Großisrael

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Großisrael (hebräisch: אֶרֶץ יִשְׂרָאֵל הַשְּׁלֵמָה, Eretz Israel ha-Schlema „Das vollständige Land Israel“, oft, aber nicht identisch, nur „Eretz Israel“) ist eine religiöse und politische Forderung jüdischer und christlicher Zionisten in und außerhalb Israels. Sie postuliert die Unteilbarkeit eines nicht einheitlich gefassten Gebiets, bezeichnet es als Eretz Israel und beinhaltet die Ausdehnung der Souveränität auf eben variierende Gebietsideen zwischen Mittelmeer und dem Fluss Jordan, manchmal auch auf Teile Jordaniens und in ihrer extremeren Form zusätzlich auf Gebiete des Libanons, Syriens und Ägyptens.

Eretz Israel
nach Gen 15,18–21 LUT

Verschwörungsnarrative im Kontext israelischer Territorialpolitik reichen von der Darstellung eines angeblich durch westliche Mächte vorangetriebenen israelischen Plans für ein „Großisraels“ bis hin zu spiegelbildlichen Deutungen eines angeblichen durch westliche Mächte vorangetriebenen palästinensischen Plans zur Vernichtung Israels.

Biblischer Hintergrund

„Ganz-Groß-Israel“

Karte der Landverheißung gemäß Clarence Larkin[1]

Die konkrete Ausdehnung des gelobten Landes wird in der Bibel unterschiedlich dargestellt.[2] In Gen 15,18 LUT wird die Landverheißung an Abraham mit dem Gebiet „vom Strom Ägyptens bis zum großen Strom, dem Euphrat“ beschrieben. Diese Ausdehnung vom Nil (mit dem „Strom Ägyptens“ ist in dieser Bibelstelle vermutlich der östliche Pelusische Arm des Nils gemeint[3]) bis zum Euphrat basiert nicht auf einem politischen Besitzanspruch, sondern ist Ausdruck einer Vorstellung von Israels Bedeutung im kulturellen und politischen Kontext des Alten Orients. Die Größe des verheißenen Gebiets soll den universalen Herrschaftsanspruch des biblischen Gottes symbolisieren. Das Konzept eines großen geografischen Gebiets steht für den universalen Herrschaftsanspruch dieses Gottes. Es entstand vermutlich frühestens in der Exilzeit und verweist auf eine zukünftige, von Gott bestimmte Ordnung. Eine ähnliche Aussage macht das Landkonzept in Jos 1,4 LUT. Mit den darin genannten Grenzen „Von der Wüste bis zum Libanon und von dem großen Strom Euphrat bis an das große Meer gegen Sonnenuntergang“ sind sowohl geographische als auch mythische Größen gemeint. Die Wüste gilt als der Inbegriff des lebensfeindlichen Raumes, das Meer steht in Beziehung zum Urozean, der die Welt umfasst. Der Euphrat entspringt laut Gen 2,10-14 LUT im Paradies, und der Libanon hat ebenfalls eine paradiesische Konnotation. Hier wird eine symbolische Vorstellung entwickelt, in der „Israel“ nicht als konkretes geografisches Gebiet verstanden wird, sondern als Teil einer umfassenderen, kosmischen Ordnung.[2]

„Groß-Israel“

In Num 34,1-12 LUT entspricht die Landverheißung, die Moses gemacht wird, möglicherweise der ägyptischen Provinz Kanaan aus dem 2. Jt. v. Chr. Das Gebiet reicht von Beerscheba bis in den südlichen Teil Syriens, wobei der Fluss Jordan als Ostgrenze die Realität des 7. Jh. v. Chr. widerspiegelt.[2]

„12-Stämme-Israel“

Dieses Gebiet wird mit „von Dan bis Beerscheba“ umschrieben; definiert wird es in den Ortslisten in Jos 1,15-19 LUT. Es geht dabei nicht einfach um die den 12 Stämmen Israels gehörenden Gebiete, sondern stellt alle Territorien zusammen, die einmal als judäisch oder israelitisch galten. Es ist deshalb keine historische Beschreibung realer Besitzverhältnisse, sondern die idealisierende Vereinigung mehrerer historischer Landbesitze und Siedlungsvorstellungen. Dass das Ostjordanland erwähnt wird, ist beispielsweise als Erinnerung an frühere Zeiten zu verstehen, wo es israelisches Siedlungsterritorium war. Dass es Diskrepanzen zwischen der Idealisierung und dem realen Besitz gab, zeigt Jos 1,13 LUTJos 13; hier wird festgehalten, dass noch sehr viele Gebiete eingenommen werden müssen.[2]

