„Judensau“-Relief an der Stadtkirche Lutherstadt Wittenberg

Schandmal an der Stadtkirche Lutherstadt Wittenberg From Wikipedia, the free encyclopedia

Das „Judensau“-Relief an der Stadtkirche Lutherstadt Wittenberg ist ein um 1290 entstandenes Schandmal. Es zeigt als Juden markierte Figuren im intimen Kontakt mit einer Sau, um Christen vor angeblichen Verhaltensweisen von Juden zu warnen und das Judentum zu verleumden. Es gehört zu den 47 noch erhaltenen Skulpturen einer sogenannten Judensau, die seit 1230 vor allem im deutschen Sprachraum in oder an Kirchen, später auch anderen Gebäuden angebracht wurden und den Antijudaismus des damaligen Christentums veranschaulichen.

„Judensau“-Relief am Südostflügel der Stadtkirche Wittenberg

Mit seiner Schmähschrift Vom Schem Hamphoras (1543) machte Martin Luther dieses Exemplar weithin bekannt. Er benutzte es, um den hebräischen Ausdruck Ha-Schem Ha-Mephorasch („der einzigartige, unvergleichliche Name“) zu verhöhnen, mit dem das rabbinische Judentum seit der Antike den Gottesnamen JHWH umschrieb. Folglich erhielt das Relief 1570 die Überschrift Rabini Schem HaMphoras. Darum wird es auch als Luthersau bezeichnet.[1]

Ab 1983 dachte man in der Stadtkirchengemeinde über den Umgang damit nach. 1988 ließ der Gemeinderat eine Bodenplatte darunter legen, deren Inschrift den christlichen Judenhass selbstkritisch als Wegbereitung des Holocaust (der Schoa) benennen soll.

Seit 2016 forderten verschiedene Personen und Gruppen, das Relief abzunehmen und in einen musealen Kontext zu verlegen. Dazu wollte ein deutscher Jude die Stadtkirchengemeinde ab 2018 mit einer Zivilklage verpflichten. Die Klage scheiterte in allen Gerichtsinstanzen, zuletzt im Juni 2022 vor dem Bundesgerichtshof (BGH). Im August 2024 wies das Bundesverfassungsgericht (BVerfG), im Februar 2026 auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) die Beschwerde des Klägers gegen das BGH-Urteil ab.

Der Prozess verstärkte eine bundesweite Debatte zum Umgang mit solchen Skulpturen und die Bemühungen um Aufklärung zu ihrer Geschichte und Rezeption.

Spätmittelalter

Gestalt

Das Relief zeigt eine naturgetreu modellierte Sau und vier Figuren, die durch robenartige Kleidung und Schuhe als Männer, durch Spitzkegelhüte als Juden gekennzeichnet sind. Zwei der Figuren knien mit dem Rücken zum Betrachter unter der Sau und scheinen an ihren Zitzen zu saugen. Eine dritte Figur am rechten Vorderbein der Sau schaut zum Betrachter und hält ein Ferkel mit einer Hand am Ohr fest, um es von der Muttersau fernzuhalten. Die vierte, größere Figur hockt am Hinterteil der Sau, hebt mit der linken Hand ihren Schwanz an, hält mit der rechten Hand ihr rechtes Hinterbein fest und schaut ihr mit schräger Kopfhaltung in den Anus.[2.1]

Die Sau steht mit dem Kopf nach rechts. Die Hutkrempen der Figuren sind flach und rund, die Schafte zentral und konisch. Auch Figuren im Naumburger Dom und an einem Wasserspeier in Bad Wimpfen tragen solche Spitzkegelhüte.[3] Den Judenhut hatte das 4. Laterankonzil 1215 verordnet, um Juden als Andersgläubige zu kennzeichnen und von Christen im Alltag damaliger Städte äußerlich zu unterscheiden.[2.2]

Die Skulptur ist 150 cm breit, 80 cm hoch[2.3] und 25 cm tief. Die dargestellten Figuren wirken trotz der geringen Tiefe sehr räumlich, voluminös und körpergetreu, teils fast dreidimensional. Die Fellstruktur der Sau ist ebenso realistisch wie das Fell einer Lamm-Skulptur in der Stadtkirche und im Naumburger Dom. Dies setzt genaue Tierbeobachtung voraus.[2.4]

Entstehung

Die Wittenberger Stadtkirche wurde ab 1280 gebaut[2.5] und war spätestens 1295 vollendet.[2.6] Das Relief ist von der tragenden Architektur unabhängig und besteht aus einem um Wittenberg nicht verfügbaren Grobsandstein. Dieser stammte vermutlich aus den am nächsten gelegenen Steinbrüchen im Liebethaler Grund des Elbsandsteingebirges, die damals dem Hochstift Meißen unterstanden. Dafür sprechen deutliche Stilparallelen mit Reliefs im Westlettner des Naumburger Doms und Skulpturen im Achteckbau und der Allerheiligenkapelle des Meißner Doms. Erstere wurden vor 1260 vom Naumburger Meister, ab 1280 von seinen Nachfolgern, letztere ab 1270 von Kunsthandwerkern der Meißner Dombauhütte geschaffen, so um 1290 wahrscheinlich auch die Wittenberger Reliefs. Diese kann ein aus Meißen entsandter Bildhauer auch vor Ort geschaffen haben. Die genaue Anatomie der Sau und die Stilähnlichkeiten mit anderen Skulpturen der Stadtkirche verweisen auf ein und denselben, hochbegabten Kunsthandwerker.[2.7]

Die ursprüngliche Position des Reliefs ist unbekannt. Wahrscheinlich wurde es in etwa acht Metern Höhe außen an der Nordfassade platziert, also gegenüber der angrenzenden Judengasse, die auf späteren Stadtkarten eingetragen ist. Laut der Kunsthistorikerin Insa Christiane Hennen waren die Außenreliefs jedoch nur für Kirchenbesucher sichtbar. Nichtchristen hätten den damaligen umzäunten Friedhof um die Stadtkirche nicht betreten dürfen.[4.1]

Wittenberger Stadthistoriker datierten das Relief oft auf das Jahr 1304, manchmal auch auf 1440, und deuteten es als Mittel, die damals mutmaßlich vertriebenen Juden von einer Rückkehr nach Wittenberg abzuhalten.[2.5] Der Kunsthistoriker Isaiah Shachar hielt diese Annahme für eine spätere volkstümliche Legende (folk tale). Doch auch er datierte das Relief wegen der ähnlichen Judenhüte an etwas älteren Reliefs in das frühe 14. Jahrhundert und schloss eine Verbindung zu einer Judenvertreibung nicht völlig aus.[3]

