Simone de Beauvoir

französische Schriftstellerin, Philosophin und Feministin des 20. Jahrhunderts From Wikipedia, the free encyclopedia

Simone Lucie Ernestine Marie Bertrand de Beauvoir [siˈmɔn də boˈvwaʁ] (* 9. Januar 1908 in Paris; † 14. April 1986 ebenda) war eine französische Schriftstellerin, Philosophin und Feministin. Sie engagierte sich immer wieder politisch und verfasste zahlreiche Romane, Erzählungen, Essays und Memoiren. De Beauvoir gilt als Vertreterin des Existentialismus. Mit ihren beiden existentialistischen Romanen L’Invitée (1943; deutsch: Sie kam und blieb) und Le Sang des autres (1945), 1984 von Claude Chabrol als Das Blut der Anderen verfilmt, erlangte Simone de Beauvoir Anerkennung als Schriftstellerin. Der Welterfolg Das andere Geschlecht (Le Deuxième Sexe, 1949) gilt als ein Meilenstein der feministischen Literatur und machte sie zu einer der bekanntesten Intellektuellen Frankreichs. Auch ihre Essays gelten als wichtige Beiträge zu den jeweiligen Fachgebieten. Ihr langjähriger Lebenspartner war Jean-Paul Sartre.

Simone de Beauvoir, 1967

Leben und Wirken

Herkunft, Kindheit und Jugend

Simone de Beauvoir wurde als ältere von zwei Töchtern des Ehepaares Georges und Françoise Bertrand de Beauvoir in Paris, Boulevard du Montparnasse 103, geboren.[1] Ihr Urgroßvater, François Bertrand, war ein höherer Amtsträger in der Finanzverwaltung der Normandie gewesen, hatte reich geheiratet, das Landgut Meyrignac im Limousin gekauft und sich den adelig klingenden Namenszusatz „de Beauvoir“ zugelegt. Simone de Beauvoirs Großvater, der ebenfalls eine reiche Bürgerstochter ehelichte, zog nach Paris und bekleidete dort höhere und schließlich hohe Posten in der Stadtverwaltung, ehe er sich in fortgeschrittenem Alter auf Meyrignac zurückzog. Simone de Beauvoirs Vater studierte Jura, da das Landgut seinem älteren Bruder zufallen sollte, und arbeitete als Anwalt in einer renommierten Kanzlei, doch ohne Ehrgeiz, denn er konnte auskömmlich von dem ihm ausgezahlten Erbteil leben. Sein eigentliches Interesse galt der Literatur und dem Theater. Als junger Mann rezitierte er Gedichte in den bürgerlichen und adligen Salons, die sich ihm öffneten, und engagierte sich in privaten Theatergruppen. Als er 30 Jahre alt wurde, ließ er sich mit der 20-jährigen Tochter des Privatbankiers Brasseur aus Verdun bekannt machen und heiratete sie schließlich aus Zuneigung, nachdem ihn anfangs vor allem die Aussicht auf eine gute Mitgift angetrieben hatte, während er bereit war, seinen adeligen Namen in die Ehe einzubringen. Gemäß seiner Herkunft und seinem Milieu war er Konservativer und Nationalist. In religiöser Hinsicht war er, wie viele gebildete Männer seines Standes, Agnostiker, doch hielt er es für selbstverständlich, dass seine Frau sehr streng römisch-katholisch war und die Töchter fromm erzog. Simone de Beauvoir führte später ihre Entwicklung zu einer Intellektuellen nicht zuletzt darauf zurück, dass sie schon als Kind lernen musste, sich in divergenten geistigen Welten zu bewegen.

Zusammen mit ihrer zweieinhalb Jahre jüngeren Schwester Hélène besuchte Simone bereits mit fünfeinhalb Jahren ein katholisches Mädcheninstitut, den Cours Désir in der Rue Jacob in Paris. Sie war eine gute Schülerin, las sehr viel und schrieb gern. Die Ferienaufenthalte auf den Landgütern des Großvaters sowie der Schwester ihres Vaters, die einen Landadeligen geheiratet hatte, waren für sie Zeiten der Freiheit und des Kontakts mit der Natur.

De Beauvoir wurde bereits in jungem Alter mit Entbehrungen konfrontiert, die der Erste Weltkrieg den Franzosen abverlangte. Ihre Eltern verarmten bei Kriegsende. Das lag zum einen daran, dass ihr Großvater, Brasseur, sein Vermögen verlor und die Mitgift nicht weiter abzahlen konnte. Zum anderen ging das Vermögen ihres Vaters, das weitgehend in russischen Wertpapieren angelegt war, durch die Oktoberrevolution 1917 verloren oder wurde durch die Inflation dezimiert. Nach dem Krieg musste sich ihr Vater mit mäßig bezahlten unsicheren Anstellungen begnügen, sodass die Familie in eine kostengünstigere Wohnung umzog. Da ihm klar war, dass er den Töchtern keine angemessene Mitgift geben konnte, bereitete er sie, wenn auch widerwillig, durch eine gute Ausbildung darauf vor, eventuell ledig bleiben und berufstätig werden zu müssen. Diese Aussichten schienen Simone gelegen zu kommen: anfangs, weil sie daran dachte, Nonne zu werden, und später, weil ihr Idealbild von sich das einer ständig Lernenden und etwas Erschaffenden war und nicht das einer Hausfrau und Mutter.

Neben dem engen Verhältnis zu ihrer Schwester war ihr (ungefähr zwischen dem zehnten und zwanzigsten Lebensjahr) die Freundschaft mit einer anfangs bewunderten Klassenkameradin aus reicher Familie, Elisabeth Lacoin (in ihrer Autobiografie Elisabeth Mabille oder Zaza genannt), wichtig. Allerdings wagte sie nicht, diese einzuweihen, als sie im Alter von 14 Jahren ihren bis dahin tiefen Glauben verlor. Vielmehr spiegelte sie ihrer Umgebung jahrelang weiterhin Frömmigkeit vor. Tatsächlich war ihre Mutter entsetzt, als sie schließlich die Wahrheit erfuhr, und auch ihr Vater war enttäuscht, da sich in seinen Augen Atheismus für ein wohlerzogenes junges Mädchen nicht schickte. In ihrer katholischen Schule wurde sie ebenfalls durchschaut und als Opfer des Teufels betrachtet, als sie sich zwischen dem ersten und dem zweiten Teil des Baccalaureats (Abiturs), das sie vor einer Kommission in der Sorbonne ablegte, entschloss, das Lehramt im Fach Philosophie an staatlichen, also laizistischen Gymnasien anzustreben.

