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Holocaust in der Ukraine

Aspekt der Vernichtungskampagne des nationalsozialistischen Deutschlands (1941–1945) From Wikipedia, the free encyclopedia

Der Holocaust in der Ukraine war die nahezu vollständige Vernichtung der jüdischen Bevölkerung in den Gebieten der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik, in den von der Sowjetunion besetzten Gebieten der Zweiten Polnischen Republik, die anschließend unter die Besatzung des Deutschen Reiches (Reichskommissariat Ukraine, Distrikt Galizien des Generalgouvernements) sowie unter rumänische Besatzung (Nordbukowina und Transnistrien) gerieten. Die Vernichtung wurde nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion von den Polizeikräften des Deutschen Reiches und des Königreichs Rumänien sowie unter Beteiligung ukrainischer Nationalisten durchgeführt

Karte des Holocausts in der Ukraine

Zwischen 1,4[1] und 1,6[2] Millionen in der Ukraine lebende Juden wurden infolge der deutschen, rumänischen und ukrainischen Verfolgungs- und Vernichtungsmaßnahmen ermordet. In Ghettos, Arbeitslagern und Verstecken überlebten bis zur Rückkehr der Roten Armee nur etwa 100.000 Juden. Mehr als 900.000 Menschen konnten vor dem Vorrücken der Wehrmacht in das Innere der Sowjetunion flüchten.

Der Holocaust in der Ukraine (wie auch im gesamten Gebiet der Sowjetunion) zeichnete sich dadurch aus, dass die Mehrheit der jüdischen Opfer bei Massenerschießungen in der Nähe ihrer Wohnorte ermordet und in sogenannten „Todesgruben“ verscharrt wurde, die Tausende Opfer bargen. Eine Ausnahme bildeten etwa 345.000 Personen, überwiegend Juden aus Galizien, die in Vernichtungslager deportiert und dort ermordet wurden.[3]

Jahr 1941

Die Ausschaltung von Juden als vermeintlicher Trägerschicht des Sowjetregimes wurde in der stereotypischen „jüdisch-bolschewistische“ Feindvorstellung der Deutschen bei der Planung (Weisung Nr. 21) des Überfalls auf die Sowjetunion (Unternehmen Barbarossa) mit berücksichtigt. Der Kriegsgerichtsbarkeitserlass hob die Strafverfolgung von Straftaten deutscher Truppenangehöriger auf und forderte ein rücksichtsloses Vorgehen. Der Kommissarbefehl vom 6. Juni forderte die Aussonderung und Tötung von Kommissaren, wobei diese im Feindbild überwiegend als jüdisch angesehen wurden.[4.1]

Der Generalquartiermeister des Heeres Eduard Wagner und der Chef des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) Reinhard Heydrich arbeiteten die Regelung des Einsatzes der Sicherheitspolizei und des SD im Verbande des Heeres aus. Anders als im Polenfeldzug unterstanden die Einsatzgruppen nicht mehr den militärischen Befehlshabern. Sie waren im Rahmen ihres Auftrages zu Exekutivmaßnahmen gegen die Zivilbevölkerung berechtigt.[4.2] In den rückwärtigen Heeresgebieten wurde jeweils ein Höherer SS- und Polizeiführer mit einem ihm unterstellten Polizeiregiment vorgesehen. Sie unterstanden direkt Heinrich Himmler. Für den Überfall auf die Sowjetunion wurden vier Einsatzgruppen (A bis D) mit einer Stärke von jeweils 600 bis 800 Mann aufgestellt.[4.3]