Für Vertreibungen von Juden aus Wittenberg in den Jahren 1304 und 1440 fehlen jedoch schriftliche Quellen. Für die Jahre 1332 und 1350 belegen Stadtbücher, für das Jahr 1339 belegt eine Fleischerordnung des Herzogs Rudolf I. eine Präsenz von Juden im Ort. 1430 wurden viele Personennamen, darunter vielleicht auch einige von Juden, aus dem Stadtregister gestrichen. Eine größere Vertreibung der Juden aus Wittenberg ist erst 1536 belegt.[4.2]

Der Kunsthistoriker Mario Titze hält es für unwahrscheinlich, dass ein solches Relief aus einem bloß tagesaktuellen Anlass geschaffen worden wäre. Figuren aus ortsfremdem Haustein seien in der Region sehr selten und wegen des Aufwands nur für theologisch unbedingt erforderlich gehaltene, langfristige Inhalte an oder in Stadtkirchen hergestellt worden.[2.5]

Aussageabsicht

Mit Auftraggebern, Anlass, Datierung und Standort des Werks ist auch seine ursprüngliche Absicht ungewiss. Laut Isaiah Shachar war es an der Außenfassade isoliert und kein Teil eines allegorischen Zyklus von Symbolen für bestimmte Laster bzw. Todsünden. Wegen der betonten Aktivität der Figur am Hintern der Sau sei eine abwertende Absicht des Reliefs kaum zu bezweifeln. Die durch ihre Größe und Handlungsweise hervorgehobene Figur stelle wahrscheinlich einen Anführer dar. Die Isolation des Motivs von einem breiteren moralisierenden Kontext und die Ausgestaltung des obszönen Themas mache die Juden zum alleinigen Ziel. Für eine weitere Ausdeutung, etwa dass die Sau für das damalige Judentum oder jüdische Lehren stehe, gebe es keinen Beleg. Somit sei das überlieferte Saumotiv in Wittenberg wohl erstmals zur Verleumdung der Juden insgesamt öffentlich ausgestellt worden.[3]

Auch Mario Titze unterschied das Wittenberger Relief von älteren allegorischen Symbolfiguren an Kirchen, deutete es aber als metaphorische Szene, die eine Geschichte erzähle: Die Figur am Hintern der Sau stehe für Rabbiner und drücke aus, dass diese den Messias nicht in der Bibel, sondern am denkbar ungünstigsten Ort suchten. Auch die kleineren Figuren stellten erwachsene Juden dar, die sich statt von der göttlichen Weisheit von der Sau nährten, dem Symbol für Unreinheit und Niedrigkeit. Das Bild setze den damaligen Glauben voraus, dass die Ablehnung der göttlichen Natur Jesu Gotteslästerung sei und ewige Verdammnis bewirke. Es übersetze die Zoten damaliger Bußprediger, volkstümlicher Passions- und Jahrmarktspiele in ein drastisches Bild, das Christen vor Apostasie habe warnen sollen. Das Relief an der Nordfassade sei wie drei Außenreliefs an der Ostfassade der Stadtkirche (einer Harpyie, einer männlichen Figur mit spitzem Hut und entblößtem Hinterteil – dem typischen Symbol eines Ketzers – und der 1967 zerstörten Figur eines „Froschteufels“) eine apotropäische Plastik und Teil eines Bildzyklus. Gemeinsam hätten diese Bilder Dämonen und Sünden abwehren und vom Gotteshaus fernhalten, Christen am Abfall von ihrem Glauben hindern und vor Häresie, falscher Bibelauslegung und Teufelsanbetung warnen sollen. Solche Bilder an Kirchen hätten sich nicht an Juden gerichtet, weil bekannt gewesen sei, dass diese das Bilderverbot achteten und nicht auf diese Weise ansprechbar gewesen wären. Dies spreche gegen einen direkt an Juden gerichteten Verspottungs- und Abschreckungszweck des Reliefs.[2.8]

Für den Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann dagegen bezweckten die hochmittelalterlichen „Judensau“-Skulpturen von Beginn an eine „gezielte Verunglimpfung der Juden“ im Kontext damaliger Vertreibungs- und Pogrom-Wellen. Sie rückten Juden Schweinen zur Seite und bezichtigten sie der Verlogenheit und Doppelmoral mit der Botschaft: Entgegen ihrem Anspruch, „rein“ zu sein, „reiner“ als die Schweinefleisch essenden Christen, seien sie „unrein“ wie die sich im Kot wälzenden Säue. So habe auch das Wittenberger Relief bei städtischen Betrachtern Ekel vor den „schmutzigen Juden“ hervorrufen, sie verspotten und diffamieren sollen.[5.1]

Reformationszeit

Martin Luther

Martin Luther betrachtete das Judentum seit 1513 kontinuierlich als verstockte, von Gott verdammte Religion, weil die meisten Juden Jesus von Nazaret nicht als ihren Messias anerkannten. Seit 1517 war die Stadtkirche Wittenberg sein Predigtort, von dem die Reformation ausging. In seiner Schrift Daß Jesus Christus ein geborner Jude sei (1523) lehnte er die bisherige gewaltsame Judenmission der Kirche ab. Er riet den Christen, die Juden freundlich zu behandeln, um einige davon aus ihrer eigenen Bibel von Jesu Messianität zu überzeugen. Nach dem Bauernkrieg von 1525 jedoch verschärfte er seine Polemik gegen Juden.[6.1]

In seiner Schrift Von den Juden und ihren Lügen (Januar 1543) forderte Luther von den Fürsten, die Synagogen, Häuser und religiösen Schriften der Juden zu zerstören, ihren Rabbinern das Lehren zu verbieten und sie letztlich landesweit zu vertreiben. Als Grund nannte er vor allem das Festhalten der Juden an ihrer eigenen Bibelauslegung, die er als öffentliche oder heimliche Gotteslästerung und damit als tödliche, nicht zu duldende Bedrohung aller Christen deutete.[7.1] In diesem Kontext spielte er auf jene „Judensau“-Skulpturen an, die Juden als Genießer von Schweine-Exkrementen diffamierten: „Ihr solltet allein die Biblia lesen, die der Sau unter dem Schwanz stehet, und die Buchstaben, die daselbs herausfallen, fressen und saufen…“.[6.2]

