Geschlechtliche und sexuelle Vielfalt im Senegal
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Geschlechtliche und sexuelle Vielfalt im Senegal ist dort nicht anerkannt und wird strafrechtlich scharf verfolgt.


Geschichte
Französisch-Westafrika
Unter französischer Kolonialherrschaft galt das französische Strafgesetz, der Code pénal, sowie der Code de l’indigénat, ein Sonderrecht für die indigene Bevölkerung. Zahlreiche Zeugnisse aus der Zeit, als Dakar in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Hauptstadt von Französisch-Westafrika war, berichten von einem regen LGBT-Leben in der Stadt.[1]
Die rechtlichen Einschränkungen für Homosexuelle begannen mit einer Verordnung vom Juni 1942, die Marschall Philippe Pétain unterzeichnete, Chef des von Hitler-Deutschland abhängigen État français (Vichy-Regimes). Die Verordnung soll auf deutschem Vorbild beruhen.[2]
Nach der Unabhängigkeit
Nach der Unabhängigkeit 1960 gab sich das Land durch das Gesetz 65-60 vom 21. Juli 1965 mit dem Code pénal sénégalais (CPS) ein eigenes Strafrecht, das auch homosexuelle Handlungen kriminalisierte.[3]
Gleichwohl galt der Senegal vor 2008 als eines der afrikanischen Länder, die gegenüber Homosexualität am tolerantesten waren. Es war das erste Land im französischsprachigen Afrika, das öffentliche Gesundheitsprogramme für Männer mit homosexuellen Kontakten ins Leben rief. Diese Toleranz verschwand jedoch umgehend und in den Jahren 2008 und 2009 ersetzte sie ein rasanter Anstieg von Homophobie.[4] Im August 2008 wurden zwei Männer, darunter ein belgischer Staatsbürger, wegen „gleichgeschlechtlicher Ehe und widernatürlicher Handlungen“ zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt.[5] Die öffentliche Meinung reagierte heftig: Einer der die „Ehe“-schließenden musste nach Südafrika ins Exil fliehen. Kurz darauf wurden junge Männer, denen homosexuelle Handlungen vorgeworfen wurden, festgenommen, später aber wieder freigelassen.[6] Mbaye Niang, Imam und Parlamentsabgeordneter, protestierte gegen ihre Freilassung und organisierte eine Demonstration gegen Homosexualität. Im Senegal kam es daraufhin zu einer Verfolgungswelle gegen Personen, denen homosexuelle Handlungen vorgeworfen wurden.[7] Aufgrund dieser Vorfälle brachten zahlreiche Abgeordnete der Regierungspartei und der Opposition eine Gesetzesinitiative in das Parlament ein, die härtere Strafen für Homosexualität vorsah. Diese Einigkeit wurzelte in der gemeinsamen Homophobie verschiedener, ansonsten konkurrierender muslimischer Bruderschaften.[8] Die Initiative hatte zunächst keinen Erfolg.
Am 6. Januar 2009 wurden neun Senegalesen aufgrund einer Denunziation in einem Privathaus festgenommen. Es handelte sich um Homosexuelle, die im Kampf gegen AIDS engagiert waren, darunter Vertreter von AIDES[Anm. 1] im Senegal. Sie wurden wegen der Bildung einer „kriminellen Vereinigung“ zu acht Jahren Gefängnis ohne Bewährung verurteilt.[9] Die Strafe soll dadurch verschärft worden sein, dass vor Ort Sexspielzeug und Kondome gefunden wurden, die im Rahmen der AIDS-Prävention verwendet wurden. Der französische Präsident Nicolas Sarkozy, weitere französische Politiker und der französische Nationale AIDS-Rat äußerten sich bestürzt, ohne aber etwas zu bewirken. Das Berufungsgericht in Dakar hob das Urteil auf, und die neun Männer wurden am 20. April 2009 freigelassen.[10] Frustriert über die „Nachlässigkeit“ der Regierung gründete eine Gruppe muslimischer Religionsführer als Reaktion die Front islamique pour la défense des valeurs éthiques („Islamische Front zur Verteidigung ethischer Werte“) und erklärte, sie wünsche die Todesstrafe für jede wegen Homosexualität verurteilte Person.
