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Epibatidin

hochgiftiger Naturstoff From Wikipedia, the free encyclopedia

Epibatidin ist ein hochgiftiges chlorsubstiuiertes Alkaloid, das im Sekret der Hautdrüsen von Baumsteigerfröschen der Gattung Epipedobates in Ecuador vorkommt.

Schnelle Fakten Strukturformel, Allgemeines ...
Strukturformel
Struktur von (+)-Epibatidin
Struktur von (1R,2R,4S)-Epibatidin
Allgemeines
Name Epibatidin
Andere Namen
  • (+)-Epibatidin
  • (1R,2R,4S)-(+)-2-(6-Chlor-3-pyridinyl)-7-azabicyclo[2.2.1]heptan
Summenformel C11H13ClN2
Kurzbeschreibung

weißer Feststoff [(+)-Epibatidin·Dihydrochlorid][1]

Externe Identifikatoren/Datenbanken
CAS-Nummer
EG-Nummer (Listennummer) 634-286-9
ECHA-InfoCard 100.162.281
PubChem 3073763
ChemSpider 10399316
DrugBank DB07720
Wikidata Q423783
Eigenschaften
Molare Masse 208,69 g·mol−1 [(+)-Epibatidin]
Aggregatzustand

flüssig [(+)-Epibatidin][2]

Schmelzpunkt

216–217 °C [(+)-Epibatidin·Dihydrochlorid][1]

Löslichkeit

schlecht in Wasser (10 g·l−1 [(+)-Epibatidin·Dihydrochlorid])[1]

Sicherheitshinweise
GHS-Gefahrstoffkennzeichnung[1]
Gefahrensymbol

Gefahr

H- und P-Sätze H: 300​‐​310
P: 262​‐​264​‐​270​‐​280​‐​301+310​‐​302+352+310[1]
Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen (0 °C, 1000 hPa).
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Eigenschaften

Dreistreifen-Baumsteiger

Epibatidin wird von Baumsteigerfröschen durch die Nahrung (Insekten) aufgenommen und in der Haut eingelagert (sequestriert). Dadurch werden Fressfeinde abgehalten.[3][4][5] Strukturell ist Epibatidin – wie das Nicotin – ein Derivat des Pyridins,[6] genauer ausgedrückt ein Pyrrolidin­ylpyridin.

Epibatidin hat drei asymmetriesch substituierte Kohlenstoffatome, wobei die an den beiden Brückenköpfen vorkommenden H-Atome des Azabicyclo-Rings in der cis-Position fixiert sind, so dass nur über das α-Kohlenstoffatom des Pyridylrings chirale Formen möglich sind.[7] Natürlich vorkommend ist das (1R,2R,4S)-Epibatidin, eines der beiden Enantiomere der exo-Form des Moleküls.[8] Die natürliche Form ist als Base mit negativer Drehung und ihr Enantiomer mit positiver Drehung optisch aktiv.[9] Die Salze – beispielsweise Epibatidinoxalat[10] – zeigen jeweils entgegengesetzte Vorzeichen bei den Drehwerten im Vergleich zu den freien Basen.[9] Beide Enantiomere unterscheiden sich nur wenig in der biologischen Aktivität. Das endo-Isomer ist unwirksam[8] und hat ebenfalls am C-2 ein Stereozentrum.

Im Tierversuch zeigte sich Epibatidin wirksam nach subkutaner, intrathekaler, intraperitonealer und intracerebroventrikularer Verabreichung.[11] Die maximale Konzentration im Gehirn wurde im Versuch an der Maus nach etwa 30 Minuten erreicht.[8] Epibatidin wird kaum mikrosomal verstoffwechselt.[7]