Luthers folgende Schmähschrift Vom Schem Hamphoras (März 1543) trug eine Grafik des Wittenberger Reliefs auf ihrem Titelblatt. Damit verknüpfte Luther das Judentum mit religiöser Perversion und Götzendienst (Idolatrie).[8] Hier wie auch sonst in seinen Polemiken nutzte Luther etablierte, seinen Lesern vertraute christliche Bilder und Symbole als Mittel, um seine Bibelauslegung und die reformatorische Botschaft zu propagieren, seine Gegner zu verdammen und als dämonisch, monströs und tierisch darzustellen.[9]

Im Text wollte Luther eine angebliche allgemeine Christenfeindlichkeit der Juden mit den Toledot Jeschu belegen und die jüdische Kabbalistik angreifen. Diese umschrieb den Gottesnamen JHWH als Ha Schem Ha Mphorasch („der höchste, unvergleichliche, unaussprechliche Name“). Luther verballhornte diesen hebräischen Ausdruck zu „Dreck“ im Sinn von Schweinekot und verwies dabei auf das Relief:[7.2]

„Es ist hie zu Wittenberg an unserer Pfarrkirchen eine Saw jinn Stein gehawen, da ligen junge Ferckel und Jüden unter, die saugen. Hinder der Saw stehet ein Rabin, der hebt der Saw das rechte bein empor, und mit seiner lincken hand zeucht er den pirtzel uber sich, bückt und kuckt mit grossem vleis der Saw unter dem pirtzel jinn den Thalmud hinein, als wolt er etwas scharffes und sonderlichs lesen und ersehen. Daselbsher haben sie gewislich jr Schem Hamphoras.“[6.3]

Indem Luther den Anus der Sau mit dem Talmud gleichsetzte, drückte er seine radikale Ablehnung der nachbiblischen religiösen jüdischen Schriften und der darauf beruhenden Bibelauslegung der Rabbiner aus. So benutzte er das Relief zur Illustration seiner Verachtung des Judentums, von dessen Schriften und dessen Brauch, den Gottesnamen zu heiligen.[5.2] Für Luther bedeutete das Relief also: Der Gott der Juden sei ein Schwein.[10] Der hebräische Gottesname sei Kot, den die Rabbiner im Anus der Sau fänden. Dies steigerte die Aussage des Reliefs zu einer unüberbietbaren Blasphemie für gläubige Juden und entwertete gezielt das ganze Judentum.[11]

Überschrift 1570

Von 1569 bis 1571 wurde die Sakristei der Stadtkirche aufgestockt und die Nordfassade überbaut. Wohl um das Relief sichtbar zu erhalten, wurde es 1570 an die Südostecke des Chors versetzt. Dabei wurde die Überschrift Rabini Schem HaMphoras mit Farbe auf den Wandputz aufgetragen. Sie verwies auf Luthers Schrift von 1543, gab dem Relief also die Deutung, die er ihm gegeben hatte.[2.9]

Die neue Überschrift war mit zwei weiteren Wandinschriften von 1570/71 Teil eines theologischen Programms, das Luthers Reformation als Tempelreinigung deutete, um die in der Stadtkirche ordinierten Pastoren auf das Luthertum zu verpflichten. Alle drei Inschriften waren antijudaistisch konnotiert.[4.3]

Weitere Rezeption

Grafiken

Holzschnitte von 1596 und 1600 bildeten das Relief in veränderter Form ab: Das Ferkel strebt von der Sau weg statt zu ihr hin, die Judenfigur schaut ihm ebenso in den Anus wie die Figur am Hintern der Sau. Alle Figuren tragen den Gelben Ring auf ihrer Kleidung, der bis dahin als verordnete Markierung von Juden üblich geworden war. Vielleicht hatte man solche Ringe ab 1570 auch schon auf das versetzte Relief gemalt, wie 2012 darauf entdeckte Farbreste vermuten lassen.[2.10]

Publikationen

Infolge von Luthers Schrift von 1543 befassten sich viele christliche Autoren mit dem Relief. Der Hebraist Laurentius Fabricius (De schemhamphorasch usu et abusu apud Judæos, 1596) fasste es als Mittel auf, Wittenberger Juden von weiteren Kirchenschändungen abzuschrecken, die sie angeblich zuvor begangen hatten. Es folgten Balthasar Menz der Jüngere in seiner Sammlung kirchlicher Inschriften (1604); Martin Zeiller in seinem Reysbuch durch Hoch- und Niderteuschland (1632); Matthäus Merian der Ältere in seinen Topographia Superioris Saxoniae (1650); Andreas Sennert in seiner Inschriftensammlung (1678); Andreas Charitius in seiner Wittenbergischen Chronica (1720/30). Er zitierte Luthers auf das Relief bezogenen Text, verfasste dazu ein langes Gedicht und klagte, dass das Relief Besuchern Wittenbergs immer als „Wahrzeichen“ der Stadt gezeigt werde. Ihm zufolge sollte es nicht nur Juden abschrecken, sondern auch die Redensart veranschaulichen: „Wo hat er’s gelesen? Der Sau im Hindern“.[4.4]

Unter dem Pseudonym Samuel Psik Schalscheleth veröffentlichte Johann Gottlob Heynig 1795 eine Historisch-geographische Beschreibung Wittenbergs. Darin beschrieb er das Relief sarkastisch, religions- und sozialkritisch als „schweinisches Steingemählde“. Beim Kirchenumbau 1570 habe man sich einen „recht unheiligen, recht unchristlichen Spaß erlaubt, den wir von Wittenberg, als einem so rechtgläubigen, so biblischandächtigen Orte nimmer erwartet hätten“. Die Judenfigur fasse das Ferkel so an, wie man Treiber die gekauften Schweine auf den Gassen in die Ställe tragen sehe. Das Bild befinde sich ausgerechnet an jener Stelle der Außenmauer, wo innen der Altar stehe. Mit der Überschrift habe man sich vermutlich „bey der züchtigen und ehrbaren Jungfrau Maria empfehlen [wollen], welcher diese Kirche geweihet ist! Sie muß wohl ein himmlisches Vergnügen über dieses saubere kirchliche Denkmal empfunden haben!“ Man müsse sich doch sehr wundern, „wie man diesen ärgerlichen Schandfleck an dem ersten Religionsgebäude zu Wittenberg, in welcher Stadt eine Akademie ist, itzt noch dulden kann“. Dies beweise einmal mehr, dass Religion auch die „ehrwürdigsten Gegenstände“ nicht verschone, um „einer verhaßten Parthey seine Verachtung zu zeigen“.[4.5]