Für das letzte Schuljahr (1926/1927) hatte sie Mathematik und Philosophie als Leistungsfächer gewählt. Letzteres führte sie am privaten Institut Sainte-Marie weiter, besuchte aber auch Vorlesungen im Fach Lettres an der Sorbonne. Um sich etwas Freiheit vom strengen Regiment ihrer Mutter zu verschaffen, war sie in einem katholischen Bildungs- und Wohltätigkeitsverein aktiv. Daneben lernte sie diverse junge Intellektuelle kennen und begann einen Roman zu schreiben. Erste Liebesbeziehungen fallen in diese Zeit: Sie unterhielt ein frustrierend wechselhaftes, keusches Verhältnis zu einem Cousin, den sie zu heiraten gedachte, bis er sich hinter ihrem Rücken – inzwischen allerdings fast zu ihrer Erleichterung – mit einem Mädchen mit Mitgift verlobte. Ein Lehrauftrag für Psychologie, den ihr ihre Philosophiedozentin im Sainte-Anne verschafft hatte, brachte ihr erste Erfahrungen als Lehrerin und einen kleinen Verdienst ein, den sie unter anderem dazu nutzte, heimlich Nachtlokale zu besuchen.

Insgesamt durchlebte de Beauvoir die Adoleszenz – so zumindest ihre Erinnerung – als eine Zeit vieler innerer Konflikte und depressiver Phasen, vor allem weil sie fühlte, dass sie die Erwartungen ihrer Umgebung enttäuschte, indem sie sich sträubte, die Rolle eines anständigen bürgerlichen Mädchens zu verinnerlichen, einer „jeune fille rangée“, wie sie sich ironisch im Titel des ersten Bandes ihrer Memoiren nennt. Immerhin gaben ihr ihre stets vorzüglichen Schul- und Prüfungsleistungen einen gewissen Halt, denn sie sah, dass sich sowohl ihre Eltern als auch die frommen Lehrerinnen mit ihren Erfolgen schmückten.

Beginn der beruflichen Laufbahn: Lehrerin, Autorin und Intellektuelle

Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir am Denkmal von Balzac

Nachdem sie 1928, wiederum an der Sorbonne, mit bestem Ergebnis die Licence erworben hatte, begann sie mit gestärktem Selbstbewusstsein die Agrégation, die Rekrutierungsprüfung für Gymnasiallehrer, vorzubereiten. Hierzu besuchte sie die dafür angebotenen Kurse an der Sorbonne, aber auch an der École normale supérieure, der Elitehochschule für die Lehramtsfächer. Zugleich schrieb sie an der Sorbonne eine Diplomarbeit über Leibniz im Fach Philosophie. Nebenher knüpfte und unterhielt sie, inzwischen meistens mit sich selbst im Reinen, freundschaftliche Beziehungen mit jungen Leuten in ihrem nun überwiegend intellektuellen Umfeld, darunter mehreren Normaliens (Studenten der École Normale Supérieure). Dabei kam sie mit einem Studienfreund Jean-Paul Sartres näher in Kontakt und über ihn schließlich mit Sartre selbst, den sie vom Hörensagen kannte und dem auch sie bereits ein Begriff war. Gemeinsam bereiteten sie sich nun auf die Agrégation vor, an der er im Jahr zuvor gescheitert war.

Nach Erlangen der Agrégation, bei der sie hinter Sartre die Rangzweite unter 13 angenommenen Kandidaten war, suchte de Beauvoir vergeblich eine Anstellung in Paris. Daher verzichtete sie, sofort in den Schuldienst einzutreten, und begnügte sich mit Lehraufträgen an Pariser Gymnasien und dem Erteilen von Nachhilfestunden. Sie zog zu Hause aus, mietete ein möbliertes Zimmer bei ihrer Großmutter und genoss ihre Unabhängigkeit. Dies tat sie zusammen mit Sartre, den sie nun fast täglich traf und mit dem sie derart harmonierte, dass sie zustimmte, mit ihm ein „Pachtverhältnis“ (bail) für zunächst zwei Jahre einzugehen, in denen ihre Beziehung eine „notwendige“ sein sollte, die allerdings „zufällige“ weitere Beziehungen nicht ausschließen sollte. Über die sexuellen Aspekte ihres Verhältnisses zu Sartre schwieg de Beauvoir, doch gilt als sicher, dass sie sich nicht mit einer rein intellektuellen Symbiose begnügten. Viele bisherige Freundschaften gab de Beauvoir nun weitgehend zugunsten der Freunde Sartres auf, darunter Raymond Aron und Paul Nizan. Dass Sartre schon im November zu 18 Monaten Wehrdienst eingezogen wurde, ließ sich verschmerzen, weil sie ihn häufig in Paris oder an seinem Dienstort nahe Tours treffen konnte.

Eher aus Pflichtbewusstsein begann sie einen weiteren Roman zu schreiben, doch ihr abwechslungsreiches Leben ließ ihr nicht die nötige Ruhe dazu. Nach zwei Jahren, die reich an Lektüren, Diskussionen und Erfahrungen aller Art waren, darunter eine erste Auslandsreise nach Spanien, trat sie im Herbst 1931 ihren Dienst als Philosophielehrerin in Marseille an. Sartre arbeitete nach dem Wehrdienst seit Sommer 1931 in Le Havre. Da es für Ehepaare im öffentlichen Dienst die Möglichkeit gab, in räumlicher Nähe zueinander beschäftigt zu werden, bot Sartre de Beauvoir die Heirat an, die sie jedoch ablehnte.

