Hilaria-Legende
koptische Legende
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Die Hilaria-Legende ist ein koptisches Heiligenleben, das vermutlich auf eine christliche Adaption der heidnischen Bentreschlegende zurückgeht. Ihre Entstehung wird zwischen dem 6. und 9. Jahrhundert angesetzt. Die Legende schildert das Leben der Hilaria, angeblich Tochter des spätantiken römischen Kaisers Zenon (474–491), die in Männerkleidung in ein ägyptisches Kloster eintritt, um dort als Mönch zu leben. Später gelingt es ihr, ihre Schwester von der Besessenheit durch einen Dämon zu befreien. Die Legende fand Eingang in die Synaxarien orientalisch-orthodoxer Kirchen und existiert in koptischen, arabischen, syrischen, äthiopischen und karšunischen Fassungen.

Textüberlieferung und Sprachfassungen
Die Vita ist in einer Vielzahl von Handschriften überliefert, die verschiedene Sprachversionen umfassen; dabei treten teils erhebliche Textvarianzen auf.[1] Als Ausgangspunkt gilt eine koptische Fassung, die im 6. Jahrhundert n. Chr. oder später entstanden ist und offenbar auf der heidnischen Bentresch-Legende basiert. Diese bewahrt die ursprünglichen Elemente der Erzählung deutlicher als die anderen Überlieferungen. Die älteste koptische Handschrift datiert in die Mitte des 9. Jahrhunderts und ist vollständig. Die lange arabische Version steht der koptischen Vorlage am nächsten und gibt die Legende ebenfalls vollständig wieder. Ein Vergleich der beiden Texte lässt keinen Zweifel daran, dass die arabische Fassung als eine mehr oder weniger freie Reproduktion des koptischen Originals zu betrachten ist. Neben ihr existiert eine arabische Zusammenfassung, die den langen arabischen – bzw. den koptischen – Text komprimiert. Die wahrscheinlich im 15. Jahrhundert entstandene äthiopische Version der Legende ist lediglich eine Übersetzung dieses kurzen arabischen Textes ohne wesentliche Unterschiede.
Die syrische Variante stellt eine deutlich erweiterte und stilistisch an die Konventionen syrischer Heiligenlegenden angepasste Textfassung dar. Vermutlich lag dem Verfasser kein vollständiger koptischer Text zugrunde, sondern ein Texttyp, der dem kurzen arabischen ähnlich war.
Der karšunische Text „V“ bietet eine stark verkürzte Fassung der koptischen Legende. Zwar bleibt der Grundcharakter der Erzählung gewahrt, doch treten deutliche Abweichungen hervor: So weist Hilaria in der Erkennungsszene in Konstantinopel ihrer Mutter körperliche Merkmale zur Bestätigung ihrer Identität vor – ein Motiv, das im langen arabischen Text fehlt. Während dieser mit der Nachricht von Hilarias Tod an Kaiser Zenon endet, berichtet der Text „V“ abschließend von Zenons jährlicher Schenkung reicher Gaben, die den Mönchen den Bau mehrerer Gebäude, darunter der Kirche von Abu Makar, ermöglichten. Dieses Detail macht deutlich, dass das Hauptinteresse des Verfassers dieser Fassung der Geschichte des Klosters galt, was angesichts der Herkunft des Manuskripts nicht überrascht. Die syrische Provenienz der zweiten karšunischen Version erweist sich durch syrische Verszeilen, die mit arabischem Text durchsetzt sind, sowie durch charakteristische stilistische Syrismen. Die Redaktion orientiert sich deutlich an der syrischen Überlieferung. Zu welchem Zeitpunkt die arabischsprachigen syrischen Christen die Legende adaptierten und in arabischer Sprache tradierten, lässt sich nicht bestimmen. Die älteste karšunische Handschrift datiert in das 13. bis 14. Jahrhundert n. Chr.[2]
Handlung
Nach der koptischen bzw. der langen arabischen Fassung gestaltet sich die Legende wie folgt:[3] Kaiser Zenon ist Vater zweier Töchter, Hilaria und Theopiste. Die Ältere, Hilaria, erstrebt ein Leben in klösterlicher Askese. Heimlich verlässt sie, als Jüngling verkleidet, den kaiserlichen Hof und begibt sich nach Alexandrien. Dort betet sie in den Kirchen von Petrus dem Märtyrer sowie des Evangelisten Markus, um göttliche Bestätigung für ihren Entschluss zu erlangen.