Johann Gottfried Schadow beschrieb in seinem illustrierten Buch Wittenbergs Denkmäler der Bildhauerei, Baukunst und Malerei (1825) zwei Außenreliefs der Stadtkirche, nicht aber das Saurelief, überging es also wohl absichtlich. Dagegen erwähnte A. M. Meyner in seiner Geschichte der Stadt Wittenberg (1845) das Relief mitsamt Luthers Deutung. Gustav Stier datierte das Relief in seiner Sammlung von lateinischen Wittenberger Inschriften (1850) erstmals auf das Jahr 1304, „in welchem die Juden aus Wittenberg vertrieben wurden“. Dem Datum folgte Theodor Schild, meinte aber, die Figuren seien Mönche, keine Juden (Beschreibung der Denkwürdigkeiten Wittenbergs, 1892). Georg Buchwald (Lutherkalender für das Jahr 1911) erwähnte das Relief ohne Deutung. Alfred Schmidt und Wilhelm Winkler (Die Stadtkirche zu St. Marien in Wittenberg, 1917) verstanden das „Steinbild einer Sau“ als Verspottung vertriebener Juden, ebenso Richard Erfurth (Führer durch die Lutherstadt Wittenberg, 1927).[4.6]

1920 erschienen Luthers „Judenschriften“ von 1543 in Band 53 der Weimarer Ausgabe (WA) mit einer Fotografie des Wittenberger Reliefs.[12]

NS-Zeit

In der Zeit des Nationalsozialismus war das Relief mitsamt der Überschrift wieder eine Sehenswürdigkeit. Der damalige Wittenberger Superintendent Maximilian Meichßner zeigte und erläuterte es im Januar 1938 hohen Vertretern des NS-Regimes. Zum Todestag Luthers 1936 hatte er einen Vortrag über „das zeitgemäße Thema ‚Luther und die Juden‘“ in der Stadtkirche Wittenberg gehalten.[13]

Das Wittenberger Verkehrsamt beschrieb das Relief in seinem Stadtführer von 1938 ohne expliziten Bezug zum Nationalsozialismus: Seine Entstehungsgeschichte sei unbekannt, die Bedeutung der Überschrift sei unklar. Anzunehmen sei, „dass das ganze eine Verspottung der Juden bedeutet und aus dem Jahr 1304 stammt, da die Juden in diesem Jahr aus Wittenberg vertrieben wurden.“ Wittenberger Redner brachten Luthers Geburtstag (10. November) nicht mit der Reichspogromnacht (9./10. November 1938) in Verbindung. Jedoch tagte das antisemitische „Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben“ der Deutschen Christen im März 1940 erstmals in Wittenberg. Als Tagungsergebnis wurde in der Lutherstube ein „entjudetes“ Neues Testament übergeben.[14]

Oskar Thulin, Direktor der Lutherhalle Wittenberg und NSDAP-Mitglied, entwarf 1938 eine Luther-Ausstellung mit einer Dia-Reihe, die auch das Relief zeigte und Luthers judenfeindliche Schriften als weiterhin aktuelle Behandlung von „sozialen Mißständen des Bürgertums“ ausgab. In der dritten Auflage seines Buchs Die Lutherstadt Wittenberg und ihre reformatorischen Gedenkstätten (1962) blieben das Relief und die Inschrift unerwähnt.[4.7]

Konservierung

Die Schnauze der Sau wurde wohl 1570 bei der Versetzung des Reliefs beschädigt und durch ein Blechstück ersetzt. Die Überschrift wurde mehrmals erneuert, war aber bis 1890 vollständig abgewittert. 1928 wurde sie als Sgraffito in Renaissancefraktur in den erneuerten Putz eingraviert. 1968 wurden Rüssel und Schwanzspitze der Sau mit Steinersatzmörtel nachgebildet.[2.11]

Von Mai bis Oktober 2012 wurde das gesamte Relief intensiv restauriert und gesichert.[15] Vor dem Reformationsjubiläum 2017 (31. Oktober) wurde die Überschrift frisch vergoldet, auch mit öffentlichen Geldern.[16] So wurde die Diffamierung des Judentums mitsamt Luthers hasserfüllter Deutung des Reliefs an der Kirche der Reformation über Jahrhunderte konserviert.

Gedenkplatte 1988

Mahnmal am Südostflügel der Stadtkirche Wittenberg

Zum Lutherjahr 1983 ließ die Kirchengemeinde die Stadtkirche auch mit öffentlichen Zuschüssen renovieren. Aus diesem Anlass erhielt sie viele Anstöße, etwas gegen das „Judensau“-Relief zu unternehmen. Die Vorschläge reichten vom Zerstören über das Durchstreichen mit einem Kreuzzeichen oder Ersetzen mit einem „positiven“ Lutherzitat bis zum Übermalen des Reliefs, so dass nur ein schwarzer Fleck übrig bleiben sollte. Die Liberale Jüdische Gemeinde zu Magdeburg soll damals geraten haben, den „Stachel“ an der Stadtkirche nicht wegzunehmen. Laut dem damaligen Pfarrer Albrecht Steinwachs beschloss der Gemeinderat daraufhin, das Relief zu erhalten, aber mit einem Mahnmal zu ergänzen. Dieses sollte die christliche Schuld am Leiden der Juden benennen.[17]

Im Auftrag des Gemeinderats entwarf der Bildhauer Wieland Schmiedel bis 1988 eine Gedenkplatte, die in den Boden unter dem Relief eingelassen wurde. Ihre vier rechteckigen Trittplatten bilden mit ihren Fugen ein Kreuz und sollen etwas verdecken, das jedoch aus allen Fugen hervorquillt. Der umrahmende Text zitiert auf Hebräisch Ps 130,1 LUT („Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir“), auf Deutsch den Berliner Schriftsteller Jürgen Rennert:

„Gottes eigentlicher Name, der geschmähte Schem Ha Mphoras, den die Juden vor den Christen fast unsagbar heilig hielten, starb in sechs Millionen Juden unter einem Kreuzeszeichen.“[18]

