Finanzplatz

Ort mit einer besonders hohen Konzentration von Finanzinstitutionen From Wikipedia, the free encyclopedia

Ein Finanzplatz (oder Finanzzentrum; englisch financial centre) ist ein Ort oder Staat, der eine hohe Konzentration an Unternehmen der Finanzwirtschaft und des Handels aufweist.

Der Finanzplatz Frankfurt am Main ist zusammen mit Zürich einer der wichtigsten Kontinentaleuropas. Die Stadt ist Sitz der Europäischen Zentralbank.

Merkmale

Es lassen sich vier Kategorien von Finanzplätzen unterscheiden, die zueinander in einem hierarchischen Verhältnis stehen.[1] Auf der ersten Ebene befinden sich die nationalen Finanzplätze, die auf die Bedürfnisse der inländischen Marktteilnehmer abzielen. Die zweite Ebene bilden regionale Finanzzentren mit der Zuständigkeit für eine Wirtschaftsregion. Die dritte Ebene setzt sich aus Offshore-Finanzplätzen zusammen, die eine geringe Steuerquote (Niedrigsteuerland), niedrige Arbeitskosten (Niedriglohnland) oder geringe Marktregulierung aufweisen. Globale Finanzplätze, zu denen auch Frankfurt gehört, erfüllen den Bedarf einer weltweiten Kundschaft.

Zur Finanzwirtschaft gehören die Finanzmärkte (Geld-, Devisen- und Kapitalmarkt einschließlich Börsen) und Marktteilnehmer wie Finanzdienstleister, Investmentfonds, Kreditinstitute, Pensionsfonds, Versicherungen oder Wertpapierdienstleistungsunternehmen. Sie alle tragen zu einem hohen Anteil der Finanzwirtschaft am Bruttoinlandsprodukt bei, durch den sich ein Ort oder Staat als Finanzplatz auszeichnet.

Als internationaler Finanzplatz wird für gewöhnlich ein Ort bezeichnet, an dem es eine Vielzahl von führenden nationalen und ausländischen Finanzinstitutionen (Auslandsbanken) gibt, die über den Interbankenhandel oder internationalen Kreditverkehr miteinander in Geschäftsbeziehung stehen.

Auf der Nachfrageseite stehen inländische und transnationale Finanzunternehmen, die durch ihren Wunsch nach Expansion und Diversifikation eine Nachfrage nach geeigneten städtischen Einrichtungen erzeugen. Ebenso kann Wirtschaftswachstum und expandierender Außenhandel zu einer größeren Nachfrage führen.

Auf der Angebotsseite werden nur die Städte dieser Nachfrage gerecht, die intensiv in Infrastruktur wie z. B. Flughäfen, Häfen, Straßen, Eisenbahnverbindungen, Telekommunikation und mediale Präsenz investieren.

Geschichte

Das erste internationale Finanzzentrum war wohl Florenz im 13. Jahrhundert, das diese Rolle vor allem durch internationalen Handel und durch den Verleih von Geld an Herrscher erreichte. In Ober- und Mittelitalien entwickelte sich mit weiteren Finanzzentren wie Genua und Venedig ein erster Kernraum des bargeldlosen Zahlungsverkehrs italienischer Prägung.[2] Im 14. Jahrhundert wurde die finanzielle Vormacht der Florentiner beendet als Edward III., der König von England, seine Schulden nicht anerkannte.

Nördlich der Alpen diente die Nürnberger Börse als Bindeglied im Handel zwischen Italien und anderen europäischen Wirtschaftszentren. Mit dem Banco Publico entstand am Finanzplatz eine der ersten Girobanken.

Im 17. Jahrhundert wurde Amsterdam der Nachfolger Genuas. Im Gegensatz zu dem italienischen Stadtstaat konnte sich Amsterdam auf die Wirtschaft eines Flächenstaates stützen. National erlangte das Kölner Bankwesen große Bedeutung und machte die Stadt während der Franzosenzeit bis in die Gründerzeit zum wichtigen deutschen Finanzplatz.

