Eindringen russischer Drohnen in polnischen Luftraum im September 2025
militärischer Zwischenfall Russlands mit einem NATO-Mitglied (September 2025)
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Am 9. September 2025 verletzten im Zuge des Russisch-Ukrainischen Krieges russische Drohnen den polnischen Luftraum im bisher größten Vorfall dieser Art; eine Anzahl der Drohnen wurde durch westliche Kampfflugzeuge abgeschossen.


Vorgeschichte
Schon vor September 2025 kam es zu Verletzung des Luftraums von NATO-Staaten. Auch wurden in einigen Drohnen vom Typ Gerbera seit Juli 2025 polnische und litauische SIM-Karten gefunden, was auf Aufklärungszwecke hindeutete, denn so könnten Verbindungen zu Mobilfunknetzen dieser Länder getestet werden.[1] Am 5. August 2025 meldete Litauen den Fund einer Gerbera-Drohne am Truppenübungsgelände Gaižiūnai bei der Stadt Jonava nahe dem Militärstädtchen Rukla. Ihr Sprengsatz mit rund 2 kg Sprengstoff wurde entschärft. Es wird vermutet, dass sie via Belarus nach Litauen eingedrungen ist.[2] Am 20. August 2025 schlug eine russische Gerbera-Drohne auf einem Feld nahe des Dorfes Osiny in der Woiwodschaft Lublin in Ostpolen ein und explodierte. In mehreren Häusern in der Nähe gingen Fenster zu Bruch. Verletzt wurde niemand.[3]
Vorfälle
Am 9. September 2025 um 23:30 MESZ drangen mindestens 19,[4] wahrscheinlich 23 russische Kamikazedrohnen in den polnischen Luftraum ein. Mindestens acht Drohnen wurden durch die polnische Luftwaffe und weitere NATO-Luftstreitkräfte abgeschossen.[5] Ein Teil des Luftraumes und mehrere Flughäfen wurden vorübergehend gesperrt, während sich die russische Drohnenflotte in polnischen Luftraum befand.[6] Bei den eingesetzten Drohnen handelte es sich weitgehend um Gerbera-Drohnen;[1] ob diese mit einem Sprengkopf versehen waren, war zunächst unklar. Es sollen auch größere Drohnen vom Typ Shahed/Geran eingesetzt worden sein.[7] Die meisten Drohnen wurden durch F-35-Kampfjets der niederländischen Luftstreitkräfte abgeschossen.[8] Auch ein italienisches AWACS-Flugzeug und ein Airbus-A330-MRTT-Luftbetankungsflugzeug der Multinational MRTT Unit kamen zum Einsatz. Ein in Rzeszów stationiertes Patriot-Flugabwehrraketensystem der Bundeswehr wurde in höchste Alarmbereitschaft versetzt.[9] Die NATO ging davon aus, dass mehrere der russischen Drohnen den Flughafen Rzeszów-Jasionka treffen sollten;[10][11] die Flugbahn von fünf der Drohnen soll Hinweise auf einen Angriff auf diesen Flughafen, über den seit Beginn des Krieges ein Großteil der westlichen Waffenlieferungen zur Unterstützung der Ukraine abgewickelt worden ist, gegeben haben. Niederländische F-35 hätten mindestens drei dieser Drohnen abgeschossen, eine sei nach ersten Erkenntnissen abgestürzt.[11]
Bis zum folgenden Tag wurden die Trümmer von 16 Flugkörpern gefunden, von denen nach ersten Erkenntnissen keine mit Sprengkopf versehen waren;[12][10] stattdessen waren die Drohnen mit einem zusätzlichen Treibstoffreservoir ausgestattet, um die Nennreichweite über 700 km hinaus zu erhöhen.[13] Einige Drohnen gingen unversehrt, vermutlich aus Treibstoffmangel, zu Boden. Ein Wohnhaus im Dorf Wyryki-Połód in der Gemeinde Wyryki der Region Lublin wurde beschädigt. Die Ursache wurde zunächst für herabfallende Trümmer einer abgeschossenen Drohne gehalten,[14][15] es stellte sich später jedoch heraus, dass es von einer polnischen Luft-Luft-Rakete vom Typ AIM-120 AMRAAM stammte, die von einem F-16-Kampfflugzeug bei der Drohnenabwehr abgefeuert wurde. Die Rakete hatte einen Defekt im Steuerungssystem. Ein anderes System, das den Sprengkopf entschärfte, funktionierte jedoch, so dass es nicht zu einer Explosion kam. Die Rakete hat ein Loch in das Dach geschlagen und ist in einen Raum im Obergeschoss gefallen.[16] Es wurde niemand verletzt.