Jürgen Rennert wollte mit dem hebräischen Psalmzitat die Todesnot, das Rufen und Schreien der Juden aus der Tiefe der Schoa ausdrücken. Er wählte es auch, weil die Jüdische Gemeinde Amsterdam 1523 damit ihren Dankesbrief an Luther für dessen damalige Schrift „Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei“ eröffnet hatte. Der Hinweis auf das Kreuzzeichen sollte an die Umdeutung des christlichen Kreuzes zum Hakenkreuz in der NS-Zeit erinnern. Das interpretiert die Schoa als historische Folge auch des christlichen Judenhasses. Mit der Aussage, dass der Gottesname in den Ermordeten starb, die ihn heilig hielten, griff Rennert Gedanken des Schoa-Überlebenden Elie Wiesel und der jüdischen Gott-ist-tot-Theologie auf. Für Rennert traten das Mahnmal und der Beschluss, das Relief zu erhalten, zusammen einer Schlussstrich-Mentalität auch unter Mitchristen entgegen, „die ihr Heil im Entfernen und Beseitigen von Brand‐ und Schandmalen sucht. Ohne zu bedenken und zu ertragen, dass sie Zeugnisse einer zwiespältigen Geschichte sind, deren drohender Wiederholung wir durch Verdrängung und späte Kommentierungen nicht beikommen werden.“ Am 9. November 1988, dem 50. Jahrestag der Reichspogromnacht von 1938, wurde das Mahnmal vor Ort eingeweiht.[19]

Dies war Teil vielfältiger Bemühungen von Christen und Kirchen in der DDR, im Jubiläumsjahr der Novemberpogrome 1938 an jüdische Geschichte und jüdisches Leben in Mitteldeutschland und an den christlichen Judenhass zu erinnern. Sie reagierten auf die damalige von der Staatsführung betriebene Kampagne, die DDR im Ausland, auch in Israel, als „Heimat der Juden“ darzustellen und so ihren Anspruch als antifaschistischer Staat zu stärken. Als eigenständige Initiativen von unten setzten sie sich kritisch von dieser als verordnete „Gedenkepidemie“ empfundenen Kampagne ab.[20]

Nach 1990 ließ die Stadtkirchengemeinde neben der Gedenkplatte eine Zeder aus Israel als „Zeichen der Versöhnung“ pflanzen. Dort erinnern öffentliche Versammlungen jedes Jahr am 9. November an die Novemberpogrome 1938, am 27. Januar (Internationaler Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust) an den Holocaust.[21]

Neue Vorstöße zum Umgang mit dem Relief

Abnahmeforderungen ab 2016

Ab Herbst 2016 forderte der Londoner Theologe Richard Harvey, ein deutschstämmiger messianischer Jude, die Abnahme der Skulptur zum Reformationsjubiläum 2017 mit einer Online-Petition und einer Publikation.[22] Im Oktober 2016 lehnte die evangelische Landesbischöfin Ilse Junkermann die Forderung ab: Die Kirche müsse „diese Wunde unserer eigenen Geschichte offen halten“ und das Relief als „Erinnerungs- und Mahnzeichen“ dafür behalten, dass die Kirche Vergebung erhoffe. Die Bodenplatte liefere die notwendige Einordnung.[23]

Im Mai 2017 gründete Pastor Thomas Piehler von der Andreaskirche (Leipzig) ein „Bündnis zur Abnahme der ‚Judensau‘ im Reformationsjahr 2017“, unterstützt durch die Evangelische Marienschwesternschaft Darmstadt.[24] Das Bündnis veranstaltete monatelang jede Woche eine stille Mahnwache auf dem Wittenberger Marktplatz.[25]

Dagegen veröffentlichte die Wittenberger Alternative für Deutschland (AfD) eine Petition zum Erhalt des Reliefs und beantragte dazu einen Beschluss des Stadtrats.[26] Dieser entschied im Juli 2017, das Relief an der Kirchenwand zu lassen,[27] aber mit einer Stele darunter zu erläutern.[28] Das bestehende Mahnmal sei ein Aufruf, „alles dafür zu tun, um eine Wiederkehr der Verfolgung und Ermordung von Menschen für alle Zeiten zu verhindern.“[29]

Im Oktober 2017 forderte eine Gruppe um den Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik, Pastor Ulrich Hentschel (Evangelische Akademie Hamburg), Aktionskünstler Wolfram Kastner und den Theologen Uwe-Karsten Plisch, das Relief abzunehmen und neben der Kirche in einem neugestalteten Kontext zu präsentieren. Nur so könne es als Absage an den Antisemitismus verstanden werden; sonst bleibe es eine Schmähung von Juden und Judentum, die der Distanzierung der EKD von Luthers Judenhass widerspreche.[30]

Nach dem antisemitischen Anschlag in Halle (Saale) 2019 (Jom Kippur, 9. Oktober) organisierte Piehlers Bündnis zum Reformationstag am 31. Oktober 2019 eine erneute Mahnwache vor der Stadtkirche.[31] Im November 2019 griff der AfD-Kreisverband Wittenberg das Bündnis scharf an und verglich es mit den NS-Tätern bei der Bücherverbrennung 1933 und der Synagogenzerstörung 1938. Auch mit diesem Text belegte das Bundesamt für Verfassungsschutz 2021 die Verfassungsfeindlichkeit der AfD.[32]

Zivilklage 2018–2026

Der evangelische Theologe Michael Dietrich Düllmann war 1976 nach seiner Mitarbeit in einem Kibbuz in Israel zum Judentum übergetreten. Er erfuhr 2017 von Richard Harveys Protest, besuchte Wittenberg und besichtigte das Relief. Beim Reformationsjubiläum 2017 protestierte er in der Stadtkirche mit der Plakataufschrift „Was will diese Kirche sein? Kirche des Evangeliums oder ‚Judensau‘-Kirche?“[33] Als Mitglied der Synagogengemeinde Sukkat-Schalom e.V. in Berlin[34] erhob er 2018 eine Zivilklage gegen die Stadtkirchengemeinde, um das Relief von der Kirchenwand entfernen zu lassen. Die Kosten dafür wurden auf rund 10.000 Euro geschätzt.[35]

Wegen dieses hohen Streitwerts verwies das Amtsgericht Wittenberg den Fall im Mai 2018 an das Landgericht Dessau-Roßlau.[36] Im Mai 2019 erklärte dessen Richter Wolfram Petzold, das Relief sei zweifellos beleidigend, doch für einen individuellen Beseitigungsanspruch fehlten die rechtlichen Voraussetzungen. Gleichwohl müsse sich die Kirche fragen, welches Bild sie durch solche Skulpturen abgebe und wie sie damit umgehen wolle.[37] Das Landgericht urteilte, das Relief sei Teil des historischen Baudenkmals der Stadtkirche und daher nicht als Missachtung deutscher Juden oder Beleidigung des Klägers zu verstehen.[38] Mit dem Gebäude stehe es unter Denkmalschutz und sei durch das Mahnmal in eine Gedenkkultur eingebettet.[39] Die Kirchengemeinde habe es weder hergestellt noch angebracht.[40]