Am 17. Juni 1941 forderte Heydrich bei einer Besprechung mit Einsatzgruppen-Offizieren dazu auf, „örtliche antikommunistische und antisemitische Kreise“ in den besetzten Gebieten zu Pogromen gegen Juden anzustiften. Diese Anweisung wurde am 29. Juni 1941 auch schriftlich (später als Einsatzbefehl Nr. 1 bezeichnet) erteilt. In den neu besetzten Gebieten sollten antikommunistische und antijüdische „Selbstreinigungskräfte“ „spurenlos“ ermuntert und in die richtigen Bahnen gelenkt werden, ohne dass diese örtlichen „Selbstschutzkreise“ sich auf Anordnungen und politische Zusicherungen berufen könnten. Die erste Zeit der Besetzung sollte im Benehmen mit den militärischen Dienststellen dazu genutzt werden.[4.4]

Angriff auf die Sowjetunion: Pogrome und „Säuberungsaktionen“

Vormarsch der Einsatzgruppen in der Sowjetunion, 1941

Mit dem Überfall auf die Sowjetunion gingen von Anfang an Verbrechen an den Juden einher, obwohl zunächst keine eindeutigen Befehle zu diesem Zweck erlassen worden waren. Die Aufgabe der Einsatzgruppen vor Beginn des Krieges bestand darin, das Gebiet von sowjetischen Funktionären und „radikalen Elementen“ zu „säubern“. Da jedoch viele deutsche Funktionäre Juden pauschal mit dem Kommunismus gleichsetzten, betrachteten sie die Tötung von Juden als selbstverständlich.

In einer Anweisung an die Kommandeure der Einsatzgruppen vom 1. Juli 1941 präzisierte Reinhard Heydrich, dass sich die „Säuberungsaktionen“ „vor allem gegen Kommunisten und Juden“ richten sollten.[5] Anfangs betrafen die Morde hauptsächlich die jüdische Intelligenz, die als potenzieller Widerstandsfaktor angesehen wurde, sowie sowjetische Funktionäre und Beamte jüdischer Herkunft. Erst nach einigen Wochen der Besatzung gingen die Einsatzgruppen zu massenhaften und unterschiedslosen Morden an der jüdischen Bevölkerung über.

Während des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion kam es in Orten Ostgaliziens, Wolhyniens und der Nordbukowina entsprechend diesen Richtlinien zu antisemitischen Pogromen durch Teile der lokalen Bevölkerung. Juden wurden zudem bei von deutschen Einheiten durchgeführten Exekutionen ermordet, teilweise fanden Pogrome und Hinrichtungen gleichzeitig statt.

An den „Säuberungsaktionen“ beteiligten sich gemeinsam mit den Deutschen oder auch eigenständig ukrainische Milizen sowie die Marschgruppen der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN). Nach Ansicht des Historikers John-Paul Himka wollte die von Stepan Bandera geführte Fraktion der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN-B) durch antisemitische Gewaltverbrechen die Gunst Deutschlands gewinnen und beweisen, dass sie es verdiene, mit der Bildung eines ukrainischen Staates betraut zu werden.[6][7]

In Lemberg und Ternopil wurden bei Pogromen und Exekutionen jeweils mehrere Tausend Juden ermordet, in Bereschany und Solotschiw mehrere Hundert. In Dobromil wurde eine Synagoge niedergebrannt, und in Sambor ermordeten Ukrainer etwa 50 Menschen.[8] In Kremenez forderte ein Pogrom rund 130 Todesopfer.[9]

Der typische Ablauf dieser Aktionen bestand meist darin, dass die ukrainische Miliz Juden aufspürte, festnahm und zu den Hinrichtungsorten brachte. Während der Razzien sowie beim Abtransport der Opfer kam es häufig zu spontanen Gewalttaten durch Teile der ukrainischen Zivilbevölkerung.[10]

An der Organisation der Pogrome waren Einheiten der Einsatzgruppen aktiv beteiligt. Es kam jedoch auch zu Pogromen, die ohne unmittelbare Beteiligung der Einsatzgruppen ausgelöst wurden.