Sie vertraut sich dem Diakon Theodoros an, der sie zunächst zum Heiligtum des heiligen Menas geleitet. Von dort begibt sie sich in die Wüste von Sketis und tritt vor den heiligen Pambo (ca. 303–373). Dieser, getäuscht durch ihr jugendliches Alter und das Fehlen deutlich erkennbarer weiblicher Züge, bemerkt ihr eigentliches Geschlecht nicht und empfiehlt ihr den Eintritt in das gemäßigt geführte Kloster von Enaton. Hilaria jedoch verweigert den Ortswechsel, empfängt das Mönchsgewand und schließt sich der Gemeinschaft an, in der sie fortan gemeinsam mit Pambo und dem Philosophen Anba Martyrius exegetische Gespräche führt. Nach drei Jahren wird Pambo durch eine göttliche Vision über das wahre Geschlecht des Mönchs aufgeklärt. Er mahnt zur Wahrung des Geheimnisses, um Anstoß und Gerüchte zu vermeiden. Innerhalb der Bruderschaft ist sie aufgrund des ausbleibenden Bartwuchses unter der Bezeichnung „Hilarion, der Eunuch“ bekannt.[4] Durch ihre asketischen Übungen verkümmern ihre Brüste, und sie bleibt von den üblichen Frauenkrankheiten verschont.[5]
Nach neun Jahren der Abgeschiedenheit wird Hilarias Einsamkeit durch ein unerwartetes Ereignis unterbrochen. Ihre jüngere Schwester wird von einem Dämon besessen, dem sie sich nicht selbst zu entziehen vermag. Nachdem der Kaiser sämtliche verfügbaren Mittel ohne Erfolg ausgeschöpft hat, wendet er sich an die Mönche von Sketis und entsendet Theopiste nach Ägypten. Auch die Gebete der Mönche bleiben zunächst ohne Wirkung, bis sie schließlich erwägen, die Unterstützung des Hilarion zu erbitten. Hilaria erkennt ihre Schwester, ohne selbst identifiziert zu werden, und es gelingt ihr schließlich, sie vollständig zu heilen – jedoch nicht, ohne ihr zugleich ihre aufrichtige Zuneigung und Fürsorge zu offenbaren. Nach ihrer Genesung empfängt Theopiste die Sakramente und kehrt in den Palast zurück, wo sie dem Kaiser von Hilarions Zuwendungen berichtet.
Beunruhigt über diese Schilderungen lässt Kaiser Zenon unter dem Vorwand einer weiteren Heilung den Mönch nach Konstantinopel kommen. In einem vertraulichen Gespräch – nachdem der Kaiser auf das Evangelium schwörend zugesichert hat, Hilarion nach Sketis zurückkehren zu lassen – offenbart Hilaria ihre wahre Identität. Daraufhin verweilt der Kaiser eine Stunde lang in stiller Verwunderung. Nur die Kaiserin und Theopiste werden eingeweiht, und das Wiedersehen löst Tränen tiefster Rührung aus.
Während die Mutter Hilaria in Konstantinopel behalten will, erinnert sich der Vater seines geleisteten Eides und des drohenden göttlichen Strafgerichts bei dessen Bruch, sodass er Hilaria die Rückkehr gestattet. Zum Wohl der Mönche von Sketis, die seine Tochter als Bruder aufgenommen hatten, erlässt der Kaiser ein Dekret, das ihnen eine jährliche großzügige Zuwendung von Weizen und Öl zusichert. In Ägypten nimmt Hilaria erneut die Identität des Hilarion an, verbleibt dort weitere zwölf Jahre und verstirbt schließlich.[6] Sie wird vollständig bekleidet bestattet und Pambo verfasst ihre Vita.
