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Feministische Philosophie

zeitgenössische Strömung der Philosophie From Wikipedia, the free encyclopedia

Feministische Philosophie bezeichnet verschiedene Ansätze in der Philosophie des 20. Jahrhunderts und der Gegenwartsphilosophie, die sich mit den natürlichen sowie den soziokulturell und sozial konstruierten Unterschieden der Geschlechter (Gender) auseinandersetzen.[1] Als kritische philosophische Praxis untersucht sie, wie dominante Konzepte und Praktiken der Wissensproduktion – insbesondere hinsichtlich Zuschreibung, Aneignung und Legitimation von Wissen – zur Benachteiligung von Frauen und anderen marginalisierten Gruppen beitragen, und zielt darauf, diese Strukturen zu transformieren.

Feministische Philosophie analysiert beispielsweise, inwiefern geschlechtsspezifische Vorannahmen wissenschaftliche Forschung beeinflussen, und zeigt auf, dass vermeintlich universale Kategorien wie Rationalität, Objektivität oder Vernunft historisch häufig als männlich codiert wurden. Beispielsweise geht das Konzept des situierten Wissens (Donna Haraway), davon aus, dass jede Erkenntnis aus bestimmten sozialen und historischen Standpunkten hervorgeht. Die Standpunkttheorie (u. a. Sandra Harding, Patricia Hill Collins, Alison Wylie) argumentiert, dass epistemische Perspektiven aus marginalisierten sozialen Positionen unter bestimmten Bedingungen ein kritisches Potenzial und erkenntnistheoretische Vorteile bieten können. Dabei stellt feministische Philosophie nicht nur klassische Begriffe und Theorien in Frage, sondern entwickelt auch alternative Konzeptionen, die der Vielschichtigkeit geschlechtlicher, rassifizierter, klassenbasierter und anderer sozialer Machtverhältnisse Rechnung tragen.

Feministische Philosophie hat eine Vielzahl methodologischer Zugänge hervorgebracht – von empiristisch-analytischen über poststrukturalistische bis hin zu materialistisch-intersektionalen Ansätzen. Sie ist ausgeprägt interdisziplinär und bewegt sich an den Schnittstellen von Erkenntnistheorie, Ethik, politischer Philosophie, Wissenschaftstheorie und Ontologie.

Erste Ansätze feministischer Philosophie

Die kritische philosophische Reflexion der Geschlechterverhältnisse und der Rolle der Frau in Gesellschaft, Philosophie und Kultur hat eine lange und vielschichtige Vorgeschichte, die bis in die Antike zurückreicht. Im Einzelnen ist umstritten, inwieweit historische Philosophinnen proto-feministisch oder feministisch im weiteren Sinne betrachtet werden können, insofern sie etwa aus einer weiblichen Perspektive schrieben, sich kritisch mit weiblichen Rollen und Erfahrungen auseinandersetzten, explizit Frauenrechte und -bildung einforderten, zumal Philosophinnen die unterschiedlichsten Themenfelder der Philosophie bearbeiteten.[2] Fest steht allerdings, dass Frauen in der Geschichte trotz ihrer Leistungen systematisch aus dem philosophischen Diskurs gedrängt wurden. Die feministische Philosophie hat es sich daher auch zur Aufgabe gemacht, die Werke vergangener Philosophinnen wiederzuentdecken und bekannt zu machen.[3][4]

Bereits Hipparchia (um 300 v. Chr.), eine Vertreterin der kynischen Schule, stellte durch ihr Leben und Denken konventionelle Geschlechterrollen infrage. Sie lehnte traditionelle weibliche Lebensweisen bewusst ab, übernahm den kynischen Lebensstil und verteidigte ihr Recht, Philosophie zu betreiben, statt sich häuslichen Tätigkeiten zu widmen.[5] Auch Frauen bzw. Texte aus dem Kreise der Pythagoreer, wie Theano I, Myia, Aesara, Phintys und Periktione I, wandten philosophische Prinzipien wie die Harmonia auf spezifisch weibliche Lebensbereiche wie Ehe, Haushalt und Kindererziehung an und reflektierten über weibliche Tugenden und Pflichten innerhalb der gegebenen sozialen Ordnung.[6] Hypatia von Alexandria (um 355/370–415 n. Chr.), eine bedeutende Mathematikerin, Astronomin und neuplatonische Philosophin, gilt als frühes Beispiel weiblicher intellektueller Autorität. Sie leitete eine philosophische Schule in Alexandria und wurde Opfer eines gewaltsamen politischen Konflikts, der später oft als Symbol für die Unterdrückung weiblicher Gelehrsamkeit gedeutet wurde.[7] Seit 1986 erscheint Hypatia, eine nach ihr benannte Zeitschrift für feministische Philosophie.