Zur Zunahme der Pogrome trugen die Gefängnismassaker des NKWD sowie die Entdeckung der Leichen ermordeter Häftlinge durch die lokale Bevölkerung bei.[11] Dies wurde von den Deutschen und ukrainischen Nationalisten für antisemitische Propaganda genutzt, die Juden pauschal für den Kommunismus verantwortlich machte. Aktivisten der OUN-B plakatierten am Vorabend des Pogroms in Lemberg Parolen wie:

„Volk, wisse! Moskau, Polen, Ungarn und das Judentum sind deine Feinde. Vernichte sie!“[12]

Während dieser Pogrome wurden Juden gezwungen, die Leichen der NKWD-Opfer aus den Gräbern zu bergen und zu waschen. Sie wurden dabei gedemütigt und als angeblich Schuldige für die begangenen Verbrechen dargestellt. Für Ostgalizien und Wolhynien werden je nach Quelle zwischen 35 und über 120 Pogrome angegeben, bei denen zwischen 12.000 und 35.000 Juden ums Leben kamen. Nach Ansicht des Historikers Timothy Snyder waren lokale Milizen für den Tod von nahezu 20.000 Juden verantwortlich.[13]

Laut Aleksandr Krugłow wurden allein im Juli 1941 insgesamt etwa 38.000 bis 39.000 Juden Opfer sowohl lokaler Pogrome als auch deutscher Massenerschießungen. Die höchsten Opferzahlen wurden in den Gebieten Tscherniwzi und Ternopil mit jeweils etwa 9.000 Toten sowie im Gebiet Lemberg mit rund 7.000 Toten verzeichnet.[14]

Radikalisierung der deutschen Politik gegenüber den Juden

A. Kruglow vertritt die Auffassung, dass Heinrich Himmler am 21. Juli 1941 während seines Aufenthalts in Lemberg dem zum Reichskommissariat Ukraine abgeordneten Höheren SS- und Polizeiführer Friedrich Jeckeln mündlich den Befehl erteilte, alle arbeitsunfähigen jüdischen Männer zu erschießen. Dies trug dazu bei, die Zahl der Opfer zu verdoppeln. Im August 1941 erschossen die Deutschen etwa 62.000 ukrainische Juden, davon die Hälfte im Gebiet Proskurow (heute Oblast Chmelnyzkyj). Insgesamt wurden die Morde bereits in 15 Bezirken der Ukrainischen SSR verübt.[15]

Da Himmler mit der Zahl der Getöteten weiterhin unzufrieden war, bestellte er Jeckeln am 12. August 1941 zu sich und erteilte ihm vermutlich mündlich den Befehl, auch jüdische Frauen und Kinder zu töten. Ab Ende August 1941 erschossen die Einsatzgruppen Juden unabhängig von Geschlecht und Alter.

Die erste große Massenverbrechen dieser Art war das Massaker von Kamenez-Podolsk, bei dem zwischen dem 26. und 28. August 1941 die Ordnungspolizei und eine Stabskompanie unter dem Kommando Jeckelns mehr als 22.000 Juden ermordeten, die aus Ungarn vertrieben worden waren, sowie einheimische Juden. Dieses Verbrechen diente als Vorbild für spätere Massenerschießungen. Im folgenden Monat, dem September, verdoppelte sich die Zahl der Opfer erneut auf 136.000 bis 137.000 Ermordete.[16]

Der Schwerpunkt der Verbrechen verlagerte sich nun in das Gebiet um Kiew. Nach der Einnahme Kiews durch die Wehrmacht kam es in der Stadt zu einer Reihe von Explosionen sowjetischer Sprengfallen in Verwaltungsgebäuden, bei denen mehrere Dutzend Deutsche ums Leben kamen. Die Schuld daran wurde den Juden zugeschrieben. Am 29. und 30. September 1941 erschoss die SS in Babyn Jar bei Kiew 33.771 Kiewer Juden, die unter dem Vorwand einer Umsiedlung dorthin gebracht worden waren. Dies war das größte einzelne Massaker des Holocaust auf dem Gebiet der Sowjetunion. Die Morde in Babyn Jar wurden später fortgesetzt, insgesamt kamen dort zwischen 50.000 und 150.000 Menschen ums Leben.[17]