Wirkung

Die Giftwirkung Epibatidins liegt an der Aktivierung verschiedener nicotinischer Acetylcholinrezeptoren (nAChR), insbesondere die Varianten α4β2[9] (Ki = 40 pM),[12] α3β4[8] und α7 (Ki = 20 nM).[12] Durch die Aktivierung des nAChR auf der Postsynapse wird die Nervenzelle depolarisiert und leitet das Signal weiter.[13] Epibatidin bindet an nicotinische Acetylcholinrezeptoren in Muskeln mit der Reihenfolge αε > αγ > αδ.[14] Während Nicotin stärker im mesolimbischen System wirkt, zeigt Epibatidin eine stärkere Wirkung im nigrostriatalen System.[15]

Epibatidin übertrifft die analgetische Wirkung von Morphin etwa um das 200-fache[16] und die Affinität des Nicotins zu nicotinischen Acetylcholinrezeptoren um das 120-fache. Epibatidin ist ein potentes Analgetikum, jedoch für die Anwendung am Menschen zu toxisch.[17] Es ähnelt in seiner Wirkung anderen nicotinergen Acetylcholinrezeptor-Agonisten wie beispielsweise Nicotin des Tabaks,[18] Cytisin des Goldregens,[18] Anatoxin A einiger Cyanobakterien,[19] Ferruginin,[19] Anabasein,[19] Epiquinamid[19] und Arecolin der Betelnüsse.

Sowohl das (+)- als auch das (−)-Enantiomer des Epibatidins hat pharmakologische Wirkungen mit ähnlicher Affinität zum nAChR.[8] Nur das (+)-Enantiomer ist – anders als Opioid-Schmerzmittel – nicht toleranzbildend, jedoch limitiert die in Nagetieren gezeigte Giftigkeit eine Verwendung als Schmerzmittel.[20]

Symptome

Die Giftwirkung äußert sich durch cholinerge Effekte wie erhöhter arterieller Blutdruck, Bradykardie und Lähmungen.[6] Die schmerzstillende Wirkung tritt bei niedrigen Konzentrationen von Epibatidin ein (5 μg/kg, in der Maus).[21] Bei höheren Konzentrationen erzeugt Epibatidin Lähmungen (einschließlich Atemlähmung) und Bewusstlosigkeit bis hin zum Tod.

Antidot

Mecamylamin ist ein unselektiver nichtkompetitiver Hemmer von nAChR[22] und vermochte experimentell einige Wirkungen des Epibatidins zu blockieren.[23] Dabei zeigte sich mit Bezug auf die Hemmung nikotininduzierter Abnahmen der Spontanaktivität und der antinozizeptiven Wirkungen im Mausmodell kein Unterschied in der Wirksamkeit von racemischem Mecamylamin, (+)-Mecamylamin oder (−)-Mecamylamin.[24]

Synthese

Synthese nach E. J. Corey

Es existieren über 100 verschiedene Synthesen des Epibatidins.[25][26] Die Erstsynthese mit einer Ausbeute von etwa 40 % wurde 1993 beschrieben, produziert aber ein Racemat.[27][28] Beide Enantiomere haben ähnliche pharmakologische und toxikologische Eigenschaften. Weitere Synthesen stammen vom Nobelpreisträger Elias James Corey und Kollegen,[29] Huang und Shen,[30] Clayton und Regan,[28] Olivo und Hemenway[31] sowie Semtschenko und Kollegen.[32]

Analytik

Der Nachweis kann mittels Gaschromatografie oder per HPLC (teilweise mit Massenspektrometrie als Detektionsmethode) geführt werden.[33][34][35] Im Jahr 2015 konnte eine Arbeitsgruppe des Staatlichen Forschungsinstituts für Organische Chemie und Technologie aus Moskau nachweisen, dass selbst kleinste Spuren von Epibatidin im Blut (10−3 bis 10−5 mg/ml) per Gaschromatografie bestimmt werden können.[36]

Derivate

Strukturformel des Nichtopioid-Analgetikums Tebaniclin (ABT-594)

Ausgehend vom Epibatidin wurde 1996 das nur gering toxische Nichtopioid-Analgetikum Tebaniclin (ABT-594) entwickelt, das zu den Azetidinen zählt.[37][38] Es hat weniger cholinerge Wirkungen, aber ist schmerzstillend.[39] Aufgrund gastro-intestinaler Nebenwirkungen wurden die Versuche in der Phase II gestoppt;[40][41] die Forschung an ähnlichen Substanzen wird aber fortgeführt.

