Judensau

mittelalterliches, antijüdisches Bildmotiv From Wikipedia, the free encyclopedia

Die Tiermetapher „Judensau“ bezeichnet ein im Hochmittelalter entstandenes häufiges Bildmotiv der antijudaistischen christlichen Kunst. Es sollte Christen vor angeblichen teuflischen Gebräuchen der Juden warnen, diese ausgrenzen, demütigen, verhöhnen und das Judentum verleumden. Dort gilt das Schwein als unrein (hebräisch tame) und unterliegt einem religiösen Nahrungstabu.

Skulptur am Regensburger Dom

Reliefs, Skulpturen, Plastiken oder Wandbilder mit diesem Motiv erschienen seit 1230 vor allem im deutschsprachigen Raum. Insgesamt sind mindestens 52 Exemplare belegt, 47 davon sind noch erhalten. Seit dem 15. Jahrhundert erschien das Motiv auch als aggressive Typenkarikatur in Druckwerken, seit dem 19. Jahrhundert auch als antisemitische Karikatur. Die deutschsprachigen Schimpfworte „Judensau“ / „Judensäue“, „Saujude(n)“, „Judenschwein(e)“ oder „Schweinejude(n)“ tauchen seit etwa 1800 in Druckwerken auf. Der Nationalsozialismus benutzte diese Hetze in seiner Propaganda, um die Juden zu verfolgen, den Holocaust vorzubereiten und zu rechtfertigen.

Der Ausdruck „Judensau“ und verwandte antisemitische Beschimpfungen und Symbole werden bis heute verwendet. Sie wurden in Deutschland als Beleidigung, in Österreich und der Schweiz als ähnliche Ehrdelikte verurteilt. Unter Umständen werden sie auch als Volksverhetzung oder Verhetzung strafrechtlich verfolgt.

Christlich-antijudaistische Vorgeschichte

Tiervergleiche

Die hochmittelalterlichen „Judensau“-Skulpturen gehen auf die lange Tradition des Antijudaismus im Christentum zurück. Die dort seit dem 2. Jahrhundert üblichen Bestiarien schrieben Juden in moralisierenden Begleittexten Blindheit, Bilderverehrung und den Christusmord zu. Obwohl Schweine und Ferkel oft darin vorkamen, wurden diese Tiervergleiche anfangs noch nicht auf Juden bezogen.[1]

Doch schon einige Kirchenväter beschimpften Juden und christliche Häretiker als „Schweine“. Johannes Chrysostomos übertrug diese Herabsetzung im Jahr 388 in acht Hetzpredigten auf den jüdischen Gottesdienst in der Synagoge.[2] Er beschrieb Juden als Menschen, „die ihrem Bauch leben, gaffen nach dem, was sie gerade vor Augen haben, nicht besser als Schweine und Ziegenböcke, das Verderben und die Krankheit der ganzen Erde.“[3] Seine Kennzeichnung der Juden als Schweine, Vielfraße und von Fleischeslust Besessene beeinflusste mittelalterliche Autoren und gilt als früher literarischer Anstoß für das verwandte „Judensau“-Motiv.[4] Dabei hielt er fest, dass Juden Menschen geblieben seien, wenn auch der übelsten Art.[5]

Andere christliche Autoren ordneten den Christen die nach biblischer Kategorie „reinen“, den Juden die „unreinen“ Tierarten zu. Sie lobten ihre Allegorien als der wörtlichen jüdischen Bibelexegese überlegene, da mehrfache („wiederkäuende“) Auslegung.[5]

Mit der Übernahme hellenistischer Tugend- und Lasterkataloge bildete die christliche Theologie seit dem 5. Jahrhundert die Reihe der „Sieben Todsünden“ heraus: Die letzten beiden, Völlerei (lateinisch gula) und Wollust (luxuria), wurden oft als Schwein dargestellt, das die Unreinen und die Sünder symbolisiert. Deren häufige Beispielfiguren waren Juden. Ebenso verkörperten Affen und Mönche die inconstantia (Untreue, Unbeständigkeit).[6] Der Schweinevergleich stand ebenso für eine sündhafte Religionsausübung wie für einen unsauberen, gefräßigen, von Promiskuität geprägten Lebensstil oder für unlautere Geschäftspraktiken. Er sollte einfache Christen mit drastischen Bildern vor analogen Lastern warnen.[7]

In der christlichen Morallehre verkörperten das Schwein als unreines Tier und der Jude als Nichtchrist die Sündenvorstellungen von „Unkeuschheit“ und „Unmäßigkeit“.[8] Dieser Tiervergleich verband Unreinheit mit moralischer und spiritueller Gefahr und machte die angeblichen moralischen wie intellektuellen Defizite der Juden anschaulich. Er ließ sich leicht in bildende Kunst übertragen.[9]

Ab 1100 verglichen christliche Polemiken Juden besonders oft mit Hunden, Schlangen und Schweinen. Frühscholastische Theologen wie Odo von Cambrai und Petrus Venerabilis erwogen, Juden wegen ihrer Ablehnung des Christentums die Vernunft und damit die gemeinsame Basis des Menschseins abzusprechen.[10]

Im Mittelalter symbolisierte das Schwein in der christlichen Ikonografie den Teufel.[11] Daher veranschaulichten die späteren „Judensau“-Bilder auch den neutestamentlichen Vers „Ihr habt den Teufel zum Vater“ (Joh 4,22 EU).[12]

Bezüge auf jüdische Tradition

Die Tora-Verbote des Opferns und Verzehrs von Schweinen, die zu den unreinen Tierarten zählten (Lev 11,7 EU; Dtn 14,8 EU), waren im antiken Judentum spätestens seit dem Hellenismus (ab 333 v. Chr.) zum Merkmal jüdischer Identität und Kultur geworden. Nichtjuden benutzten die Verbote als Mittel, um Juden zu erniedrigen, zu unterdrücken und ihre Religion zu verfolgen (so Antiochos IV., 175–164 v. Chr.; siehe etwa 1 Makk 1,47 EU; 2 Makk 6,18–31 EU). Folglich verknüpften Juden das Schwein mit Erinnerungen daran, machten es zum religiösen Tabu und verabscheuten Symbol umgebender Fremdkulturen. Im späteren Talmud ausgeführte jüdische Speisegesetze dehnten die Toraverbote auf die Schweinezucht aus. Auch das Urchristentum setzte diese religiös-kulturelle Abgrenzung vom Schwein fort, etwa in Mt 7,6 EU und Mk 5,1–20 EU.[13]

Nach dem Sieg seiner Armee über den jüdischen Bar-Kochba-Aufstand (132–136) ließ Roms Kaiser Hadrian eventuell ein Schwein als Siegeszeichen in ein Stadttor Jerusalems meißeln. Der Eber war Symbol der Legio X Fretensis, die Jerusalem erobert hatte.[14.1] Im rabbinischen Judentum symbolisierte das Schwein daher das gewalttätige Römische Reich. Rabbinische Legenden und Midraschim machten das Vermeiden von Schweinefleisch zum Ausdruck jüdischen Widerstands gegen das pagane und das christliche Römische Reich, seine Kultur und Werte.[15]

Im Christentum drückten Zucht und Verzehr des Schweins bald ihrerseits den Gegensatz zum Judentum aus. Mittelalterliche christliche Legenden erklärten das jüdische Schweinefleischverbot aus Kannibalismus und behaupteten, Juden äßen christliche Kinder als Ersatz für das heimlich begehrte Schweinefleisch. Darin wurzelt die bildhafte Identifikation von Juden mit Schweinen im „Judensau“-Motiv.[16] Da Christen das jüdische Schweineopferverbot kannten und wussten, dass Juden das Schwein verabscheuten und jede Nähe zu dieser Tierart mieden, griff das „Judensau“-Motiv von Beginn an entschieden die jüdische Religion an.[17]

In seiner einflussreichen bebilderten Enzyklopädie De universo (847) bezog Hrabanus Maurus das Schwein erstmals explizit auf Juden und behauptete, sie „vererbten“ ihre gottlose, sündhafte Unmäßigkeit und Unkeuschheit in gleicher Weise. Dazu gab er den Psalmvers Ps 17,14 EU irrtümlich in falscher Übersetzung wieder: „Du füllst ihren Leib mit deinen verborgenen Gütern, sie sind gesättigt mit Schweinefleisch [statt: ‚auch ihre Söhne werden satt‘] und hinterlassen das, was übrig ist, ihren Kindern.“ Die Juden, so kommentierte er, seien voll unreiner Dinge, die Gott verborgen (verboten) habe, und hinterließen ihre Sünden mit dem Ruf „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder“ in Mt 27,25 EU ihren Nachkommen. Er verknüpfte also das biblische Schweineverzehrverbot mit einer angeblichen erblichen Schuld am Tod Jesu. Darauf führen Historiker das spätere „Judensau“-Motiv zurück.[18][14.2]

Apokryphe Kindheitslegenden

Das Wunder der Kinder im Ofen. In: Holkham Bible Picture Book, um 1320–1330

Nach dem christlich-apokryphen Arabischen Kindheitsevangelium (um 600) verwandelte der Knabe Jesus im Haus vor ihm versteckte jüdische Kinder in Ziegen, nach dem Pseudo-Matthäus-Evangelium (ab 800) in Schweine.[19]

Diese Legenden beeinflussten auch Sure 5,60–62 im Koran: Danach verwandelte Allah Juden und Christen, die den Islam verspotteten und die jüdischen Speisegebote übertraten, in Affen und Schweine.[20] Laut einem Hadith nannte Mohammed die Juden des Stammes Banū Quraiza „Brüder von Affen und Schweinen“, bevor er sie vernichtete.[21]

In späteren englisch-französischen Varianten der Kindheitslegende verwandelt Jesus die Schweine nicht in Menschenkinder zurück. Fortan hätten die Juden jedes Schwein als artverwandt betrachtet und darum keins mehr gebraten und gegessen; dies verbiete ihnen ihr Gesetz.[22] Christliche Judenfeinde erklärten das biblische Schweineopferverbot also zum Kannibalismusverbot, um eine Wesensgleichheit von Juden und Schweinen zu behaupten. Das rechtfertigte Gewalt gegen Juden und bereitete ihre Vertreibung aus England (1290) mit vor.[23]

