Frauenstreik

Organisierte Aussetzung der Tätigkeiten von Frauen aus sozialen und politischen Gründen From Wikipedia, the free encyclopedia

Als Frauenstreik wird die organisierte Aussetzung der Arbeit von Frauen bezeichnet, mit der auf systematische oder strukturelle Probleme aufmerksam gemacht werden soll, um entsprechende politische Ziele durchzusetzen. Er unterscheidet sich vom Sexstreik sowie vom Streik im Sinne eines Arbeitskampfes, weil er sich vorrangig gegen patriarchale Gesellschaftsstrukturen richtet. Wenn es nicht ausschließlich darum geht, Frauen zu mobilisieren, sondern allgemeiner FLINTA*, wird auch die Bezeichnung feministischer Streik verwendet.[1]

Frauenstreik in Montevideo (Uruguay), am 8. März 2018.

Geschichte

Anfänge ab der Industrialisierung

Im Zuge der Industrialisierung setzten sich Streiks zunehmend als Form der Interessenvertretung der Arbeiterschaft durch. Verschiedene Forschende kommen zu dem Schluss, dass Frauen in gleichem Maße an den Arbeitskämpfen des 19. und 20. Jahrhunderts partizipierten wie Männer.[2][3] Die französische Historikerin Michelle Perrot kommt jedoch zu dem Ergebnis, dass Streiks, die hauptsächlich von Frauen organisiert wurden, eher klein waren und die Streikenden auch eine moderatere Rhetorik an den Tag legten.[4] Ein Grund hierfür dürfte die allgemeine sexistische Atmosphäre in den Betrieben gewesen sein, die dazu führte, dass streikende Frauen nicht ernst genommen wurden oder Unternehmen sich weigerten, mit ihnen überhaupt zu verhandeln.[5] Dennoch gab es einige durchaus erfolgreiche Beispiele für von Frauen geführte Streiks wie etwa den „Streik der 700“ von 1893 in Österreich. In Folge beginnender Organisation von Frauen in einer Wiener Appreturfabrik, angeführt von Amalie Seidel und Adelheid Popp, traten während der Ereignisse schließlich insgesamt 700 Arbeiterinnen aus drei Appreturfabriken in den Streik. Ihre Forderungen waren der arbeitsfreie 1. Mai, die Reduzierung der täglichen Arbeitszeit von 13 auf 10 Stunden, eine bessere Bezahlung und die Wiedereinstellung von Amalie Seidel nach deren Kündigung. Die Forderungen wurden nach drei Wochen Streik durchgesetzt.[6] Auch Hausfrauen, die keiner Erwerbsarbeit nachgingen, waren im weiteren Sinne immer an Streiks beteiligt. Denn die von ihnen geleistete Reproduktionsarbeit ermöglichte das (Über-)Leben im Streik.[7]

Mitte bis Ende des 20. Jahrhunderts

Poster Women's Strike for Equality 1970

Ab den 1960er Jahren nahm die Beteiligung von Frauen am Arbeitsmarkt stetig zu. Allerdings waren die meisten Unternehmen zunächst nicht bereit, Frauen für dieselbe Arbeit den gleichen Lohn wie Männern zu zahlen. Dies sorgte für zunehmende Unzufriedenheit bei den Arbeiterinnen. Am 26. August 1970 beteiligten sich etwa 50.000 Frauen in den USA am „Women’s Strike for Equality“. Neben gerechten Löhnen forderten die Streikenden auch ein Recht auf Abtreibung und kostenlose Kinderbetreuung. Der Streiktag fand in New York und anderen Landesteilen statt und wurde von der feministischen National Organization for Women unterstützt.[8][9]