Düllmann begründete seinen Revisionsantrag so: An der Kirchenwand sei das Relief Teil der christlichen Verkündigung, greife damit Juden an und behalte eine aufhetzende Wirkung. Im Museum diene es der Aufklärung. Der Text der Bodenplatte vereinnahme die in der Schoa ermordeten Juden als christliche Märtyrer. Sie hätten den Davidstern, kein Kreuzzeichen tragen müssen.[41] Die Platte verfälsche also die Geschichte. Die Zeder sei ein Symbol des Libanon, nicht Israels.[42] Kein Jude sei an der Planung des Mahnmals von 1988 beteiligt gewesen. Auf der Bodenplatte könne jeder beliebig herumtrampeln.[43]

Am 4. Februar 2020 wies das Oberlandesgericht Naumburg den Antrag zurück: Die Stadtkirchengemeinde habe das Relief in ein Gedenkensemble eingebunden und sich mit einer Informationstafel unmissverständlich auch von Luthers Antijudaismus distanziert. Damit sei es nicht mehr als Teil der christlichen Verkündigung misszuverstehen.[44]

Düllmann kündigte an, alle juristischen Mittel auszuschöpfen.[45] Seine weitere Revision vor dem BGH begründete sein Anwalt so: Die „wirren und verschwurbelten Texte“ der Bodenplatte verharmlosten die historischen Zusammenhänge. Die Stadtkirchengemeinde versprach, diese Mängel zu beheben.[46] Am 14. Juni 2022 urteilte der BGH: Das Relief sei zwar bis 1988 beleidigend gewesen, könne aber an der Kirche bleiben, weil die Gemeinde das „Schandmal“ seither mit der Bodenplatte und dem Erläuterungstext in ein „Mahnmal“ zum Gedenken umgewandelt habe.[47]

Ab August 2022 wollte Düllmann das BGH-Urteil mit einer Verfassungsbeschwerde aufheben und den Fall neu verhandeln lassen.[48] Doch am 23. August 2024 entschied das Bundesverfassungsgericht, die Beschwerde nicht anzunehmen.[49] Dagegen klagte Düllmann im November 2024 vor dem EGMR.[50]

Anfang Mai 2025 nahm der EGMR Düllmanns Beschwerde zur Prüfung an.[51] Seine Anwälte sahen Düllmanns Persönlichkeitsrechte und die jedes deutschen Juden durch die „bizarre beziehungsweise perverse Bildersprache“ des Reliefs verletzt; diese stelle Juden als einen „widernatürlichen Abschaum der Menschheit“ dar. Am 26. Februar 2026 wies der EGMR die Beschwerde jedoch als unzulässig ab. Das Urteil ist endgültig.[52]

Debatte

Ab 2016 argumentierten viele Beobachter für die Abnahme des Reliefs: Es sei kein Kunstwerk, sondern Teil der Hass- und Vernichtungspropaganda, die zum Holocaust führte.[53] Niemand müsse künstlerisch an historischen Hass erinnert werden, der Juden noch immer treffe. Sonst könne man auch am Reichstagsgebäude wieder ein Hakenkreuz als kunsthistorisches Denkmal aufhängen. Eine ähnlich obszöne Marienstatue an Synagogen oder Moscheen würde nie hängen bleiben. Die „Judensau“ müssten vor allem die Juden in Deutschland aushalten, nicht die Christen. Ihr Verbleib sei somit „eine Machtdemonstration dafür, wer in diesem Land die Schmerzgrenzen zieht.“[54] Der Kriminologe Arthur Kreuzer unterstützte die Abnahmeforderung mit juristischen Argumenten.[55]

Auch die Gedenktafel fand Kritik. Pastor Ulrich Hentschel fand ihren Text unklar und irreführend. Er scheine Hakenkreuz und christliches Kreuz gleichzusetzen oder die Schoa christlich zu vereinnahmen. Die „von unten“ hervorquellenden Tropfen könnten verdrängtes Unrecht nicht symbolisieren, da der Antisemitismus „von oben“, nämlich von Kanzeln gepredigt und aus der Gesellschaftsmitte gekommen und dann vom NS-Regime verstärkt und vollstreckt worden sei. Es fehle zudem jeder Hinweis auf Luthers Anteil daran.[56] Der hebräische Psalmvers sei ein an Juden gerichtetes Sündenbekenntnis, deute die Schoa als Folge der Sünden des jüdischen Volkes und könne von Juden nur als antisemitische Schuldzuweisung verstanden werden.[57] Auch der Autor Ronen Steinke kritisierte den Plattentext: „Gottes Name ‚starb‘? Er starb ‚in‘ Juden? Wie charmant finden Juden solche Sätze?“[58]

Im Mai 2019 veranstaltete die Evangelische Akademie zu Berlin eine Tagung zu antisemitischen Skulpturen an und in Kirchen.[59] Dort plädierten die Mediävistin Cordelia Heß, der Antisemitismusexperte Uffa Jensen,[60] die Präses der EKD-Synode Irmgard Schwaetzer, Landesbischof Friedrich Kramer und der Generalsekretär der evangelischen Akademien in Deutschland Klaus Holz dafür, das Wittenberger Relief abzunehmen und in ein neues Denkmal vor der Kirche zu integrieren.[10] Dieses sollten die Gemeinde mit den jüdischen Institutionen zusammen gestalten, die Stadt und der Landkreis mittragen. Denn das Relief bleibe auch mit der Kommentartafel eine Beleidigung. Besonders die nachträgliche Inschrift zum Gottesnamen, so Schwaetzer, sei „reiner Judenhass“, zu dem sich Protestanten aktuell neu verhalten müssten.[11]

Im Juni 2019 kritisierte der Rechtswissenschaftler Volker Boehme-Neßler das Dessauer Landgerichtsurteil wegen dessen Berufung auf den Denkmalschutz als skandalöses Fehlurteil, das die historische Wirkung solcher Bilder ausblende. Zwar wäre das Beseitigen aller antisemitischen Inhalte aus der europäischen Kultur ein ahistorischer „Bildersturm aus political correctness“. Doch ein kritischer, sensibler Umgang mit derartigen Werken sei wegen ihrer gesellschaftspolitischen Wirkung dringend nötig.[61]