Kult
Die volkstümliche Legende fand Eingang in das Sinassarium Alexandrinum des Michael von Atrīb und Malīğ (13. Jahrhundert), wo Hilarias Gedenktag am 21. Ṭūbah verzeichnet ist; in der äthiopischen Geʿez-Übersetzung erscheint sie entsprechend am 21. Ter.[7] In den syrisch-jakobitischen Heiligenkalendern begegnet sie am 13. Kanūn II, im Martyrologium des Rabban Şlībā (13/14. Jh.) am 27. Tišrīn II. Ungeachtet seiner weiten Verbreitung in der orientalisch-orthodoxen Welt fand der Kult in der byzantinischen Orthodoxie keinen Widerhall.[8]
Motivgeschichtliche Einordnung und aktuelle Forschungsperspektiven
Das Heiligenleben dient einerseits der Gewinnung kaiserlicher Gunst und soll andererseits in der Figur einer „symbolischen Heiligen“ die Rechtgläubigkeit jener Gruppen verkörpern, die sich in den Auseinandersetzungen um die Synode von Ephesos (449) und das Konzil von Chalkedon (451) hinter die Beschlüsse der ersten und gegen jene der zweiten stellten.[9]
Im Jahr 1888 legte der Koptologe Émile Amélineau erstmals eine Edition der Vita vor.[10] Noch im selben Jahr versuchte der Koptologe Oskar von Lemm, die altägyptische Herkunft nachzuweisen, indem er die Handlung mit der sogenannten Bentreschstele in Verbindung brachte.[11] Diese 1828 in Karnak gefundene, mutmaßlich aus der Ptolemäerzeit (332–30 v. Chr.) stammende Sandsteinstele beschreibt eine Dämonenaustreibung durch Chons-Den-Fürsorger-von-Theben.[12] Neben den gemeinsamen Motiven des Exorzismus und der besessenen Königstochter[13] wies Lemm insbesondere darauf hin, dass der Name „Bentresch“ volksetymologisch als „Tochter der Freude“ zu übersetzen sei, was dem Namen Hilaria, „die Heitere“ oder „die Freudige“, sehr nahekomme. Dies setzt voraus, dass es zu einer Vermischung der Figuren gekommen ist, da „Bentresch“ auf der Stele der Name der Besessenen ist.
Die von Lemm vertretene These wurde 1947 von James Drescher entschieden zurückgewiesen. Drescher führte insbesondere die begrenzte Überlieferung und die regionale Beschränkung der Bentresch-Erzählung als Argument gegen eine direkte Abhängigkeit der Hilaria-Legende an.[14] Dieses zentrale Argument Dreschers hat im Lichte jüngerer Funde jedoch erheblich an Gewicht verloren, da inzwischen zwei weitere Inschriften mit der Bentresch-Erzählung entdeckt worden sind.[15] Darüber hinaus konnte die motivgeschichtliche Verarbeitung der Erzählung bei Tacitus[16] plausibel nachgewiesen werden.[17] Dies deutet auf eine längere Tradition sowie eine überregionale Verbreitung der Bentresch-Erzählung hin und lässt eine Verbindung der Hilaria-Legende mit der Bentresch-Erzählung mittlerweile recht wahrscheinlich erscheinen.
Literatur
- Arent Jan Wensinck: Legends of Eastern Saints Chiefly from Syriac Sources, Bd. 2, The Legend of Hilaria, Leiden 1913.
- James Drescher: Three Coptic Legends. Hilaria, Archellites, The Seven Sleepers, Kairo 1947.
- Joseph-Marie Sauget: Ilaria. In: Bibliotheca Sanctorum, Bd. 7, Rom 1966, Sp. 708–711.
- Michel van Esbroek: Hilaria, Saint. In: The Coptic Encyclopedia, Bd. 4, New York 1991, S. 1230–1232.
- Heike Sternberg-el Hotabi: Zum Fortleben der Bentresch-Erzählung in der koptischen Hilaria-Legende. In: The Cultural Manifestations of Religious Experience. Studies in Honour of Boyo G. Ockinga, hrsg. v. Camilla Di Biase-Dyson/Leonie Donovan, Münster 2017, S. 285–293.
- Christopher Haas: Hilaria, Legend of. In: The Oxford Dictionary of Late Antiquity, Bd. 1, Oxford 2018, S. 720.