Fünf Jahre später, am 24. Oktober 1975, legten anlässlich des Internationalen Jahres der Frau etwa 90 % der weiblichen Bevölkerung Islands ihre Arbeit für einen Tag nieder und nahmen sich einen „freien Tag“, d. h. sie weigerten sich auch zu kochen oder sich um Kinder zu kümmern. Deshalb kam es zu erheblichen Störungen des alltäglichen Lebens. Ein Komitee der fünf wichtigsten Frauenorganisationen des Landes hatte den als „Frauen-Ruhetag“ bezeichneten Protesttag organisiert, um für mehr Gleichheit, eine gerechtere Bezahlung und eine bessere Kinderbetreuung zu demonstrieren. Rund 25.000 Frauen und einige Männer beteiligten sich an der Demonstration in Reykjavík.[10][11][12] Der Tag und die Aktion finden ihren Widerhall im amerikanisch-isländischen Dokumentarfilm Ein Tag ohne Frauen der Regisseurin Pamela Hogan und Produzentin Hrafnhildur Gunnarsdóttir. Auch noch Jahrzehnte später stellt der Frauenstreik in Island ein Vorbild und eine Inspirationsquelle für feministische Aktivistinnen dar.[13][14]

Ein weiterer Frauenstreik mit hohen Teilnehmerinnenzahlen war der Frauenstreik 1991 in der Schweiz. Am 14. Juni 1991 beteiligten sich Hunderttausende von Frauen an Streik- und Protestaktionen.[15] Die Idee für den Streik hatten einige Uhrenarbeiterinnen im Vallée de Joux, die sich über die im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen stark ungleichen Löhne empörten. Anlass war das zehnjährige Bestehen des Verfassungsartikels „Gleiche Rechte für Mann und Frau“, welcher aus Sicht der streikenden nur unzulänglich umgesetzt wurde. Motto des Streiks war „Wenn frau will, steht alles still“. Der Streikaufruf des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes wurde von den meisten Frauenorganisationen mitgetragen, nur der Bund Schweizerischer Frauenvereine äußerte sich öffentlich gegen das Vorhaben. In Informationsveranstaltungen wurde über die zögerliche Umsetzung des Artikels durch die Bundesregierung informiert und in verschiedensten Aktionen der Unmut der Schweizerinnen über die Verzögerungstaktik des Bundesrates bei Gleichberechtigungsthemen ausgedrückt. Es war dies die größte politische Mobilisation in der Schweiz seit dem Generalstreik von 1918.[16]

Ab dem 21. Jahrhundert

Eine Demonstrantin hält ein Transparent mit der Aufschrift Ni una menos – vivas nos queremos („Nicht eine weniger – Wir wollen uns lebend“) hoch
Eine Demonstrantin im argentinischen Mendoza (2016); auf dem Transparent steht übersetzt „Nicht eine weniger – Wir wollen uns lebend“

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wurden Frauenstreiks zu einem globalen Phänomen. Zum Internationalen Frauentag im Jahr 2000 fanden überall auf der Welt spezielle Aktionen und Veranstaltungen statt, darunter auch in Staaten wie Burkina Faso, Albanien, Trinidad & Tobago und Taiwan.[17]

In Argentinien formierte sich 2015 die Bewegung Ni una menos („Nicht eine weniger!“), um gegen Femizide und Gewalt gegen Frauen zu mobilisieren. Der Anlass war die Ermordung der 16-jährigen Lucía Pérez, die von einer Gruppe von Männern brutal vergewaltigt und aufgespießt in der argentinischen Küstenstadt Mar del Plata gefunden wurde. Ni una menos rief 2016 zum ersten feministischen Massenstreik auf. Die Frauen setzten für eine Stunde jegliche Arbeit aus und trugen an diesem „Schwarzen Mittwoch“ („Miércoles negro“) Trauerkleidung.[18] Ni una menos trug in den folgenden Jahren entscheidend zur Transnationalisierung der feministischen Streikbewegung bei; der Slogan wird mittlerweile auch bei Protesten in anderen Ländern Lateinamerikas und der Welt verwendet.[19][20] Die Impulse von Ni una Menos führten ebenfalls dazu, dass seit dem Jahr 2017 überall auf der Welt wieder regelmäßig am 8. März anlässlich des Internationalen Frauentags auch zu Frauenstreiks aufgerufen wird und die Bewegung Globaler Frauenstreik entstand.[21] Darüber hinaus entwickelte sich Ni una menos auch inhaltlich weiter. Neben dem Protest gegen Femizide adressiert sie nun auch ökonomische Gewalt und setzt sich für einen ausreichenden Zugang zu legalen Schwangerschaftsabbrüchen ein.[22.1] Auch fast zehn Jahre nach der ersten Protesten gelang es Ni una menos immer noch, bei Demonstrationen Tausende von Teilnehmenden zu mobilisieren.[23] Als Erfolge der Bewegung gelten die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen in Argentinien 2020 und die Schaffung des argentinischen Ministeriums für Frauen, Geschlecht und Vielfalt im Jahr 2019.[22.2] Präsident Javier Milei schaffte Letzteres jedoch im Jahr 2024 wieder ab.[24]