Dagegen plädierte der Kirchenhistoriker Christopher Spehr im selben Monat dafür, das Relief zur bleibenden Mahnung und Erinnerung an den menschenverachtenden Umgang von Christen gegenüber Juden an der Kirchenwand zu belassen. Durch Abhängen oder Musealisieren werde die nötige kritische Auseinandersetzung mit dieser Vergangenheit nur leiser und könne letztlich verstummen.[62]

Ab 9. Oktober 2019, nach dem Anschlag in Halle, forderte der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung Felix Klein wiederholt, das Relief ins Museum zu bringen und dies vor Ort mit einer Texttafel als sichtbaren kirchlichen Beitrag zur Überwindung von Antijudaismus und Antisemitismus zu erklären.[63] Die stellvertretende EKD-Ratsvorsitzende Annette Kurschus befürwortete, alles, was Antisemitismus fördern könne, aus der Öffentlichkeit zu verbannen.[64] Für Landesbischof Friedrich Kramer stellte der Verbleib des Reliefs die christliche Verkündigung massiv in Frage: „Judenhass ist Gotteshass“.[65]

Dagegen plädierte der Antisemitismusbeauftragte in Sachsen-Anhalt Wolfgang Schneiß im Februar 2020 für eine von allen Streitparteien getragene „behutsame Weiterentwicklung“ des Mahnmals.[66] Der EKD-Antisemitismusbeauftragte Christian Staffa schlug vor, das Relief abzudecken, eine Kopie vor der Kirche aufzustellen und mit variablen künstlerischen Elementen zu kombinieren. Das könne die beleidigende Wirkung für heutige Juden und die Furcht lutherischer Christen vor einem Bildersturm vermeiden.[67] Für Ulrich Hentschel würde das der Wittenberger Gemeinde nur „den Schritt der Umkehr ersparen“ und eher zeigen, „dass der Judenhass immer noch fester Bestandteil der Kirche (in jedem Sinne) ist“.[68]

Matthias Drobinski (Süddeutsche Zeitung) begrüßte das Oberlandesgerichtsurteil von 2020: Die jahrhundertelange christliche Judenfeindschaft lasse sich nicht bequem entsorgen. Die Skulpturen müssten heutige Christen am authentischen Ort „treffen, verstören, ihre Selbstsicherheit erschüttern, dass so etwas nicht mehr möglich ist.“[69] Andreas Austilat (Der Tagesspiegel) fand das Urteil unzureichend und forderte, das Wittenberger Relief und andere Schandmäler viel eindeutiger zu kommentieren; sonst könnten sie nicht an oder in Kirchengebäuden bleiben.[70]

Das BGH-Urteil vom Juni 2022 stieß vielfach auf Kritik. Der frühere BGH-Richter Thomas Fischer hatte zuvor argumentiert: Eine Kirchenfassade werde durch Kommentierung nicht zum Museum oder zur Gedenkstätte. Eine Kollektivbeleidigung verliere ihren Charakter nicht, wenn der Eigentümer sie zur Illustration vergangener Verirrungen erkläre. Das Überführen des Reliefs in einen musealen Kontext erreiche den angestrebten pädagogischen Effekt eher und wäre eine reale statt nur verbale Distanzierung, die ihm die evidente hetzerische Wirkung nehmen würde.[71] Der Jurist Felix W. Zimmermann kritisierte: Erst die Informationstafel mache klar, dass das Relief Juden zeige. Die Distanzierungstexte verstärkten die verletzende Macht des Bildes eher, indem sie ihm Aufmerksamkeit verschafften: „Schandmal bleibt Schandmal.“[72] Niklas Otterbach (Deutschlandfunk) kritisierte die Argumentation der Kirchengemeinde beim BGH als „selbstbezogene Geschichtsbetrachtung, die zwar die eigenen Untaten thematisiert wissen will, aber die Wirkung auf die, die damit beleidigt werden, ausblendet.“[73] Laut Klaus Hillenbrand (taz) verpasste der BGH die Chance, eine allgemeinverständliche Kontextualisierung zur Bedingung für den Verbleib derartiger antisemitischer Werke an Kirchenwänden zu machen.[74] Pfarrer Martin Bock, Leiter der Melanchthon-Akademie Köln, interpretierte das BGH-Urteil als Verpflichtung zu so einer Kommentierung. Diese müsse „die tiefe antijüdische Verseuchung, die Israelvergessenheit der gesamten christlichen Theologie“ und deren erst seit einigen Jahrzehnten begonnene „Umkehr und Erneuerung“ im Verhältnis zum Judentum aufzeigen. Er zeigte Verständnis für Düllmanns Argument, dass das Relief Teil kirchlicher Verkündigung sei und diese menschenfeindlich und blasphemisch für Juden mache. Doch sei es wohl unumgänglich, „unsere Geschichte gerade nicht von den Schandflecken zu ‚befreien‘, sondern sie in ihrer Elendigkeit zu begreifen.“[75] Der Historiker Rafael Seligmann fand die Logik des BGH, die Hinweistafel habe das Schandmal zum Mahnmal gemacht und so legitimiert, „abenteuerlich“: „So ließe sich auch ein Wiederaufbau des Nürnberger Parteitagsgeländes rechtfertigen.“ Die Hinweistafel sei ebenso nutzlos wie Warnhinweise auf Zigarettenschachteln, wie der enorme Anstieg antisemitischer Straftaten seit 1988 beweise. Das Judensaumotiv habe christliche Analphabeten zum Judenhass aufgestachelt und diese Wirkung bis heute behalten, wie analoge Bildmotive auf der documenta fifteen gezeigt hätten. Es beleidige nicht nur Juden, sondern die Menschenwürde.[76] Laut Alan Posener (Die Welt) hatte Wittenberg es „nicht verdient“, das antisemitische Relief loszuwerden.[77] Auch der jüdische Historiker Michael Wolffsohn lehnte seine Entfernung ab, weil dies dazu führe, sich nicht mehr mit dem Thema auseinanderzusetzen: „Wegwischen ist im Grunde genommen Selbstbetrug.“[46]