Populäre Abbilder der im Ofen versteckten und in Ferkel verwandelten Kinder, etwa im Holkham Bible Picture Book (1327–1335), gelten als englisches Pendant zu den damaligen mitteleuropäischen „Judensau“-Motiven.[24] Da diesen das Verwandlungsmotiv fehlt, beeinflussten die Kindheitslegenden sie laut Isaiah Shachar jedoch nicht direkt.[14.3]

Bildhafte Anstöße

Im Hochmittelalter war der Katholizismus die alleinherrschende Weltanschauung des westlichen und mittleren Europas. Juden waren dort fast die einzige nichtchristliche Minderheit. Dies zeigte sich auch in der kirchlichen Architektur und Kunst. Skulpturen an Kirchengebäuden stellten die siegreiche Ecclesia der unterlegenen Synagoga gegenüber (Ecclesia und Synagoge). Beide Figuren waren meist hoheitsvoll und wohlgestaltet. Während der Kreuzzüge (ab 1096) erhielt die Synagogenfigur auch vulgäre und pornografische Züge, etwa indem sie auf einer Sau gegen die Kirchenfigur reitet, die hoch zu Ross sitzt, oder sich mit der nackten Eva als Symbol von Unzucht, Erbsünde und Tod verbündet.[25]

Relief aus St. Severin im Kölnischen Stadtmuseum

Wohl angeregt von den frühen Bestiarien, wurden im englischen Sprachraum Skulpturen einer Sau mit Ferkeln als Abbilder von Lastern in und an Kirchengebäuden üblich. Im 12. Jahrhundert entstanden auch im deutschen Sprachraum solche Reliefs, etwa an einem Tor in Remagen und an einem Kapitell, vermutlich aus St. Severin (Köln). Sie symbolisierten gula und luxuria, jedoch noch ohne Bezug auf Juden.[14.4]

Kirchenpolitische Anstöße

Im 13. Jahrhundert wurde die frühkirchliche Substitutionstheologie sozialpolitisch zementiert. Das 4. Laterankonzil von 1215 ordnete eine diskriminierende Kleiderordnung für Juden und Muslime und ihren Ausschluss aus weltlichen Ämtern an. Das markierte diese Minderheiten als „Ungläubige“ und leitete die spätere europaweite Ghettoisierung der Juden ein. Im selben Zeitraum wurden Juden immer häufiger angeklagt, Ritualmorde und Hostienfrevel zu verüben. Hinzu kam ab 1230 das „Judensau“-Motiv in und an Kirchengebäuden.[26]

Seit etwa 1380 bezeichneten Christen zwangsgetaufte Juden in Spanien als Marranos („Schweine“), die innerlich Juden geblieben seien. Sie unterstellten ihnen eine unveränderliche Wesensart und schlossen sie mit dem frührassistischen Kriterium der Blutsreinheit (limpieza de sangre) vom gesellschaftlichen Aufstieg aus. Später wurden die spanischen Juden und Judenchristen vertrieben, viele bei Pogromen ermordet.[27] Dabei gelangte das Schimpfwort Marranos auch nach Italien. Es gilt als Äquivalent zum deutschen Wort „Judensau“,[28] das solche Skulpturen vielleicht mit anregte.[29] Zwei um 1500 geschnitzte Miserikordien im Chorgestühl der Kathedrale von Ciudad Rodrigo (Spanien) stellen ein lesendes oder schreibendes Schwein dar, wohl um gebildete Marranos herabzusetzen.[30]

In Spanien entstanden jedoch keine „Judensau“-Skulpturen. Zwangsgetaufte Juden mussten kein Schweinefleisch essen, und kirchliche Quellen werteten das biblische Schweinefleischverbot nicht ab. Darum ist der genaue literarische Anstoß für das Motiv unklar.[31] Es kam ohne Begleittext aus, beleidigte und verhöhnte Juden direkt, indem es sie mit dem am meisten verachteten Tier, mit Schmutz, Völlerei und Wollust identifizierte.[1]

Der „Judeneid“

Die bildhafte Assoziation von Juden mit Schweinen und der „Judeneid“ können sich gegenseitig beeinflusst haben.[32] In dessen frühesten Varianten mussten Juden beim Eid im Rechtsstreit mit Christen barfuß auf einer Ziegenhaut, ab 1275 auf einer Schweinehaut stehen und auf eine Tora schwören. Zudem musste die gehäutete Sau zwei Wochen zuvor Ferkel geboren haben.[33] Dies verlangten der Sachsenspiegel (ab 1220) und der Schwabenspiegel (ab 1380).[34] Noch 1516 bekräftigte ein Text diese Eidesform und verlangte, der Jude müsse auf den „schweinischen Talmud“ schwören.[33]

Reliefs, Skulpturen und Wandbilder ab 1230

Hauptmerkmale und Zweck

Vorkommen des „Judensau“-Motivs als Skulptur, Relief oder Wandbild

Mittelalterliche Plastiken oder Wandbilder einer „Judensau“ stellen Menschen und Schweine in intimem Kontakt dar. Die menschlichen Figuren zeigen die typischen Kennzeichen der vom Laterankonzil 1215 verordneten Judentracht, etwa den „Judenhut“. Meist saugen sie wie Ferkel an den Zitzen einer Sau. Manchmal küssen, lecken oder umarmen sie das Schwein. In einigen Varianten reiten sie verkehrt herum darauf, befassen sich mit dessen Anus, essen und trinken seine Exkremente.[35]

Diese Bilder gelten als frühe judenfeindliche Karikatur, die drei sozialpsychologische Hauptzwecke erfüllte:

  • die Juden dem allgemeinen Spott preiszugeben, indem auf ihre angeblich typischen Verhaltensweisen hingedeutet wurde;
  • die antijudaistischen Vorurteile der Betrachter zu verfestigen und zur Abgrenzung von Juden, indirekt auch zum Handeln gegen sie zu ermuntern;
  • die Juden in ihrem religiösen Selbstverständnis anzugreifen und zu verletzen.[36]

Das häufige Motiv des Saugens an Zitzen und After einer Sau stellt Juden als Heuchler dar, die ihr eigenes Toraverbot brechen und sich heimlich Milch und Exkremente des Schweins zuführen.[37] Das Bildschema würdigt sie mehrfach herab: Es bezichtigt sie des Brechens von Anstandsregeln und religiösen Tabus, des Begehens der Todsünden Völlerei und Wollust und der intimen Beziehung zu Tieren. Es entmenschlicht sie zu Wesen, die der Verdammnis geweiht seien und nicht respektiert werden könnten.[38]

Viele dieser Skulpturen verknüpfen die dargestellte Intimität zwischen Mensch und Tier mit Ausscheidungs- und Verdauungsprozessen.[39] Diese Obszönität sollte beim Betrachter Ekel, Schamgefühl, Hass und Verachtung hervorrufen und Juden möglichst wirksam diffamieren,[40] in besonders quälender Form öffentlich verunglimpfen, demütigen und aus der menschlichen Gemeinschaft ausgrenzen. Das Motiv suggeriert dem Betrachter, dass Juden besonders sündige, abstoßende, verkehrte und ausschweifende Dinge tun und mit Schweinen artverwandt seien. Damit diffamierte es Juden nach ihrer angeblichen Abkunft, nicht über ihren Glauben, repräsentiert also eine allmähliche Ablösung der christlichen Judenfeindschaft von ihren religiösen Wurzeln.[41] Es verneint die Menschenwürde, auf die es in der jüdischen Religion gerade ankommt. So untermauerte es die gesellschaftliche Ausgrenzung der jüdischen Minderheit. Darum sehen Historiker darin einen Vorläufer des späteren Antisemitismus.[42]

Mit dem Schwein als Teufelssymbol verkündeten diese Bilder dem Betrachter, dass Juden als Ungläubige dem Teufel verfallen seien und außerhalb der christlichen, ja der menschlichen Gemeinschaft stünden.[43] Damit sollten sie indirekt auch die Einigkeit der Christen gegenüber christlichen Abweichlern und Laienbewegungen stärken. Diese stellten im Hochmittelalter die Glaubwürdigkeit der kirchlichen Elite in Frage und wurden darum wie die Juden zu Ketzern und Falschgläubigen erklärt und verfolgt.[44]

Vorkommen

Das bildhafte „Judensau“-Motiv trat fast nur in deutschsprachigen Orten im oder benachbart zum damaligen Heiligen Römischen Reich auf.[45] Die genaue Zahl solcher Darstellungen an Gebäuden ist ungewiss. Bis 2007 waren in Europa 48 Exemplare bekannt,[46] mindestens vier weitere wurden seitdem gefunden. Mindestens 47 Exemplare sind noch vorhanden, davon 39 an oder in Kirchen, fünf an oder bei anderen Gebäuden, zwei in Museen. Einige sind stark verwittert oder beschädigt; sechs sind zerstört und nur noch literarisch, grafisch oder fotografisch dokumentiert. Weitere sind nur in frühen Quellen erwähnt und nicht mehr auffindbar.[12]