Im Mittelalter formulierte Christine de Pizan (1364–1430) in Le Livre de la Cité des Dames (1405) eine systematische Kritik an frauenfeindlichen Schriften und entwickelte die Utopie eines intellektuellen Zufluchtsorts für Frauen.[8] Isotta Nogarola (1418–1466) argumentierte in einem Dialog über Adam und Eva gegen die traditionelle Zuschreibung weiblicher Schuld am Sündenfall.[9] Laura Cereta (1469–1499) verteidigte in ihren Briefen das Recht auf weibliche Bildung und kritisierte die Ehe als Mittel zur Unterdrückung von Frauen. Ihre Schriften können als frühe feministische Kritik am Humanismus gelesen werden.[10]

In der frühen Neuzeit verfasste Marie de Gournay (1565–1645) mit De l’égalité des hommes et des femmes (1622) eine grundlegende Abhandlung über die Gleichwertigkeit der Geschlechter.[11] Anna Maria van Schurman (1607–1678) argumentierte in ihrer Dissertatio de ingenii muliebris für den Zugang von Frauen zu höherer Bildung auf der Grundlage rationalistischer und theologischer Prinzipien.[12] Margaret Cavendish (1623–1673) kritisierte nicht nur die Ausgrenzung von Frauen aus der Wissenschaft, sondern entwickelte in ihren naturphilosophischen Schriften auch eine eigenständige, monistisch geprägte Philosophie der Materie.[13]

Im 18. Jahrhundert verband Mary Astell (1666–1731) cartesianische Erkenntnistheorie mit einer Kritik der Ehe als sozialer Institution und forderte eigenständige Bildungsräume für Frauen.[14] Émilie du Châtelet (1706–1749) verfasste bedeutende Arbeiten zur Metaphysik und Physik und argumentierte für den gleichberechtigten Zugang von Frauen zur Wissenschaft.[15] Mary Wollstonecraft (1759–1797) argumentierte in A Vindication of the Rights of Woman (1792), dass Frauen und Männer moralisch, politisch, ökonomisch und legal gleich bzw. gleich zu behandeln seien.[16] Olympe de Gouges (1748–1793) forderte in ihrer Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin (1791) die rechtliche und politische Gleichstellung von Frauen während der Französischen Revolution.[17]

Auch im 19. Jahrhundert traten Frauen zunehmend als eigenständige philosophische Stimmen in Erscheinung. Harriet Taylor Mill (1807–1858) beeinflusste maßgeblich das Werk von John Stuart Mill und formulierte liberale Argumente für die Gleichstellung der Geschlechter.[18] Margaret Fuller (1810–1850) verband in Woman in the Nineteenth Century (1845) transzendentalistische Philosophie mit sozialer Reform.[19] Harriet Martineau (1802–1876) war eine Pionierin der Soziologie, die Geschlechterverhältnisse empirisch untersuchte und ihre theoretischen Analysen mit politischen Forderungen verband.[20]

Entwicklung der feministischen Philosophie

Die Geschichte der feministischen Theorie und Philosophie wird häufig in „Wellen“ beschrieben – ein umstrittenes Modell, das interne Differenzen innerhalb jeder Phase sowie die historische Kontinuität feministischer Kritik mitunter verwischt.[21] Die „erste Welle“ (etwa Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts) konzentrierte sich demnach vor allem auf bürgerlich-liberale Forderungen wie das Frauenwahlrecht, Zugang zu Bildung und Eigentum sowie rechtliche Gleichstellung. Der britische Philosoph und Politiker John Stuart Mill (1806–1873) gilt als ein Vertreter des Liberalismus, seine Ansichten zur Situation der Frau in der Gesellschaft können als liberaler Feminismus bezeichnet werden.[22] Beeinflusst durch seine spätere Frau Harriet Taylor Mill (1807–1858), forderte er – seit 1865 als Repräsentant der Gesellschaft für das Frauenwahlrecht ins Parlament gewählt – das Frauenwahlrecht und das Scheidungsrecht.

