Isaak Loberan

Kontrabassist, Akkordeonist, Komponist und Musikethnologe From Wikipedia, the free encyclopedia

Isaak Loberan (* 5. Oktober 1947 in Chișinău, Moldauische Sozialistische Sowjetrepublik; † 9. November 2024 in Wien) war ein jüdischer Kontrabassist, Akkordeonist, Komponist und Musikethnologe. Nach dem Zerfall der Sowjetunion erforschte er auf ausgedehnten Reisen die fast vernichtete, weltliche Musiktradition der Roma und Juden in Osteuropa und dokumentierte sie in seinen Publikationen und Tonaufzeichnungen. Seit 1991 lebte er in Wien und setzte sich in vielfältiger Weise für die Bewahrung und Pflege dieses europäischen Kulturgutes ein. In Seminaren gab er sein Wissen weiter, gründete und unterstützte mehrere Klezmer-Ensembles und organisierte internationale Musikfestivals.

Isaak Loberan 2024 nach einem Interview mit Philip Schwartz für das Yiddish Book Center

Leben

Isaak Loberan wuchs in der Hauptstadt Chișinău der Sowjetrepublik Moldau in einer entbehrungsreichen Nachkriegszeit als Angehöriger einer kleinen und benachteiligten Minderheit auf. Bevor die Pogrome im zaristischen Russland des 19. Jahrhunderts begonnen hatten, waren mehr als die Hälfte der Einwohner in Chișinău Juden gewesen, heute beträgt ihr Anteil weniger als drei Promille.[1] Schon als Schüler lernte Isaak mit dem Akkordeon Lieder und Tänze seiner Heimat zu spielen. Dank seiner musikalischen Begabung durfte er an der Eugen-Coca-Musikhochschule und später am Georghe Musicescu Institut für Musik in Chișinău Kontrabass studieren. Gleichzeitig befasste er sich als Akkordeonist mit der traditionellen, jüdischen Volksmusik aus Moldawien, Rumänien und der Ukraine und mit deren Beziehungen zur Volksmusik der Roma. Nach Abschluss seiner Studien wirkte er sowohl am Jüdischen Theater Chișinău als auch im Orchester des Nationalen Opern- und Ballett-Theaters Chișinău als Musiker mit. Seit 1971 war er der Leiter der Sektion Kontrabass.[2]

Als Mitglied dieses Orchesters unternahm er zahlreiche Konzerttourneen in die UdSSR und nach Westeuropa. Das Ensemble gastierte 1991 auch in Italien, gerade zu dem Zeitpunkt, als die Nachricht vom Zusammenbruch der Sowjetunion eintraf. Seither lebte Isaak Loberan als freischaffender Musiker in Wien. Sein Leben in Freiheit war ganz der Erforschung, Pflege und Verbreitung der jüdischen Musik Osteuropas gewidmet.

Isaak Loberan starb völlig unerwartet und wurde am 11. November 2024 im jüdischen Teil des Wiener Zentralfriedhofs von seiner Familie und seinen Musikerfreunden zur letzten Ruhe begleitet. Sein Lebenswerk wurde in mehreren Nachrufen gewürdigt.[3] So berichtete auch der Österreichische Rundfunk über Isaak Loberan und sein Leben und Wirken am 27. Dezember 2024 im Rahmen der Sendereihe Spielräume.[4]

Wirken

Gleich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion begann Isaak Loberan im Jahr 1992 ein – durch das Österreichische Bundesministerium für Unterricht und Kunst gefördertes – Projekt zur Erforschung der jüdischen Musik in der Ukraine und in der Republik Moldau. Auf einer Reihe von ausgedehnten Reisen in Ungarn, Rumänien, der Republik Moldau und in der Ukraine sammelte er die Residuen der unter Josef Stalin und Adolf Hitler fast völlig vernichteten Tradition der jüdischen Volksmusiker, die Klezmorim genannt wurden. Durch Quellenstudium, vergleichende Erforschung der überlieferten Volksmusik von Juden, Roma und Ukrainern und dank unzähliger Interviews und Tonaufnahmen vor Ort, konnte Loberan etwa 800 Tänze und Lieder jüdischen Ursprungs erst identifizieren und dann notieren. Die Ergebnisse seiner Arbeit publizierte er in acht Büchern und mehreren Beiträgen zur einschägigen Fachliteratur. Er stellte sie in seinen Konzertprogrammen vor und sicherte die digitalisierten Tonaufnahmen durch Einspielung von drei CDs, die im Phonogrammarchiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften[5] aufbewahrt werden.