Weitere Informationen Ort, Merkmale ...
Ort Merkmale[47] Entstehungszeit Bild
Liebfrauenkirche (Aarschot), Belgien Miserikordie[48] um 1500 (abgewandeltes Motiv)
St. Laurentius (Ahrweiler) Wasserspeier 1295 [49]
Aschersleben Sau-Relief am „Sautor“, zerstört[50] 1494
Wernerkapelle (Bacharach) Wasserspeier; stark beschädigt[51][14.5] um 1290 [52]
Stiftskirche St. Peter (Bad Wimpfen) Wasserspeier;[14.6] restaurierte Kopie. Original seit 1995 im Reichsstädtischen Museum[53]
Basler Münster, Schweiz geschnitzte Miserikordie am Domherrengestühl, 1932 entfernt[54] nach 1363
Heilig Dreifaltigkeit (Bayreuth) Sockel einer Heiligenfigur außen, 2004 großenteils zerstört[55] 1430–1440
St. Peter und Paul (Brandenburg an der Havel) Säulenkapitell im Kreuzgang[44] 1235–1250
Franziskanerkirche (Bratislava), Slowakei Wasserspeier an Außensäule; 1897 ersetzt; Original verloren[56][57] 1280–1297 [58]
Stiftskirche Bützow Kapitellrelief an einem Bündelpfeiler beim Eingang; restauriert[59] um 1314
Burgtor Cadolzburg Sandsteinrelief, stark verwittert[60] ab 1420
St.-Stephani-Kirche (Calbe) unechter Wasserspeier, 2019/2020 restauriert und verhüllt[61] um 1900
Martinsmünster (Colmar) Figur beim Westportal[14.7] um 1350
Martinsmünster Colmar Wasserspeier an Südseite des Chores[14.8][62] um 1350
Maria-Magdalenen-Kirche (Eberswalde) Säulenkapitell im nördlichen Seitenschiff[63][14.9] um 1284
Erfurter Dom spätgotisches geschnitztes Flachrelief am linken Chorgestühl[14.10][64] 1400–1410
Kathedrale von Évora, Portugal Konsole des Axialportals[65] um 1330
Alte Brücke (Frankfurt am Main) Außengemälde am Brückenturm, 1801 zerstört[66] 1475
Kathedrale von Gniezno Kapitell mit Relief am Portal der St. Andreas Kapelle[14.11] um 1350
Goslar Stück eines Säulenkapitells aus unbekanntem Gebäude Goslars, ausgestellt im Lapidarium der Kaiserpfalz Goslar um 1250
Schloss Greillenstein Zwergenfigur aus Sandstein[67] um 1700 [68]
Härkeberga kyrka, Uppland, Schweden Innenwandgemälde von Albertus Pictor[69][70] um 1480
Dom zu Halberstadt Sandstein-Konsole eines Standbilds der Chorscheitelkapelle[71] 1362 bis 1400
St. Marien (Heilbad Heiligenstadt) Fragment eines Wasserspeiers der Annenkapelle, stark verwittert[14.12] um 1300
Kloster Heiligenberg Siegelstempel[72] 1240–1250
Kloster Heilsbronn Sockel für Heiligenfigur an Säule im „Mortuarium“[73] um 1430
Kirche von Husby-Sjutolft, Uppland, Schweden Deckenfresko von Albertus Pictor[70][57] 1470–1480
Stadtapotheke Kelheim Außenwandrelief, 1945 entfernt[14.13] 1519 [74]
Kölner Dom Holzschnitzerei am Chorgestühl um 1310
Kölner Dom Wasserspeier am Südostchor, restauriert[75] um 1280
Kölner Dom Wasserspeier zwischen Michaels- und Agneskapelle, Kopie[76] um 1300
St. Bartholomäus (Kolín), Tschechien Kapitell der südöstlichen Innensäule[77] um 1280
St. Marien (Lemgo) Sandsteinskulptur, westliches Atrium[14.14] um 1310
Schlosskapelle St. Lorenz der Burg Lipnice, Tschechien Säulenkapitell im Altarraum[78] um 1350
Magdeburger Dom Sandsteinfries, Ernst-Kapelle[14.15] um 1270 oder 1493
Kathedrale von Metz Sandsteinrelief, Karmel-Kapelle[14.16] um 1300–1330
Nordhäuser Dom geschnitztes Chorgestühl[14.17] um 1380
St. Sebald (Nürnberg) Sandsteinskulptur als Konsole am Südostchor, restauriert[73] um 1380
St. Marien (Osnabrück) Sandsteinskulptur am Brautportal um 1330; nachgebildet um 1850 [79]
Marienkirche (Pirna) Steinskulptur am Fuß der Kanzel[80] ~1520
Regensburger Dom Steinskulptur, Wandpfeiler außen am Südeingang[14.18] restauriert 14. Jh.
Salzburg, Österreich Steinskulptur am Rathausturm von Hans Valkenauer; um 1800 entfernt[81][14.19] um 1487
Spalt Sandsteinrelief am Haus Stiftsgasse 10; stark verwittert[82] 15. Jh.
Straßburger Münster Sandsteinreliefs in Arkaden-Zwickeln des Triforiums[83][38] 1250–1290
Schloss Telč Holzschnitzerei im Goldenen Saal[84] 1550–1561
St. Wenzeslaus (Theilenberg) Sandsteinrelief an der Ostseite des Turms; stark verwittert[85] 14. Jh.
Dom zu Uppsala, Schweden Relief am Säulenkapitell im Chor[86] um 1350
Wiener Neustadt, Österreich Sandsteinrelief am Hauptplatz Nr. 16; beschädigt; heute im Museum St. Peter an der Sperr[87] ab 1496
Wipperfürth Kupferrelief am Marktbrunnen; um 1850 entfernt[88] 1331
Stadtkirche Lutherstadt Wittenberg „Judensau“-Relief an der Stadtkirche Lutherstadt Wittenberg, 1570 an die Südostecke der Chorfassade verlegt und betitelt, 2012 restauriert um 1290
St. Viktor (Xanten) Steinsockel einer Marienfigur an der Nordseite vor dem Hochchor[14.20] 1263–1267 [89]
St. Nikolai (Zerbst/Anhalt) Steinrelief an Strebepfeiler der Nordostseite[14.21] 1446–1448
Zerbst/Anhalt geschnitzter gotischer Balken am Wohnhaus Markt 16;[14.22] heute im Stadtmuseum [90]
Schließen

Isaiah Shachar lokalisierte in seiner maßgeblichen Forschungsarbeit 37 „Judensau“-Skulpturen,[14.23] darunter mindestens vier nicht oder nicht mehr vorhandene aus unbestätigten gedruckten Quellen:

Die von 1856 bis 1921 kolportierte Angabe einer „Judensau“ im Freisinger Dom wurde 1995 entkräftet.[91] Auch die von Shachar erwähnten Beispiele in Friedberg (Hessen)[92] und Heidingsfeld[93] sind fiktiv.

Bedeutungswandel

Als älteste bekannte „Judensau“ gilt das Relief im Domkreuzgang von Brandenburg.[12] Es entstand zwischen 1235 und 1250, als es keine Judengemeinden in Brandenburg gab. Es zeigt eine Sau mit einem menschlichen Arm und Kopf, der einen spitzen Hut trägt, und die vier Ferkel und eine Menschenfigur säugt. An ihrem Hinterteil macht sich eine weitere Figur zu schaffen; vorn reicht eine Frau mit Schleier dem Tier etwas. Mit diesen Merkmalen sollte das Relief nach heutigem Forschungsstand Juden schmähen.[44] Nur Joachim Schlenk deutete es 1987 als Fabelwesen, den Spitzhut als Ritterhelm.[94]

Isaiah Shachar datierte auch die Skulpturen in Bad Wimpfen, Eberswalde, Lemgo, Magdeburg und Xanten in das 13. Jahrhundert und deutete sie als „moralische Exempelfiguren für alle Sünder“, die noch nicht das Judentum als solches verhöhnen, sondern Christen eindringlich vor dem angeblichen sündhaften Treiben der Juden warnen sollten.[14.25]

Der Wasserspeier in Bad Wimpfen entstand wohl, bevor Juden sich dort ansiedelten. Er zeigt eine riesige Sau, an deren rechtem Vorderbein eine Figur mit Judenhut und Vollbart kniet und an einer Zitze saugt. Die rechte Hand hält sie, die linke drängt ein Ferkel fort, das an einer anderen Zitze gegenüber saugt.[14.26][95]

Das Relief an einem Säulenkapitell der Maria-Magdalenen-Kirche in Eberswalde zeigt eine Sau, die eine Figur mit Judenhut küsst.[63] Es war zum benachbarten damaligen Judenviertel ausgerichtet. Nach dem Vorwurf eines Hostienfrevels kam es in Eberswalde zu einem Judenpogrom.[96]

Das Relief in Xanten gehört zu einem Konsolenpaar, das Skulpturen von Maria und Elisabet trägt. Es zeigt eine kniende Figur, in deren Judenhut eine Sau beißt, während eine zweite, nackte kauernde Judenfigur an ihrer Zitze saugt. Die zweite Konsole stellt einen Löwen und Drachen im Kampf dar. Laut Isaiah Shachar sollten beide Szenen die Christen vor den Mächten des Bösen warnen, im Kontrast zur heilvollen Begegnung der Mütter Jesu und des Täufers darüber. Das Judensaurelief zeige Gier und Völlerei mit satirischer Note: Die Sau beißt gierig in den Hut, wie der kleinere Jude in ihre Zitze beißt, so dass sie sich gegenseitig „aussaugen“. Juden waren seit 1096 in Xanten wohnhaft und mehrmals Pogromen und Zwangstaufen ausgeliefert.[97]

In das 14. Jahrhundert datiert Shachar die Figuren in Colmar, Gnesen, Heiligenstadt, Köln, Metz, Nordhausen, Regensburg und Uppsala. Er bestritt ihre Herkunft aus dem Motiv der Kapitolinischen Wölfin, die Romulus und Remus säugt.[14.27] Dagegen deutete der Historiker Rudolf Reiser die Regensburger Skulptur 2013 wegen ihres langen Schwanzes als säugende Wölfin.[98]

Das Fries im Magdeburger Dom zeigt drei männliche Figuren mit Spitzhüten. Eine kniet neben zwei Ferkeln unter einer Sau und saugt an einer Zitze; die zweite ist dem Hinterteil der Sau zugewandt, das ihre abgebrochene rechte Hand wohl berührte; die dritte hält eine Schriftrolle. Eine der Sau zugewandte Frau hält eine Schüssel mit Eicheln.[99] Zwischen den Beinen der Sau tummeln sich zwei Hunde. Diese Verbindung zweier verachteter Tierarten sollte die Juden noch stärker erniedrigen.[100]

Drei antijüdische Reliefs am Chorgestühl im Kölner Dom (1308–1311)

Die Holzschnitzerei am Chorgestühl des Kölner Doms zeigt im Feld oben links drei als Juden markierte Figuren: Einer umarmt eine Sau, der zweite saugt kniend an ihren Zitzen, der dritte füttert sie. Im Feld rechts daneben kippt eine Judenfigur einen Trog aus, aus dem ein Schwein und mehrere Ferkel herausfallen. Das Motiv spielt wohl auf jene christlich-apokryphe Kindheitslegende an, wonach Jesus eine in einem Trog versteckte Mutter und ihre Kinder in Schweine verwandelte. Eine weitere Judenfigur führt einen christlichen Knaben an der Hand. Ein „W“ und „Mart“ darüber identifiziert ihn als den angeblich von Juden ermordeten Märtyrer Werner von Oberwesel. Diese seit 1287 bekannte Ritualmordlegende führte im Rheinland oft zu Pogromen an Juden.[101] Diese antijudaistischen Motive hingen also eng zusammen.[102]