Im Jahr 1941 fanden die meisten Massaker noch in der militärischen Besatzungszone statt und wurden mit angeblichen kriegsbedingten Notwendigkeiten begründet. Himmler behauptete, Juden, darunter Frauen und Kinder, würden als „Partisanen“ getötet.[18] Da sich die Front nach seinem Befehl vom 12. August rasch nach Osten verlagerte, begann die systematische Massenvernichtung der Juden in der Ukraine zunächst in den zentralen und östlichen Gebieten und wurde erst später nach Westen ausgedehnt.[19]

Die von SS und Polizei verübten Massaker erfolgten in enger Zusammenarbeit mit der Wehrmacht. Die jüdische Bevölkerung von Berdytschiw wurde bereits am 12. September 1941, jene von Winnyzja am 19. September und jene von Dnipropetrowsk am 13. Oktober 1941 nahezu vollständig vernichtet. Im Westen stellte Riwne eine Ausnahme dar, da die Stadt als Hauptstadt des Reichskommissariats Ukraine ausgewählt worden war. Am 6. November 1941 wurden auf Befehl des Reichskommissars Erich Koch im Wald von Sosenky rund 17.000 Juden aus Riwne ermordet, während die verbliebenen etwa 10.000 Menschen in ein Ghetto eingesperrt wurden. Bereits im September und Oktober waren außerdem 5.500 Juden aus Ostroh, einem wichtigen Zentrum jüdischer Kultur in Wolhynien, ermordet worden.[20]

Bis Anfang 1942 war etwa ein Drittel der jüdischen Bevölkerung der Ukraine, insgesamt rund 518.000 Menschen, vernichtet worden. Die Morde konzentrierten sich vor allem auf die zentralen und östlichen Regionen des Landes, darunter Kiew, Mykolajiw, Tschernihiw, Sumy und Odessa.[21]

Die Situation in den von Rumänien besetzten Gebieten

Im Jahr 1941 gewann Rumänien, ein Verbündeter des Deutschen Reiches, die 1940 an die Sowjetunion verlorenen Gebiete Bessarabien (größtenteils die Moldauische SSR) und die Nordbukowina (ein Teil der Ukrainischen SSR) zurück. Auf den ukrainischen Gebieten zwischen Dnister und Südlicher Bug errichtete es zudem ein Protektorat, das als Transnistrien bezeichnet wurde.

In dem von Rumänien besetzten Gebiet lebten etwa 400.000 Juden, gegenüber denen Rumänien eine Politik verfolgte, die nicht weniger brutal war als die Deutschlands. Die Massenerschießungen wurden von der rumänischen Gendarmerie und dem Militär durchgeführt.[22] In Odessa wurden als „Vergeltung“ für die Explosion einer Mine im Hauptquartier der Besatzungstruppen am 22. Oktober 1941 etwa 20.000 Juden ermordet[23], nach anderen Schätzungen lag die Zahl der Opfer sogar bei 40.000. Im Herbst 1941 konzentrierten die rumänischen Behörden in Bogdanowka zwischen 35.000 und 40.000 Juden aus Bessarabien und Odessa unter freiem Himmel. Etwa 2.000 bis 3.000 Menschen starben dort an Hunger, Kälte und Krankheiten. Die übrigen wurden im Dezember 1941 sowie im Januar 1942 erschossen.[24]

