Gloriosa (Erfurter Dom)
Glocke des Erfurter Doms
From Wikipedia, the free encyclopedia
Die Gloriosa, lat. die Ruhmreiche oder die Glorreiche, ist die größte Glocke des Erfurter Domes. Sie hängt im Mittelturm. Sie wurde von Gerhard van Wou in der Nacht vom 7. zum 8. Juli 1497 gegossen und wiegt 11,45 Tonnen bei 2,62 Meter Höhe, einem Durchmesser von 2,56 Meter und einer Schlagringstärke von 181 mm.[1] Sie erklingt mit dem Schlagton e0 +4⁄16 (bezogen auf a1 = 435 Hz).[2][3] Damit ist sie die größte freischwingende mittelalterliche Glocke der Welt. Außerdem zählt sie zu den klangschönsten Glocken der Welt. Gelegentlich wird sie daher „Königin aller Glocken“ (omnium campanarum regina) genannt.[4]

Vorgeschichte
Die aktuelle Gloriosa ist die insgesamt sechste Erfurter Glocke dieses Namens. Mehrere Glocken mussten ersetzt werden, weil Schäden auftraten oder sie durch Brände zerstört wurden. So wurde eine erste Glocke im Jahr 1251 gegossen. Diese wurde vom Bischof von Naumburg geweiht. Neue Glocken mussten wegen auftretender Schäden 1307 und 1363 gegossen werden. Beim Dombrand 1416 wurden alle Glocken zerstört; eine vierte „Gloriosa“ wurde 1423 gegossen. Nachdem diese beim Stadtbrand 1472 zerstört worden war, goss Meister Klaus von Mühlhausen am 7. August 1477 die fünfte Glocke. Dies geschah auf dem Platz zwischen Dom und Severikirche. Die Glocke hatte ein Gewicht von zehn Tonnen und wurde vor dem Triangelportal aufgestellt. Bei dieser Glocke trat schon nach zwei Jahren ein unreparabler Schaden auf; eine sechste Gloriosa musste gefertigt werden.
Geschichte
Den Auftrag für ihre Herstellung hatte der Weihbischof Johannes Bonemilch maßgeblich vorangetrieben und auch den erfahrenen Glockengießer Gerhard Wou van Kampen auf eigene Kosten bei sich zu Hause einquartiert. Mittags um zwei Uhr am 7. Juli 1497 wurde der Ofen auf dem Severihof angeheizt. Abends gegen 22:00 Uhr war die Glockenspeise flüssig und die Stiftsherren prozessierten zum Gussort. Um 1 Uhr am 8. Juli schlug Wou van Kampen den ersten Zapfen aus und danach den zweiten. Gegen zwei Uhr war der Guss vollendet, die Stiftsherren sangen das Te Deum laudamus. Die „Gloriosa“ wurde 1499 auf das Glockengeschoss des Mittelturms gezogen, dabei mussten mehrere Gewölbe durchbrochen werden. Am 19. Mai 1499 wurde sie erstmals geläutet.[2]
Die Rippe der „Gloriosa“ diente als Vorlage für eine Reihe großer Glocken, wie der Frankfurter „Gloriosa“, der Kreuzglocke der Dresdner Kreuzkirche und der Petersglocke im Kölner Dom.
Beim durch einen Blitzschlag verursachten Turmbrand von 1717 war die „Gloriosa“ die einzige Glocke des Doms, die nicht zu Schaden kam. Dies verdankte sie den über und unter der Glockenstube eingezogenen Gewölben.