„Juda-Israel“

Laut Gen 13,14-17 LUT wird Abraham und seinen Nachkommen alles Gebiet versprochen, das er vom Berg aus überblicken kann. Das sichtbare und im Sinne des Wortes überschaubare Gebiet, welches nicht genauer definiert wird, entspricht ungefähr der Ausdehnung der persischen Provinz Juda.[2]

„Juda und Samaria“

Sowohl Abraham als auch Jakob wurde Landbesitz verheißen. Darauf beruht die Vorstellung, dass Juda und Samaria zusammengehören. Es ist eine Kombination der anderen Gebietskonzepte, die vor allem in Dtn 34,1-3 LUT festgehalten wird. In ihr spiegelt sich das territoriale Selbstverständnis des nachexilischen Israels im 5. Jh. und 4. Jh. wider.[2]

Geschichte

Vor der Staatsgründung

Theodor Herzl, einer der Gründer des Zionismus, hatte keine konkreten Vorstellungen von der Lage oder Größe des von ihm vorgeschlagenen Judenstaats. Ihm ging es unter dem Eindruck der Pogrome in Russland und der Dreyfus-Affäre vor allem darum, einen sicheren Ort für Juden zu finden.[4] In seinem Buch „Der Judenstaat“ (1896) schlug er sowohl Argentinien vor als auch Palästina, die „unvergeßliche historische Heimat“. Auch eine jüdische Siedlung auf britischem Gebiet auf der Sinai-Halbinsel oder in Uganda kamen für ihn in Frage.[5][6] Am ersten Zionistenkongress 1897 wurde schließlich das „Basler Programm“ verabschiedet, welches eine „öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte in Palästina für diejenigen Juden, die sich nicht anderswo assimilieren können oder wollen“ als Ziel des Zionismus definierte.

Dispensationalisten wie Clarence Larkin betrachteten das gesamte Gelobte Land zwischen Nil und Euphrat als Gottes Eigentum und Israel zugehörig, woraus sie einen göttlich begründeten Anspruch auf uneingeschränkte Souveränität über Westjordanland, Golanhöhen sowie ganz Judäa und Samaria und die Annexion Groß-Jerusalems ableiteten.[7][8][9]

Christliche Zionisten wie William Hechler glaubten, dass die biblische Prophezeiung zur Rückkehr der Juden nach Palästina wörtlich erfüllt würde. In Herzl sah Hechler den von Gott gesandten Propheten, der sie verwirklichen würde. Laut Herzl zeigte Hechler ihm eine Karte, auf der die nördliche Grenze das Taurusgebirge und die südliche Grenze der Suezkanal sein sollte.[10][11]

Mit der Balfour-Deklaration von 1917 erklärte sich die britische Regierung damit einverstanden, unter Berücksichtigung der Rechte der ansässigen nicht-jüdischen Bevölkerung, in Palästina eine „nationale Heimstätte für das jüdische Volk“ zu errichten. Damals gehörte Palästina allerdings noch zum Osmanischen Reich.

Der revisionistische Zionismus, welcher nach 1925 Fuß fasste, verlangte eine Überarbeitung des britischen Mandats für Palästina, um einen souveränen jüdischen Staat zu schaffen, der „beide Seiten des Jordans“ umfassen sollte. Statt der bisher von Zionisten priorisierten sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung Palästinas sollte die unmittelbare Errichtung eines jüdischen Staates vorangetrieben werden.[12]

Historisches Poster der Irgun

Vladimir Jabotinsky, der Begründer des revisionistischen Zionismus, formulierte den großisraelischen Anspruch ursprünglich im Jahre 1930 in einem Gedicht auf „beide Ufer des Jordan“ bezogen, also neben dem Westjordanland (westlich des Jordan) auch Transjordanien (östlich des Jordan, das heutige Jordanien) einschließend. Dieser Anspruch bildete die Grundlage des Emblems der zionistischen Untergrundorganisation Irgun Zwai Leumi und wurde von deren letztem Anführer, Menachem Begin, zum Emblem seiner „Freiheitspartei“ (Cherut) gemacht, dem politischen Arm der Irgun.[13]