Marseille empfand de Beauvoir als Exil, wo sie zwar ihre Rolle als Lehrerin ernst nahm, sich für ihre Schule und die Kollegen aber kaum interessierte und ihre überschüssige Energie für lange Wanderungen in der Umgebung verwendete. Schon im Folgejahr wurde sie nach Rouen versetzt, in die Nachbarschaft Sartres. 1936 konnte sie nach Paris zurückkehren, um am Lycée Molière und später am Lycée Camille Sée zu unterrichten. Auch Sartre schaffte es 1937, über Etappen in Le Havre und Laon nach Paris zurückzukehren, das ihr gemeinsamer Lebensmittelpunkt geblieben war. Während de Beauvoir am Lycée Molière unterrichtete, unterhielt sie eine kurze sexuelle Beziehung mit der 16-jährigen Schülerin Bianca Lamblin, die auch mit Sartre intim wurde.[2][3][4]

Nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Frankreich 1940 erklärten sich der Präsident der nicht besetzten Zone, des État français (Vichy-Regime), Marschall Pétain, und sein Premierminister, Pierre Laval, zur Zurückhaltung gegenüber den Deutschen bereit und richteten ihre Gesetzgebung eilfertig am Nationalsozialismus aus, in der Hoffnung, die Unabhängigkeit des État français erhalten zu können (Kollaboration in Frankreich (1940–1944)). Zu dieser Zeit organisierten Sartre und de Beauvoir, die weiterhin in Paris, in der besetzten Zone, blieben, eine Widerstandszelle. Die erste Sitzung fand in Simone de Beauvoirs Zimmer statt, anwesend waren Merleau-Ponty, Pierre Bost und Dominique Desanti. Bald kooperierte die Zelle mit der Gruppe um Alfred Péron, die mit den Partisanen General Charles de Gaulles in Verbindung stand. Die Grundziele der Zelle waren in ihrem Namen zusammengefasst: Socialisme et Liberté, Sozialismus und Freiheit.[5] Die Zelle löste sich stillschweigend auf, als Sartre und de Beauvoir begannen, sich um eine Zusammenarbeit mit André Gide und André Malraux zu bemühen.[6]

Die Veröffentlichung einer ersten Erzählung de Beauvoirs, Quand prime le spirituel (Marcel, Lisa, Chantal), wurde von zwei Verlagen abgelehnt. Als Mitglieder der kommunistischen Intelligenz Sartre aufforderten, dem nationalen Schriftstellerbund (CNE) beizutreten, wurde dort de Beauvoir nicht aufgenommen, da von ihr noch kein Roman erschienen war. Als 1943 ein Mitglied des CNE verhaftet wurde, brachten sich Sartre und de Beauvoir vorübergehend außerhalb von Paris in Sicherheit.[7]

De Beauvoirs erster Roman erschien 1943 unter dem Titel L’Invitée (Sie kam und blieb) und bedeutete ihren Durchbruch als Schriftstellerin.[8] Im selben Jahr entließ man sie aus dem Schuldienst, und sie arbeitete als Programmgestalterin bei der Hörfunkstation Radio Nationale. Im darauffolgenden Jahr veröffentlichte sie in dem Band Pyrrhus et Cinéas mehrere philosophische Essays.[8] Ihren Ruf als führende Autorin festigte sie mit ihrem zweiten existentialistischen Roman, Le Sang des autres (Das Blut der Anderen, 1945).

Die Zeit des Café de Flore und der Temps Modernes

Café de Flore in Paris

De Beauvoir verkehrte regelmäßig im Café de Flore im Pariser Stadtteil Saint-Germain-des-Prés, das sich zu einem Künstler- und Intellektuellentreffpunkt entwickelte.[9] Dort arbeitete sie, verabredete sich mit Freunden wie Fernando Gerassi und traf 1943 auch Albert Camus, nachdem sie dessen Roman Der Fremde gelesen hatte. Camus arbeitete beim Verlag Gallimard, war in Untergrundaktivitäten verwickelt und an Gestaltung, Druck und Verteilung der illegal erscheinenden Zeitung Combat[10] beteiligt. Eines Abends stellte ihr Michel Leiris den spanischen Maler Pablo Picasso und Dora Maar vor;[11] Picasso hatte ein kleines Schauspiel geschrieben hatte, das sie öffentlich in verteilten Rollen vorlasen. An diesen Abenden lernte de Beauvoir den Psychiater Jacques Lacan und seine Freundin Sylvia Bataille, eine Schauspielerin, kennen und traf zum ersten Mal den Dramatiker Armand Salacrou.[11] Zu ihrem Bekanntenkreis gehörte auch der Romancier, Dramatiker und Dichter Jean Genet.[12]

Nach der Befreiung Frankreichs 1945 besuchte de Beauvoir Portugal und wurde Autorin des inzwischen regulär erscheinenden Combat. Im selben Jahr lernten Sartre und sie über Raymond Queneau den Filmregisseur und Schriftsteller Alexandre Astruc kennen.[13] Ebenfalls 1945 kam es zur Uraufführung von de Beauvoirs Theaterstück Les Bouches inutiles (Die unnützen Mäuler), und ab Oktober erschienen die ersten Ausgaben der von ihr und Sartre gegründeten literarisch-politischen Zeitschrift Les Temps Modernes, die zu einem führenden Organ der Pariser Intellektuellen der Nachkriegszeit wurde. 1945 wurde auch de Beauvoirs dritter Roman, Tous les hommes sont mortels (Alle Menschen sind sterblich), veröffentlicht.[8]

Die Redaktion der Temps Modernes setzte sich aus Simone de Beauvoir, Michel Leiris, Maurice Merleau-Ponty, Albert Olivier, Jean Paulhan und Jean-Paul Sartre zusammen.[14] In der Zeitschrift wurden drei Kapitel aus de Beauvoirs feministischer Schrift Das andere Geschlecht und 1947 ein Reisetagebuch de Beauvoirs publiziert.[15]

Zeit der Reisen, Welterfolg Das andere Geschlecht und Prix Goncourt für Die Mandarins

1946 hatte de Beauvoir im Café de Flore Philippe Soupault kennengelernt, einen Freund des Surrealisten André Breton, der in der Kulturabteilung des französischen Außenministeriums arbeitete. Er verschaffte ihr 1947 eine Vortragsreise in die USA, wo sie den amerikanischen Schriftsteller Nelson Algren kennenlernte. Über Eindrücke von ihrem Aufenthalt in Nordamerika schrieb sie das Tagebuch in Les Temps Modernes, in dem sie den in den USA vorherrschenden Kommerz und materiellen Überfluss kritisierte. Zwischen 1947 und 1952 führte de Beauvoir eine Liebesbeziehung mit Algren.[15]

Nelson Algren, 1956

In New York erhielt sie die Gelegenheit, sich mit amerikanischen Schriftstellern wie Richard Wright, Dwight MacDonald und Mary McCarthy auszutauschen.[16] Nach drei Wochen dort fuhr sie nach Washington und weiter nach Georgia und Ohio, wo sie integrierte und koedukative Schulen besichtigte. Es folgten Vorträge in Detroit, Pittsburgh, St. Louis, Chicago und an der University of California in Berkeley. Außerdem konnte sie Henriette Nizan wiedersehen und traf in Kalifornien den Regisseur William Wyler und den Komponisten Darius Milhaud. Nach einem Monat in New Mexico reiste sie nach New York zurück und begegnete dort Joan Miró und Carlo Levi.[17] Nach der Rückkehr nach Frankreich erschienen ihr Essay Pour une morale de l’ambiguité (Für eine Moral der Doppelsinnigkeit) und das Reisetagebuch L’Amérique au jour le jour (Amerika – Tag und Nacht).[8] 1947 flog de Beauvoir noch einmal nach Chicago, um Algren wiederzusehen.[18]