Eine „zweite Welle“ (späte 1960er- bis frühe 1980er-Jahre) setzte sich kritisch mit patriarchalen Strukturen in Gesellschaft, Familie, Arbeitswelt, Sprache und Körperpolitik auseinander. In diesem Kontext etablierte sich feministische Philosophie als akademische Disziplin, die klassische philosophische Konzepte einer grundlegenden Revision unterzog und insbesondere die Männerdominiertheit und den allgegenwärtigen Sexismus des philosophischen Kanons kritisierte.[23]

Ein bedeutendes Werk an der Schwelle zwischen erster und zweiter Welle ist Simone de Beauvoirs Das andere Geschlecht (1949). Ihre These, dass die Frau nicht als autonomes Subjekt, sondern als „das Andere“ des Mannes konstruiert werde, wurde zu einer grundlegenden Inspirationsquelle für die feministische Theorie. Auf der Basis des Existentialismus und der existenzialistischen Phänomenologie fragte sie nach der Bedeutung des Konzepts des Geschlechts für Gesellschaft und Diskurs und zeigte die Unterdrückung der Frau im Patriarchat auf.[24]

Eine „dritte Welle“ (seit den 1990er-Jahren) wandte sich gegen die teils normativen Vorstellungen früherer Feminismen und rückte Intersektionalität in den Fokus – also die Verschränkung von Geschlecht mit anderen Kategorien wie Ethnizität, Klasse, Religion oder Sexualität. Die Verschränkung von feministischer Philosophie und Intersektionalität führte dazu, dass Frauen nicht mehr als homogene Gruppe gesehen wurden. Vielmehr wurde deutlich, dass FLINTA* je nach ihrer sozialen Position unterschiedliche Diskriminierungserfahrungen machen können.[25]

Fragestellungen

Erkenntnistheorie und Wissenschaftstheorie

Die feministische Wissenschaftstheorie untersucht, wie Geschlecht unsere Konzeptionen von Wissen, Wissenden und Praktiken der Erforschung und Rechtfertigung beeinflusst. Sie identifiziert, wie dominante Konzeptionen und Praktiken der Wissenszuschreibung, -aneignung und -rechtfertigung Frauen und andere untergeordnete Gruppen benachteiligen und versucht, sie zu reformieren, um den Interessen dieser Gruppen zu dienen. Sandra Harding hat für die feministische Erkenntnistheorie die Einteilung in drei Ansätze vorgeschlagen:[26]

  • Empiristische Ansätze: Diese gehen davon aus, dass die Praktiken und Normen der gegenwärtigen Naturwissenschaften ausreichen, um angemessene Forschungsresultate zu erreichen. Erst eine falsche oder fehlende Anwendung führt zu sexistischen oder androzentrischen Theorien.
  • Standpunkt-Theorien: Diese gehen davon aus, dass keine Theorie von speziellen Interessen und Werten unabhängig ist, halten aber eine richtige Darstellung der Welt durch solche Theorien dennoch für möglich. Der Standpunkt marginalisierter Gruppen (insbesondere Frauen) wird dabei als epistemisch privilegiert angesehen.
  • Postmoderne Ansätze: Diese weisen allgemeine Wissensansprüche über Wissen, Fortschritt und Identität überhaupt zurück und betonen die Lokalität, Partikularität und Kontingenz jeder besonderen Sichtweise.