Der Wasserspeier am Südostchor des Doms stellt ein hockendes Schwein das, das einen Mann mit Judenhut säugt. Der zweite Wasserspeier zeigt ein Mischwesen: Der tierische Unterkörper hat Paarhufe wie die eines Schweins; der menschliche Oberkörper trägt ein Tuch, das einem Tallit ähnelt, aber ohne Schaufäden.[76]

Das Relief in St. Sebald (Nürnberg) zeigt vier männliche Figuren. Zwei hängen an den Zitzen einer Sau; eine trägt den Judenhut. Eine füttert links die Sau, eine fängt ihre Exkremente in einem Topf auf.[103]

Zwei Reliefs in Böhmen ahmen die etablierten deutschen Versionen nach. In Kolín sieht man drei männliche Figuren mit Judenhut unter einer Sau; einer saugt ihre Zitze, einer hält ihren Schwanz, der dritte füttert sie. Dies symbolisiert die Todsünde der Völlerei. In der zum Bistum Magdeburg gehörigen Stadt wohnten anfangs meist deutschsprachige Christen, keine Juden.[77] Die Figur in der Burgkapelle von Lipnice nad Sázavou ist von dämonischen Köpfen an weiteren Säulen umgeben, darunter einem Teufelskopf mit Grimasse, Stoßzähnen und herausgestreckter Zunge. Sie war jedoch hinter dem Altar platziert.[78]

Das Relief in Bützow zeigt fünf als Juden markierte Figuren bei einer Muttersau. Eine sitzt auf einem Thron, liest in einem Buch und unterweist die übrigen offenbar im Umgang mit der Sau. Dies diffamiert Tora und Talmud des Judentums. Ein weiteres Säulenrelief gegenüber zeigt zwei sitzende Affen mit Judenhüten, die einen Spiegel halten und mit der freien Hand auf ihre Köpfe zeigen. Die Komposition ist einmalig.[59]

Der südliche Wasserspeier am Münster Colmar zeigt eine riesige Sau mit weit geöffnetem Maul und vier Figuren mit Judenhüten, langem Haar, Bärten und Mänteln, davon zwei, die an den Zitzen der Sau saugen.[104]

Das Relief im Erfurter Dom stellt den religiösen Gegensatz als Turnier dar: Die Kirchenfigur reitet auf einem Pferd, die Synagogenfigur auf einem Schwein. Auf dem geschnitzten Holzrelief in Aarschot reitet ein Jude rückwärts auf einem Ziegenbock, der auch ein Teufelssymbol war, und hebt dessen Schwanz an. Wegen dieser Merkmale gilt das dortige Exemplar als verwandt mit „Judensau“-Schandbildern[105] und wird mit ihnen aufgeführt.[106]

Das Konsolenrelief in Evora zeigt zwei Figuren mit dem typischen Judenhut. Eine ist als Hund, die andere als Mensch mit Schweinekopf dargestellt, identifiziert also Jude und Schwein. Dieses einzige südeuropäische Beispiel wird vereinzelt mit den mitteleuropäischen Figuren verglichen.[107]

Ein im Kloster Heiligenberg bei Bruchhausen-Vilsen gefundenes Stempelsiegel aus dem 13. Jahrhundert zeigt einen Juden mit Spitzhut, der am Hinterteil einer Sau kniet, ein Hinterbein hält und seinen Mund ihrem After zuwendet. Die zugehörige lateinische Umschrift wurde verschieden gedeutet.[108] Wer der Siegelführer war und wozu das diffamierende Siegelbild gewählt wurde, sind ungeklärte Forschungsfragen.[72]

Das Wandgemälde in Spalt zeigt einen Juden mit Spitzhut, der unter einer Sau liegt und an einer ihrer Zitzen saugt, während er mit einem Arm ein Vorderbein der Sau hochdrückt. Es war ursprünglich an der Bibliothek des Spalter Chorherrenstifts angebracht. Es wurde bei einer Hausrenovierung 1969 verputzt, konnte aber wieder freigelegt werden.[109]

Die Skulptur an St. Nikolai in Zerbst entstand im Kontext einer lokalen Pest-Epidemie von 1448 und Pestpogromen an Judengemeinden.[110]

Das Brautportal der ab 1300 erbauten gotischen Hallenkirche St. Marien in Osnabrück ist links und rechts von je fünf Skulpturen flankiert, die das Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen darstellen. Die Kontrastfiguren der Ecclesia links (mit Krone) und Synagoga rechts (mit Augenbinde) führen die jeweilige Fünferreihe an. Der Sockel der Synagogenfigur ist als Sau modelliert.[79] Das diffamierte die jüdischen Familien, die 1327 in der benachbarten „Schweinestraße“ (damaliger Name) hinter der Kirche wohnten. 1336 zwang der Stadtrat den lokalen Juden einen separaten Fleischverkauf auf und markierte ihre Verkaufsbänke mit einem „Judenbild“, wahrscheinlich einer weiteren „Judensau“. 1350 wurden die Osnabrücker Juden bei einem Pestpogrom fast alle ermordet, ihr Eigentum wurde geraubt.[111]

Das um 1290 entstandene „Judensau“-Relief an der Stadtkirche Lutherstadt Wittenberg wurde 1570 bei einem Umbau von der Nordfassade an die Südostecke des Chors versetzt[112] und erhielt die Überschrift Rabini Schem HaMphoras, die mit Bezug auf Martin Luthers Schmähschrift Vom Schem Hamphoras (1543) den hebräischen Gottesnamen und das rabbinische Judentum als Schweinerei diffamiert.[113] Das verschärfte den religiösen Gegensatz von Kirche und Synagoge in der frühen Neuzeit zur totalen Verachtung des Judentums.[114]

Ab dem 15. Jahrhundert erschienen solche Bilder auch an nichtkirchlichen Bauten, also für einen erweiterten Adressatenkreis des Bürgertums.[115] Das älteste Beispiel ist das Relief am Burgtor von Cadolzburg (gebaut ab 1420) unter den Wappen der Hohenzollern.[60] Es zeigt drei Figuren, die eine Sau umgeben: Eine mit Judenhut beugt sich zu ihrem Hinterteil, eine kniet und saugt an einer Zitze, die dritte mit Bart umarmt ihren Hals. Weitere Judenfiguren tanzen um ein Goldenes Kalb.[43]

Das Wandbild am Frankfurter Brückenturm (um 1475) zeigte einen Rabbiner, der verkehrt herum auf einer Sau reitet, einen jungen Juden unter dem Bauch an den Zitzen, einen weiteren am After oder der Vulva saugend; hinter der Sau stehend den Teufel und eine auf einem Ziegenbock reitende Jüdin. Darüber war der verstümmelte und gefolterte Simon von Trient zu sehen. Unter dem Bild stand: „Saug du die Milch, friß du den Dreck, Das ist doch euer best Geschleck.“[116] Diese Verknüpfung des „Judensau“-Motivs mit einer Ritualmordlegende sollte eine Pogromstimmung schüren.[66] Beim Fettmilch-Aufstand (1614) wurde dieses Bild auch als Glasfenstergemälde an einem Bürgerhaus dargestellt.[117] In den 1690er Jahren ließ der Stadtrat das Wandbild trotz Protesten der Frankfurter Juden erneuern.[118] Es befand sich direkt gegenüber der Frankfurter Judengasse und blieb bis zum Abriss des Brückenturms 1801 eine touristische Attraktion der Stadt.[119]

1494 vertrieb die Stadt Aschersleben die dortigen Juden durch das westliche Stadttor und ließ ein Saurelief daran anbringen. Eine im Turmknopf der nahen Stephanikirche gefundene Urkunde belegt den Vorgang: Die Bürger hätten „zum Andenken an der Juden Vertreibung und den Juden zum Abscheu und in Warnung nicht wieder zu kommen“ eine steinerne Sau über dem Tor angebracht. Damit endete die jüdische Gemeinde in Aschersleben für mehrere Jahrhunderte. Das „Sautor“ wurde später zerstört.[50]

Eine Steingravur an einem Privathaus in Kelheim von 1519 zeigte eine Sau, die als Juden markierte Figuren zum Lesen einer Gebotstafel mit hebräischen Buchstaben bringen. Das verhöhnte den jüdischen Toraglauben. Die Inschrift darunter bezog sich auf die damalige Vertreibung der Regensburger Juden. Das Bild wurde vor 1850 auf Klagen von Juden abgenommen, aber 1895 an die Fassade der Stadtapotheke verlegt. Als einziges öffentliches „Judensau“-Bild wurde es 1945 zerstört, auf Befehl eines Offiziers der US Army.[120] Es ist nur noch auf Fotografien dokumentiert.[121]

Um 1520, während der Reformation, schuf der Bildhauer Franz Maidburg die Kanzel der Marienkirche Pirna. Die männliche Figur am Kanzelfuß mit Schweinsgesicht trägt einen Judenhut und hält einen Geldbeutel in der Hand, die ihn unter den Mantel führt, offenbar um ihn zu verstecken.[80]

In Posen malte ein Maler im Auftrag des Stadtrats 1618 judenfeindliche Gemälde auf die Rathauswand, darunter einen auf einem Schwein reitenden Juden. Um die Bilder entfernen zu lassen, mussten protestierende Juden den Maler bezahlen. Im Verlauf schlugen und verletzten der Malergehilfe und ein Stadtrufer örtliche Juden, beschädigten ihre Synagoge und plünderten ihre Häuser. Der Vorgang zeigt, wie städtische Autoritäten das inzwischen säkularisierte „Judensau“-Motiv benutzten.[122]

Im 13-köpfigen Zwergenkabinett des Schlosses Greillenstein steht die Figur eines Juden, der auf einem Schwein reitet: Er hält in der rechten Hand ein Buch der Tora, in der linken einen Geldbeutel dem Schwein vor die Schnauze. Seine Haltung parodiert Reiterporträts von Monarchen und Feldherren. Die Figur gehört zu einer um 1700 entstandenen Skulpturensammlung für den Schlossgarten.[67]

Der Wasserspeier in Calbe zeigt das stereotypisierte Gesicht eines „Ostjuden[61] und entstand daher wahrscheinlich erst um 1900.[123]