2016 erklärte Präsident Macky Sall, solange er Präsident der Republik sei, werde Homosexualität niemals legal sein.[11] Diese Position unterschied sich deutlich von seinen Aussagen im Wahlkampf 2011, als er vorgeschlagen hatte, die Frage von LGBT-Personen auf „moderne und verantwortungsvolle“ Weise zu behandeln. Vertraute seines Gegners Abdoulaye Wade hatten ihm damals vorgeworfen, im Dienst „schwuler Lobbys“ zu stehen.[12]
Im Dezember 2015 und erneut im Oktober 2020 wurden Gruppen von Personen festgenommen, die im privaten Rahmen an Zeremonien zu gleichgeschlechtlichen Eheschließungen teilgenommen hatten.[13]
2021 kam es zu einem neuen Gesetzesvorschlag von 11 Abgeordneten des senegalesischen Parlaments, der die Strafen erheblich verschärfen sollte. Getragen wurde er von der Initiative „And Samm Jikko“ (Deutsch „Gemeinsam zur Bewahrung der Werte“). Der Antrag wurde im Januar 2022 vom Präsidium der Nationalversammlung verworfen.[14] Letztendlich hatte die Initiative 2026 jedoch Erfolg. Andererseits unternahm die Politik auch nichts, die strafrechtlichen Bestimmungen zu lockern. Der Generalkalif der Murīdīya, Serigne Mountakha Mbacké, reagierte auf das vorläufige Scheitern des Gesetzesprojekts, indem er alle juristischen Schritte gegen Homosexualität unterstützte.[15] Am 21. Februar 2022 fanden in Dakar nach Aufruf eines Zusammenschlusses von 125 Anti-LGBT-Vereinigungen monatelang große Demonstrationen statt, die sich für das Gesetzesvorhaben zur Strafverschärfung einsetzten[16] und den Behörden vorwarfen, die gesellschaftlichen Werte zu schwächen.[17]
Am 12. März 2026 verabschiedete das Parlament des Senegal den geänderten, verschärften Art. 319 CPS[18], der am 27. März 2026 in Kraft trat.[19][20]
Rechtliche Lage
Strafrecht
Nach der Fassung von Artikel 319 CPS vom 27. März 2026 werden sexuelle oder sexuell geprägte Handlung zwischen zwei Personen gleichen Geschlechts als widernatürliche Handlung definiert und mit einer Freiheitsstrafe von 5 bis 10 Jahren und einer Geldstrafe von 2.000.000 bis 10.000.000 CFA-Franc bestraft. Die Freiheitsstrafe von 5 Jahren ist eine Mindeststrafe und die Freiheitsstrafe kann nicht zur Bewährung ausgesetzt werden. Wird die „widernatürliche Handlung“ mit einem Minderjährigen begangen, so muss die Höchststrafe verhängt werden. Weiter strafbar ist die öffentliche Darstellung durch Wort, Schrift, Bild, Geste, Ton oder irgendein anderes Mittel, das darauf abzielt, Homosexualität, Bisexualität, Transsexualität oder eine andere vergleichbare Praxis zu fördern oder zu „verherrlichen“ – in der Praxis also anders als abwertend darzustellen. Zudem werden Verurteilten die Bürgerrechte nach Art. 34 CPS aberkannt.
Weiter stellt Artikel 319 CPS die Darstellung von Homosexualität in öffentlichen Medien[Anm. 2] unter Strafe. Das wird mit einer Freiheitsstrafe von 2 bis 5 Jahren und einer Geldstrafe von 500.000 bis 2.000.000 CFA-Franc bestraft.
Antidiskriminierung
Einen gesetzlicher Schutz gegen Diskriminierungen aufgrund der sexuellen Identität gibt es aufgrund der rechtlichen und gesellschaftlichen Lage im Senegal ebenso wenig wie eingetragene Partnerschaften oder anerkannte gleichgeschlechtliche Ehen.
Soziale Lage
Allgemeingesellschaftlich
Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts belegen schriftliche Quellen den Begriff „Goor-jigeen“ („Mann-Frau“ in der Wolof-Sprache).[21] Aufgrund der Illegalität werden homosexuelle Menschen im Senegal in den gesellschaftlichen Untergrund gedrängt.
Die weit verbreitete soziale, kulturelle und religiöse Intoleranz im Senegal führt dazu, dass LGBT+-Personen durch familiären, religiösen oder sonstigen gesellschaftlichen Druck ihre eigene sexuelle Identität unterdrücken müssen. Auch Zwangsheirat droht.[22] Die Ablehnung einer angeblich vom Westen importierten Homosexualität[23] wird als moralische und patriotische Pflicht[24] angesehen und nährt ein Gefühl nationaler Identität.[25] Polizei und politische Persönlichkeiten dulden, tolerieren oder fördern Übergriffe gegen Personen der LGBT+-Gemeinschaft.[26]
Die Medien tragen zur Verbreitung von Homophobie bei – durch sensationsheischende Schlagzeilen, voreingenommene und einseitige Darstellungen.[27] Diese Boulevardpresse wird von Gerüchten über Personen genährt, die als LGBT+-Personen wahrgenommen werden. Zunehmend werden solche Gerüchte auch durch das Internet und „soziale“ Medien verbreitet.[28] Diese Personen sind mit der Veröffentlichung ihrer Name.[29] und mit homophober Gewalt konfrontiert.[30] So wurde etwa am 17. Mai 2022 ein mutmaßlich homosexueller Mann auf einem Markt durch eine Menschenmenge angegriffen und beleidigt. Ein Video der Tat, das auch die Identität des Mannes offen legte, wurde veröffentlicht.[31]
Aggressionen
Aufgrund dieser gesellschaftlichen Einstellungen und der Rechtslage ist das Leben von LGBT-Personen im Senegal extrem schwierig.[32] Sie sind vielfältigen Aggressionen ausgesetzt.