Scholem Rabinowitsch, genannt Scholem Alejchem, schuf die jiddische Literatursprache

Zur Unterstützung bei der Verbreitung dieses musikalischen Erbes gründete Isaak Loberan am 22. November 1993 den Verein „Varwe Musica“[6] sowie ein Klezmer-Ensemble in Wien, benannt nach dem großen jiddischen Schriftsteller Scholem Alejchem. Das Ensemble trat regelmäßig in Österreich, Deutschland und der Schweiz, in England, Italien und Luxemburg sowie in Bosnien, Israel, Kroatien, Litauen, Moldawien, Polen, Slowenien und in der Ukraine auf. Isaak Loberan stellte dabei die, teils nur von ihm gesammelte und notierte, teils auch arrangierte, teils selbst komponierte, jüdische Musik vor. Höhepunkte im Wirken dieses Ensembles waren im Jahr 2001 die Teilnahme am Second International „Wandering Stars Theatre“ Festival[7] in Kiew, dem Festival „Quelle“ in Dobrodzien in Polen und beim Safed Klezmer Festival[8] in Israel, dort mit dem Opernsänger und Kantor Yigal Altschuler und den Musiker-Zwillingen Alexander und Konstantin Wladigeroff als Gästen.

Im Jahr 2001 gründete Loberan in Kolomyja in der Westukraine die Gruppe „Galizianer“ im Rahmen des geförderten Projekts „Die Wiederbelebung der Jüdischen Musik in Ostgalizien“. Das Ensemble, bestehend aus ukrainischen und Wiener Musikern und Musikerinnen, trat in Österreich, Deutschland und der Ukraine auf. Im Jahr 2003 entwickelte Isaak Loberan dafür ein Konzertprogramm „Von der Bukovina nach Wien“, das mehrmals international aufgeführt wurde. Neben seinem Wirken als Musikethnologe, Arrangeur und Komponist, Bandleader und Lehrer organisierte Isaak Loberan die internationalen Klezmer-Festivals „Klezfest“ in Wien, „6th Klezfest“ in Chișinău, „Klezfest“ in Tscherniwzi und „Klezfest“ in Uschhorod.

Isaak Loberan und Mikail Rishkin im Wiener Rathaus 2017

Isaak Loberans Einfluss auf die Pflege und Verbreitung jüdischer Musik in Österreich war von 1992 bis 2021 durch seine zahlreichen Seminare und Workshops gegeben, an denen sowohl professionelle Musiker und Musikerinnen als auch Freizeitmusikanten teilnahmen.[9] Er organisierte dazu immer wieder die Mitwirkung von international bedeutenden Klezmer-Interpreten, unter anderen dem Sänger Efim Chorny[10] aus Moldawien, dem Musikwissenschaftler und ehemaligen Professor für Jüdische Studien an der Sonoma State University, Joshua Horowitz, mit dem er gemeinsam im März 1998 ein Blockseminar und ein Workshop im Jüdischen Museum Wien leitete, mit dem Klarinettisten David Krakauer, Mitglied der Band The Klezmatics aus den USA, dem Zimbalisten und Leiter der Musikschule Kolomyja, Dmitrij Matkowski, und dem Sänger Michael Riskin aus Israel.[11]

Isaak Loberan spielt im Konzert im Liebhartstaler Bockkeller am 7. Juli 2018

Zahlreichen jungen Musikern aus Osteuropa half Isaak Loberan bei ihrem Neubeginn in Wien mit Rat und Tat. Er vernetzte, vermittelte Konzerte und Auftritte und stellte großzügig sein Notenmaterial und seine Erfahrungen zur Verfügung. Der in Jaffa und New York ausgebildete Opernsänger und Kantor Yigal Altschuler aus Minsk, der russische Geiger und Kabarettist Aliosha Biz[12], der moldauische Klarinettist, Dirigent und Dozent Sasha Danilov[13] sowie die Brüder Alexander und Konstantin Wladigeroff[14] aus Bulgarien leisten seither regelmäßig Beiträge zum Kulturleben Wiens. Isaak Loberans Bücher, CDs sowie die Tonaufzeichnungen seiner Werke, auch über das Internet abhörbar,[15] stellen eine wichtige Quelle für alle dar, die authentische Klezmer-Musik hören oder selbst spielen wollen.

Cover der CD Isaak 2017 mit der Wiener Klezmer Kapelye „di libn layt“

Seit dem Jahr 2016 unterstützte Isaak Loberan insbesondere das Ensemble „Wiener Klezmer Kapelye“[16], gebildet aus Teilnehmern und Teilnehmerinnen eines seiner Maria Neustifter Seminare. Ihre Mitglieder nennen sich „di libn layt“, wie Loberan „seine Studenten“ gerne nannte. Die „Kapelye“ besteht sowohl aus Berufsmusikern als auch aus begeisterten Musikanten. Sie spielten in ihren Konzerten in der Ukraine, in Deutschland und in Wien fast ausschließlich Stücke aus Loberans Büchern. Ihre erste CD mit dem Titel Isaak war ein kleines Dankeschön von den Seminarteilnehmern an ihren Lehrer anlässlich seines 70. Geburtstags. Die zweite CD der „Kapelye“, Musik aus den letzten Schtetln, entstand unter Mitwirkung des Klezmer-Klarinettisten Sasha Danilov. Dazu wurde auch ein „musizierendes Notenbuch“ publiziert,[17] um interessierten Amateuren durch Abhören der Tonaufzeichnungen über QR-Codes mit dem Smartphone das Erlernen nach den von Isaak Loberan geschaffenen Noten des Buchs zu erleichtern.