Druckerzeugnisse ab 1440

Einblattholzschnitt aus Breisach, um 1450–1500

Grafiken

Seit der Erfindung der Druckpresse (um 1440) findet sich das Motiv vermehrt auf Druckgrafiken und gelangte so mit anderen antijüdischen Stereotypen in die populäre Kunst. Ein zwischen 1450 und 1500 hergestellter und als Einblattdruck vervielfältigter Holzschnitt aus Breisach am Rhein gilt als erste profane Judenkarikatur.[124] Sie zeigt eine riesige Sau, die vier Juden säugt und von drei weiteren umhegt wird. Zwei jüdische Zeugen im Begleittext legen nahe, es gehe dabei um sexuellen Verkehr, nicht um den Verzehr der Sau. Dies unterstellte Juden wie die textlosen älteren Skulpturen einen heimlichen Trieb zum Bruch der Toraverbote. Dagegen deuteten Juden das Schwein dieser Bilder weiterhin als Symbol der gewaltsam herrschenden Macht Roms.[125]

Ein Kupferstich von 1475–1480 zeigt abstoßende, mit dem Gelben Ring als Juden markierte Figuren, die ein nacktes Kind mit Messern schneiden und sein Blut auffangen. Der Innenkreis des Rings ist mit einer Sau ausgefüllt. Der italienische Untertitel verweist auf Simon von Trient. Das Bild verband das „Judensau“-Motiv erstmals mit der Ritualmordlegende und beeinflusste das etwas später entstandene Frankfurter Wandbild.[126]

Der Prager Künstler Matouš illustrierte von 1490 bis 1495 ein Graduale und ein Hymnenbuch für Utraquisten in Kutná Hora mit farbigen Kalligrafien, die „Judensau“-Motive aufgreifen: Ein Mann mit blauem Hut reitet rückwärts auf einer Sau und hält ihren Schwanz fest in der linken Hand. Ein Mann mit Hut reitet im Turnierkampf eine Ziege, sein Gegner einen Eber oder eine Sau. Zwei Männer, einer mit blauem Hut, küsst das Hinterteil einer Ziege, der andere den After eines Schweins. Schon eine Bible moralisée von 1220 enthielt ein Bild eines Juden, der den Hintern einer Ziege küsst. Diese Motive beeinflussten auch deutsche Schandbilder: So zeigte die Anklageschrift gegen Dietrich von Klitzing (1550) eine Figur, die rückwärts auf einem Schwein reitet und den Mund auf dessen Anus presst.[127]

Ein bis 1517 illustriertes Graduale für Utraquisten in Litoměřice zeigt im Folio zu Pfingsten biblische Szenen vom Toraempfang des Mose und Opfer des Elija. Das Rahmenwerk stellt blonde nackte Babys eines Menschenpaars einer Sau mit vielen dunkelbraunen Ferkeln gegenüber. Unter ihnen streckt ein Baby seine Hände zum Bauch der Sau und saugt an ihren Zitzen. Dies kontrastiert Christen als fruchtbare Erben des Alten Testaments mit Juden, die sich vom Schwein nähren würden und zu Ferkeln geworden seien. Das Bild spiegelte und verstärkte lokale Konflikte zwischen Utraquisten und der jüdischen Gemeinde. Diese wurde 1541 bei einem Pogrom vernichtet; 1546 wurde Juden die erneute Niederlassung am Ort verboten.[128]

Eins der 30 von Zacharias von Neuhaus geschnitzten Holzreliefs im Schloss Telč zeigt einen bärtigen Mann im schwarzen Mantel mit dem Gelben Ring. Er reitet eine fliegende Sau und hält ihren Schwanz fest in der linken, einen zerbrochenen Krug in der rechten Hand. Dieser markiert ihn als Betrüger. Die deutsche Inschrift dazu („Veitl, ein Jude, ein Prüfer von Edelsteinen. Hier reitet er auf einer Sau. Er ist 60 Jahre alt.“) meint eventuell den jüdischen Händler Feytl in Telč. Nach seinem Tod 1561 mussten seine Söhne das Vaterhaus an den Schlossherrn verkaufen. Daher könnte das Relief einen Privatkonflikt ausdrücken.[84]

Viele frühe Holzschnitte griffen das Frankfurter Wandbild auf und verschärften es. So zeigte ein Flugblatt von 1563 unter dem Titel „Der Juden Messias“ eine von zwei Teufeln begleitete Prozession von 14 Personen mit dem Gelben Ring, die die „Judensau“ zur Hölle tragen. 13 der Figuren sind mit Namen und verunglimpfenden Reimen markiert.[129]

Ab dem 16. Jahrhundert übertrugen Grafiken die assoziative Verbindung von Juden, Sau und Teufel auch auf Körpermerkmale und statteten die menschlichen Figuren etwa mit Schweinsohren, Bocksfüßen und Hörnern aus. Das Titelblatt des Pamphlets Der Jueden Erbarkeit von 1571 etwa zeigt Judenfiguren mit dem Gelben Fleck, Teufelskrallen, Klauen- und Krähenfüßen und Schweinsgesichtern mit Hörnern und Geweihen. Eine davon, ein Gaukler mit Dudelsack, reitet auf einer Sau, die ihre Exkremente frisst.[130] Die Figuren tragen jene typischen Merkmale, die seit langem dem Teufel zugeordnet wurden, etwa mit dem Symboltier des Ziegenbocks in Aarschot, Erfurt, Frankfurt und auf späteren Grafiken.[131] Auch auf „Judenspottmedaillen“ taucht das Motiv ab der Reformationszeit öfter auf.[132]

Eine bemalte Holzdecke eines Prager Bürgerhauses von 1650–1670 zeigt einen bärtigen Juden mit Hut, der auf einem Schwein reitet.[133]

In seinem Werk Kirchliche Verfassung der heutigen, sonderlich der deutschen Juden (1749) illustrierte der evangelische Pastor Georg Bodenschatz jüdische Schlachtriten mit einem (Juden verbotenen) Schwein. Damit spielte er eventuell auf das Judensaumotiv an. Nur diese Grafik wich dann von der didaktischen Absicht des Werks ab, Christen jüdische Gebräuche verständlich zu erklären.[134]

Texte

Das Fastnachtsspiel von Hans Folz Ein spil von dem herzogen von Burgland (Werktitel: Der Juden Messias) aus dem 15. Jahrhundert zeigt die Aufnahme des Motivs in der deutschsprachigen Literatur. In diesem Bühnenstück wird der jüdische Messias szenisch als Antichrist entlarvt und am Schluss als Strafe für die Juden vorgeschlagen:

„Ich sprich, das man vor allen ding
Die allergrost schweinsmuter pring,
Darunter sie sich schmiegen all
Saug ieder tutten mit schall;
Der Messias lig unter dem schwanz!“[135]

Die Szene bildet den dramatischen Höhepunkt des Spiels und gilt wegen ihrer Tabubrüche und Drastik als „eine der weitestgehenden antijüdischen Darstellungen in der volkssprachlichen Literatur des deutschen Mittelalters überhaupt“. Im Bild der „Judensau“ fasste Folz die dämonisch inspirierte „Verstocktheit“ der Juden, die aus damaliger christlicher Sicht die neue Heilsnahrung verweigern und stattdessen Exkremente und Erbrochenes, also im historischen und endzeitlichen Sinn Verdautes verzehren. Folz kannte die theologischen Stereotypen über Juden gut und transportierte sie in eine für sein Laienpublikum verständliche derb-komische, fäkal-obszöne Sprache.[136] Die im Drama ausgemalte sadistische Bestrafung der Juden nahm Pogrome der Folgejahre im Raum Nürnberg vorweg. Das literarische wie bildhafte Judensaumotiv prägte die Vorstellung vom „stinkenden Juden“ und Juden als Schwein für Jahrhunderte.[137]

Einblattdruck mit Wittenberger „Judensau“, 1596

Besonders wirksam war Luthers Schmähschrift Vom Schem Hamphoras von 1543. Darin benutzte er das Wittenberger Relief, um den Talmud, die Bibelauslegung der Rabbiner und den jüdischen Glauben insgesamt als schmutzige Lächerlichkeit zu verhöhnen.[138] Luthers Deutung regte zahlreiche Traktate über die „Judensau“-Skulpturen an.[139]

Grafik der Frankfurter „Judensau“ (frühes 17. Jahrhundert)

Ab 1700 wurden die besonders populären „Judensau“-Darstellungen von Wittenberg und Frankfurt oft für antijüdische Zwecke in Büchern abgebildet und beschrieben. Dabei hat der Teufel meist eine als jüdisch angesehene Gestalt und trägt auch den Gelben Ring. Johann Jacob Schudt beschrieb das Frankfurter Bild 1714 in einem seiner antisemitischen Pamphlete: „…unter diesem Schwein liegt ein junger Jud / der die Zitzen saugt / hinter der Sau liegt ein alter Jud auf den Knien / und läst die Sau den Urin und anders aus dem Affter ihm ins Maul laufen.“ Achim von Arnim beschrieb dasselbe Bild in seiner Tischrede über die Kennzeichen des Judenthums (1811) so: „Auf einem Mutterschwein, das einen jungen Juden säugt, sitzt rücklings ein Rabbiner… ein anderer Jude horcht darunter hinein nach Prophezeiung, während die Jüdin sich an den Hörnern des Sündenbocks hält und von ihm zum Teufel geführt wird“. Arnim behauptete, die besten Maler Frankfurts hätten das Bild „durch zwey Jahrhunderte… immer neu aufgefrischt“, weil es „so allgemeynen Beifall“ gefunden habe. Er schlug vor, das Bild zur „Belustigung der Zwischenakte“ auf die Vorhänge des Berliner Schauspielhauses zu übertragen, um so jüdische Käufer der besten Logen dort zu demütigen. Johann Wolfgang von Goethe erwähnte jenes „große Spott- und Schandgemälde“ in seiner Autobiographie Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit (1808–1838).[140]

In Schelt- und Schmähbriefen der frühen Neuzeit tauchte vermehrt das mit der „Judensau“ verwandte Motiv des „Sauritts“ auf. Deren Schandbilder zeigen Adressaten, die rückwärts auf einer Sau oder einem Esel reiten und ihr Siegel auf deren Hinterteil drücken. So prangerten sie etwa säumige Schuldner als ehrlos und vertragsbrüchig an und entwerteten ihre Insignien.[141]

