Heimsuchung (Roman)

Roman von Jenny Erpenbeck (2008) From Wikipedia, the free encyclopedia

Heimsuchung ist ein Roman der Autorin Jenny Erpenbeck aus dem Jahr 2007. Im Roman verarbeitet sie ihre Kindheitserinnerungen bei ihren Großeltern in einem Haus am Scharmützelsee und behandelt dabei die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts.[1] Im Roman spielen die Themen Flucht und Vertreibung, Exil, Identität, Zeit und Raum eine Rolle.

Inhalt

Erpenbeck erzählt die Geschichte eines Hauses an einem märkischen See über fast ein ganzes Jahrhundert, wodurch sie fünfzehn Lebensläufe von den 1920er Jahren bis zum Abriss des Gebäudes erzählen kann. Die Bewohnerinnen und Bewohner des Hauses erleben die Weimarer Republik, den NS-Staat, den Zweiten Weltkrieg, das Kriegsende, die DDR, die Friedliche Revolution 1989/90 und die folgenden Jahre.

Prolog

Im Prolog schildert ein Erzähler, dass die letzte Eiszeit die Landschaft geprägt und das Märkische Meer gebildet habe. Der Prolog endet mit dem Ausblick, dass auch dieser See einmal verlanden wird und vergleicht den Prozess mit der Sahara, wo es einmal Wasser gegeben habe: „Erst in der Neuzeit trat dort das ein, was man in der Wissenschaft als Desertifikation bezeichnet, zu deutsch Verwüstung.“[2]

Der Gärtner

Er ist eine der wenigen wiederkehrenden Personen im Roman. Er kümmert sich um den Garten und scheint mit der Natur im Einklang zu leben.

Der Großbauer und seine vier Töchter

Der Großbauer lebt nach überkommenen Regeln im Dorf und stürzt seine Töchter damit ins Unglück. Seiner jüngsten Tochter Klara gehört das Grundstück am See. Nach ihrem Tod verkauft der Großbauer es an den Architekten, den Tuchfabrikant und an einen Tee-Importeur.

Der Tuchfabrikant

Der jüdische Tuchfabrikant flieht mit seiner Frau nach Südafrika, die anderen Mitglieder seiner Familie werden im Holocaust umgebracht.

Der Architekt

Er errichtete für seine zweite Ehefrau ein Haus am See. 1951 muss er in den Westen fliehen.

Die Frau des Architekten

Die Frau des Architekten lebt ein unbeschwertes Leben im Haus, das der Architekt für sie errichtet hat. Zum Ende des Zweiten Weltkriegs kommt es zu einer Vergewaltigung, der Rotarmist bohrte „ein Loch in ihre Ewigkeit“[1].

Das Mädchen

Das Mädchen, Doris Kaplan, ist die Nichte des Tuchfabrikanten. Ihr Vater stirbt, als er Zwangsarbeit leisten muss. Doris kommt über das Warschauer Ghetto nach Auschwitz, wo sie bei der Ankunft ermordet wird.

Der Rotarmist

Der Rotarmist schließt sich der roten Armee an, als seine Eltern und seine Schwester von deutschen Soldaten ermordet werden; mit der roten Armee gelangt er auch nach Deutschland, wo es im Haus des Architekten zu einer Vergewaltigung kommt. An der Schilderung der Vergewaltigung ist viel Kritik geäußert worden.[3]

Die Schriftstellerin

Die Schriftstellerin, überzeugte Kommunistin, kehrt nach Ende des Zweiten Weltkriegs nach Deutschland zurück und muss erfahren, dass in der DDR nicht alles so gut ist, wie sie es sich erträumt hatte.

Die Besucherin

Die Besucherin erlebt mit drei Enkelkindern die Flucht aus Ost-Preußen bzw. Polen, ihre Tochter ist bei einem Arbeitseinsatz verstorben. Da ihre jüngste Enkeltochter den Sohn der Hausbesitzerin geheiratet hat, ist sie von Zeit zu Zeit im Haus am See zu Gast. Sie ist „fremd in der Fremde“.

Der Unterpächter

Diese nach dem Mauerfall situierte Geschichte verarbeitet die Erfahrungen mit Republikflucht, Mauerfall und Restitution von Besitz. Auch emotionale Bindungen werden thematisiert.

Der Kinderfreund

Er blickt auf sein Leben zurück; er ist unverheiratet geblieben.

Die unberechtigte Eigenbesitzerin

Die unberechtigte Eigenbesitzerin versteckt sich im Schrank, während Makler das Haus bereits verkaufen wollen.