Bis zum Einbau elektrischer Läutemaschinen waren zwei Mannschaften zu je acht Personen zum Läuten nötig: Acht Mann sorgten zunächst für das Einschwingen, dann wurden sie von weiteren acht Männern, die die Glocke in Schwung hielten, abgelöst.[5]
Verzierung

Auffälligste Verzierung der Glocke ist die Madonna im Strahlenkranz, die zweimal als Relief an den gegenüberliegenden Flanken angebracht ist. Außerdem finden sich als Glockenverzierung Christusköpfe an den sechs Bügeln der Krone, ein Fries heraldischer Lilien am Glockenhals sowie eine Umschrift mit Datierung und Meisternamen:
“Laude patronos cano gloriosa Fulgus arcens et demones malignos Sacra templis a populo sonanda Carmine pulso Gerhardus wou de Campis me fecit. Anno Dni [Domini] M. CCCC.XCV II”
„Ich besinge mit ruhmreichem [gloriosa] Lob die Schutzherren, abwehrend den Blitz und die bösen Geister, läute zum Gottesdienst, der im Dom vom Volk mit Gesang gekündigt werden soll. Gerhardus Wou aus Kampen hat mich gegossen. Im Jahr des Herrn 1497.“
Reparaturen
Am 24. Dezember 1984 sprang die „Gloriosa“ beim Einläuten des Weihnachtsfestes; sie wurde 1985 im Turm von Hans Lachenmeyer und Sohn Thomas mit 60 Kilogramm Bronze geschweißt.[6] Die geschweißte Risslänge betrug 70 Zentimeter.
Der Riss war entstanden, weil die Glocke 1899 in gutem Glauben um 90 Grad gedreht worden war, damit der Klöppel nicht immer wieder auf dieselbe Stelle schlug. Seit 1497 schlug der Klöppel bis zu dieser Drehung immer an den gleichen Stellen an.[7] 1927 wurde ein überdimensionierter Klöppel, der zum Schaden von 1984 beitrug, eingehängt.[1]
Zur Durchführung dieser Arbeiten mussten sämtliche Holzteile aus dem Turm ausgebaut werden. Es wurde ein transportabler Ofen im Turm montiert. Am 8. Dezember 1985 wurde die Glocke wieder angeläutet.
Der verantwortliche Glockensachverständige Kurt Kramer urteilte nach der Schweißung (einer deutsch-deutschen Gemeinschaftsarbeit): „Die Gloriosa hat nicht nur ihre verloren geglaubte Stimme wieder, sie klingt vielmehr schöner, als je ein heute Lebender gehört hat.“[8] Die Abklingdauer, ein wichtiger Glockenparameter, die zuvor bei gut dreieinhalb Minuten lag, betrug nach der Schweißung nunmehr fünf Minuten.
Der Erfolg dieser Reparatur war nicht von Dauer: Im Zuge der Renovierung des Erfurter Doms entdeckte man einen 8 Zentimeter langen Haarriss. Diesmal wurde die Glocke für rund 170.000 Euro in der Glockenschweißerei Lachenmeyer in Nördlingen repariert. Damit hatte die „Gloriosa“ den Turm im Juli 2004 nach 507 Jahren zum ersten Mal verlassen. Zum einen sind die Voraussetzungen in einer Werkstatt besser als bei einer Reparatur im Turm, zum anderen hätte der Glockenstuhl bei einer Schweißung im Turm erneut zerlegt und ausgebaut werden müssen, was der alten Holzkonstruktion abträglich gewesen wäre.[9] In der Werkstatt entdeckte man noch einen zweiten Riss, der gleich mitbehandelt wurde.[10] Das Auftreten des Risses nutzte man, um die Glocke für Messungen der Schwingungsbelastung des Turmes ohne Klöppel pendeln zu lassen.[11] Am 9. September 2004 wurde sie in den Turm gehoben[12] und am 8. Dezember 2004 zum ersten Mal nach der Reparatur wieder geläutet. Jetzt liegt ihre Abklingdauer bei über sechs Minuten (370 Sekunden).