Im Jahr 1947 reiste de Beauvoir mit Sartre nach Skandinavien, über Kopenhagen und Stockholm bis an den Polarkreis zu einem kleinen samischen Dorf.[18] Im Februar 1948 begleitete de Beauvoir Sartre nach Berlin, und beide wohnten der dortigen Premiere seines Dramas Die Fliegen bei.[19] Im Mai desselben Jahres begrüßte de Beauvoir die Gründung des Staates Israel; kurz zuvor hatte Sartre einen Artikel geschrieben, in dem er die Gründung eines jüdischen Staates fordert, der von der UNO militärisch geschützt werden soll.[20]

De Beauvoirs Welterfolg Das andere Geschlecht erschien 1949 (deutsch 1951) und machte sie zur bekanntesten Intellektuellen Frankreichs. Sie wurde von Regierungen eingeladen und reiste durch ganz Europa, nach Nord-, Mittel- und Südamerika, in den Nahen und Fernen Osten, in die Sowjetunion und nach China.[8] Über ihre Reiseerfahrungen schrieb sie in Reportagen und Tagebüchern. Bevor de Beauvoir nach Chicago flog, um zwei weitere Monate mit Algren zu verbringen, entschloss sie sich 1950 zu einem gemeinsamen Urlaub mit Sartre. Michel Leiris schlug ihnen vor, nach Afrika zu fahren, zunächst nach Algerien und weiter bis nach Äquatorialafrika.[21]

In diesem Haus in der Rue Victor Schoelcher Nr. 11 bis im Pariser Quartier Montparnasse lebte Simone de Beauvoir von 1955 bis 1986

Bei de Beauvoirs Rückkehr nach Paris erreichte der Kalte Krieg einen Höhepunkt, und Camus riet Sartre zu emigrieren, da er fürchtete, sowjetische Truppen könnten in Frankreich einfallen.[22] 1951 reiste de Beauvoir mit Sartre nach Norwegen, Island und England; damals zeigte sie Sartre die erste Version ihres Romans Die Mandarins von Paris.[23]

Von 1952 bis 1958 war de Beauvoir mit dem späteren Filmemacher Claude Lanzmann liiert. Lanzmann sagte in einem Interview im Januar 2009: „Und mit Simone de Beauvoir lebte ich sieben Jahre zusammen. Ich war der einzige Mann, mit dem sie je eine Wohnung teilte.“[24]

Im Oktober 1954 erhielt sie den renommierten Prix Goncourt für Die Mandarins von Paris.[25] 1955 veröffentlichte sie die Aufsatzsammlung Privilèges, in Deutschland verteilt auf zwei Bände mit den Titeln Soll man de Sade verbrennen? und Auge um Auge.[8] Der Ungarn-Aufstand 1956 fiel mit der militärischen Intervention Großbritanniens und Frankreichs in Ägypten zusammen. In der öffentlichen Wahrnehmung drängte die Suez-Krise die Ungarn-Frage in den Hintergrund. Gemeinsam mit anderen nichtkommunistischen Mitgliedern der Friedensbewegung setzten de Beauvoir und Sartre eine Resolution durch, die den Abzug der sowjetischen Truppen aus Ungarn forderte.

Von 1953 an lebte de Beauvoir den Sommer über in Rom. Die italienische Hauptstadt wurde ihr und Sartre in diesen Jahren zur zweiten Heimat. Sie verbrachten dort jährlich vier Monate und wohnten meist in einem Doppelzimmer in der Albergo Nazionale an der Piazza di Monte Citorio. Manchmal aßen sie bei Carlo Levi und trafen den Vorsitzenden der kommunistischen Partei Italiens, Palmiro Togliatti.[26] Levi stellte de Beauvoir und Sartre ihren Schriftstellerkollegen Alberto Moravia vor, einen der führenden Autoren Italiens.[27]

Die Jahre des Algerienkriegs

1956 spitzte sich die Situation in Französisch-Algerien zu. Es gab in Frankreich öffentliche Protestkundgebungen gegen das Vorgehen der Kolonialmacht, man organisierte Demonstrationen und Streiks, und die Abfahrt von Truppentransporten wurde durch illegal errichtete Straßensperren behindert.[28] De Beauvoir und Sartre waren von Anfang an gegen den Krieg. Zwei Ausgaben von Les Temps Modernes wurden von den Behörden beschlagnahmt, weil sie angeblich „aufrührerische“ Artikel enthielten. Die Büroräume der Zeitschrift wurden durchsucht und Francis Jeanson inhaftiert, weil er seine Sympathie für die algerische Befreiungsfront FLN deutlich gezeigt hatte.[29] Von Soldaten hatten die Autoren der Temps Modernes Augenzeugenberichte über Folterungen, Plünderungen und nächtliche Massaker erhalten, die sie in ihren Artikeln verarbeiteten.[30]

Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre im Gespräch mit Che Guevara in Kuba, 1960

Unterdessen schloss Sartre einen Vertrag mit der Zeitung France-Soir, für die er eine Artikelserie über das neue Kuba schreiben sollte. De Beauvoir und Sartre reisten gemeinsam in das karibische Land und trafen dort privat mit Che Guevara zusammen, machten mit Fidel Castro eine Rundfahrt und führten zahlreiche Gespräche. De Beauvoir, Sartre und Castro nahmen auch an der Beerdigung der ersten Opfer der gegen Castro gerichteten Bombensabotage teil.[31] Von Havanna flogen de Beauvoir und Sartre über New York nach Paris zurück, wo das politische Klima weiterhin vom Algerienkrieg bestimmt war.