Nach der Staatsgründung

Israel Eldad, der 1941 nach Israel einwanderte und ein Anführer der Terrororganisation Lechi war, glaubte an die messianischen Aspekte der „Landbefreiung“ und an die Wiederherstellung einer jüdischen Monarchie. Er sprach sich dafür aus, den benachbarten arabischen Ländern biblisches jüdisches Land wegzunehmen. Eldad gehörte 1967 zu den Gründern der Bewegung für ein Großisrael, welche die Regierung aufforderte, die besetzten Gebiete zu annektieren und sie mit Juden zu besiedeln. Er wandte sich entschieden gegen die Rückgabe auch nur eines Teils davon an die Araber.[14][15][16][17]

Die im Juni 1948 gegründete revisionistisch-zionistische Cherut-Partei, die später in der Likud-Partei aufging, bezeichnete das Gebiet beidseits des Jordans auch nach der Gründung des Staates Israel als „die jüdische Heimstätte“, die ein „historisches und geografisches Ganzes“ bildet. Bis zum Juni 1967 blieb Cherut die einzige politische Partei in Israel, die diese Haltung vertrat.[18]

Mit den israelischen Eroberungen im Sechstagekrieg im Juni 1967 erhielt die Großisrael-Idee Zuspruch auch außerhalb des rechts-nationalistischen und nationalreligiösen Lagers.[19] Im August 1967 wurde die Bewegung für ein Großisrael gegründet, die die Beibehaltung der eroberten Gebiete verlangte. In der Wahl 1969 wurden mehrere ihrer Mitglieder ins israelische Parlament (Knesset) gewählt. Die Großisrael-Bewegung wurde später von der Gusch-Emunim-Bewegung abgelöst.[20]

Die Forderungen der säkularen ein Großisrael befürwortenden Parteien und Gruppierungen beinhalten heute in der Regel die von Israel im Juni 1967 eroberten Gebiete. Die Likud-Wahlplattform für die Wahl 1977, die den Likud erstmals an die Macht brachte, enthält das Versprechen, „zwischen dem Meer und dem Jordan wird es keine andere als israelische Souveränität geben“.[18] Nach dem Wahlsieg des Likud hat die Siedlungstätigkeit jüdischer Israelis, besonders des nationalreligiösen Gusch Emunim, in den israelisch besetzten Gebieten beträchtlichen Auftrieb erhalten.[21] Besonders in den 1980er Jahren vertrat der Chef der später verbotenen Kach-Partei, Meir Kahane, eine der extremsten Positionen. Er forderte ein Großisrael, welches sowohl das gelobte Land, als auch die im Sechstagekrieg durch Israel eroberten Gebiete umfassen sollte.[22]

1994 stimmte die Mehrheit des Likuds für einen Friedensvertrag mit Jordanien und erkannte damit sein Existenzrecht an.[23] Im Herbst 2008 machte der damalige israelische Premierminister Ehud Olmert, ein ehemaliges Mitglied der revisionistisch-zionistischen Betar-Jugendorganisation, internationale Schlagzeilen, als er den „Traum von einem Groß-Israel“ für tot erklärte, und meinte, wer ihn weiter träume, mache sich etwas vor.[24]

In den Leitlinien der israelischen Regierung ab 2022 wird das „exklusive und unveräußerliche Recht“ des jüdischen Volkes „auf alle Teile des Landes Israel“ bekräftigt:[13] „Das jüdische Volk hat ein ausschließliches und unveräußerliches Recht auf alle Teile des Landes Israel. Die Regierung wird die Besiedlung aller Teile des Landes Israel fördern und vorantreiben – in Galiläa, im Negev, auf den Golanhöhen sowie in Judäa und Samaria.“[25][26]