Die Rumänen errichteten auf ukrainischem Gebiet zudem ein eigenes Netz von Ghettos und Arbeitslagern. Dorthin wurden nicht nur die örtlichen Juden deportiert, sondern auch Juden aus Bessarabien (20.000 bis 25.000 Personen), aus Rumänien (34.000) und aus der Nordbukowina (50.000 bis 55.000). Nach Ansicht des Historikers Timothy Snyder ist Rumänien für den Tod von etwa 300.000 Juden verantwortlich. Nach der Einschätzung von A. Kruglow stammten rund 100.000 dieser Opfer aus der Ukraine. Im Februar 1942 stellte Rumänien die systematischen Massenmorde an der jüdischen Bevölkerung ein. In der Folge wurde die rumänische Politik gegenüber den Juden schrittweise abgeschwächt.[25]

Jahr 1942

Die strengen Fröste des Winters 1941/42 bremsten die Massenerschießungen zwar etwas, im östlichen Teil der Ukraine wurden sie jedoch ununterbrochen fortgesetzt. Die Vernichtung richtete sich vor allem gegen die Juden der Linksufrigen Ukraine, der Krim sowie der Gebiete Winnyzja und Kiew.

Aufgrund der raschen Vernichtung der jüdischen Bevölkerung in der Ost- und Zentralukraine waren Ghettos dort selten. Falls sie eingerichtet wurden, dienten sie in erster Linie dazu, die noch lebenden Juden vor ihrer Hinrichtung zu konzentrieren. Dagegen wurden die Juden in Ostgalizien, Wolhynien und Podolien systematisch in Ghettos eingewiesen. Dieser Prozess begann Ende 1941 und dauerte bis zum Sommer 1942. Ghettos sollten in Ortschaften eingerichtet werden, in denen mehr als 200 Juden lebten. Auf dem besetzten Gebiet der Ukrainischen SSR (in den Grenzen von 1941) bestanden insgesamt 442 Ghetto, das größte war das Lemberger Ghetto.[26]

Die Juden in den Ghettos waren zur Zwangsarbeit verpflichtet, die auf ihre körperliche Erschöpfung und Vernichtung abzielte. Das Verlassen des Ghettos wurde von deutschen und ukrainischen Polizeikräften mit dem Tod bestraft.[27] Im Dezember 1941 definierte Adolf Hitler das Kriegsziel neu, indem er den Krieg als einen „Krieg gegen die Juden“ bezeichnete. Dies bedeutete faktisch die Verhängung des Todesurteils über die europäischen Juden.

Hinrichtung durch Einsatzgruppe in Iwanhorod, 1942

Gegen Ende des Frühjahrs 1942 nahmen die Massenerschießungen, insbesondere im Reichskommissariat Ukraine, deutlich zu. Am 21. Juni 1942 ordnete Himmler die Auflösung der Ghettos und die Überführung jüdischer Handwerker, jedoch ohne ihre Familien, in Arbeitslager an.[28]

Die Liquidierung der Ghettos erfolgte unter Mitwirkung der ukrainischen Hilfspolizei. Diese umstellte die Ghettos und eskortierte die künftigen Opfer zu den Hinrichtungsstätten, die sich meist einige Kilometer außerhalb der jeweiligen Ortschaft befanden und in der Regel aus zuvor ausgehobenen Gruben bestanden. Dort wurden die Menschen gezwungen, sich vollständig zu entkleiden, und anschließend von SS-Angehörigen erschossen.

Zu den Aufgaben der ukrainischen Polizisten gehörte es, Flüchtende und Versteckte aufzuspüren und zu töten sowie Verwundete zu erschießen. Die Exekutionen, die von mehreren Stunden bis zu mehreren Tagen dauern konnten, wurden offen durchgeführt, ohne sie vor der örtlichen Bevölkerung oder sogar vor den späteren Opfern zu verbergen.[29]

Am 13. Juli 1942 wurden 5.000 Juden aus Riwne in einem Steinbruch bei Kostopol erschossen.[30] 12.000 Juden aus Luzk wurden am 21. August 1942 an zwei verschiedenen Orten ermordet: Frauen und Kinder in einem Wald bei dem Dorf Hora Polonka, die Männer hingegen auf dem Burghof von Luzk.[31]

Vom 3. bis 5. Juni 1942 wurden die Bewohner des Ghettos für „nutzlose“ Juden in Kowel (6.000 bis 8.000 Menschen) auf einer Lichtung bei dem Dorf Bachiw (7 km nördlich von Kowel) erschossen. Die Exekutionen wurden vom SD, der deutschen Gendarmerie und ukrainischen Polizeikräften durchgeführt.