Algerienfranzosen, die sogenannten Pieds-noirs, hatten als Reaktion auf de Gaulles Selbstbestimmungsangebot an die Algerier Straßenbarrikaden in Algier errichtet. De Beauvoir schrieb einen Artikel in Le Monde über die Folterpraxis französischer Militärs in Nordafrika und gründete mit ihrer Anwältin, Gisèle Halimi, ein Komitee zur Verteidigung des Mädchens Djamila Boupacha, eines der Opfer aus Algier. Diese Kampagne wurde von der populären Schriftstellerin Françoise Sagan in dem linksliberalen Wochenmagazin L’Express unterstützt.[32] Durch die Veröffentlichung des Buches Djamila Boupacha wurde auch Simone de Beauvoir zur Zielscheibe von Terroristen. Eigentlich wollte sie nur das Vorwort zu dem von Halimi verfassten Bericht schreiben, trat aber schließlich als Co-Autorin auf, um die Verantwortung gegenüber der Justiz mit Halimi zu teilen.[26] Im Jahr 1971 zählten de Beauvoir und Halimi zu den Gründerinnen des Vereins Choisir la cause des femmes, dessen erste Präsidentin de Beauvoir war (bis 1981). Am 18. März 1962 unterzeichneten Abgesandte Frankreichs und die Exilregierung der Republik Algerien das Abkommen von Évian, durch das der Algerienkrieg beendet wurde.[26]

Letzte Jahre

Grabstein von Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir am Cimetière Montparnasse (2014)

1977 unterschrieb de Beauvoir im Geiste der sexuellen Revolution und der Emanzipationsbewegungen der 1960er/1970er Jahre einen von dem Schriftsteller Gabriel Matzneff initiierten Appell zur Entkriminalisierung der Pädophilie, der in den Zeitungen Libération und Le Monde erschien. Anlass war der Prozess gegen drei Männer, die wegen Unzucht mit zwölfjährigen Jungen und Mädchen strafrechtlich verurteilt wurden.[33][34][35] Zu den Unterzeichnern zählten etwa sechzig prominente Intellektuelle, darunter Jean-Paul Sartre, Gilles Deleuze, Guy Hocquenghem, Louis Aragon, Roland Barthes, Philippe Sollers und der spätere Kulturminister Jack Lang.[36][37] Seit den 2020er Jahren wird dieses Engagement rückblickend kritisch gesehen.

De Beauvoir pflegte ihren Lebensgefährten Sartre während seiner langen Krankheit bis zu seinem Tod im Jahr 1980. In diesem Jahr adoptierte sie die Philosophielehrerin Sylvie Le Bon, um ihren Nachlass zu regeln. 1981 veröffentlichte sie Die Zeremonie des Abschieds (La Cérémonie des adieux), einen schmerzhaften Rückblick auf die letzten Jahre des Lebens Sartres.

Simone de Beauvoir starb am 14. April 1986 und wurde auf dem Cimetière Montparnasse in Paris an der Seite Jean-Paul Sartres bestattet.

Werke

Die Werke Hegels und die von Sören Kierkegaard, der den Willen über die Vernunft stellte und forderte, dass niemand in der Auseinandersetzung mit dem Menschen zu wissenschaftlich vorgehen dürfe, beeinflussten Simone de Beauvoirs Denken. Die Wissenschaft, die sich mit allgemeinen Erscheinungen befasst, kann Dinge nur von außen her beleuchten, sagte Kierkegaard.[38] Ihre philosophischen Werke verbinden sich stark mit dem Sartreschen Existentialismus. Simone de Beauvoir gilt auch als eine der Begründerinnen des Feminismus nach 1968.

Nach dem Tod von Simone de Beauvoir schrieb die US-amerikanische Feministin Kate Millett: De Beauvoir war immer wieder heftigen Anfeindungen ausgesetzt. Neben der zu erwartenden Kritik aus dem bürgerlich-konservativen Lager, legte sie sich auch mit der Linken an, weil sie (vor allem in späteren Jahren) davon überzeugt war, dass sich die Unterdrückung der Frau nicht automatisch im Kommunismus auflösen werde. Auch von Feministinnen wurde sie angegriffen. Im Zentrum der Kritik standen dabei meist ihre Beschreibungen des weiblichen Körpers und ihre „Entmystifizierung“ der Mutterschaft.

„Wenn man uns sagt: ‚Immer schön Frau bleiben, überlasst uns nur all diese lästigen Sachen wie Macht, Ehre, Karrieren, seid zufrieden, dass ihr so seid: erdverbunden, befasst mit den menschlichen Aufgaben …‘ Wenn man uns das sagt, sollten wir auf der Hut sein!“

Simone de Beauvoir[39]

Simone de Beauvoirs erster Roman Sie kam und blieb, geschrieben in den Kriegsjahren 1938 bis 1941, wie auch die folgenden Romane Das Blut der anderen und Alle Menschen sind sterblich gelten als ihre existentialistischen Romane, in denen Figuren und Handlungen Träger moralischer und philosophischer Fragen sind.[40] Theorien wie die des englischen Philosophenpaares Kate und Edward Fullbrook in ihrem 2008 in London erschienenen Buch Sex and Philosophy: Rethinking de Beauvoir and Sartre, gehen – nicht zuletzt nach genauem Studium der spät veröffentlichten Briefe von de Beauvoir und Sartre aus dieser Zeit – davon aus, dass de Beauvoir den Sartreschen Existentialismus vorausgedacht hat, nur eben nicht abstrakt, sondern eingebunden in Literatur. Als einer der Belege für diese These gilt die folgende Eingangsszene des Romans Sie kam und blieb:

„Ich bin da, mein Herz schlägt.“

Simone de Beauvoir[40]

Sie kam und blieb

Bereits bei diesem ersten veröffentlichten Roman Sie kam und blieb hat de Beauvoir ihren Ton gefunden: einen sprachlich uneitlen, dicht an der gesprochenen Sprache orientierten, auf Information und Kommunikation zielenden Stil. Die junge Autorin ist, nach eigener Aussage, unter anderen von Hemingway beeinflusst und teilt über ihre Methode in den Memoiren mit:

„Meine Helden wissen nichts über den Augenblick hinaus, und so erscheinen die Episoden oft so rätselhaft wie in einem guten Roman von Agatha Christie.“

Simone de Beauvoir[40]

Dass das Buch stark autobiographisch geprägt ist, war für ihr direktes Umfeld schon bei Erscheinen unschwer zu entschlüsseln. Für die breite Öffentlichkeit erschlossen sich die realen Bezüge erst posthum, nach der Veröffentlichung der Briefe der beiden Protagonisten.[40]

