Gewerkschaften in den USA
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Der Anteil der Lohn- und Gehaltsempfänger, die Gewerkschaftsmitglieder sind, lag in den USA laut dem US-Arbeitsministerium (Bureau of Labor Statistics) im Jahr 2025 bei 10,0 Prozent und damit nahezu unverändert zum Vorjahr. Die Zahl der gewerkschaftlich organisierten Lohn- und Gehaltsempfänger betrug im Jahr 2025 14,7 Millionen. Im Jahr 1983, dem ersten Jahr, für das vergleichbare Daten vorliegen, lag die Gewerkschaftsmitgliedschaftsquote bei 20,1 Prozent und die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder bei 17,7 Millionen.[1]
Zur Geschichte
Die Arbeitergeschichte beginnt (in der US-amerikanischen labour history) nicht mit dem Industrieproletariat, sondern bereits in kolonialer Zeit mit der Hinterfragung europäischer Vorstellungen hinsichtlich der Organisation von Gesellschaft und Arbeit und der Einführung der Sklaverei. Das radikaldemokratische Gedankengut Thomas Jeffersons und Thomas Paines waren wesentlich wichtiger für die amerikanischen Arbeiter als die Schriften von Karl Marx oder der utopischen Sozialisten.
Ein Zunftwesen könnte sich wegen des freien Handel und des Mangels an strengen städtischen Kontrollstrukturen sowie der hohen Mobilität nicht entwickeln. Es gab zu viel freien Raum und zu wenig enge Stadtstrukturen, als dass man Handwerke auf lokaler Ebene hätte monopolisieren können. Die Wurzeln sowohl für das Entstehen einer Arbeiterbewegung als auch für die Hindernisse, die sich dieser Bewegung in den folgenden Jahrhunderten stellen sollten, lagen also bereits in der Formationsepoche der Vereinigten Staaten begründet.[2] Hindernisse für die Entfaltung einer sozialistischen Bewegung sah Werner Sombart vor allem in dem relativ hohen Lebensstandard qualifizierter Arbeiter, in der relativen Durchlässigkeit der Klassenschranken und in der ethnischen und sprachlichen Fragmentierung der zahlreichen Einwanderer sowie in der frühzeitigen Einführung des Wahlrechts (für Männer). Kritik am Privateigentum galt als unamerikanisch.[3]
Wenn sich aus diesen Gründen in den USA auch keine dauerhaft erfolgreiche Arbeiterpartei entwickelte, darf dies nicht als Indiz für die Bedeutungslosigkeit der amerikanischen Arbeiterbewegung gewertet werden. Vielmehr überrascht, wie früh sich im Vergleich mit Europa Gewerkschaften organisierten und zum Teil die Aufgaben der europäischen Zünfte und Gilden mit übernahmen. Erste lokale Gruppen von Handwerksgesellen und Arbeitern entstanden im frühen 19. Jahrhundert, um Löhne und Arbeitszeiten zu verteidigen. Bereits 1836 gab es etwa 300.000 gewerkschaftlich organisierte Arbeiter – ein Anteil, der prozentual erst wieder in der Ära des New Deal erreicht wurde. Ebenso erlaubten die demokratischen Strukturen der USA viel früher die Wahl von Vertretern der Arbeiterschaft in kommunale, staatliche und nationale Repräsentativorgane: 1829 wählte die Workingmens’ Party von New York den Vorsitzenden der Zimmerergewerkschaft in den Stadtrat, 1836 wurde der erste direkte Vertreter der Arbeiterschaft ins Repräsentantenhaus gewählt.[2] Im Jahr 1886 entstand die American Federation of Labor (AFL) unter Samuel Gompers, die vor allem auf qualifizierte Handwerker setzte. 1955 fusionierte sie mit dem Congress of Industrial Organizations (CIO) zum größten amerikanischen Gewerkschaftsdachverband.
Rechtlicher Rahmen
Der National Labor Relations Act (NLRA, sog. Wagner Act) garantiert Arbeitnehmern erst seit 1935 das Recht, sich gewerkschaftlich zu organisieren, kollektive Verhandlungen zu führen und Arbeitskämpfe zu organisieren. Durch dieses Gesetz, das auf die Reduzierung der Zahl industrieller Konflikte zielte, wurde auch das National Labor Relations Board (NLRB) geschaffen, eine unabhängige Bundesbehörde, die Gewerkschaftswahlen überwacht und Verstöße gegen das Arbeitsrecht untersucht. Anders als in vielen europäischen Ländern sind die gewerkschaftlichen Aktivitäten in den USA stark auf die Unternehmensebene fokussiert. Die größte Zahl der Tarifverträge wird mit Einzelbetrieben, eine allerdings wachsende Minderheit von Tarifverträgen mit Gruppen von Betrieben abgeschlossen. Der gewerkschaftliche Einfluss ist durch mehrere Gesetze begrenzt. In über der Hälfte der Bundesstaaten dürfen Gewerkschaften von Arbeitnehmern, die nicht in der Gewerkschaft sind, aber von ausgehandelten Tarifverträgen profitieren (sog. „Trittbrettfahrer“) keine Pflichtbeiträge verlangen (Verbot des forced unionism), was die finanzielle Basis der Gewerkschaften massiv schwächt (siehe auch Right-to-work-law). Im Gegensatz zu Deutschland existiert eine Arbeitnehmervertretung in einem Betrieb nur dann, wenn dort eine Gewerkschaft offiziell als Vertretung anerkannt (zertifiziert) wurde. Nur die mit diesen Vertretungen ausgehandelten Tarifverträge können bewirken, dass Arbeitnehmer nicht ohne Angabe von Gründen jederzeit entlassen werden können.