Werke

Namhafte Musikverlage lehnten es aus kommerziellen Gründen bisher ab, Loberans Werke für diese – als zu klein eingeschätzte – Marktnische zu publizieren. Seine Bücher erschienen daher vom Herausgeber, dem Verein „Varwe Musica“, mit gültigen ISBN-Nummern versehen in Zusammenarbeit mit dem Verlag Pontos in Chișinău.

Im Jahr 2003 veröffentlichte das Österreichische Musiklexikon online im Artikel Juden/jüdische Musik/jüdischer Gesang die damals durchaus zutreffende Feststellung, Loberan habe „als Musiker wesentliche Feldforschungsarbeit in Osteuropa geleistet, aber kaum publiziert“.[18] Die danach veröffentlichten Publikationen weisen ihn jedoch als Herausgeber einer der größten Sammlungen authentischer Klezmermusik aus.

Isaak Loberan übernahm 1994 die Rolle eines Akkordeon spielenden Klezmer-Musikers in einem Film von Georg Lhotsky über Jisroel Bal Schem Tow, den Begründer des Chassidismus. Den fiedelnden Klezmer gab der junge Aliosha Biz. Als Erzähler wirkte der chassidische Rabbi Shlomo Carlebach mit, Sohn eines ehemaligen Rabbiners von Baden bei Wien. Der Film entstand als Teil von Lhotskys Fernsehserie Mystik des Westens.[19]

Loberan konzipierte zudem eine Videodokumentation über den aus Sighetu Marmației im ungarischen Siebenbürgen stammenden Holocaust-Überlebenden und späteren Wiener Oberkantor Abraham Adler (1916–2003).[20]

Ezählungen Isaak Loberans über die Klezmermusik und über sein Leben wurden in einigen Podcasts und Interviews im Internet veröffentlicht.[21][22]

Chronologisches Verzeichnis der Veröffentlichungen Isaak Loberans in verschiedenen Printmedien

  • 2000: Beiträge zum Buch: Zinovij Stoljar (Hrsg.): A Yiddishe Doyne. Jüdische Volksmusik in Osteuropa. Mandelbaum Verlag, Wien 2000, ISBN 3-85476-029-9.
  • 2005: Klezmermusik aus Moldawien und der Ukraine von XIX bis XXI Jahrhundert. Book I. Varwe Musica, Wien 2005, ISBN 3-9501922-0-4.
  • 2008: Präsentation seiner Kompositionen und Arrangements beim „Odessa Babel“ Klezfest
  • 2010: Isaak Loberan: Podolia – Freylekhsland: Klezmer music from Podolia (Ukraine). Book II. Pontos, Chisinau 2010, ISBN 978-3-9501922-1-6 (Freylik 1–76).
  • 2012: Di lider fun amol: Weltliche Lieder aus der Sammlung von Wiener Kantor Abraham Adler. Varwe Musica, Wien 2012, ISBN 978-3-9501922-0-9 (12 Lieder).
  • 2014: Podolia Freylekhsland Klezmer Music from Ukraine. Book III. Varwe Musica, Wien 2014, ISBN 978-3-9501922-2-3 (Freylik 77–152).
  • 2015: Podolia Freylekhsland. Book IV. Varwe Musica, Wien 2015, ISBN 978-3-9501922-2-3 (Freylik 152–224).
  • 2016: Jewish instrumental music. Pontos, Chisinau 2016, ISBN 978-3-9501922-3-0 (17 Eigenkompositionen).
  • 2019: Di sheynste yidishe lider (114 Lieder aus Osteuropa). Book V. Varwe Musica, Wien 2019, ISBN 978-3-9501922-6-1.
  • 2020: Isaak Loberan: Komposition der Suite „Klausenburger khassene“ (Lieder und Tänze des „Sanz-Klausenburger Rebbe“ Jekusiel Jehuda Halberstam aus Gernot Henning (Hrsg.): Musik aus den letzten Schtetln, S. 37–42).
  • 2021: Klezmermusik aus Kolomyia Westukraine (68 Tänze). Book VI. Pontos, Chisinau 2021, ISBN 978-3-9501922-7-8.

Literatur

  • Gernot Henning (Hrsg.): Musik aus den letzten Schtetln: weltliche jüdische Musik der klezmorim aus Bessarabien, Galizien, Podolien und der Ukraine. tredition GmbH, Hamburg 2022, ISBN 978-3-347-48571-6.
    • Ein „musizierendes Notenbuch“ mit Originalnoten, Audios und Videos. Stücke aus der Sammlung von Isaak Loberan, über QR-Codes am Smartphone abzuhören, gespielt von der Wiener Klezmer Kapelye „di libn layt“ mit Sasha Danilov (Klezmer-Klarinette) als Gast.
  • Joseph A. Berger: DPs are People Too. LR Enterprises, Tiverton 1997, ISBN 0-9530498-1-7 (englisch, diary report on his task with UNRRA 1945–1946).
  • Johann Kneihs: Hanukkah, in memoriam Isaak Loberan. In: oe1.orf.at / Ö1. 27. Dezember 2024; (in der Reihe „Spielräume“).
  • Isaak Loberan. In: dilibnlayt.at / di libn layt („die lieben Leute“)..

Einzelnachweise

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