Am 19. August 1942 erschossen dieselben Täter auf dem jüdischen Friedhof die Juden des Ghettos in der Koweler Neustadt (etwa 5.000 Menschen) sowie 150 Roma. Anschließend durchkämmten Gendarmerie und Polizei beide Ghettos auf der Suche nach versteckten Personen. Die Aufgegriffenen wurden zunächst im Gebäude der Großen Synagoge festgehalten und später auf dem katholischen Friedhof erschossen. Dabei kamen etwa 2.000 weitere Menschen ums Leben.[32]

Bis Ende 1942 galt die „Judenfrage“ im Reichskommissariat Ukraine aus Sicht der nationalsozialistischen Führung als „gelöst“. Am 29. Dezember 1942 meldete Himmler Hitler die Tötung von 363.211 Juden im Rahmen angeblicher „Antipartisanenaktionen“ in „Südrussland“ zwischen dem 1. September und dem 1. Dezember 1942. Nach Einschätzung von A. Kruglow entfielen etwa 300.000 dieser Opfer auf das Gebiet der heutigen Ukraine.[33]

Im gesamten Jahr 1942 wurden in der Ukraine etwa 778.000 Juden ermordet.[34]

Die Vernichtung der Juden im Distrikt Galizien

Anders als in den besetzten Gebieten der Ukrainischen SSR wurde ein großer Teil der Juden im Distrikt Galizien in Vernichtungslagern ermordet. Die Deportationszüge zu den Tötungsstätten begannen ab März 1942 zu verkehren. Zunächst wurden vor allem diejenigen zur Ermordung ausgewählt, die als arbeitsunfähig oder für die Besatzungsbehörden nicht mehr nützlich galten. Neben den Deportationen setzte die deutsche Besatzungsmacht jedoch auch weiterhin Massenerschießungen vor Ort ein.[35]

Die Vernichtung der galizischen Juden intensivierte sich während der Aktion Reinhardt (Juli bis November 1942). Nach Einschätzung von Dieter Pohl traf in dieser Zeit im Abstand von etwa zwei Tagen jeweils ein Transport mit 5.000 bis 6.000 Opfern im Vernichtungslager Bełżec ein. Die deutsche Besatzungsmacht leerte die Ghettos in Galizien schrittweise.

Zwischen dem 10. und 25. August 1942 wurden 50.000 bis 60.000 Juden aus Lemberg nach Bełżec deportiert. Gleichzeitig führten die Deutschen zahlreiche Massenerschießungen durch: am 8. August in Drohobytsch, am 3. August in Dolyna (mit etwa 2.000 Opfern) sowie vom 15. bis 17. September in Kałusz (mit mehr als 2.500 Opfern). Eine ähnliche Anzahl von Juden aus der Umgebung von Kamionka Strumiłowa wurde in einem Wald bei Zabusch ermordet. Von März bis Dezember 1942, als die Deutschen das Lager Bełżec schlossen, wurden im Distrikt Galizien etwa 300.000 Juden ermordet. Davon kamen rund 250.000 Menschen in den Gaskammern ums Leben.[36]

Mit einer Verordnung des Höheren SS- und Polizeiführers im Generalgouvernement, Friedrich-Wilhelm Krüger, vom 14. November 1942 richteten die Deutschen 35 Restghettos für Juden ein. In diesen Ghettos sowie in den Arbeitslagern befanden sich damals 161.000 bis 170.000 Menschen. Die Mehrheit dieser Menschen wurde von den Deutschen zwischen April und Juni 1943 in Massenerschießungen vor Ort ermordet; lediglich etwa 10.000 Personen wurden in Vernichtungslager deportiert.[37]