Vom 14. Jahrhundert an stellten bebilderte Manuskripte Juden rückwärts auf Tieren reitend dar, etwa als Affen, die auf Eulen, Eseln, Ziegen oder Schweinen reiten. Oft halten sie dabei dem Reittier den Schwanz hoch. Ein Druck aus dem 18. Jahrhundert verknüpfte die Motive des Schweineritts und der Judensau, untertitelt mit dem Satz „Dieses ist der Juden Teuffel“.[142] Einige abgebildete Figuren machen sich am Hintern der Sau zu schaffen, schieben Geld in ihren After oder verehren ihre Exkremente.[143]

Das Motiv schlug sich auch in manchen diskriminierenden Judengesetzen der frühen Neuzeit nieder. Die „Juden-Polizei“ von Rechnitz drohte in Punkt 9 ihrer Anordnungen von 1732, diejenigen Juden, die sich mit ihrem Einfluss rühmen und ihre Gegner einschüchtern, mit einer Geldstrafe zu belegen; zudem müssten die Schuldigen „auch die Sau reiten“.[144]

Antisemitische Rezeption

Antisemitische Karikatur, Titelbild der „Judenschule“ von Hartwig von Hundt-Radowsky, 1822[145]

1800 bis 1933

Die medial breit ausgefächerte antijüdische Propaganda im 19. Jahrhundert setzte eine etablierte, durch die älteren Bildzeugnisse verfestigte Assoziation von Juden mit Schweinen voraus. Das Schimpfwort „Judensau“ wurde in Volksliedern und Kinderreimen weitergetragen. Das Schimpfwort „Saujude“ wurde mit dem Hetzruf „Hep Hep“ durch die Hep-Hep-Krawalle von 1819 populär und auch mit Flugblättern und Spielkarten verbreitet.[146] Es erschien ab 1861 mit vielen anderen antisemitischen Ausdrücken in der Wiener Kirchenzeitung. Prominente christliche Theologen bezichtigten Juden mit diesem Vokabular der revolutionären Erhebungen 1848 und forderten eine endgültige Lösung der „Judenfrage“.[147] Das Schimpfwort wurde in Druckwerken der Folgezeit auch für Pogromaufrufe benutzt.[148]

1852 veröffentlichte Alexander Schöppner in seinem „Sagenbuch der bayerischen Lande“ die satirische Erzählung „Das Synagogenwappen zu Heidingsfeld“: Nachdem der Stadtrat von Heidingsfeld den örtlichen Juden das Anbringen des Stadtwappens an ihrer Synagoge verboten habe, hätten sie sich beim Fürstbischof Adam Friedrich von Seinsheim darüber beklagt. Darauf habe er ihnen befohlen, sein Wappen, das zwei Säue enthielt, an ihrer Synagoge anzubringen. Der Rabbiner habe das befohlene Wappen für koscher erklären müssen; seither äßen die Heidingsfelder Juden gern Schweinefleisch.[93] 1853 erschien ein gleichnamiges Spottgedicht in Alexander Kaufmanns „Mainsagen“,[149] das er nach Eigenaussage zusammen mit Otto Friedrich Gruppe verfasst hatte.[150] Die fiktive Erzählung verdeutlicht die regionale Verachtung der Juden.[151]

Während der gesetzlichen Judenemanzipation (1870–1890) im Deutschen Kaiserreich nahm die Tradition antisemitischer Karikaturen einen Aufschwung.[152] Damalige politische Karikaturen verspotteten die Herrschenden, um über Machtverhältnisse aufzuklären und eine subversive Distanz in der Bevölkerung zu fördern. Dagegen richteten sich antisemitische Karikaturen gegen eine unterlegene Minderheit, die dem Betrachter als verabscheuungswürdig ausgeliefert und als Sündenbock angeboten wurde, etwa für die Wirtschaftskrise 1877.[153] Damit wurden aktuelle Ereignisse aufgegriffen und in Form einer „personalen Typenkarikatur“ auf eine angeblich typische, dauerhafte Charaktereigenschaft aller Juden zugespitzt, die auf Ursachen in der jüdischen Kultur, Religion und einer angeblichen „Rasse“ verweisen sollte.[154] Dies schlug sich auch in Sprichworten nieder. So enthielt Wanders Deutsches Sprichwörter-Lexikon von 1870 den Eintrag „Bin kein Jud, leck keine Sau“.[155]

Ab 1880 entstanden vielfältige antisemitische Alltagsobjekte, die unter anderem das etablierte „Judensau“-Motiv abwandelten: etwa eine Postkarte, die drei als stereotype „Kaftan-Juden“ gekleidete Schweine mit Schläfenlocken im Gespräch auf einer Parkbank zeigt; eine Keramikspardose in Form eines „jüdischen Kapitalistenschweins“; eine Messing- oder Bronzeschale mit dem Relief eines Schweins, das sich einen Juden einverleibt, dessen Kopf ihm aus dem Hintern schaut; eine Porzellanfigur eines jüdischen Hausierers, der hinter einem Schwein sitzt und sich an dessen Ohren festhält; eine Tuschezeichnung eines Juden, der ein Trüffelschwein an der Leine führt und Schriftstücke von Verteidigern des Alfred Dreyfus in der Dreyfusaffäre (1894–1899) in der Manteltasche trägt.[156]

Im und nach dem Ersten Weltkrieg zeigten antisemitische Postkarten mit dem Titel „Levys Werdegang“ einen Juden, der auf einem Schwein reitend einem anderen Juden einen prall gefüllten Geldbeutel übergibt.[12] Das typisierte Juden als angebliche „Kriegsgewinnler“, Profiteure des Krieges und der Kriegsniederlage.[157]

Seit der Gründung der Weimarer Republik 1919 infolge der Novemberrevolution von 1918 beschimpften deutsche Rechtsradikale demokratische Politiker öffentlich als „Novemberverbrecher“ und als „Judensau“. So hetzte ein deutschnationales Stammtischlied von etwa 1920 gegen den damaligen Außenminister:

„Knallen die Gewehre – tak, tak, tak
Aufs schwarze und aufs rote Pack.
Auch Rathenau, der Walther,
Erreicht kein hohes Alter,
Knallt ab den Walther Rathenau,
Die gottverdammte Judensau!“[158]

1922 wurde Rathenau gemäß diesem Aufruf auf offener Straße erschossen.[159]

Nationalsozialismus

Seit 1919 aktivierten die Nationalsozialisten die mittelalterlichen antijudaistischen Stereotype, die das „Judensau“-Motiv mit Ritualmordlegenden, Motiven von Juden als „Blutsaugern“ und dem „Satan“ verbunden hatten, gezielt für ihre Propaganda. Damit bedrohten sie deutsche Juden schon in der Weimarer Zeit. So beschimpften und schlugen NS-Angehörige den Kaufmann Siegmund Fraenkel im Juni 1923 in einer Münchner Straßenbahn mit den Worten „Du Ostjude, du Saujude“ und verletzten ihn dabei so schwer, dass er zwei Jahre später an den Folgen starb.[160]

Das 1923 gegründete NSDAP-Hetzblatt Der Stürmer übernahm und steigerte die Tradition antisemitischer Karikaturen zu Zerrbildern von Juden mit schiefen Zähnen, Tierklauen, triefenden Mundwinkeln und gierigem Blick, die Scharen junger blonder Mädchen verführten und „vergifteten“: Das verband religiöse mit pornografischen und rassistischen Motiven und bezog sie auf die „Rassenschande“ und das „Aussaugen“ der „arischen Rasse“.[161] Oft verwendete der Stürmer in Titeln und Karikaturen das Bild vom „Judensaustall“, den es auszumisten gelte.[162] In einer Stürmer-Karikatur vom April 1934 symbolisiert das Motiv die angebliche Medienmacht der Juden: Die mit einer Mistgabel durchbohrte Sau trägt die Aufschrift „Juden-Literatur-Verlage“, die Bildunterzeile lautet: „Wenn die Sau tot ist müssen auch die Ferkel verderben.“ Als am Tropf der Verlage hängende „Ferkel“ sind Albert Einstein, Magnus Hirschfeld, Alfred Kerr, Thomas Mann, Erich Maria Remarque und andere dargestellt.[163]

Diese Hetzpropaganda bereitete die Judenverfolgung der NS-Zeit vor, die mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 einsetzte und vom „Judenboykott“ (1. April 1933) an ständig gesteigert wurde.[164] In Cadolzburg etwa führten Lehrer ihre Schulklassen ab 1933 oft zur dortigen „Judensau“. 1934 veröffentlichte ein NSDAP-Ratsherr ein antisemitisches Spottgedicht über das Relief, und der Gemeinderat ließ eine höhnische Texttafel am Bahnhof aufstellen: „Den Besuchern Cadolzburgs, insbesondere Israeliten wird empfohlen, das Steinbild am äußeren Schloßeingang (sogen. Judensau) zu besichtigen. Es sollen sich deshalb Juden in Cadolzburg von jeher nicht aufgehalten haben.“[43]

Die „Gesetze zum Schutz des deutschen Blutes“ von 1935 verboten Ehen und Sexualkontakte zwischen jüdischen und nichtjüdischen Deutschen streng. Der „Rassenschande“ beschuldigte jüdische Männer wurden öffentlich gedemütigt, indem man ihnen Schilder umhängte, auf denen etwa stand: „Ich nehme, ich Judensau [,] immer nur deutsche Mädchen mit aufs Zimmer.“ Nichtjüdische Frauen wurden als „Judenhure“ gedemütigt und mussten Schilder mit der Aufschrift tragen: „Ich bin am Ort das größte Schwein und lass mich nur mit Juden ein.“[165][164]

SA-Männer misshandelten und quälten den Nichtjuden Carl von Ossietzky 1936 im KZ Sonnenburg wochenlang unter Rufen wie „Jude“, „Judensau“ und „Sau“. Er starb 1938 auch an den Folgen dieser Folter.[166] Im Verlauf der Novemberpogrome 1938 beschimpften und bedrohten nichtjüdische Deutsche ihre jüdischen Nachbarn und Mitbürger oft als „Judensau“ und beteiligten sich an Zerstörungen jüdischer Geschäfte und Wohnungen durch die SA.[167]