Während die Kontrolle über das Westjordanland, die Golanhöhen und andere Gebiete die Folge verschiedener Konflikte ist, wird Großisrael von Teilen der israelischen Rechten als politisches Programm verfolgt. So antwortete Israels Premierminister Benjamin Netanjahu 2025 während eines Interviews mit dem TV-Moderator und ehemaligen Knesset-Abgeordneten Sharon Gal auf i24news auf die Frage, ob er sich mit der Vision eines „Großisrael“ identifiziere, ohne zu zögern: „Sehr sogar.“ und äußerte ausdrücklich, sich auf einer historischen und spirituellen Mission zu befinden. Der entsprechende Wortwechsel war auf dem Youtube-Kanal des TV-Senders herausgeschnitten worden, aber weiterhin auf der eigenen Website zu finden. Der ehemalige Knesset-Abgeordnete Gal schenkte Netanjahu gegen Ende des Interviews ein Schmuckstück, das er als Amulett in Form einer „Karte des Gelobten Landes“ bezeichnete. Das Schmuckstück, das Gal online verkauft, hat die Form des Konzepts „Großisrael“, das sich an den Umrissen in Genesis (15,18) orientiert.[27][28] Das führte zu Empörung in arabischen Ländern.[29][30]

Der US-Botschafter in Israel, Mike Huckabee, erklärte in einem unter anderem auf YouTube am 22. Februar 2026 veröffentlichten Interview mit Tucker Carlson, dass Israel das biblische Recht habe, den gesamten Nahen Osten zu übernehmen. Huckabee antwortete auf die Frage zu seiner Interpretation des Bibelverses Genesis 15,18, in dem beschrieben wird, wie Gott Abram, später Abraham genannt, und seinen Nachkommen Land „vom Nil bis zum Euphrat“ verspricht: „Es wäre in Ordnung, wenn sie sich alles nehmen würden.“ Dies führte zu Empörung auf Seiten arabischer Staaten.[31][32][33]

Verschwörungsnarrative

Israel kontrolliert seit dem Sechstagekrieg 1967 Gebiete, die über die im UN-Teilungsplan von 1947 vorgesehenen hinausgehen, was unabhängig von politischen oder religiösen Forderungen nach „Großisrael“ eine Erweiterung der effektiven Kontrolle darstellt. Gleichzeitig existieren Narrative, welche behaupten, dass Israel seit seiner Staatsgründung systematisch und mit finanzieller Unterstützung „des Westens“ die Etablierung eines Großisraels in der maximalen biblischen Ausdehnung verfolge. Louis Fishman beschreibt sie 2025 als antisemitische Narrative basierend auf der Jüdischen Weltverschwörung.[34] Daniel Pipes sah solche Narrative als in der arabischen Welt weit verbreitet an und interpretierte sie vor allem als Ausdruck eines verzerrten oder „paranoiden“ Denkens.[35] Neuere Ansätze kritisieren Pipes’ Erklärung als typisch für eine westliche, orientalistische Sicht auf die arabische Welt und postulieren, dass diese Narrative wesentlich weniger verbreitet sind, als behauptet, und sich weniger gegen Israel, sondern vor allem gegen „westliche Mächte“ richten, welche als Drahtzieher hinter allen israelischen Aktionen gesehen werden. Die neueren Ansätze betonen stärker die funktionale Dimension solcher Narrative in der Region selbst. So weist Sauerland darauf hin, dass sie Unsicherheiten und Bedrohungsgefühle in konkrete Deutungsmuster überführen, Erklärungen für erlebte politische Realität liefern und die Verantwortung dafür bestimmten Akteuren zuschreiben. Dabei werden sie nicht ausschließlich als irrationale Fehlwahrnehmungen verstanden, sondern auch als Versuch, die erlebten Gewalterfahrungen, Unsicherheiten und asymmetrischen Machtverhältnissen zu deuten.[36] Fishman kritisiert, dass Verschwörungsnarrative keine Lösung böten für die Ungerechtigkeit, die Palästinensern widerfahre.[34] Im Gegenzug gibt es in rechten israelischen Gruppierungen ähnliche Verschwörungsnarrative, welche jede Aktion der Palästinenser, liberaler und linker israelischer Gruppen, oder „westlicher Mächte“, als Beleg für einen geheimen, koordinierten und bösartigen Plan zur Zerstörung Israels ansehen. Diese Narrative sind laut Sauerland als Ausdruck von Ängsten vor Vernichtung oder Verlust der Identität anzusehen.[37]

Einzelnachweise

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