. In Syrien gelten die Fremdbezeichnungen Nawar, Qurbat, Zatt und Ghajar ausdrücklich als abwertend, während viele Dom ihre Identität wegen Diskriminierung verbergen.[7] In Jerusalem wird Nawar ebenfalls als negativ konnotierter Ausdruck beschrieben, der als Beleidigung oder für abweichendes Verhalten verwendet werden kann.[15] In der palästinensischen Gesellschaft stehen die Dom auf der untersten Stufe der sozialen Hierarchie, obwohl sie arabische Namen tragen und Muslime sind. Sie leben meist in Armut in Großfamilien. Ihre soziale Lage ähnelt damit der von vielen Roma-Gruppen in Osteuropa.[2]

Die soziale Lage vieler Dom ist durch Armut, informelle Beschäftigung, geringe Schulbildung, prekäre Wohnverhältnisse und eingeschränkten Zugang zu staatlichen Leistungen gekennzeichnet. In Syrien arbeiteten viele Dom vor dem Krieg als Saisonarbeiter, Tagelöhner, Musiker, Schrotthändler, Schmiede oder in anderen informellen Tätigkeiten; zugleich wurden ihnen von der Mehrheitsgesellschaft häufig marginalisierte oder als niedrig geltende Berufe zugeschrieben. Besonders problematisch ist die Lage von Gruppen ohne vollständige Dokumente. Während sesshafte Dom in Syrien häufig als syrische Staatsbürger dokumentiert waren, hatten informell lebende Familien häufig keine Ausweise, Reisepässe oder Geburtsurkunden, was den Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung, legaler Arbeit und humanitärer Hilfe erschwerte.[7] Auch in anderen Ländern wie z. B. dem Irak sind Angehörige der Dom-Minderheit häufig staatenlos, entweder selbst gewählt (um z. B. Militärdienst zu entgehen) oder aufgrund von Diskriminierung seitens der Behörden.[8]

Auch innerhalb humanitärer Hilfssysteme bleiben Dom häufig unsichtbar. Einige Familien vermeiden Registrierung, weil sie staatlichen Stellen misstrauen oder Diskriminierung befürchten. Dadurch erhalten sie schlechteren Zugang zu Gesundheitsversorgung, Schulbildung und Hilfsprogrammen. Dom-Flüchtlinge aus Syrien in der Türkei lebten z. B. häufig unter katastrophalen Bedingungen in Zelten und litten unter einer doppelten Diskriminierung durch die einheimische Bevölkerung und andere Flüchtlinge.[10][9][11]

Literatur

  • Joseph C. Berland, Aparna Rao: Customary Strangers: New Perspectives on Peripatetic Peoples in the Middle East, Africa, and Asia. Bloomsbury Academic, 2004, ISBN 978-0-89789-771-6.

Einzelnachweise

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