Ein zentrales Konzept feministischer Erkenntnistheorie ist das des situierten Wissens, welches von Donna Haraway entwickelt wurde. Es besagt, dass Wissen immer die spezifischen Perspektiven des Wissenden widerspiegelt und niemals völlig unparteiisch oder objektiv sein kann.[27]

Feministische politische Philosophie

Die feministische Politische Philosophie untersucht beispielsweise die Strukturierung des Raums in eine häuslich-familiäre und eine öffentlich-politische Sphäre, die jeweils mit „Weiblichkeit“ oder „Männlichkeit“ assoziiert werden, und ihre Folgen für die Konzeption von Politik als Männerdomäne. Sie stellt das Selbstverständnis der Politik als geschlechtsneutrale, objektive und universale Wissenschaft in Frage und diskutiert u. a. die öffentlich/privat-Dichotomie und ihrer Auswirkungen auf die Unterdrückung von Frauen, Macht- und Herrschaftsstrukturen im Geschlechterverhältnis, das Verhältnis von Geschlecht zu anderen Kategorien sozialer Differenz wie Klasse, „Rasse“, sexueller Orientierung, Konzeptionen von Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit aus feministischer Perspektive, oder die Rolle von Care-Arbeit und Sorge in der politischen Theoriebildung.[28]

Feministische Ethik

Die feministische Ethik fragt nach den spezifischen Unterschieden einer männlichen und einer weiblichen Ethik und untersucht, inwieweit als typisch weiblich aufgefasste Handlungsmodelle wie Anteilnahme oder Fürsorge in traditionellen ethischen Konzepten zu kurz kommen. Wichtige Beiträge zur feministischen Ethik kamen von Carol Gilligan, die argumentierte, dass das dominante Konzept der moralischen Entwicklung und Subjektivität in Wirklichkeit ein bestimmter, männlicher Stil des moralischen Denkens sei und betonte, dass ein auf Fürsorge und Beziehungen basierender ethischer Ansatz nicht minderwertig sei. Die Care-Ethik, die auf diesen Erkenntnissen aufbaut, betont die Bedeutung von Fürsorge, Beziehungen und Kontextabhängigkeit bei moralischen Entscheidungen und stellt sich gegen abstrakte Prinzipien der Gerechtigkeit.[29] Rund um die Jahrtausendwende wurden vielfach Überlegungen zum Verhältnis von Care-Ethik und Gerechtigkeit angestellt. Konsens war dabei, dass beide zusammengedacht werden müssen, da Fürsorge ohne Gerechtigkeit zu Paternalismus führen kann.[30][31]

Metaphysik und Ontologie

Die feministische Metaphysik und Ontologie befasst sich mit grundlegenden Fragen der Struktur der Wirklichkeit aus feministischer Perspektive. Sie hinterfragt beispielsweise die vermeintliche Geschlechtsneutralität traditioneller metaphysischer Kategorien und untersucht, inwiefern Konzepte wie Substanz, Identität, Kausalität und Natur geschlechtlich codiert sind. Feministische Metaphysiker wie Elizabeth Grosz[32] und Judith Butler[33] haben neue ontologische Ansätze entwickelt, die die Materialität des Körpers und die performative Natur von Geschlecht betonen. Butlers Theorie der Performativität von Geschlecht hat gezeigt, wie Geschlechtsidentitäten durch wiederholte Handlungen konstituiert werden, anstatt natürliche oder wesentliche Eigenschaften zu sein.

Strömungen in der feministischen Philosophie

Liberaler Feminismus

Der liberale Feminismus folgt dem Liberalismus in seinem Fokus auf Freiheit und Gleichheit und konzentriert sich primär darauf, die persönliche und politische Autonomie von Frauen zu schützen und zu fördern. Er basiert auf der aufklärerischen Norm der gleichen Achtung der Person, wobei Person mit moralischer Gleichheit oder dem gleichen Wert der Person als moralischer Entscheider verbunden ist. Wichtige Vertreterinnen sind Susan Moller Okin, Martha Nussbaum und Eva Kittay, die die Arbeiten von John Rawls produktiv genutzt haben, um seine Theorie so zu erweitern, dass sie die Belange von Frauen berücksichtigt.[34]