Die Liquidierung des Lemberger Ghettos dauerte nahezu einen Monat, vom 1. bis 28. Juni 1943. Während dieser Zeit leisteten die Juden bewaffneten Widerstand.[38] Nach der Auflösung der Ghettos befanden sich noch mehr als 21.000 Juden in 21 Arbeitslagern. Sie wurden bis zum Ende des Jahres schrittweise ermordet. Zum Symbol des Leidens und der Verfolgung der Juden in Lemberg und ganz Galizien wurde das Zwangsarbeitslager Lemberg-Janowska, in dem etwa 15.000 Menschen ums Leben kamen.[39]

Wie im Reichskommissariat Ukraine bewachte auch hier die Ukrainische Hilfspolizei die Ghettos und unterstützte die SS bei deren Auflösung. Sie war unmittelbar am Tod von Tausenden Juden beteiligt.[40]

Die Schätzungen zur Zahl der Opfer des Holocaust in Ostgalizien reichen von mindestens 495.000 bis zu 640.000 bis 700.000 Menschen (nach Schätzungen der Besatzungsbehörden). Nach Auffassung von Thomas Sandkühler belief sich die Zahl auf etwa 525.000 Opfer, davon[41]:

  • 250.000 (48 %) wurden in den Vernichtungslagern ermordet
  • 215.000 (41 %) wurden durch Erschießungen oder Pogrome ermordet
  • 40.000 (8 %) starben in Arbeitslagern
  • 20.000 (4 %) starben in den Ghettos an Hunger und Krankheiten

Folgen

Der Holocaust in der Ukraine endete mit der Vertreibung der Achsenmächte durch die Rote Armee im Jahr 1944. Von den etwa 2,5 Millionen Juden, die vor dem Krieg auf diesem Gebiet lebten, überlebten nur rund 100.000 Menschen in Ghettos, Arbeitslagern oder im Versteck, vor allem in der rumänischen Besatzungszone.[42]

In Wolhynien überlebten lediglich etwa 5.000 Juden[43], in Ostgalizien zwischen 20.000 und 26.000. Ein Teil der von Polen versteckten Juden fiel während des Wolhynien-Massakers sowie der ethnischen Säuberungen in Ostgalizien der Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA) zum Opfer.[44][45][46]

Mehr als 900.000 ukrainische Juden konnten der Vernichtung entgehen, indem sie sich vor dem Vormarsch der Wehrmacht in das Innere der Sowjetunion evakuierten.[47]

Täter

Aufarbeitung

Zur Zeit der UdSSR war es zwar nicht verboten, dort zum Holocaust zu forschen, das Thema war aber völlig vernachlässigt. Die Ansicht wurde gefördert, dass die Nationalsozialisten sowjetische Bürger, darunter auch Juden, ermordet hätten. Die Einzigartigkeit des Holocaust blieb in der Sowjetunion weitgehend unerforscht. Das beruhte zum Teil auf verdecktem Antisemitismus und wurde zum Teil heimlich begünstigt, um sich speziell in den späten 1960er Jahren leichter den arabischen Staaten anzunähern. Mit dem Zerfall der Sowjetunion und der Unabhängigkeit der Ukraine 1991 konnte die Forschung unter günstigeren Bedingungen beginnen den Holocaust stärker zu erforschen.[48]