Beinahe parallel zu Ni una menos entwickelte sich in Polen der Czarny Protest („Schwarzer Protest“). Hierbei handelte es sich um Demonstrationen gegen eine geplante Verschärfung des Abtreibungsrechts, bei denen die Teilnehmenden häufig schwarze Kleidung trugen. Als Reaktion hierauf rief im Oktober 2016 die Aktivistin Marta Lempart zu einem „allpolnischen Frauenstreik“ (polnisch Ogólnopolski Strajk Kobiet) auf. Dies führte zu einer Vielzahl von Protestaktionen – auch in kleineren Städten – und einzelnen Arbeitsniederlegungen. Einige Tage später lehnte das polnische Parlament den Gesetzentwurf, der ein beinahe totales Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen bedeutet hätte, mit 352 zu 58 Stimmen ab (18 Enthaltungen). Auch in den Jahren 2017 und 2018 gab es Massenproteste für ein liberaleres Abtreibungsrecht.[25][26]

Saragossa 8. März 2018

Am Internationalen Frauentag 2018 beteiligten sich in Spanien mehr als 5,3 Millionen Menschen an einem Frauenstreik unter dem Motto Wenn die Frauen streiken, dann steht die Welt still. Auch hier waren Frauen dazu aufgerufen, nicht nur die Lohn-, sondern auch jede Form von Haus- und Familienarbeit für einen Tag niederzulegen. In der Folge kam es zu Einschränkungen im öffentlichen Nahverkehr. Außerdem mussten Kitas und Schulen aufgrund von Personalmangel schließen. Für Aufsehen sorgte zudem, dass die spanische Königin Letizia von Spanien bekanntgab, ebenfalls am Frauenstreik teilzunehmen.[27]

Am 14. Juni 2019 wurde ein zweiter landesweiter Frauenstreik in der Schweiz durchgeführt.[28] Die Forderungen, die der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) formulierte, trugen die Überschrift „Lohn. Zeit. Respekt.“ Dabei ging es u. a. um eine finanzielle Aufwertung und höhere gesellschaftliche Anerkennung von Frauenarbeit, mehr Zeit und Geld für Betreuungsarbeit (Care-Arbeit), Bekämpfung von Sexismus und sexueller Belästigung.[29] Im Mittelpunkt standen die durch die Schweizerische Lohnstrukturerhebung und das Département d’économie quantitative der Universität Freiburg (CH) belegten Lohnungleichheiten zwischen Frauen und Männern: Laut der Studie verdienten Frauen in der Schweiz zum damaligen Zeitpunkt durchschnittlich 19,6 % weniger als Männer, wobei 42,9 % dieser Lohnunterschiede unerklärt waren.[30] Zudem waren weiterhin 71,8 % der Arbeitsstellen mit hohen Bruttolöhnen von über 8.000 Franken in Männerhand.[31] Laut den Organisatorinnen haben über 500.000 Teilnehmerinnen im ganzen Land an Demonstrationen und Kundgebungen teilgenommen.[32]