Innerhalb der nächsten 200 Jahre verlor Amsterdam seine Position an London. Dies folgte aus der Vormachtstellung Großbritanniens im 19. Jahrhundert in der Wirtschaft durch die industrielle Revolution, im Militär nach dem Sieg über Napoleon und der Expansion des britischen Imperiums und aus dem Vorsprung in der Entwicklung des Bankwesens und finanzieller Instrumente (zum Beispiel Schecks). Im 19. und 20. Jahrhundert entstanden auch einige andere Finanzzentren, wie zum Beispiel Genf, Paris, Berlin, Frankfurt am Main, Zürich und Mailand, von denen aber keines London herausfordern konnte.

Am Ende des 19. Jahrhunderts schlossen das Deutsche Reich und die Vereinigten Staaten in der Industrie zu Großbritannien auf. Berlin wurde Gründungsort von Deutscher Bank und Allianz und gehörte zwischen 1910 und 1940 zu den führenden globalen Finanzplätzen.[3][4]

New York konnte London bis zum Ende des Ersten Weltkrieges aber nicht herausfordern, und die Weltwirtschaftskrise 1929 unterbrach den Aufstieg New Yorks, obwohl auch London hart getroffen wurde. New York wurde schließlich nach dem Zweiten Weltkrieg zum dominanten Finanzstandort, da es als einziger größerer internationaler Finanzplatz nicht direkt vom Krieg betroffen war. Diese Position konnte New York nicht lange halten. Schon ab 1958 kehrte London an die Spitze der Finanzwirtschaft zurück.

In den 1980er Jahren war Japan das einzige Land, das in der Lage war, Kapital in großem Maße zu exportieren. Typischerweise hätte das dazu führen können, dass Tokio zum einem vorherrschenden Finanzstandort wird. Die japanische Finanzwirtschaft ist jedoch weniger nach außen orientiert als die der meisten anderen internationalen Finanzzentren.

Shanghai war vor dem Zweiten Weltkrieg der führende Finanzstandort im Fernen Osten. Die dortige Finanzwirtschaft wurde aber durch den Zweiten Weltkrieg (1937 bis 1945) und den darauf folgenden Bürgerkrieg (1946 bis 1949) zerstört. Bis zum Beginn der Reform- und Öffnungspolitik 1978 verhinderte die kommunistische Regierung einen erneuten Aufstieg Shanghais als internationalen Finanzplatz. In der Region entstanden in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zwei neue internationale Finanzzentren: Hongkong und Singapur.

Bedeutende Finanzplätze

Es gibt zahlreiche Untersuchungen, die die Konzentration an finanzwirtschaftlichen Aktivitäten an einem Ort zu bewerten versuchen. Die meisten der Listen und Einschätzungen werden von britischen Instituten oder Agenturen veröffentlicht.

Global Financial Centres Index

Der Global Financial Centres Index vergleicht die Wettbewerbsfähigkeit von 100 Finanzplätzen weltweit, basierend auf Bewertungen von internationalen Finanzakteuren.[5] und halbjährlich von der City of London Corporation veröffentlicht.

Die Rangliste ergibt sich aus der Gesamtsumme der fünf Kategorien Menschen (Verfügbarkeit von qualifizierten Arbeitskräften, Flexibilität des Arbeitsmarkts, Qualität der Ausbildung), wirtschaftliche Rahmenbedingungen (Gesetzgebung, Steuern, Korruption, Gewerbefreiheit), Marktzugang (Handel mit Wertpapieren, Angebot an unterschiedlichen Finanzdienstleistungen), Infrastruktur (Immobilienpreise, Erreichbarkeit durch öffentliche Verkehrsmittel) und generelle Wettbewerbsfähigkeit (Preisniveau, Lebensqualität, Wirtschaftsklima).