Epilog

Im Epilog wird zunächst das Vorgehen bei einem Abriss geschildert, um anschließend den Abriss des Hauses zu erzählen. Zwei Wochen lang seien zunächst fünf, dann drei Männer damit beschäftigt. Der Epilog schließt mit den Worten „Bevor auf demselben Platz ein anderes Haus gebaut werden wird, gleicht die Landschaft für einen kurzen Moment wieder sich selbst.“[4]

Dank

Im Rahmen der Danksagung bedankte sich Erpenbeck für die finanzielle Unterstützung, die ihr Arbeitsaufenthalt und Recherche-Reisen ermöglicht haben, zunächst bei Indra Wussow, bei Beate Puwalla, dem Berliner Senat und der Bosch-Stiftung.[5] Sie dankt ferner „für die Bereitstellung zahlreicher Akten und Briefe, sowie von Filmmaterial und Fotos“[5] verschiedenen Archiven und Zentren und ihren dortigen Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartnern, so dem Moses-Mendelssohn-Zentrum in Potsdam, dem LISUM Berlin, dem Kreisarchiv Landkreis Oder-Spree, dem Bundesarchiv, dem Brandenburgischen Landeshauptarchiv, dem Landesarchiv Berlin, dem Jüdischen Historischen Institut in Warschau und dem Bauaktenarchiv Köpenick und jeweils dortigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. „Für ihre Hilfe bei den Recherchen, für Anregung, Rat und Antworten auf viele Fragen“[5] dankt sie insgesamt 39 Einzelpersonen, Ehepaaren und Familien, u. a. auch Dirk Erpenbeck, ihrem Vater und ihrer Mutter.[6] Schließlich dankt sie Wolfgang, „für sein Zuhören und seine unendliche Geduld bei allen Fragen, die ich sonst nur hätte mir stellen können“.[7]

Widmung

Der Roman ist Doris Kaplan gewidmet (S. 5),[8] einem jüdischen Mädchen, das mit ihrer Mutter 1942 aus Berlin ins Warschauer Ghetto deportiert wird, wonach sich ihre Spur verliert.[9] Ihre Großeltern, Hermine und Arthur, wurden im Vernichtungslager Kulmhof bei Litzmannstadt in einem Gaswagen ermordet, ihr Vater stirbt als Zwangsarbeiter im Autobahnbau an Fleckfieber.[10]

Vorangestellte Zitate

Erpenbeck hat ihrem Roman drei Zitate (S. 7) vorangestellt: „Dieweil der Tag lang und die Welt alt ist, / können viel Menschen an einem Platz stehn, / einer nach dem andern. / Marie in WOYZECK von Georg Büchner“, „..., versprecht ihr mir, / Ihr Wälder meiner Jugend, wenn ich / Komme, die Ruhe noch einmal wieder? / Friedrich Hölderlin“ und „Wenn das Haus fertig ist, kommt der Tod. / Arabisches Sprichwort“.[11] Mit dem letzten Zitat spielt Erpenbeck auf den Roman „Buddenbrooks: Verfall einer Familie“ an, wo Thomas Mann seine Figur Thomas Buddenbrook das Zitat nach wirtschaftlichen und beruflichen Misserfolgen resigniert sprechen lässt.

Auszeichnung

2008 erhielt Erpenbeck den Heimito von Doderer-Literaturpreis für ihre Werke Heimsuchung und Wörterbuch.[12]

Verfilmung

Im Jahr 2025 begann eine Verfilmung des Romans durch den Regisseur Volker Schlöndorff. Die Dreharbeiten finden unter anderem am Scharmützelsee sowie am Templiner See und im Studio Babelsberg statt. Produziert wird die Verfilmung von Ziegler Film und Studiocanal. Volker Schlöndorff, der auch das Drehbuch verfasst, arbeitet eng mit Erpenbeck zusammen.[13]

Die Premiere von Heimsuchung – Eine Jahrhundertgeschichte ist im Rahmen der Internationalen Filmfestspiele von Cannes 2026 vorgesehen.[14][15]

Rezeption

In seiner Besprechung für die Frankfurter Allgemeine hebt Martin Halter 2008 den Konstruktionscharakter des Romans hervor: „Am Ende hat sie das Schreckliche wie das Schöne in dieselbe schlackenlose, poetisch beherrschte Sprachkunst gebannt, und selbst wo von Brüchen, Unglück, Terror und Wahn die Rede ist, geht alles perfekt auf. ‚Heimsuchung‘ ist ein kühnes Experiment, ein eindrucksvoller Roman. Aber wohnen möchte man in diesem radikal entkernten Haus am See eigentlich nicht.“[1]

Textausgaben

Hörbuch

Der Penguin Verlag bietet als Autorenlesung ein Audiobook zum Roman an:

  • Jenny Erpenbeck: Heimsuchung. Ungekürzte Lesung. München: Penguin Verlag 2016. ISBN 978-3-8445-2510-6
    Hördauer 5 Stunden 17 Minuten

Literatur

  • Timotheus Schwake: Jenny Erpenbeck: Heimsuchung. Gymnasiale Oberstufe. Westermann, Braunschweig 2024 (EinFach Deutsch Unterrichtsmodelle), ISBN 978-3-14-109677-4.

Einzelnachweise

Related Articles

Wikiwand AI