In Luxemburg fand am 7. März 2020 der erste Frauenstreik des Landes unter dem Motto „Who cares? We care!“ statt. Im Mittelpunkt des Streiks stand die ungleiche Verteilung der Care-Arbeit. Alle Frauen wurden aufgerufen, an diesem Tag die Arbeit (symbolisch) niederzulegen und zusammen auf die Straße zu gehen, um auf die unbezahlt von ihnen geleistete Arbeit aufmerksam zu machen. Am 8. März 2021 gingen über 1.000 Menschen unter dem Motto: „We still Care“ erneut auf die Straße, um auf die Benachteiligung von Frauen – vor allem Women of Color und queere Frauen* – aufmerksam zu machen. Die Organisatorinnen verwiesen außerdem darauf, dass die Covid-19-Pandemie die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern nochmals verstärkt habe. Organisatorin beider Streiks war die Plattform JIF Luxembourg. Ebenfalls im Jahr 2021 fand ein feministischer Streik in der Schweiz statt an dem insgesamt über 100.000 Menschen teilnahmen.[33]

Politische Theorie des Frauenstreiks

Die Grundlage feministischer Streiks bildet eine Erweiterung des Arbeitsbegriffs. Als Arbeit gilt nicht nur die entlohnte Erwerbsarbeit, sondern auch unbezahlte Care-Arbeit sowie ehrenamtlich geleistete Tätigkeiten. Deswegen werden bei feministischen Streiks nicht nur Betriebe, sondern auch „die Küche, die unentlohnte Reproduktionsarbeit, die vergeschlechtlichte Arbeitsteilung ebenso wie spezifische Subjektanforderungen“ bestreikt.[34] Da es so gut wie unmöglich ist, jegliche von Frauen verrichtete Arbeit einzustellen, ist bloße Arbeitsverweigerung kein probates Mittel bei Frauenstreiks. Mit den Arbeitsniederlegungen einher geht deshalb immer auch der Versuch, neue Formen gesellschaftlicher Arbeitsteilung zu finden.[35]

Laut der Politikwissenschaftlerin Verónica Gago liegt der Vorteil des feministischen Streiks darin, dass er es ermöglicht, zuvor unsichtbare Ausbeutungsverhältnisse sichtbar zu machen und zu politisieren. Er gehe damit über die Logiken herkömmlicher Streiks hinaus[36.1] und sei als gegen den Neoliberalismus gerichteter Widerstand zu verstehen.[36.2] Gago hält die feministische Streikbewegung für eine Massenbewegung. Das große Mobilisierungspotenzial erklärt sich Gago dadurch, dass unterschiedliche Diskriminierungsformen immer auch Gewalt gegen weibliche Körper beinhalten würden. Dadurch gebe es eine Vielzahl (potenziell) Betroffener, die sich auf Basis geteilter Erfahrungen gemeinsam gegen patriarchale Unterdrückung zur Wehr setzen.[36.3]

Literatur

  • AG Feministisch Streiken: Feministisch streiken. Dort kämpfen, wo das Leben ist. Unrast, Münster 2023, ISBN 978-3-89771-376-5.
  • Friederike Beier: Feministisch Streiken. Ein Bericht über den Frauen*streik 2019. In: Femina Politica. Band 28, Nr. 1, 2019, S. 121–124, doi:10.3224/feminapolitica.v28i1.11, urn:nbn:de:0168-ssoar-62801-8.
  • Verónica Gago: Für eine feministische Internationale. Wie wir alles verändern. Aus dem Englischen übersetzt von Katja Rameil. Unrast, Münster 2021, ISBN 978-3-89771-335-2.
  • Verónica Gago, Raquel Gutiérrez Aguilar, Susana Draper, Mariana Menéndez Díaz, Marina Montanelli, Marie Bardet, Suely Rolnik: 8M. Der große feministische Streik. Konstellationen des 8. März. Aus dem Spanischen von Michael Grieder und Gerald Raunig. Mit einem Vorwort von Isabell Lorey. transversal texts, Wien 2018, ISBN 978-3-903046-18-4 (online).
  • Brigitte Kiechle: Frauenstreik. Feministische Aktionsform der Zukunft? Schmetterling, Stuttgart 2019, ISBN 978-3-89657-173-1.

Einzelnachweise

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