Im März 2006 wurde die „Gloriosa“ mit einem neuen, 366 Kilogramm schweren Klöppel des Unternehmens Rosswag ausgestattet.[13]
Läuteordnung
Die „Gloriosa“ wird nur zu besonderen Anlässen und an hohen kirchlichen Feiertagen geläutet.[14] Bei Temperaturen unter −10 °C wird sie grundsätzlich nicht geläutet.[15] Nach der Reparatur von 2004 wurde die bis dahin 17 Termine pro Jahr umfassende Läuteordnung zur Schonung der Glocke deutlich reduziert. Damit näherte sich die Häufigkeit des Gebrauchs der Gloriosa wieder dem Maß, das bis zur Elektrifizierung des Läuteantriebs üblich war, an. Ein Läutevorgang dauert üblicherweise etwa 6 bis 7 Minuten, wovon etwa eine Minute bis zum ersten Anschlag des Klöppels vergeht, und eine weitere, bis die Glocke ihren vollen Klang aufgebaut hat.[5] Diese Läuteordnung (z. B. am 24. Dezember schweigt die Gloriosa, im Gegensatz bspw. zum Heiligabend 1984, inzwischen) lautet:
Datum/Tag Uhrzeit Anlass 1. Januar ca. 10:45 Einläuten des neuen Kalenderjahres; Hochfest der Gottesmutter Maria Dienstag der Karwoche ca. 13:00 Ölweihmesse Ostersonntag ca. 10:45 Hochfest der Auferstehung des Herrn Pfingstsonntag ca. 11:15 Hochfest Pfingsten 15. August ca. 17:45 Patronatsfest des Erfurter Doms; Mariä Aufnahme in den Himmel September ca. 10:45 Bistumswallfahrt Erfurt 10. November ca. 17:50 Vorabend zum Martinstag 25. Dezember ca. 10:45 Hochfest der Geburt des Herrn
Die „Gloriosa“ läutete außerplanmäßig am 3. Oktober 2010, anlässlich des 20. Jahrestages der deutschen Einheit, ebenso am 24. September 2011 nach dem Hochamt mit Papst Benedikt XVI. auf dem Domplatz zu Erfurt, anlässlich seines Deutschlandbesuchs.[16] (Der Dom ist ein katholischer im ansonsten weitgehend protestantischen Thüringen.) Am 26. April 2012 läutete sie zum 10-jährigen Gedenken der Opfer des Amoklaufs im Gutenberg-Gymnasium. Sie läutete nach dem Requiem für den am 25. April 2018 verstorbenen Weihbischof em. Hans-Reinhard Koch. Wenig später schlug man sie zum Requiem des langjährigen Domglöckners Franz Funke an, der am 25. Mai 2018 verstorben war. Die Glocke läutete auch am 21. April 2025 anlässlich des Todes von Papst Franziskus[17] und am 18. Mai desselben Jahres zur Wahl seines Nachfolgers Leo XIV.[18] Abermals erklang die Gloriosa nach dem Requiem für den am 12. März 2026 verstorbenen Altbischof Joachim Wanke.
Literatur
- Franz Peter Schilling: Erfurter Glocken – Die Glocken des Domes, der Severikirche und des Petersklosters zu Erfurt. Mit Geleitworten von Weihbischof Joseph Freusberg und Weihbischof Hugo Aufderbeck (zugleich Doppelheft 72–73 der Reihe Das christliche Denkmal). Union Verlag, Berlin 1968.[19]
- Verena Friedrich: Der Domberg zu Erfurt. 2001, ISBN 3-89643-535-3, S. 151–152.
- Belletristik
- Bodo Kühn: Gloriosa. Roman, 5. Aufl. Wartburg Verlag, Weimar 2010, ISBN 978-3-86160-138-8.
Weblinks
- Probeläuten nach der Revision vom 15. September 2021 mit kompletten Ein- und Ausschwingvorgang (Glockenstubenaufnahme)
- Aufnahme vom Ostersonntag 27. März 2016 auf YouTube
- Animation des Ausbaus der Glocke auf YouTube
- Vorstellung der Domglocken auf YouTube