Radikaler Feminismus

Der radikale Feminismus vertritt die Auffassung, dass bestehende Strukturen und Institutionen grundlegend umgestaltet – statt reformiert – werden müssen, um an die „Wurzel“ der Unterdrückung von Frauen zu gelangen. Im Gegensatz zum Liberalismus, der das Potenzial für Freiheit sieht, sieht der radikale Feminismus Herrschaftsstrukturen, die größer sind als jedes Individuum. Vertreterinnen wie Catharine MacKinnon führen die Wurzel der männlichen Herrschaft auf die Sexualität und die Vorstellung zurück, dass heterosexueller Geschlechtsverkehr männliche Herrschaft über Frauen ausübt. Das Patriarchat selbst dominiere Frauen, indem es sie als Objekte des männlichen Begehrens positioniere.[35] Radikale Feministinnen der 1970er und 1980er Jahre versuchten, die herrschende Ordnung auf verschiedene Weise abzulehnen, manchmal durch Befürwortung von weiblichen Separatismus (Mary Daly[36]) oder die Technologisierung der Fortpflanzung (Shulamith Firestone[37]).

Marxistischer, sozialistischer und materialistischer Feminismus

Diese Strömungen konzentrieren sich darauf, wie Produktionsweisen zusammen mit sich verändernden Produktions- und Reproduktionsverhältnissen die sozialen Arrangements (z. B. geschlechtsspezifische Arbeitsteilung, Geschlechterhierarchie) und Institutionen (z. B. Ehe, Mutterschaft, Familie) prägen, die zur Unterdrückung von Frauen beitragen. Marxistische und sozialistische Feministinnen nutzen Friedrich Engels’ Betonung der „Reproduktion des unmittelbaren Lebens“, um über orthodox-marxistische Lesarten hinauszugehen, die sich auf „Produktionsweisen“ konzentrieren, die die Erfahrung von Männern als Lohnarbeiter privilegieren. Theoretiker der sozialen Reproduktion analysieren stattdessen Formen der Arbeit, meist unbezahlte und hauptsächlich von Frauen verrichtete Haus- und Familienarbeit, die zur Erhaltung des Lebens auf individueller, familiärer und Artenebene beitragen. Wichtige Vertreterinnen sind Silvia Federici, deren Werk Caliban und die Hexe die Rolle der Hexenverfolgungen bei der Entstehung des Kapitalismus und der Unterwerfung der Frauen analysiert, sowie Nancy Fraser, die sich mit dem Verhältnis von Kapitalismus, Krise und Geschlechtergerechtigkeit auseinandersetzt.[38]

Poststrukturalistische, dekonstruktivistische und postmoderne Ansätze

Poststrukturalistische und dekonstruktivistische Ansätze in der feministischen Theorie analysieren kritisch, wie Sprache und Diskurse geschlechtliche Bedeutungssysteme konstruieren. Diese Denkrichtungen stützen sich u. a. auf Arbeiten von Michel Foucault zur Diskursanalyse und Jacques Derridas Konzept der Dekonstruktion, um binäre Oppositionen und essentialistische Identitätsvorstellungen grundlegend hinterfragen. Einige einflussreiche französische Theoretikerinnen haben diese Richtung maßgeblich geprägt: Luce Irigaray argumentiert, dass das weibliche Subjekt in der abendländischen Philosophiegeschichte systematisch als Negation oder Mangel des Männlichen konzipiert sei, wodurch Frauen eine eigenständige ontologische Position verweigert sei.[39] Hélène Cixous formulierte mit dem Konzept der „écriture féminine“ einen Ansatz des weiblichen Schreibens, das patriarchale Diskursstrukturen durchbrechen sollte, indem Frauen über ihre eigenen Erfahrungen und Körper schrieben.[40]