Das Blut der anderen

De Beauvoir versuchte, den Begriff des „Anderen“ in neuen Romanen auszudrücken, wie in Le Sang des autres (Das Blut der anderen). „Mein neuer Held, Jean Blomart, bestand nicht, wie Françoise in Sie kam und blieb, darauf, der einzige fühlende Mensch in der Begegnung mit anderen zu sein.“ schrieb de Beauvoir in ihrem Werk In den besten Jahren. Der Held dieses Romans, Jean Blomart, weigert sich, für sie ein bloßes Objekt zu sein, in ihre Existenzen mit der brutalen Undurchsichtigkeit eines leblosen Dinges einzugreifen. Die Heldin des Buches war diesmal eine sterbende Frau, Hélène. Ursprünglich hatte de Beauvoir nicht geplant, Hélène und Blomart mit der Résistance in Verbindung zu bringen, aber als sie im Oktober 1943 ihren Roman begann, wurde ihr klar, dass Attentate und Vergeltungsmaßnahmen dem zugrunde liegenden Thema mehr Zusammenhang und ein in die Zukunft gerichtetes Moment geben würden. 1945, als das Buch veröffentlicht wurde, nannte man es ein „Buch der Résistance“.[41]

Alle Menschen sind sterblich

Während Blomart in Das Blut der anderen ein Mann von großem Verantwortungsbewusstsein war, spiegelte ihr Held in Alle Menschen sind sterblich, das im XVI. Jahrhundert spielt, ein pessimistisches Bild der Ohnmacht und der Sinnlosigkeit des menschlichen Lebens wider.[42] Die Hauptgestalt des Romans ist Fosca, ein italienischer Adliger, der einen Zaubertrank zu sich nimmt, der ihn unsterblich macht. De Beauvoir wollte damit nachweisen, dass die Unsterblichkeit bedeutungslos wäre, weil jedem Individuum damit der Lebenssinn und die Hoffnung genommen wären. Das Buch ist eine düstere Beschreibung des ausgehenden Mittelalters mit seinen verheerenden Kriegen, seinen Rebellionen und Massakern.[43]

Es spiegelt die Meinung de Beauvoirs nach dem Krieg wider, dass der Tod der meisten oder auch aller Kämpfer der Résistance, wenn auch nicht ganz umsonst, so doch sehr unbedeutend für die weitere geschichtliche Entwicklung gewesen war.[44] Die einzige Hoffnung war, dass diese verlorenen Leben ihren Sinn in sich selbst getragen hatten. Die Erinnerung der Lebenden an die Opfer war kurzlebig. Als Gegengewicht zu Fosca schuf de Beauvoir Régine, die versucht, sein unsterbliches Herz zu erobern, um so auch ein Stück Einzigartigkeit und Unsterblichkeit zu gewinnen. Aber auch das schlägt fehl. Alle ihre Handlungen und Tugenden bemänteln lediglich ihre absurden, existentiellen Anstrengungen, die mit denen aller anderen identisch sind. Mit Entsetzen sieht sie, wie ihr Leben zu einer Komödie wird, und versinkt im Wahnsinn.[44]

Das andere Geschlecht

Am bekanntesten wurde jedoch – neben ihrer mehrbändigen Autobiographie – ihre Studie über die Rolle der Frau in Das andere Geschlecht, erschienen 1951 (Original Le Deuxième Sexe, 1949): Darin wies sie eingehend auf die Unterdrückung der Frau im Patriarchat hin und schuf eine der theoretischen Grundlagen für die erstarkende neue Frauenbewegung.

In diesem Werk vertritt sie die These, dass die Unterdrückung der Frau gesellschaftlich bedingt sei. Für sie existiert keine irgendwie geartete Essenz der Frau:

« On ne naît pas femme, on le devient. »

„Man ist nicht als Frau geboren, man wird es.“

Simone de Beauvoir[45]

De Beauvoir sagt in diesem Werk auch, dass Frauen von den Männern zum „Anderen Geschlecht“ gemacht worden seien. Dies bedeutet in der existentialistischen Terminologie de Beauvoirs, dass sich der Mann als das Absolute, das Essentielle, das Subjekt setzt, während der Frau die Rolle des Anderen, des Objekts zugewiesen wird. Sie wird immer in Abhängigkeit vom Mann definiert. Deshalb hat sie mit stärkeren Konflikten zu kämpfen als der Mann. Wenn sie ihrer „Weiblichkeit“ gerecht werden will, muss sie sich mit einer passiven Rolle begnügen, dies steht aber ihrem Wunsch entgegen, sich als freies Subjekt durch Aktivität selbst zu entwerfen.[45]

De Beauvoir präsentiert eine äußerst komplexe Analyse der Lage der Frau. Sie diskutiert biologische, psychoanalytische und historische „Fakten und Mythen“ (so der Titel des ersten Teils) und die „gelebte Erfahrung“ der Frau. Stark beeinflusst von Jean-Paul Sartres und Maurice Merleau-Pontys existentialistischer Phänomenologie geht sie davon aus, dass keine wissenschaftliche Betrachtung „die Frau“ erklären kann. Nur die individuelle Erfahrung hält sie für ausschlaggebend.

Sie hat viele der späteren Diskussionen im Feminismus beeinflusst und angestoßen und war wegbereitend für die Gender Studies.

„Wer hätte je ein Buch geschrieben, das das Schicksal aller Menschen verändern würde? Es wird Zeit brauchen, voll und ganz zu ermessen, welche Auswirkungen Das andere Geschlecht auf die Sozialgeschichte gehabt hat, auf das Privatleben, das Alltagsbewusstsein und die Wahrnehmung.“

Kate Millett[45]

Das andere Geschlecht erschien zwischen zwei Frauenbewegungen (der der ersten Welle bis zum Ersten Weltkrieg und der der zweiten ab 1970) und steht in der Tradition von Feministinnen wie Olympe de Gouges (1748–1793), Mary Wollstonecraft (1759–1797) oder Virginia Woolf (1882–1941), auf die Beauvoir sich auch beruft, und es geht weit darüber hinaus. Beauvoirs umfassende kulturgeschichtliche und soziologische Abhandlung der Lage der Frauen in einer von Männern dominierten Welt ist ein radikaler und visionärer Beitrag zur Emanzipation der Frauen im 20. Jahrhundert.[45]

Das andere Geschlecht ist im Wesentlichen eine dialektisch-materialistische Studie des Daseins der Frau. Es erklärt die Frau nicht als ein geheimnisvolles Wesen, sondern unter dem Gesichtspunkt ihrer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Situation. De Beauvoir sagt darin, dass es eine Versklavung der Frau und ihre Befreiung daraus gebe und dass sie die Folgen ihrer wirtschaftlichen Abhängigkeit und wirtschaftlichen Emanzipation seien.[46]

Die Mandarins von Paris

Der 1954 veröffentlichte Roman wurde zum bis dahin größten literarischen Erfolg von Simone de Beauvoir. Sie erhielt den renommierten Prix Goncourt und nannte die Reaktionen von Publikum und Kritik einen „Traum“, der sich erfüllt habe.[47]

