Hersi Egeh Gorseh
somalischer Völkerschaudarsteller und -organisator
From Wikipedia, the free encyclopedia
Hersi Egeh Gorseh (unterschiedliche Schreibweisen, u. a.Hirsi, Herzi, Ige, Igeh; * um 1862 in Britisch-Somaliland[1.1]; † 1946 in Hargeysa[2]) war ein somalischer Völkerschaudarsteller und -organisator. Seit 1895 arbeitete er exklusiv für den Völkerschau-Impresario Carl Hagenbeck aus Hamburg. Ab 1907 führte er die Völkerschauen mit bis zu 100 Darstellern selbstständig durch und erwies sich dabei als erfolgreicher Unternehmer.

Leben
Hersi Egeh Gorseh wurde zunächst von Josef Menges, einem Agenten Hagenbecks im Wildtierhandel, für die Begleitung von Tiertransporten angeworben.[3.1] 1885 war er erstmals Darsteller bei einer Völkerschau, ab 1895 traten er und seine Gruppen exklusiv für das Unternehmen Hagenbeck auf.[3.2] Während der Tournee 1895 (mit 67 Darstellern) gastierte die Gruppe in Hamburg, Wien und im Crystal Palace in London.[3.3] Weitere Tourneen fanden zwischen 1907 (zur Eröffnung des Tierparks Hagenbeck in Hamburg-Stellingen[3.4]) und 1911 sowie zwischen 1927 und 1929 (mit 100 Darstellern) statt.[4.1] Im Sommer 1928 trat die Gruppe zum letzten Mal in Dresden auf.[5.1] Die letzten Vorstellungen fanden 1929 in Dänemark und Schweden statt.[3.2]

Hersi Egeh Gorseh inszenierte die Schauen als dramatische Aufführungen von Überfällen und Kriegsspielen, aber auch Reitshows und Paraden,[7.1] und war dafür bekannt, die Gruppen intensiv auf die Aufführungen vorzubereiten.[3.5] Die Schauen der Somalis zogen zahlreiche Zuschauer an.[3.6] Laut dem Historiker Bodhari Warsame galten die Somalis beim europäischen Publikum „wegen ihrer physischen und kulturellen Eigenheiten“ als attraktiv; ihre „hohe und schlanke Statur und ihre traditionelle Kleidung entsprachen nicht dem vorherrschenden rassistischen Klischeebild von Afrikaner:innen“.[5.2]

Hersi Egeh Gorseh rekrutierte Gruppen von bis zu einhundert Personen, die er meist aus seinem eigenen Familienclan auswählte.[3.1] Er musste sich gegenüber den britischen Kolonialbehörden durchsetzen, die den Anwerbungen mit Ablehnung gegenüberstanden.[3.7] Außerdem unterstützte er Carl Hagenbeck im Tierhandel. 1906 lieferte er während des Völkermords an den Herero und Nama etwa 2000 Kamele an die deutschen Kolonialtruppen in Deutsch-Südwestafrika.[8.1]

Laut der Ethnologin Hilke Thode-Arora war die „Hagenbeck’sche Erfolgsstory schlechthin […] jene des Somali Hersi Igeh Gorseh“.[9.1] Er soll nach mündlichen Berichten viel Geld eingenommen haben und erlangte in seiner Heimat großes Ansehen.[5.3] Der Historiker Bodhari Warsame betont, dass die Somalis im Zusammenhang der Völkerschauen als selbstbewusste Akteure und Verhandlungspartner auftraten.[3.8] Hersi sprach deutsch[4.2] und sein Sohn Ali besuchte zeitweise die Schule in Hamburg.[8.2] Er war mit mehreren Frauen verheiratet und hatte zahlreiche Kinder und Enkelkinder, die oft auch Teil der Völkerschau-Gruppen wurden.[3.9]
Während und nach seiner Zeit im Völkerschau-Geschäft wandte sich Hersi Egeh Gorseh auch anderen Handelsaktivitäten zu, darunter dem Import hochwertiger deutscher Nähmaschinen nach Somaliland.[3.4] Nach Angaben seines Urenkels Samatar Hirsi ist die Geschichte in Berbera, der Stadt, in der Hersi Egeh Gorseh lebte, inzwischen weitgehend vergessen.[6.2]
Literatur
- „Für Hersi war es eine gute Erfahrung“. Samatar Hirsi über seinen Urgroßvater, den Völkerschau-Unternehmer Hersi Egeh Gorseh. In: Christina Ludwig, Andrea Rudolph, Thomas Steller, Volker Strähle (Hrsg.): Menschen anschauen. Selbst- und Fremdinszenierungen in Dresdner Menschenausstellungen. Sandstein Verlag, Dresden 2023, ISBN 978-3-95498-741-2, S. 134–135.
- Eric Ames: Carl Hagenbeck’s Empire of Entertainments. University of Washington Press, Seattle 2009, ISBN 978-0-295-98833-7.
- Lorenz Hagenbeck: Den Tieren gehört mein Herz. Hoffmann und Campe, Hamburg 1955.
- Hilke Thode-Arora: Für fünfzig Pfennig um die Welt. Die Hagenbeckschen Völkerschauen. Campus-Verlag, Frankfurt am Main 1989, ISBN 3-593-34071-2.
- Hilke Thode-Arora: Für fünfzig Pfennig um die Welt. Völkerschauen zwischen Schaugeschäft, Wissenschaft und Kolonialpolitik. In: Mitteilungen der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte, Bd. 38 (2017), S. 143–166.
- Hilke Thode-Arora: Völkerschauen in Deutschland. Eine Einführung. In: Christina Ludwig, Andrea Rudolph, Thomas Steller, Volker Strähle (Hrsg.): Menschen anschauen. Selbst- und Fremdinszenierungen in Dresdner Menschenausstellungen. Sandstein Verlag, Dresden 2023, ISBN 978-3-95498-741-2, S. 14–23.
- Bodhari Warsame: A Brief History of Staging Somali Ethnographic Performing Troupes in Europe, 1885–1930. In: in: Dominika Czarnecka, Dagnoslaw Demski (Hrsg.): Staged Otherness. Ethnic Shows in Central and Eastern Europe, 1850–1939. CEU Press, Budapest, Vienna, New York 2021, ISBN 978-963-386-439-5, S. 77–100.
- Bodhari Warsame: Somali-Völkerschauen in Dresden. Ein Überblick. In: Christina Ludwig, Andrea Rudolph, Thomas Steller, Volker Strähle (Hrsg.): Menschen anschauen. Selbst- und Fremdinszenierungen in Dresdner Menschenausstellungen. Sandstein Verlag, Dresden 2023, ISBN 978-3-95498-741-2, S. 124–133.