Nach Zeugnissen von Überlebenden verübten manche SS-Aufseher nationalsozialistischer Konzentrationslager sadistische Rituale: Sie zwangen jüdische Häftlinge etwa dazu, sich zu entkleiden und von einem Baum herab zu rufen: „Ich bin eine dreckige Judensau!“[168] In NS-Prozessen bezeugten Schoa-Überlebende, dass KZ-Aufseher sie monatelang Misshandlungen und Todesdrohungen ausgesetzt und dabei oft auf das Übelste als „Judensau“, „Judenhure“ oder „Drecksjud“ beschimpft hatten.[169] Laut Zeugenaussagen im Auschwitzprozess lieferte eine Täterin eine Jüdin dem Vernichtungslager Auschwitz mit den Worten aus: „Diese Judensau (oder Judenhure) hat lang genug Rassenschande getrieben, sie soll verrecken.“[170] Edgar Kupfer-Koberwitz, überlebender Häftling des KZ Dachau und Autor der Dachauer Tagebücher, beschrieb die sadistische und traumatisierende Folter der KZ-Aufseher, die einen Häftling beim Hofappell als „Saujud“ und „Judensau“ anbrüllten und stundenlang quälten, und die eigene Ohnmacht im hilflosen Versuch, dem Gequälten beizustehen, in seinem Gedicht „Erinnerung“.[171]

Fortwirken

Beschimpfungen

Die Ausdrücke „Judensau“, „Saujude(n)“, „Judenschwein(e)“ oder „Schweinejude(n)“ gehören bis heute zum antisemitischen Vokabular.[172] Anders als Fremdenfeindlichkeit entmenschlichen und bedrohen sie Personen in antisemitischer Tradition gezielt als Angehörige eines Kollektivs.[42] Es sind nach deutschem Strafrecht eindeutig strafbare Beleidigungen,[173] auch in Österreich,[174] ähnlich in der Schweiz: Dort wurde der Neonazi Pascal Lüthard von der Partei National Orientierter Schweizer (PNOS) für das Beschimpfen eines ihm bekannten jüdischen Gastes als „Judensau“ 2008 gemäß Artikel 261bis StGB (Rassismus-Strafnorm) rechtsgültig bestraft.[175]

In der Nachkriegszeit in Deutschland erfolgten solche Angriffe öfter. Im Strafprozess von 1950 gegen Veit Harlan, den Regisseur des NS-Propagandafilms Jud Süß von 1940, beschimpften Zuhörer die Hauptzeugin der Anklage Karena Niehoff als „Judensau“ und bedrohten sie, so dass sie Personenschutz brauchte. Dies und der folgende Freispruch für Harlan wurden weltweit beachtet und galten als Zeichen mangelnder deutscher Vergangenheitsbewältigung.[176]

Rechtsradikale Besucher deutscher Fußballstadien beschimpfen und bedrohen als jüdisch angesehene Spieler und Schiedsrichter seit Jahrzehnten mit solchen Ausdrücken.[177] 2006 beschloss der Verband Makkabi Deutschland, Spiele deutschjüdischer Vereine dann abzubrechen und die Vorfälle vor Sport- und Strafgerichte zu bringen.[178] 2009 nahm der DFB „Beleidigungen (§ 185 StGB) aus rassistischen bzw. fremdenfeindlichen Motiven“ als Grund für unbefristete Stadionverbote in seine Richtlinien auf[179] und verbot damit auch die Beschimpfung „Judensau“. Ausbilder, Schieds- und Strafrichter sollen diese Verbote durchsetzen,[180] doch antisemitische Beschimpfungen in deutschen Stadien werden statistisch kaum erfasst und nur selten verfolgt.[181]

Manche Muslime beschimpfen Juden im Anschluss an einige Koransuren als „Affen und Schweine“.[182] Der Historiker Julius H. Schoeps zählt auch die Demonstrationsparole „Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf' allein“ zur Nachwirkung des christlichen „Judensau“-Motivs.[183]

Im November 2022 kaufte Elon Musk den Kurznachrichtendienst Twitter, entließ viele Moderatoren, lockerte interne Verhaltensregeln und entblockte rechtsextreme Benutzer. Seither nahm antisemitische und rassistische Hetze auf der Plattform sprunghaft zu, darunter das Schimpfwort „Judensau“.[184]

Schändungen

Parolen dieser Art sind fester Bestandteil der Schändung jüdischer Friedhöfe.[42] Kurz nach Öffnung der Berliner Mauer 1989 beschmierten Unbekannte das Grab von Bertolt Brecht und Helene Weigel mit „Sau-Jude“. Am 20. April 1992, dem Jahrestag des „Führergeburtstags“, und am 20. Juli 1992 warfen Neonazis Schweineköpfe vor die Synagoge in Erfurt, beim zweiten Mal mit dem Zettel: „Dieses Schwein Galinski ist endlich tot. Noch mehr Juden müssen es sein.“ Heinz Galinski, der den Zentralrat der Juden in Deutschland geleitet hatte, war am Vortag gestorben.[185] Im Oktober 1993 wurde das Mahnmal zu deportierten Juden in Berlin-Grunewald mit Schweineköpfen geschändet.[186] Im Oktober 1998 trieben Neonazis ein mit einem Davidstern und dem Namen Ignatz Bubis bemaltes Ferkel über den Berliner Alexanderplatz. Damals debattierte Bubis mit Martin Walser um die angebliche „Moralkeule Auschwitz“.[187]

Im November 1999 forderte Meir Mendelssohn, der das Grab von Bubis in Israel mit Farbe übergossen hatte, das Publikum der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz auf, „… das Wort Judensau zu sagen, ganz normal und ganz natürlich.“[188] Die Jüdische Gemeinde zu Berlin zeigte ihn und die Veranstalter am Folgetag wegen des Verdachts der Volksverhetzung an.[189]

Im Oktober 1999 bestätigte Österreichs Oberster Gerichtshof die Verurteilung von zwei Neonazis, die „Jesus, du judensau – raus“, SS-Zeichen und Hakenkreuze an eine Kirche gesprüht hatten, wegen NS-Wiederbetätigung nach dem Verbotsgesetz 1947.[190]

Im Januar 2025 legten Unbekannte einen Schweinekopf vor das Haus der in der NS-Zeit ermordeten jüdischen Familie Prager, einer Gedenkstätte in Apolda (Thüringen).[191]

Gewalttaten

Oft verbinden Täter solche Beschimpfungen mit gewaltsamen Angriffen, etwa gegen Holocaustüberlebende nach deren Rückkehr in ihre Herkunftsorte Flörsheim am Main (Juni 1958) und Köppern (November 1958). Die Täter wurden erst nach Presseberichten strafverfolgt und milde bestraft.[192]

1993 beschimpfte ein Neonazi in Marl einen Obdachlosen als „Judensau“ und verletzte ihn mit Fußtritten so schwer, dass das Opfer ins Koma fiel und später verstarb.[193] 2007 beschimpfte ein Muslim einen Rabbiner in Frankfurt am Main als „Scheißjuden“ und „Judensau“ und stach ihn dann nieder.[194] 2010 beschimpften Neonazis in Laucha einen Israeli und Enkel eines Holocaustüberlebenden als „Judensau“ und verletzten ihn schwer.[195] 2015 bedrohten „Adolf-Hitler-Hooligans“ den Inhaber des koscheren Schalom-Restaurants in Chemnitz als „Judensau“ und vandalierten sein Restaurant.[196] Im August 2020 beschimpften Burschenschafter in Heidelberg einen jungen Mann, der von seinen jüdischen Vorfahren berichtet hatte, als „Judensau“ und „Drecksjude“, schlugen und verletzten ihn. Drei Täter, darunter ein Parteimitglied der AfD, erhielten wegen gefährlicher Körperverletzung und tätlicher Beleidigung im Dezember 2022 Haftstrafen auf Bewährung.[197]

Antisemitische Symbolik

Der Rockmusiker Roger Waters ließ in jeder Bühnenshow seiner Tournee „The Wall“ (2010–2013) einen Ballon in Gestalt eines Schweins aufsteigen, bemalt unter anderem mit dem Davidstern. Auf Kritik erklärte er, das Schwein symbolisiere „das Böse“ und der Stern legitime Kritik am Staat Israel. Doch es wurde als Rückgriff auf die bekannte Symbolik der „Judensau“ und daher als antisemitisch eingestuft.[198]

Die österreichische rechtsextreme Black-Metal-Band „Totale Vernichtung“ bot 2014 ein T-Shirt zum Verkauf an, dessen Vorderseite das Motiv der „Frankfurter Judensau“ und den CD-Namen „Ritualmordlegenden“ trug. Die Rückseite zeigte das nationalsozialistischen Deutsche Reich in den Grenzen von 1938 und den Spruch: „Bald sind hier nur noch Menschen wie ich und du, und dann geht alles wieder mit rechten Dingen zu.“[199]

Bei der documenta fifteen 2022 in Kassel zeigte das indonesische Künstlerkollektiv „Taring Padi“ ein detailreiches Wandgemälde, darauf ein Soldat mit Schweinsgesicht und Davidstern, der einen Helm mit der Aufschrift „Mossad“ trägt, und einen orthodox gekleideten Juden mit Schläfenlocken, spitzen Zähnen und SS-Runen auf der Kopfbedeckung. Diese Symbole wurden als eindeutig antisemitisch kritisiert und mit der „Judensau“ verglichen.[200] Auch der Umgang mit dem Bild, es hängenzulassen und zu verhüllen, ohne über Judenhass aufzuklären, wurde mit dem Umgang mancher Kirchen mit der „Judensau“ verglichen.[201]

Die Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle zeigte in ihrer Jahresausstellung im Juli 2025 eine Gipsplastik eines Studenten mit einem angedeuteten Schweinekopf neben einer Palästina-Flagge. Dies kritisierte der Landesverband Jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt als antisemitische Bildsprache. Die Hochschulleitung bestritt dies zunächst,[202] wollte den Vorgang dann aber von einem Ethikrat untersuchen lassen.[203]

Umgang mit den Skulpturen

Seit den 1980er Jahren wird der Umgang mit historischen „Judensau“-Motiven in Deutschland diskutiert. 1990 empfahl die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) ihren Gemeinden, die Betrachter mit Hinweistafeln auf „Schuld und Betroffenheit der Kirche“ aufmerksam zu machen und zu neuer Sicht anzuleiten.[204]

Ab 2002 forderten die Aktionskünstler Wolfram P. Kastner und Günter Wangerin mit Protestaktionen, die Skulpturen wie Hakenkreuze aus dem öffentlichen Raum zu entfernen oder zumindest klare Distanzierungstexte anzubringen. Diese fehlten bis dahin fast überall.[205]