Am 13. September näherten sich erneut russische Flugdrohnen der polnischen Grenze, drangen aber nicht in den Luftraum ein. Als Reaktion ließ das polnische Militär Kampfflugzeuge und -hubschrauber aufsteigen sowie bodengestützte Flugabwehrsysteme in höchste Bereitschaft versetzen. Auch wurde vorsorglich die Bevölkerung in fünf grenznahen Bezirken per SMS-Meldungen und Warnsirenen gewarnt. Der Flughafen in Lublin wurde wegen der Aktivität vorübergehend für den zivilen Luftverkehr geschlossen. Rumänien vermeldete zeitgleich in der östlichen Region Tulcea nahe der ukrainischen Grenze einen russischen Drohnenüberflug über sein Territorium. Die Drohne sei während eines russischen Angriffes auf die ukrainische Infrastruktur nahe der Grenze eingedrungen, teilte das rumänische Verteidigungsministerium mit. Zwei F-16-Kampfjets der Luftwaffenbasis Fetești verfolgten die Drohne, bis sie in der Nähe des Dorfes Chilia Veche „vom Radar verschwand“. Auch alarmierte die NATO in Rumänien zudem zwei deutsche Eurofighter, die dort den Luftraum schützen sollen. Die Flugdrohne „flog nicht über bewohnte Gebiete und stellte keine unmittelbare Bedrohung für die Sicherheit der Bevölkerung dar“.[17][18]
Am 15. September vermeldete der polnische Premierminister Donald Tusk einen Drohnenüberflug über den Regierungsgebäuden und dem Präsidentenpalast Belvedere in Warschau. Die Drohne wurde vom polnischen Staatsschutz „neutralisiert“. In dem Zusammenhang wurden zwei belarussische Staatsbürger festgenommen. Nach polnischen Regierungsangaben ist zunächst unbekannt, um welche Art Drohne es sich handelte und ob sie militärisch genutzt werden konnte.[19][20]
Am 27. September meldete der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, dass beim Eindringen russischer Drohnen in polnischen Luftraum am 9. September ursprünglich 92 Drohnen aus Russland in das Land unterwegs waren. Die Ukraine habe den Großteil davon abgeschossen, sodass nur 19 Drohnen in Polen angekommen seien. Nach seinen Angaben ist Europa derzeit nicht in der Lage, russische Drohnenangriffe im Ernstfall abzuwehren. Die Ukraine sei aber bereit, zu helfen. Selenskyj bot dazu die eigene Expertise mit etwa mobilen Drohnenbekämpfungstrupps an. Schon in der Vergangenheit hatte er angeboten, potenziell sei sein Land auch in der Lage, den Europäern mit Waffen zu helfen.[21]
Reaktionen
Der polnische Premierminister Donald Tusk sagte, dass die Drohnen, die eine „direkte Bedrohung darstellten“, abgeschossen wurden.[4] Laut Tusk drangen viele dieser Drohnen aus dem Nachbarstaat Belarus in den polnischen Luftraum ein. Der polnische Außenminister und Stellvertretende Ministerpräsident Radosław Sikorski bezeichnete den Vorfall als „beispiellosen Fall eines Angriffs nicht nur auf polnisches Territorium, sondern auch auf das Territorium der NATO.“[22] Die polnische Regierung trat am Morgen in Warschau zu einer Krisensitzung zusammen; Polen beantragte Konsultationen nach Artikel 4 des NATO-Vertrags. Dieser Artikel sieht Beratungen mit den Verbündeten vor, wenn sich ein NATO-Mitgliedstaat von außen gefährdet sieht. Russland bestritt eine Verletzung des polnischen Luftraums.[23][24] Belarus gab an, die Drohnen seien durch die Ukraine elektronisch abgelenkt worden und dann versehentlich nach Polen geflogen;[25] westliche Experten hielten diese Darstellung für wenig plausibel, da eine gleichzeitige Störung einer solchen Masse von Drohnen aus verschiedenen Flugrichtung über solche Entfernungen schwer zu bewerkstelligen sei.[26][27] Aber auch Donald Trump behauptete auf den Vorfall angesprochen, er könne sich denken, dass es sich um einen Fehler [der Russen] gehandelt haben könnte. Dem wurde von westlichen Militärexperten und dem polnischen Außenminister heftigst widersprochen.[28] Meldungen, wonach es sich um einen sog. False-Flag Aktion der Ukraine mit nachgebauten russischen Drohnen gehandelt habe, konnten anhand der aufgefundenen Trümmer und der verbauten Bauteile widerlegt werden.[29]
Auf Antrag Polens hielt der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen eine Dringlichkeitssitzung ab. Vor Polens Antrag hatten auch bereits Slowenien, Dänemark, Griechenland, Frankreich und das Vereinigte Königreich um ein Treffen des Sicherheitsrates am 12. September 2025 gebeten. Im Vorfeld der Sitzung gaben mehr als 40 Staaten eine gemeinsame Erklärung abgegeben, in der sie die Luftraumverletzungen als „eklatanten Verstoß gegen internationales Recht“ bezeichnet hatten. Der russische UNO-Botschafter Wassili Nebensja wies alle Vorwürfe zurück: Da die verwendeten Drohnen eine maximale Reichweite von 700 Kilometern hätten, sei es unmöglich, dass sie polnisches Staatsgebiet erreichen konnten. Die US-Vertreterin erklärte, die USA stehe „angesichts der alarmierenden Verletzungen des Luftraums fest an der Seite ihrer NATO-Verbündeten“; sie werde jeden Zentimeter des NATO-Territoriums verteidigen. Der Vertreter Chinas rief die Konfliktparteien auf, Ruhe zu bewahren und sich um Deeskalation zu bemühen.[30]