Einschränkungen des Streikrechts gibt es u. a. in der Luftfahrt und bei der Eisenbahn.
Aktuelle Situation
Gewerkschaftsbünde
Die Gewerkschaften in Vereinigten Staaten von Amerika gehören zum größten Teil einem der folgenden Gewerkschaftsbünde an:[4]
| Name des Gewerkschaftsbunds | Mitglieder | Zugehörigkeit zu einem Internationalen Gewerkschaftsverband |
|---|---|---|
| American Federation of Labor and Congress of Industrial Organizations, AFLCIO[5] | 15 Mio. | IGB |
| Strategic Organizing Center, SOC[6] | 0,73 Mio | - |
Einzelgewerkschaften, Branchenverbände
Einzelgewerkschaften / Branchenverbände sind u. a.:[7]
- (Der Organisationsbereich einiger Gewerkschaften umfasst neben den USA auch Kanada;
s. bei "Zugehörigkeit zu Globalen Gewerkschaftsföderationen" CLC – für Canadian Labour Congress)
| Name der Gewerkschaft | Mitgliedschaft in Dachverband |
Mitglieder | Zugehörigkeit zu Globalen Gewerkschaftsföderationen |
|---|---|---|---|
| National Education Association, NEA | AFL-CIO | 3 Mio. | EI |
| Service Employees International Union, SEIU | AFL-CIO | 2 Mio. | UNI, PSI, CLC |
| American Federation of Teachers, AFT | AFL-CIO | 1,8 Mio. | EI, PSI |
| American Federation of State, County, and Municipal Employees, AFSCME | AFL-CIO | 1,4 Mio. | UNI, PSI |
| International Brotherhood of Teamsters (IBT) | AFL-CIO | 1,3 Mio. | IndustriAll, ITF, NABTU |
| United Food and Commercial Workers (UFCW) | AFL-CIO | 1,2 Mio. | IndustriAll, CLC, IUF, UNI |
| United Steelworkers (USW) | AFL-CIO | 0,85 Mio. | IndustriAll, NDP, UNITE, CLC |
| International Brotherhood of Electrical Workers (IBEW) | AFL-CIO | 0,82 Mio. | CLC, NABTU |
| Communications Workers of America (CWA) | AFL-CIO | 0,63 Mio. | UNI, CLC, SOC |
| Int. Association of Machinists and Aerospace Workers (IAMAW) | AFL-CIO | 0,6 Mio. | IndustriAll, BWI, CLC, ITF |
| Int. Union United Automobile, Aerospace, and Agricultural Implement Workers of America (UAW) | AFL-CIO | 0,4 Mio. (+0,58 Mio. im Ruhestand) |
IndustriAll, CLC |
| UNITE HERE | AFL-CIO | 0,3 Mio. | UNI, IndustriAll, IUF, ITF |
Literatur
- Daniel Blackburn (Hrsg.), Trade unions of the world, London (The International Centre for Trade Union Rights), 8th edition, 2021, ISBN 978-0-9933556-2-2, S. 669–685
- Friedrich-Ebert-Stiftung, Vereinigte Staaten von Amerika (USA) Gewerkschaftsmonitor 2025 (Juli), PDF, 12 S., abgerufen am 22. Mai 2026
- Malte Meyer, Neuanfang in der Defensive. US-Gewerkschaften unter Handlungsdruck, Hamburg (VSA-Verl.), 2002, ISBN 3-87975-885-9
- Philip Yale Nicholson, Geschichte der Arbeiterbewegung in den USA, Berlin (vorwärts buch), 2006, 415 S., ISBN 978-3-86602-980-4, Inhaltsverzeichnis (PDF, 2 S.), Rezension
- Bernhard Pfitzner, Basisinformationen/Informationsquellen zu Gewerkschaften in den USA, Hannover 2024, 7 S., PDF
Weblinks
- Homepage AFL/CIO, abgerufen am 23. Mai 2026
- Homepage SOC, abgerufen am 23. Mai 2026
- Übersicht zu Seiten zu den USA auf der Seite des IGB, abgerufen am 24. Mai 2026
- Vereinigte Staaten von Amerika (USA): Gewerkschaftsmonitor; FES Briefing, Seite der Friedrich-Ebert-Stiftung mit Ausgaben des Monitors für 2019, 2020, 2021, 2023, 2025 (s. o.), abgerufen am 22. Mai 2026
- "Gewerkschaften in den USA" auf der Seite "Internationales" von labournet, abgerufen am 22. Mai 2026