Weitere Analoga sind ABT-418, Epiboxidin und ihre Derivate.[42][43][44][45][46]

Geschichte

Biochemische und pharmakologische Forschung

Epibatidin wurde 1974 von John W. Daly und Kollegen entdeckt.[47] Zu dieser Zeit war Daly mit seinem Kollegen Charles Myers auf Exkursion in Equador, wo sie einige wenige der seinerzeit der Art Epipedobates anthonyi zugeschriebene,[48] später als Epipedobates tricolor identifizierte[4] Baumsteigerfrösche (Dendrobatidae) sammelten. Ein Extrakt aus der Haut der Tiere bewirkte an der Maus nach Injektion winziger Mengen das Straubsche Mäuseschwanzphänomen, einen charakteristischen Effekt für Opiate, und legte die Entdeckung eines bislang unbekannten Opioids nahe. Im Hot-Plate-Test mit der Maus zeigte sich eine starke analgetische Wirkung.[4] Anlässlich einer nachfolgenden Exkursion 1976 vermochten die Forscher weitere Froschhäute zu sammeln. Aus 750 Häuten gewannen sie 60 mg einer komplexen Mischung aus Alkaloiden, darunter auch knapp 500 µg des die Mäuseschwanzreaktion auslösenden Alkaloids. 1978 hatte man mithilfe der HPLC nahezu reine Proben und anhand der Massenspektrometrie schlüssige Spektren erhalten. Die empirische Summenformel wurde zu C11H13N2Cl ermittelt.[4] Die analgetische Wirkung entpuppte sich als 200 mal stärker als die des Morphins und war durch den Opioid-Antagonisten Naloxon nicht aufzuheben, ebenso wenig wie die Mäuseschwanzreaktion.[4] Erst im Zuge der verbesserten Leistungsfähigkeit der NMR-Spektrometer wurde 1992 die chemische bicyclische Struktur aufgeklärt,[47][49] wofür nahezu der gesamte Rest der Substanzprobe verbraucht wurde.[4] Nach der Strukturaufklärung wurde für das Alkaloid der Name Epibatidin verwendet, der sich von dem Namen für die Gattung der Frösche Epipedobates ableitet.[48] Über die Entdeckung und Strukturaufklärung berichtete auch die Laienpresse wie in Deutschland etwa Der Spiegel.[50]

Die 1993 erstmals beschriebene Totalsynthese führte zu racemischen Epibatidin,[51] wenig später wurden auch stereoselektive Synthesen entwickelt.[52]

Verwendung als Gift

Der Entdecker Daly gab an, dass die Haut der Frösche keine traditionelle Verwendung hatte, und die Tiere in Equador als unbedeutender Bestandteil der Fauna galten.[4] Dem Kulturwissenschaftler Klaus Angerer zufolge, der zur Nutzung von biologischen Materialien vor dem Hintergrund eventueller „Biopiraterie“ publizierte, gab es widersprüchliche Aussagen zur traditionellen Nutzung von E. anthonyi als Pfeilgift.[53][54]

Der russische Oppositionelle Alexei Nawalny wurde in einem russischen Gefängnis tödlich vergiftet. In Gewebeproben aus Nawalnys Leichnam, die heimlich entnommen und aus Russland verbracht wurden, wurde Epibatidin festgestellt.[55][56] Am 14. Februar 2026 teilten die Außenminister von Frankreich, Deutschland, den Niederlanden, Schweden und dem Vereinigten Königreich dies in einer gemeinsamen Erklärung mit und verurteilten den Einsatz des Giftes.[57]

Literatur

Commons: Epibatidin – Sammlung von Bildern und Videos

Einzelnachweise

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