Die zwanzig ersten Plätze des Global Financial Centres Index in der Ausgabe vom März 2026:[6]

Weitere Informationen Rang, Land ...
RangFinanzplatzLandPunktzahl
1New YorkVereinigte Staaten Vereinigte Staaten766
2LondonVereinigtes Konigreich Großbritannien765
3HongkongHongkong Hongkong764
4SingapurSingapur Singapur763
5San FranciscoVereinigte Staaten Vereinigte Staaten754
6ChicagoVereinigte Staaten Vereinigte Staaten753
7Los AngelesVereinigte Staaten Vereinigte Staaten752
8ShanghaiChina Volksrepublik Volksrepublik China751
9ShenzhenChina Volksrepublik Volksrepublik China750
10SeoulKorea Sud Südkorea749
11DubaiVereinigte Arabische Emirate Vereinigte Arabische Emirate748
12Frankfurt am MainDeutschland Deutschland747
13Washington, D. C.Vereinigte Staaten Vereinigte Staaten746
14GenfSchweiz Schweiz745
15TokioJapan Japan744
16ZürichSchweiz Schweiz743
17BostonVereinigte Staaten Vereinigte Staaten742
18ParisFrankreich Frankreich741
19LuxemburgLuxemburg Luxemburg740
20DublinIrland Irland739
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International Financial Centers Development Index

Laut International Financial Centers Development Index (2012)[7] zählen in Europa Paris, Frankfurt am Main, London, Zürich und Amsterdam zu den führenden Finanzplätzen. In Nordamerika sind New York City, Washington D.C., Chicago, San Francisco und Toronto wesentliche Finanzzentren.

Weitere Informationen Land, Rang ...
Finanzplatz Land Rang
AmsterdamNiederlande Niederlande15.
BostonVereinigte Staaten Vereinigte Staaten19.
BrüsselBelgien Belgien23.
ChicagoVereinigte Staaten Vereinigte Staaten12.
DubaiVereinigte Arabische Emirate Vereinigte Arabische Emirate14.
Frankfurt am MainDeutschland Deutschland07.
GenfSchweiz Schweiz16.
HongkongHongkong Hongkong (SAR)04.
KopenhagenDanemark Dänemark20.
LondonVereinigtes Konigreich Vereinigtes Königreich02.
MünchenDeutschland Deutschland21.
New York CityVereinigte Staaten Vereinigte Staaten01.
ParisFrankreich Frankreich05.
San FranciscoVereinigte Staaten Vereinigte Staaten17.
ShanghaiChina Volksrepublik Volksrepublik China08.
SingapurSingapur Singapur06.
StockholmSchweden Schweden25.
SydneyAustralien Australien10.
TokioJapan Japan03.
TorontoKanada Kanada18.
VancouverKanada Kanada24.
Washington, D.C.Vereinigte Staaten Vereinigte Staaten09.
ZürichSchweiz Schweiz11.
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Finanzplätze in Deutschland

Die Initiativen wichtiger deutscher Finanzplätze haben zum Jahresbeginn 2021 die Arbeitsgemeinschaft „Germany Finance“ gegründet.[8] Dieser Arbeitsgemeinschaft gehören (Stand: 2023) die Finanzplatzinitiativen aus Berlin, Frankfurt a. M., Hamburg, München, NRW und Stuttgart an.[9] Durch die Entstehung von neuen internetbasierten Technologien und Teilnehmern am Finanzmarkt verloren alle Finanzplätze und Finanzunternehmen in Deutschland zwischen 2010 und 2025 erheblich an Bedeutung. Insbesondere durch die Implementierung zahlreicher außereuropäischer IT-Anwendungen stieg die Importabhängigkeit von Dienstleistungen und Produkten. Die Wertschöpfung, Selbstbestimmtheit und Profitabilität des Finanzsektors schwand.[10][11]

Der Finanzplatz Frankfurt am Main hat eine herausragende Stellung in Deutschland und zählt zu den wichtigsten Finanzplätzen weltweit. Die führende Stellung von Frankfurt ist durch die hohe Konzentration von Unternehmen der Finanzbranche geprägt: Neben der größten deutschen Börse (Frankfurter Wertpapierbörse) haben sich hier die wichtigsten deutschen Großbanken (Deutsche Bank, Commerzbank, DZ Bank, KfW Bankengruppe, DekaBank), Fondsgesellschaften (Allianz Global Investors Europe, DWS Investments, Union Investment) und Wirtschaftsprüfungsgesellschaften (Deutschlandsitz von PricewaterhouseCoopers) angesiedelt, dazu zahlreiche Niederlassungen von Auslandsbanken und weiteren internationalen Finanzdienstleistern. Frankfurt ist zudem Sitz der Europäischen Zentralbank, der Deutschen Bundesbank, der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) und der Europäischen Versicherungsaufsicht (EIOPA).