Literatur

  • Alexander Kruglov: The losses suffered by Ukrainian jews in 1941 - 1944. Taarbit Laam, Charkow 2005, ISBN 966-7950-17-4.
  • Timothy Snyder: Skrwawione ziemie. Europa pomiędzy Hitlerem a Stalinem,.Warszawa 2011
  • Timothy Snyder: Rekonstrukcja narodów. Polska, Ukraina, Litwa i Białoruś 1569-1999. Sejny 2009,
  • Grzegorz Hryciuk: Przemiany narodowościowe i ludnościowe w Galicji Wschodniej i na Wołyniu w latach 1931–1948. Toruń: Wydawnictwo Adam Marszałek, 2005,
  • Thomas Sandkühler: „Endlösung“ in Galizien: Der Judenmord in Ostpolen und die Rettungsaktionen von Berthold Beitz. Dietz, Bonn 1996, ISBN 3-8012-5022-9.
  • Per Anders Rudling: The OUN, the UPA and the Holocaust: A Study in the Manufacturing of Historical Myths. , No. 2107, November 2011. In: The Carl Beck Papers in Russian & East European Studies. Nr. 2107, 21. Dezember 2011, doi:10.5195/cbp.2011.164.
  • Karel Berkhoff: Harvest of Despair. Life and Death in Ukraine under Nazi Rule. Harvard University Press, 2004, ISBN 0-674-01313-1.
  • Ray Brandon, Wendy Lower (Hrsg.): The Shoah in Ukraine: History, Testimony, Memorialization. Indiana University Press, 2008, ISBN 978-0-253-00159-7 (jhu.edu).
  • Lucjan Dobroszycki, Jeffrey S. Gurock: The Holocaust in the Soviet Union. Studies and Sources on the Destruction of the Jews in the Nazi-Occupied Territories of the USSR, 1941–1945. Routledge, 1993, ISBN 978-1-56324-173-4.
  • Gabriel N. Finder, Alexander Prusin: Collaboration in Eastern Galicia: The Ukrainian police and the Holocaust. In: East European Jewish Affairs. Band 34, Nr. 2, Dezember 2004, S. 95–118, doi:10.1080/1350167052000340904.
  • Raul Hilberg: Die Vernichtung der europäischen Juden. Fischer Taschenbuch, Frankfurt 1990, ISBN 3-596-24417-X.
  • John-Paul Himka: Debates in Ukraine over nationalist involvement in the Holocaust, 2004–2008. In: Nationalities Papers. Band 39, Nr. 3, Mai 2011, S. 353–370, doi:10.1080/00905992.2011.565315.
  • Dieter Pohl: Nationalsozialistische Judenverfolgung in Ostgalizien 1941–1944: Organisation und Durchführung eines staatlichen Massenverbrechens. In: Studien zur Zeitgeschichte. 2. Auflage. Band 50. Oldenbourg 1997, ISBN 3-486-56313-0.
  • Shmuel Spektor: The Holocaust of the Volhynian Jews, 1941–1944. Yad Vashem, 1990, ISBN 978-965-308-014-0.
  • Холокост на территории СССР: Энциклопедия, Moskwa 200
  • Yitzhak Arad: The Holocaust in the Soviet Union. University of Nebraska Press, 2009, ISBN 978-0-8032-2059-1.
  • Omer Bartov: Erased: Vanishing Traces of Jewish Galicia in Present-day Ukraine. Princeton University Press, 2007, ISBN 978-0-691-13121-4.
  • Patrick Debois, Paul A. Shapiro: The Holocaust by Bullets: A Priest's Journey to Uncover the Truth Behind the Murder of 1.5 Million Jews. Palgrave, New York 2009, ISBN 978-0-230-60617-3.
  • Jaffrey Kopstein, Jason Wittenberg: Intimate Violence: Anti-Jewish Pogroms on the Eve of the Holocaust. Cornell University Press, 2018, ISBN 978-1-5017-1526-6.
  • Joshua Rubenstein, Ilya Altman u. a.: The Unknown Black Book: The Holocaust in the German-Occupied Soviet Territories. Indiana University Press, Bloomington 2007, ISBN 978-0-253-34961-3.
  • Kai Struve: Deutsche Herrschaft, ukrainischer Nationalismus, antijüdische Gewalt. Der Sommer 1941 in der Westukraine. Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2015, ISBN 978-3-11-035998-5.
Commons: The Holocaust in Ukraine – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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