LGBT+-Personen sind Drohungen, Mob-Angriffen, Raubüberfällen, Vertreibungen, Erpressungen und Vergewaltigungen ausgesetzt.[33] 2014 lynchten Studenten einen Mann, der angeblich seinen Nachbarn am Urinal zu intensiv angesehen hatte.[34] Im Mai 2022 wurde ein Mann, der wegen seiner Art und seines Kleidungsstils der Homosexualität verdächtigt wurde, von einer großen Menschenmenge angegriffen und schwer verletzt.[35] In mehreren Regionen Senegals wurden Beerdigungen von Goor-jigen gestört[36] oder Leichen von Goor-jigen aus Friedhöfen exhumiert.[37]
Queere Selbsthilfe-Organisationen
Es ist nicht möglich, legal Vereinigungen, die sich mit LGBT+-Themen beschäftigen, zu bilden.[38]
Die Vereinigung Sourire de femme[39] setzt sich für die Rechte von Lesben ein.[40]
Auch im Bereich von LGBT+ ist die traditionelle Geschlechtertrennung tief verwurzelt: Homosexuelle Frauen und Männer bilden eigene Organisationen. Die schwulen Organisationen wurden hauptsächlich gegründet, um Aids zu bekämpfen.[41]
Kultur
Der 2018 erschienene Roman De purs hommes[42] („Reine Männer“) von Mohamed Mbougar Sarr und der 2020 erschienene Les Pangolins de Dakar[43] („Die Schuppentiere von Dakar“) von Valérian MacRabbit beschreiben die schwule Lebenswelt unter den repressiven Bedingungen im Senegal.
Karmen Geï ist ein senegalesischer Film des Regisseurs Joseph Gaï Ramaka. Der Inhalt ist eine Adaption von Georges Bizets Oper Carmen in einem senegalesischen Umfeld, wobei Karmen als verführerische, bisexuelle Kriminelle dargestellt wird, die aus dem Gefängnis entkommt, um ihr Schmugglernetzwerk zu revitalisieren.
Die homophob motivierte Exhumierung von Madièye Diallo war Gegenstand der Performance Éthérée von Mame-Diarra Niang.[44]
Religion und geschlechtliche Vielfalt
Die senegalesische Gesellschaft ist muslimisch geprägt.[45] 97,2 % der Bevölkerung gehören dem Islam an.[46] Dies sichert dem homophoben Islam einen starken Einfluss. So haben religiöse Gruppen maßgeblichen Einfluss in Fragen der öffentlichen Moral. Besonders Sufi-Bruderschaften verfügen über erheblichen sozialen und politischen Einfluss. Die Religion bestimmt im Senegal die sozialen Praktiken der Menschen.
In einer Pressemitteilung vom Juni 2022 rief die römisch-katholische Bischofskonferenz des Senegal dazu auf, die körperliche Unversehrtheit des Einzelnen zu respektieren, verurteilte aber jede Initiative Homosexualität zu legalisieren, da sie nicht im Einklang mit traditionellen Werten und christlichen religiösen Überzeugungen stehe.[47]
Im Januar 2024 erklärten die Bischöfe des Senegal ihre Weigerung, Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare ohne liturgischen Ritus vorzunehmen, was das vatikanische Glaubensdikasterium in seiner Grundsatzerklärung Fiducia supplicans vom Dezember 2023 zugelassen hatte. Sie bezeichneten Homosexualität als moralische Abweichung der heutigen Zeit.[48]
Literatur
- Patrick Awondo, Peter Geschiere, Graeme Reid, Alexandre Jaunait, Amélie Le Renard, Élisabeth Marteu: Une Afrique homophobe? Sur quelques trajectoires de politisation de l'homosexualité : Cameroun, Ouganda, Sénégal et Afrique du Sud. In: Raisons politiques 2013/1 (Nr. 49), S. 95–118.
- Christophe Broqua: Góor-jigéen. la resignification négative d’une catégorie entre genre et sexualité (Sénégal). In: Socio. La nouvelle revue des sciences sociales, Nr. 9 vom 20. Dezember 2017, S. 163–183.
- Bundesamt für Migration und Flüchtlinge: Länderkurzinformation Senegal. SOGI (Sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität): Situation von LGBTIQ-Personen – Stand: 04/2024.
Weblinks
- Loi n° 2026-08 modifiant l’article 319 de la loi portant Code pénal, modifiée n° 65–60 du 21 juillet 1965. In: Journal officiel de la Republiqu de Senegal, 171. Jg., Nr. 7896 vom 30. März 2026
- Behind The Mask: About Senegal ( vom 29. April 2010 im Internet Archive), Südafrikanische LGBT-Medienseite
- Code pénal sénégalais (CPS) – noch ohne die Neufassung von Art. 319 CPS vom März 2026.
- International Lesbian, Gay, Bisexual, Trans and Intersex Association: ILGA database – Senegal.
Siehe auch
Anmerkungen
- AIDES ist eine französische Vereinigung, die in der Aidsprävention und -hilfe arbeitet.
- „Öffentliche Medien“ werden in Art. 248 CPS als „Radio, Fernsehen, Kino, Presse, Plakatierung, Ausstellung, Flugschriften, Bilder, Lieder oder alle Möglichkeiten, um öffentliche Aufmerksamkeit zu erreichen“.