Judith Butlers Werke Das Unbehagen der Geschlechter und Körper von Gewicht revolutionierten die Geschlechtertheorie mit dem Konzept der Performativität. Sie argumentierte, dass Geschlecht nicht eine vordiskursive Realität darstelle, sondern durch wiederholte performative Akte erst hervorgebracht werde. Dabei dekonstruiert Butler die vermeintlich naturgegebene Unterscheidung zwischen biologischem Geschlecht (sex) und sozialem Geschlecht (gender), indem sie argumentiert, dass auch das biologische Geschlecht bereits diskursiv konstruiert sei und daher keine präkulturelle Gegebenheit darstelle. Anstelle essentialistischer und binärer Geschlechtermodelle setzt sie ein Verständnis von Geschlecht als kontinuierliches Spektrum differenzierter Subjektpositionen, das über die Zweigeschlechtlichkeit hinausgeht.[41]

Intersektionale Ansätze

Intersektionale Feminismen betonen, wie verschiedene Formen von Unterdrückung und Privilegien entlang bestimmter „Achsen“ der Identität (Geschlecht, Rasse, Klasse, Behinderung usw.) nicht unabhängig voneinander wirken, sondern sich auf komplexe Weise überschneiden und so unsere sozialen Beziehungen, Identitäten, Interessen und Erfahrungen prägen. Dieser Ansatz geht auf die Arbeit mehrerer Denkerinnen zurück, darunter Kimberlé Crenshaws Demarginalizing the Intersection of Race and Sex, Patricia Hill CollinsBlack Feminist Thought, Angela DavisWomen, Race, and Class und die Werke von Audre Lorde. Intersektionale Ansätze haben die feministische Philosophie tiefgreifend beeinflusst, indem sie die Vorstellung eines einheitlichen Subjekts „Frau“ in Frage gestellt und die Notwendigkeit betont haben, die komplexen Realitäten von Frauen mit unterschiedlichen Identitäten und Erfahrungen zu berücksichtigen.[42]

Transnationale, dekoloniale und indigene Feminismen

Postkoloniale und transnationale feministische Theoretikerinnen haben auf die Notwendigkeit hingewiesen, multiple globale Perspektiven zu berücksichtigen. Dem Eurozentrismus in der feministischen Theorie und Philosophie soll entgegengewirkt werden, indem sich auf die gelebten Realitäten von Frauen im Globalen Süden konzentriert wird.[43][44] Dekoloniale Feministinnen wie María Lugones konzentrieren sich auf die „Kolonialität des Geschlechts“. Sie gehen davon aus, dass bei der Kolonisierung von Ländern die Kolonisatoren auch ihre Vorstellungen von Geschlecht und Sexualmoral mitbrachten und der einheimischen Bevölkerung aufoktroyierten. Die dekoloniale feministische Philosophie versucht daher, indigene Kosmologien und Geschlechtsvorstellungen zu rekonstruieren, um so Alternativen zu gängigen Weltbildern im Globalen Norden aufzuzeigen.[45][46][47]

Feministische demokratische Theorie

Feministische demokratische Theorie beschäftigt sich mit der Frage, was es bedeutet, öffentliche Räume zu verwirklichen und demokratische Politik zu gestalten. Dabei haben deliberative Ansätze (z. B. Seyla Benhabib, Nancy Fraser, Iris Marion Young) vielfach Wurzeln in den sozialistischen und marxistischen Traditionen, besonders in der Frankfurter Schule der kritischen Theorie. Sie suchen nach Wegen, wie Menschen inmitten aller Unterschiede und Fragen über den Mangel an Grundlagen zu einer Einigung über Angelegenheiten von gemeinsamer Bedeutung kommen können. Agonistische Theoretikerinnen (z. B. Chantal Mouffe, Bonnie Honig) analysieren, inwieweit demokratische Theorien, die sich auf Konsens konzentrieren, die Art von Meinungsverschiedenheiten unterdrücken können, die für demokratischen Fortschritt unerlässlich sind. Sie konzentrieren sich daher mehr auf Pluralität, Dissens und die unaufhörliche Auseinandersetzung innerhalb der Politik.