Das Buch gilt als Schlüsselroman zur Situation der Linksintellektuellen im Nachkriegs-Frankreich. Die Nationalsozialisten, der gemeinsame Feind, der zuvor alle geeint hatte, waren besiegt. Die Linke splitterte sich auf in unterschiedliche bis feindliche Fraktionen. Über den Kommunismus war längst der Schatten des Stalinismus gefallen, das von Sartre mitbegründete Rassemblement Démocratique Révolutionnaire ging rasch zugrunde, und es stellte sich nun die Frage nach der ganz persönlichen Verantwortung sowie einem sinnvollen kollektiven politischen Engagement.[47]

De Beauvoir entwickelte in diesem Roman ihren expressionistisch geprägten Stil fort. Ihre literarische Sprache unterscheidet sich kaum von der in den Briefen und Tagebüchern. In dem Roman-Paar Anne und Robert Dubreuilh sind unschwer de Beauvoir und Sartre zu erkennen, auch wenn die Figuren selbstverständlich nicht deckungsgleich sind mit den realen Personen. Die Tochter der beiden, Nadine, scheint die Summe der „immanenten“ jungen Frauen zu sein, die das Paar im Leben umschwirren.[48]

Die Welt der schönen Bilder

Das Buch spielt nicht wie alle anderen im Intellektuellen-, sondern im Nouveaux-Riches-Milieu von Paris. Ihr zentrales Thema ist ein in den sechziger Jahren aufkommender – und sich 1968 virulent bahnbrechender – Konflikt: das Unbehagen am steigenden Materialismus und die sich vergrößernde Kluft zwischen Arm und Reich – bei gleichzeitigem Verlust aller Werte.[49]

De Beauvoir thematisiert hier nicht nur ihre Kritik an Konsumhörigkeit und Konformismus, sondern auch die bittere Erkenntnis, dass die Müttergeneration nicht mehr zu retten ist – der Kampf um die Töchter sich jedoch lohnt.[50]

Memoiren

Simone de Beauvoir veröffentlichte fünf Bücher als ihre Memoiren, in denen sie etliche Namen veränderte. Die meisten Personen, die hinter diesen Namen stehen, ließen sich später identifizieren.

Memoiren einer Tochter aus gutem Hause

De Beauvoir schildert minutiös, wie das am 9. Januar 1908 in Paris geborene kleine Mädchen zu der jungen Frau wurde, die sie war – und was die erwachsene Frau daraus gemacht hat. Ihre Erinnerungen sind bilderreich, sinnlich und leidenschaftlich. Dieser erste Teil der Memoiren endet mit dem Tod der Freundin, der Begegnung mit Sartre – und dem Schreiben ihres ersten Romans. Zaza, die beste Freundin, zerbricht an der Halbherzigkeit, der „mauvaise foi“ (Unaufrichtigkeit) ihrer Umwelt, der Klassenarroganz ihrer Familie und am Frauwerden.[51]

In den besten Jahren

In diesem 1960 erschienenen zweiten Memoiren-Band geht es um die Jahre 1929–1944, bis zur Befreiung von Paris, also die Zeit, die auch in Sie kam und blieb sowie in ihren Briefen an Sartre im Zentrum steht.[52]

Der Lauf der Dinge

1963 veröffentlichte Simone de Beauvoir ihren dritten Memoiren-Band. Er beginnt mit der Befreiung von Paris. Des Weiteren schildert sie darin die Reaktionen auf Das andere Geschlecht, das ausgerechnet in den Monaten erschien, in denen Nelson Algren sie in Paris besuchte. Die Aggressionen auf der Straße oder in den Cafés und Restaurants gegen die Autorin des skandalösen Buches waren äußerst lästig, sodass de Beauvoir mit Algren Paris verließ.[53] Wie im zweiten Band ihrer Memoiren, findet sich Wichtiges neben Unwichtigem, eindringliche Schilderungen der gesellschaftlichen Zustände neben privaten Anekdoten. Einen großen Raum in dem Buch nehmen Reisebeschreibungen ein, die teilweise dermaßen detailverliebt sind, dass sie zwar einerseits unprätentiös erscheinen, sich andererseits aber auch zu wichtig nehmen. Diese Art, sich selbst darzustellen, war einer der Gründe, warum die Reaktionen auf ihre Memoirenbände bei den Kritikern (im Gegensatz zur großen Mehrheit der Leser und Leserinnen) nicht durchweg positiv waren.

Alles in allem

In diesem vierten Memoiren-Band schildert Simone de Beauvoir ihr Leben in den Jahren von 1962 bis 1972, vom Ende des Algerienkrieges bis zum Beginn der Frauenbewegung.[54]

Die Zeremonie des Abschieds

Der fünfte und letzte Band ihrer Memoiren umfasst die letzten zehn Jahre mit Sartre. Dieses Buch enthält neben den Schilderungen des Krankheitsverlaufs Gespräche mit Jean-Paul Sartre, August – September 1974.

Publikationen

Romane

postum

Erzählungen, Novellen

  • Quand prime le spirituel – 1979 (Marcelle, Chantal, Lisa …, aus dem Jahre 1936)[55]
  • La Femme rompue, suivi de Monologue et de L’Âge de discrétion – 1968 (Eine gebrochene Frau) Rowohlt Tb., 31., Aufl. (September 2004), ISBN 3-499-11489-5.

Essays

  • Pyrrhus et Cinéas (1944)
  • Pour une morale de l’ambiguïté (1947)
  • L’Existentialisme et la Sagesse des nations (1948)
  • Le Deuxième Sexe (1949), (Das andere Geschlecht) übersetzt von Uli Aumüller, Grete Osterwald, Rowohlt Taschenbuch Verlag August 2000, ISBN 3-499-22785-1.
  • Privilèges (dt. Soll man de Sade verbrennen?, Auge um Auge) (1955)[55]
  • La Longue Marche (1957)[55] (China. Das weitgesteckte Ziel. Jahrtausende – Jahrzehnte. Aus dem Französischen übertragen von Karin von Schab und Hanns Studnicka, Rowohlt, Reinbek b. Hamburg 1960)
  • Das Alter – (Original: La Vieillesse, 1970, 608 Seiten, Gallimard, Paris. Engl: The Coming of Age, Putnam’s Sons, Great Britain, 1972), Rowohlt, 2000. Dt. von Anjuta Aigner-Dünnwald und Ruth Henry, ISBN 3-499-22749-5.