Viele Denkmalpfleger, Historiker, Juristen und Kirchenvertreter wollen die Skulpturen als Zeitzeugnisse im originalen Architekturkontext erhalten. Achim Hubel lehnte auch Hinweistafeln dazu ab.[206] Arnold Bartetzky nannte Abnahmevorstöße „Tyrannei der Beleidigten“.[207]

Zentralratspräsident Josef Schuster stellte Kirchengemeinden ab 2017 vor die Wahl, die Skulpturen zu entfernen oder eindeutige Erklärtafeln anzubringen. Vizepräsident Salomon Korn plädierte für „Aufklärung vor Beseitigung“. Im Originalkontext könne man mehr über diesen historischen Antisemitismus lernen als im Museum. Man dürfe die Kirchen nicht aus ihrer Verantwortung für ihre Geschichte entlassen und den im Christentum angelegten Antijudaismus nicht unsichtbar machen.[208]

Dieser Argumentation folgten auch EKD-Vertreter, so bis 2018 Johann Hinrich Claussen,[209] und Kirchenhistoriker wie Thomas Kaufmann.[210]

Dagegen erklärte Ronen Steinke im Mai 2022: „Judensau“-Reliefs seien „Stürmer-Karikaturen“ auf „Porno-Niveau“, die Christen zu Pogromen mobilisiert hätten. Wie bei nach Adolf Hitler benannten deutschen Straßen nehme ihre Entfernung nur Abstand von früherer „Ergebenheit“, ohne Geschichte reinzuwaschen oder zu übertünchen. Die „Halsstarrigkeit“ der Kirchen dagegen sei kaum zu begreifen.[211]

Im Januar 2022 kündigte die Antisemitismusbeauftragte der EKBO Marion Gardei neue Regeln zum Umgang mit antijüdischer Kirchenkunst an. Gemeinden müssten solche Plastiken aus dem liturgischen Kirchenbereich herauslösen und in einen pädagogisch-musealen Zusammenhang stellen.[212] Ähnliche, gemeinsame evangelisch-katholische Leitlinien vom März 2025 in Nordrhein-Westfalen[213] sollten Kirchengemeinden dazu anregen, dem Antisemitismus unter Christen entgegenzutreten, und eine würdige Lebensperspektive für jüdische Menschen in Deutschland zu schaffen helfen.[214]

Die folgende Tabelle gibt eine grobe Übersicht über die lokalen Maßnahmen:

Weitere Informationen Ort, Erklärtext ...
OrtErklärtextSonstige SchritteBelege
Bacharach2006[215]
Bad Wimpfen2013 / 2020[53][216]
BaselReplika 1996
Jüdisches Museum der Schweiz
[217]
Bayreuth2005: „Unkenntlich geworden ist das steinerne Zeugnis des Judenhasses an diesem Pfeiler. Für immer vergangen sei alle Feindseligkeit gegen das Judentum.“[218]2004 zerstört[219]
Brandenburg20142023 verhüllt
Forschungsbericht 2025
[212][220]
BützowFaltblatt 2015: „Die Kirchengemeinde Bützow ist voller Scham betroffen von der Schuld und dem historischen Versagen unserer Kirche und der Wirkmächtigkeit dieser unheilvollen Anmaßung – bis heute. Gemeinsam wollen wir dieses schwierige Erbe als Verantwortung begreifen und den judenfeindlichen Bildern aktiv etwas entgegensetzen.“[59]
Cadolzburg2004renoviert 2003[221]
Calberestauriert 2019/2020
verhüllt 2020
Auftragskunstwerk 2025
[222]
EberswaldeInfoblatt 2018Führungen ab 2018[223][208][96]
ErfurtHolzstele 2024[224]
Heilsbronn2022: „Wie konnten die Mönche so etwas zulassen, die im täglichen Gebet mindestens dreimal den Lobpreis von Gottes Volk Israel sangen?“[225]Gemeindebroschüre
Wanderausstellung 2022
[226]
KölnKölner Domblatt 2008/2018
Themenrundgang 2021
Wandgemälde 2025
[227][228]
Lemgo2023: Aufruf an alle Menschen, „gegen jede Form von Propaganda, Hass, Ausgrenzung und Antisemitismus vorzugehen“[229]
MagdeburgBodenplatte 2016: „Verschmähte Schwester Synagoge, vergib unsere todbringende Blindheit, ohne Ende gilt Gottes Verheißung dir wie uns.“[100]
NürnbergFaltblatt 2005: „Das ‚Judensau‘-Schmähbild aus dem Spätmittelalter drückt den Judenhass aus, der die Schoa vorbereitet hat. Im selben Ungeist sind jüdische Bürger Nürnbergs bis ins 20. Jahrhundert verachtet und verteufelt, vertrieben und vernichtet worden. Voller Scham verbeugen wir uns vor den Millionen Opfern des Judenhasses. Wir bitten sie und unseren gemeinsamen Gott um Vergebung.“[230][231]
Osnabrück2024: „beabsichtigte antijüdische Propaganda“[79][232]
Regensburg2005–2014: „Die Skulptur als steinernes Zeugnis einer vergangenen Epoche muss im Zusammenhang mit ihrer Zeit gesehen werden. Sie ist in ihrem antijüdischen Aussagegehalt für den heutigen Betrachter befremdlich. Das Verhältnis von Christentum und Judentum in unseren Tagen zeichnet sich durch Toleranz und gegenseitige Achtung aus.“[233]
ab 2023: „Mit dieser menschenverachtenden Propaganda wurden Jüdinnen und Juden zu Feinden des Christentums erklärt. So wurde über Jahrhunderte Hass gegen sie geschürt. Ausgrenzung, Verfolgung bis hin zum Mord waren die Folge. Heute soll diese Skulptur alle Menschen mahnen, gegen jede Form von Propaganda, Hass, Ausgrenzung und Antisemitismus vorzugehen.“[234]
[235]
Spalt2010: Bezug zum „Gottesmord“[82]
WittenbergBodenplatte 1988
Vergebungsbitte 2023
Bildungskonzept 2023[236]
Xantenvorhanden1966: Krypta-Gedenkstätte für NS-Opfer[97]
Zerbst2022Stele 2023[237]
Schließen

Literatur

Überblick

  • Jordan Rosenblum: Forbidden: A 3,000-Year History of Jews and the Pig. New York University Press, New York 2024, ISBN 978-1-4798-3149-4

Zu mittelalterlichen Darstellungen

Zu einzelnen Skulpturen

  • Theresa Jeroch: Zwischen Spott und Dämonisierung: Die antijüdische Plastik im Brandenburger Dom. In: Text und Kunst. Schriften des Domstifts Brandenburg, Band 1. Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 2025, ISBN 978-3-689-48037-0
  • Jörg Bielig, Johannes Block, Harald Meller, Ernst-Joachim Waschke (Hrsg.): Die „Wittenberger Sau“. Entstehung, Bedeutung und Wirkungsgeschichte des Reliefs der sogenannten „Judensau“ an der Stadtkirche Wittenberg. Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Halle 2020, ISBN 3-944507-99-1
  • Hermann Rusam: Die Spalter Judensau – ein judenfeindliches Motiv aus dem Spätmittelalter. In: Heimatkundliche Streifzüge (Roth) Band 15, 1996, S. 78–83

Zu antisemitischen Karikaturen

  • Eduard Fuchs: Die Juden in der Karikatur. Ein Beitrag zur Kulturgeschichte. (1921) Nachdruck: Adrian Schelm, Leipzig 2018, ISBN 3-947190-11-5 (Volltext online)
  • Monika Kucharz: Das antisemitische Stereotyp der „jüdischen Physiognomie“. Seine Entwicklung in Kunst und Karikatur. LIT, Münster 2017, ISBN 978-3-643-50808-9
  • Julius H. Schoeps, Joachim Schlör (Hrsg.): Bilder der Judenfeindschaft. Antisemitismus, Vorurteile und Mythen. Bechtermünz, Augsburg 1999, ISBN 3-8289-0734-2.
  • Angelika Plum: Die Karikatur im Spannungsfeld von Kunstgeschichte und Politikwissenschaft. Eine ikonologische Untersuchung zu Feindbildern in Karikaturen. Berichte aus der Kunstgeschichte. Shaker, Aachen 1998, ISBN 3-8265-4159-6.
  • Michael Wolffsohn: Das Bild als Gefahren- und Informationsquelle. Von der „Judensau“ über den „Nathan“ zum „Stürmer“ und zu Nachmann. In: Uwe Backes, Eckhard Jesse, Rainer Zitelmann (Hrsg.): Die Schatten der Vergangenheit. Impulse zur Historisierung des Nationalsozialismus. Ullstein, Berlin 1992, ISBN 3-548-33161-0, S. 522–542
  • Stefan Rohrbacher, Michael Schmidt: Judenbilder. Kulturgeschichte antijüdischer Mythen und antisemitischer Vorurteile. Rowohlt, Reinbek 1991, ISBN 3-499-55498-4.
  • Matthias Beimel: Die Karikatur als Ersatzhandlung. Antisemitismus in der NS-Propaganda und ihre Vorbilder. In: Geschichte lernen. Friedrich, Velber 3/1990, Heft 18, Klett, Stuttgart 1990, ISSN 0933-3096, S. 28–33

Zu Schimpfworten

  • Hartmut Kraft: Nigger und Judensau: Tabus heute. In: Claudia Benthien, Ortrud Gutjahr (Hrsg.): Tabu: Interkulturalität und Gender. Brill, Leiden 2008, ISBN 978-3-7705-4628-2, S. 261–273

Zum aktuellen Umgang mit den Skulpturen

  • Nikolaus Bernau: Nur am Ort ist dauerhaft kritisches Erinnern möglich. Ergebnisse einer Umfrage zum Umgang mit antijüdischen Schmähplastiken des Mittelalters. In: Kunst und Kirche, 85. Jahrgang, Nr. 4, 2022, S. 4–11
  • Marten Marquardt: „Wo hat er's gelesen? Der Sau … im Hintern“. Vom Umgang mit den Schandbildern der Judensau. In: Hanna Kasparick (Hrsg.): „Ein jedes Volk wandelt im Namen seines Gottes…“: Begegnung mit anderen Religionen. Vereinnahmung – Konflikt – Frieden. Evangelisches Predigerseminar, Wittenberg 2008, S. 47–64
Commons: Judensau – Album mit Bildern
Wiktionary: Judensau – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelbelege

Related Articles

Wikiwand AI