Ökofeminismus und Umweltethik

Der Ökofeminismus verbindet feministische Anliegen mit ökologischen Fragen und argumentiert, dass die Herrschaft über und Zerstörung der Natur ein feministisches Thema von politischer Bedeutung sei. Als grundlegendes Problem wird die in der westlichen Philosophie propagierte Trennung zwischen Körper und Geist gesehen, wobei Ersterer unter Letzterem steht. Auf dieser Basis sei es möglich gewesen, die Natur als etwas „Unbeseeltes“ anzusehen und sie deshalb rücksichtslos auszubeuten. Hinzu kommt, dass unterdrückte Gruppen wie Frauen oder von Rassismus betroffene Menschen historisch häufig in die Nähe zur Natur gerückt wurden, um so ihre vermeintliche Unterlegenheit zu legitimieren.[48][49] Neuere ökofeministische Ansätze knüpfen an feministische Debatten rund um Care-Arbeit an und propagieren einen sorgenden Umgang mit der Natur.[50][51]

Posthumanismus und neue Materialismen

Diese neueren Ansätze stellen anthropozentrische Perspektiven in Frage und betonen die Handlungsfähigkeit und Bedeutung nicht-menschlicher Akteure, materieller Systeme und technologischer Netzwerke. Sie gehen davon aus, dass jede Materie Handlungsmacht besitzt und erweitern deshalb feministische Anliegen auf Fragen der Beziehungen zwischen Menschen, Technologien und nicht-menschlichen Wesen.[52] Denkerinnen wie Karen Barad, Rosi Braidotti und Jane Bennett theoretisieren materielle Wirklichkeit, Verkörperung und Handlungsfähigkeit jenseits „humanistischer“ Rahmen.

Feministische Technikphilosophie

Mit dem Aufkommen digitaler Technologien und sozialer Medien haben sich feministische Philosophinnen zunehmend mit Fragen der digitalen Gerechtigkeit, technologischen Governance und Online-Subjektivität befasst (Cyberfeminismus). Sie untersuchen, wie Geschlecht und andere Identitätskategorien im digitalen Raum dargestellt, performt und reguliert werden.[53][54] Darüber hinaus zeichnet die feministische Technikphilosophie ein kritischer Blick auf die vermeintliche Neutralität von (zumeist von Männern erdachte) Technik aus. Dabei steht nicht die Frage im Vordergrund, was technisch machbar ist, sondern welche Nutzung von Technik moralisch gut ist.[55] Elizabeth A. Wilson analysiert beispielsweise den Zusammenhang von Affekt, Intersubjektivität und IT-Wissenschaften. Anhand von Texten und Briefen von Alan Turing und Walter Pitts zeigt sie, dass Theorie und Praxis der künstlichen Intelligenz von Anfang an entscheidend von Gefühlen geprägt waren.[56]

Biopolitik und Körperlichkeit

Aufbauend u. a. auf Michel Foucaults Arbeit zur Biopolitik haben feministische Philosophinnen untersucht, wie Macht auf der Ebene des Körpers operiert und wie neoliberale Forderungen nach Autonomie, Selbstgenügsamkeit und Selbstdisziplin Individuen auf der Ebene der Subjektivität beeinflussen. Dabei geht es insbesondere um reproduktive Rechte und wie Heteronormativität und die binäre Geschlechterordnung durch staatliche Regulierung gestützt werden.[57][58]

Literatur

  • Miranda Fricker, Jennifer Hornsby: Feminism in Philosophy. Cambridge University Press, Cambridge 2000 (englisch).
  • Ursula I. Meyer: Einführung in die feministische Philosophie. 3., überarbeitete Auflage, Ein-Fach, Aachen 2004, ISBN 3-928089-37-4 (2. Auflage: dtv 1997, ISBN 3-423-30635-1).
  • Herta Nagl-Docekal: Feministische Philosophie: Ergebnisse, Probleme, Perspektiven. 2. Auflage. Fischer, Frankfurt/M. 2001, ISBN 3-486-56082-4, ISBN 3-7029-0387-9.
  • Herta Nagl-Docekal: Feministische Philosophie: Wie Philosophie zur Etablierung geschlechtergerechter Bedingungen beitragen kann. In: Ruth Becker, Beate Kortendiek (Hg.): Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorien, Methoden, Empirie. 3., erweiterte und durchgesehene Auflage. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2010, ISBN 978-3-531-92041-2, S. 302–311.

Einzelnachweise

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