Memoiren und Erinnerungen

  • Mémoires d’une jeune fille rangée (Memoiren einer Tochter aus gutem Hause) (1958) Rowohlt Tb., 39. Aufl. (Januar 2005), ISBN 3-499-11066-0.
  • La Force de l’âge (In den besten Jahren) (1960) Rowohlt Tb., 30. Auflage 1969, ISBN 3-499-11112-8.
  • La Force des choses (Der Lauf der Dinge) (1963) Rowohlt Tb., 24. Auflage 1970, ISBN 3-499-11250-7.
  • Une mort très douce (Ein sanfter Tod) (1964) Rowohlt Tb., 32. Auflage 1968, ISBN 3-499-11016-4.
  • Tout compte fait (Alles in allem, 1972), Rowohlt Tb. 1976. ISBN 3-499-11976-5
  • La Cérémonie des adieux (1981, Abschied von J P Sartre) Die Zeremonie des Abschieds und Gespräche mit Jean-Paul Sartre: August–September 1974 Rowohlt Tb. 1983, ISBN 3-499-15747-0.

Reisebericht

  • L’Amérique au jour le jour, (Amerika Tag und Nacht) (1950) Rowohlt Verlag Hamburg. Reisetagebuch vom 25. Januar – 20. Mai 1947, mit eigenem Vorwort

Theater

  • Les Bouches inutiles (Die unnützen Mäuler) (1945)

Postum veröffentlichte Briefe

  • Lettres à Sartre (Briefe an Sartre) (1990), herausgegeben von Sylvie Le Bon de Beauvoir; Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 1997, ISBN 3-499-22372-4.
  • Lettres à Nelson Algren (Eine transatlantische Liebe. Briefe an Nelson Algren), herausgegeben von Sylvie Le Bon de Beauvoir, aus dem Englischen von Judith Klein; Rowohlt Verlag, Reinbek 1997, ISBN 3-499-23282-0.

Preise und Ehrungen

Siehe auch

Filmografie

Literatur

  • Axel Madsen: Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, Die Geschichte einer ungewöhnlichen Liebe. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 1982, ISBN 3-499-14921-4.
  • Alice Schwarzer: Simone de Beauvoir heute. rororo, Reinbek bei Hamburg 1983, ISBN 3-462-03956-3.
  • Deirdre Bair: Simone de Beauvoir. Eine Biographie. btb/Goldmann, München 1990, ISBN 3-8135-7150-5.
  • Toril Moi: Simone de Beauvoir. Die Psychographie einer Intellektuellen. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-596-13557-5.
  • Christiane Zehl Romero: Simone de Beauvoir. 15. Aufl. Rowohlt Verlag, Reinbek 2001, ISBN 3-499-50260-7.
  • Walter van Rossum: Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre. Die Kunst der Nähe. Rowohlt-Taschenbuch-Verlag, 2001, ISBN 3-499-23042-9.
  • Susanne Moser: Freiheit und Anerkennung bei Simone de Beauvoir. Edition Diskord, Tübingen 2002, ISBN 3-89295-727-4.
  • Florence Hervé; Rainer Höltschl: absolute Simone de Beauvoir. orange-press, Freiburg 2003, ISBN 3-936086-09-5.
  • Claudia Card: The Cambridge Companion to Simone de Beauvoir. Cambridge University Press, 2003, ISBN 0-521-79429-3.
  • Sylvie Chaperon, Christine Delphy: Cinquantenaire du Deuxième sexe. Syllepse, Paris 2003, ISBN 3-936086-09-5.
  • Yvanka Raynova, Susanne Moser: Simone de Beauvoir: 50 Jahre nach dem Anderen Geschlecht. Peter Lang, Frankfurt am Main 2004, ISBN 3-631-50866-2.
  • Gerlinde Kraus: Bedeutende Französinnen – Christine de Pizan, Émilie du Châtelet, Madame de Sévigné, Germaine de Staël, Olympe de Gouges, Madame Roland, George Sand, Simone de Beauvoir. Schröder Verlag, Mühlheim am Main 2006, ISBN 3-9811251-0-X.
  • Diary of a Philosophy Student: Volume 1, 1926/27. Hrsg. und bearbeitet von Barbara Klaw, Sylvie Le Bon de Beauvoir, Margaret Simons, Marybeth Timmermann. University of Illinois Press, Urbana/Chicago 2006, ISBN 0-252-03142-3. (englisch, postum)
  • Claudine Monteil: Die Schwestern Hélène und Simone de Beauvoir. Nymphenburger, München 2006, ISBN 3-485-01086-3.
  • Ingeborg Gleichauf: Sein wie keine Andere. Simone de Beauvoir. Schriftstellerin und Philosophin. (Reihe Hanser). dtv, München 2007, ISBN 978-3-423-62324-7.
  • Hazel Rowley: tete à tete – Leben und Lieben von Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre. Parthas Verlag, 2007, ISBN 978-3-86601-667-5.
  • Hans-Martin Schönherr-Mann: Simone de Beauvoir und das andere Geschlecht. Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 2007, ISBN 978-3-423-24648-4.
  • Alice Schwarzer, Simone de Beauvoir: Ein Lesebuch mit Bildern. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg, 2007, ISBN 978-3-498-06400-6.
  • Susanne Moser: Freedom and Recognition in the Work of Simone de Beauvoir. Peter Lang, Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-631-50925-8.
  • Ingrid Galster: Simone de Beauvoir und der Feminismus. Argument Verlag, Hamburg 2015, ISBN 978-3-86754-501-3.
  • Kate Kirkpatrick: Simone de Beauvoir. Ein modernes Leben. Piper, München 2020, ISBN 978-3-492-07033-1 (Mit Literaturangaben, Anmerkungen und Personenregister).
  • Wolfram Eilenberger: Feuer der Freiheit: Die Rettung der Philosophie in finsteren Zeiten (1933–1943). Klett-Cotta, 2020, ISBN 978-3-608-96460-8.
  • Kate Kirkpatrick: Simone de Beauvoir, in: Rebecca Buxton & Lisa Whiting (Hrsg.): Philosophinnen – Von Hypatia bis Angela Davis: Herausragende Frauen der Philosophiegeschichte, mairisch Verlag 2021, ISBN 978-3-948722-03-6; Taschenbuchausgabe im Reclam Verlag 2024, ISBN 978-3-15-011459-9.
  • Alois Prinz: Das Leben der Simone de Beauvoir. Insel Verlag, Berlin 2021, ISBN 978-3-458-17941-2.
Commons: Simone de Beauvoir – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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