Sitz der europäischen Ratingagentur Scope

Der Finanzplatz Berlin weist im Jahr 2025 unter allen deutschen Standorten die größte Anzahl an privaten Wagniskapitalgesellschaften auf und ist bei Neugründungen von Fintechs in Deutschland und der EU führend.[12][13][14] Als Sitz der Bundesregierung verantwortet deutsche Hauptstadt die Staatsfinanzen des Landes. Der umsatzstärkste Finanzdienstleister Europas, die Sparkassen-Finanzgruppe, hat hier sein Hauptquartier. In Berlin sind außerdem die Wertpapierbörse Tradegate Berlin Stock Exchange, die Rating-Agentur Scope, der KPMG-Deutschlandsitz, die Großkanzlei Hengeler Mueller, die Wirtschaftsmedien Capital und Smartbroker Holding, die DKB, N26, Trade Republic, die Berliner Volksbank, die Sparda-Bank Berlin, die BSK 1818 / Sparkasse Berlin, alle Spitzenverbände der deutschen Banken und Versicherungen, die Weberbank und Quirin-Privatbank, sowie Innovationszentren der Deutschen Bank und eine zunehmende Anzahl ausländischer Banken (Bank Julius Bär, Bank of China, ICBC) ansässig.[15][16] Berlin gilt als am schnellsten wachsender Finanzplatz in Deutschland und als einer der weltweit attraktivsten Standorte für „globale Talente der Finanzbranche“.[17][18][19][20][21] Zahlreiche Elite-Universitäten wie die European School of Management and Technology oder die Humboldt-Universität zu Berlin bringen zudem hochqualifizierte Absolventen und Gründer im Finanzsektor hervor.

Der Finanzplatz München gilt als einer der international führenden Versicherungsstandorte, da hier die Branchen-Schwergewichte Allianz und Münchener Rück ihren Sitz haben. Banken wie die Hypovereinsbank oder die BayernLB sind hier ansässig. Die Unternehmensberatung Roland Berger wurde hier gegründet.

Der Finanzplatz Hamburg ist deutschlandweit der Standort mit der größten Dichte privater Banken, Sitz der größten deutschen Sparkasse (Hamburger Sparkasse) sowie Hochburg für Spezialversicherungen und Sitz bedeutender privater (HanseMerkur) und gesetzlicher Krankenversicherungen (DAK, Techniker). Historisch ist Hamburg zugleich Sitz der ältesten Börse Deutschlands, der ältesten Privatbank Deutschlands (Berenberg), des ältesten Versicherers der Welt (Hamburger Feuerkasse) und der ersten Sparkasse Deutschlands.

Der Finanzplatz Stuttgart weist einen Schwerpunkt in den Bereichen Mittelstandsfinanzierung, Altersvorsorge und private Kapitalanlage auf. Neben der größten deutschen Landesbank (LBBW) befinden sich in Stuttgart die größte Börse für verbriefte Derivate in Europa (Börse Stuttgart) und die L-Bank, eine der größten europäischen Förderbanken.

Der Finanzplatz Düsseldorf ist der größte Standort für Finanzdienstleistungen in Nordrhein-Westfalen und verfügt über zahlreiche Banken im Bereich Private Banking und ist in Deutschland wichtigster Standort für japanische Auslandsbanken. Die größte deutsche Landesförderbank NRW.BANK ist in Düsseldorf ebenfalls beheimatet. Schließlich ist Düsseldorf bedeutender Standort für Versicherungen, wie die ERGO-Versicherungsgruppe, Provinzial Rheinland und ARAG.

Siehe auch

Literatur

  • Merki, Christoph Maria (Hg.): Europas Finanzzentren. Geschichte und Bedeutung im 20. Jahrhundert. Frankfurt a. M./New York 2005, ISBN 3-593-37743-8

Einzelnachweise

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