Der Zentralrat der Juden in Deutschland fand unklar, inwiefern die Begleittexte das Relief in ein Mahnmal verwandelten. Sein Präsident Josef Schuster hatte seit 2020 eine eindeutige Erklärtafel mit einer klaren kirchlichen Verurteilung der lutherischen Judenfeindlichkeit gefordert.[46] Das Internationale Auschwitz Komitee erklärte, das jahrhundertealte Schandmal an einem der wichtigsten Orte des Protestantismus belaste das Verhältnis zwischen Juden und Christen bis heute.[78] Charlotte Knobloch (Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern) fand es unbegreiflich, Volksverhetzung im Internet zu bestrafen, dieselbe bildhafte Hetze aber als kulturhistorisch wertvollen Beitrag zu schützen. Gerade wegen der Kontinuität des Judenhasses hätten die Kirchen diese Skulpturen längst entfernen und in Museen überführen sollen.[79]

Die frühere EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann hatte 2014 betont, das Entfernen judenfeindlicher Skulpturen und Mahntafeln führten nicht weiter. Nötig sei „das klare Eintreten gegen jeden Antijudaismus in Wort und Tat heute.“[80] Ab 2019 trat sie für die Abnahme des Reliefs ein: Diese Hassbotschaft gehöre ins Museum, nicht in den öffentlichen Raum.[81] Darum fand sie das BGH-Urteil falsch.[82] Auch Christoph Markschies (Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften) forderte die Abnahme, weil es die Glaubwürdigkeit der christlichen Verkündigung in dieser Kirche bedrohe, seine Kontextualisierung vor Ort gescheitert und auch der Text der Bodenplatte für gläubige Juden gotteslästerlich sei.[83]

Dagegen sah Wittenbergs amtierender Oberbürgermeister Torsten Zugehör im August 2022 „überhaupt keinen Anlass derzeit, das dort zu entfernen“. Stefan Rhein, (Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt) meinte, das Relief sei Teil der städtischen und deutschen Geschichte und solle als „offene Wunde“ kommentiert erhalten bleiben. Im Museum könne es aus dem Gedächtnis der Menschen verschwinden.[84]

Philipp Greifenstein („Die Eule“) verwies auf Probleme des Mahnmals: Das Relief sei gut erkennbar, die Bodenplatte und ihr Text dagegen kaum. Dass sie die Reliefüberschrift mit dem Holocaust verbinde, mache erst die städtische Informationstafel klar. Nur eine Abnahme des Reliefs könne die „Kraft der Schmähung“ brechen; dann jedoch ergebe das Mahnmal darunter kaum noch Sinn. Das Relief in die Nähe zu verlegen erscheine als „Quadratur des Kreises“ und erneute Inszenierung, das seine beleidigende Wirkung eher verstärke. Darüber aufklären könne man auch ohne das Original.[85]

Im September 2022 baten 50 israelische Wissenschaftler den Wittenberger Gemeindekirchenrat per Brief, das Relief vor Ort zu lassen, um die kirchliche Vergangenheit nicht zu verleugnen.[86] Laut der Briefautorin Galit Noga-Banai (Hebräische Universität Jerusalem) erinnert die Gedenkplatte bleibend an die antisemitische Wirkung des Reliefs bis zur Schoa. Sie habe das „Kunstwerk vor der Beseitigung und Musealisierung bewahrt“ und sei „mit diesem gemeinsam zu einem Ruf nach Versöhnung“ geworden.[87]

Zum Reformationstag 2022 meinte Oliver Marquart (Sonntagsblatt (Bayern)), der Verbleib des Reliefs zeige, „wie unsensibel die deutsche Mehrheitsgesellschaft weiter mit ihren dunklen Flecken umgeht, wie leichtfertig sie sich selbst alles verzeiht und noch nicht einmal echte Konsequenzen zieht. Man schafft es nicht einmal, sich von einer menschenverachtenden Plastik zu trennen und diese dorthin zu befördern, wo sie hingehört: Ins Museum – oder noch besser direkt auf den Müll.“[88] Landesbischof Ralf Meister hatte die Abnahme des Reliefs früher abgelehnt, forderte nun jedoch, man solle es öffentlich „radikal vernichten, zerstören und kaputt machen“, weil Juden es weiterhin unerträglich fänden. Es gebe mehr als genug Lernorte zum Antisemitismus.[89] Marion Gardei, Erinnerungsbeauftragte für die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO), verwies auf deren neues Kirchengesetz, wonach judenfeindliche, rassistische und nationalsozialistische Darstellungen aus dem liturgischen Gebrauch entfernt werden müssen und nur pädagogisch oder museal verwendet werden dürfen. Ergänzende Erklärtexte oder künstlerische Verfremdung des Reliefs genügten nicht: „Mit den mörderischen Folgen der Judenfeindschaft kann man nicht spielerisch umgehen“.[90] Auch EKBO-Landesbischof Christian Stäblein plädierte im Mai 2023 für die Abnahme.[91]

Der Historiker Julius H. Schoeps (Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien) meinte dagegen 2023: Anstößiges Kulturgut zu entfernen hinterlasse leere Flecken und gefährde damit die Erinnerung. Das Relief solle an seinem Ort erklärt werden. Sonst müsse man auch alle antisemitischen Passagen aus Werken Wilhelm Buschs oder als antisemitisch empfundene Verse des Neuen Testaments löschen.[91] 2024 verteidigte Hanna Kasparick, die frühere Direktorin des Wittenberger Predigerseminars, die Beibehaltung als Übernahme von Verantwortung vor Ort, „wo Haltung gelernt und gelebt werden kann“.[92]

Die Kontroverse wurde auch international beachtet. Der britische Journalist David Aaronovitch verglich den Wittenberger Umgang mit dem Relief mit dem Umgang der Kathedrale von Lincoln mit der Ritualmordlegende zu Hugh von Lincoln von ≈1255.[93] Carol Schaeffer verwies im Smithsonian Magazine auf den wachsenden rechtsextremen Nationalismus und die Wahlerfolge der AfD, besonders in Sachsen-Anhalt. Sie erinnerte an die Ausschreitungen in Chemnitz 2018, bei denen Neonazis einen jüdischen Gastwirt mit den Worten „Hau ab aus Deutschland, Du Judensau!“ bedroht hatten, und an das Attentat in Halle 2019. Dem stellte sie die vielgelobte deutsche Erinnerungskultur zur NS-Zeit gegenüber, etwa in Form der Stolpersteine, und das strafrechtliche Verbot, jemand als „Judensau“ zu beschimpfen. Doch anders als NS-Symbole sei trotz jahrzehntelanger Vorstöße bisher kein derartiges Relief entfernt worden; das wolle Michael Düllmann mit seiner Klage ändern. Sie befragte Pastor Johannes Block dazu und fand seine Haltung widersprüchlich: Er unterscheide die mittelalterlichen Reliefs vom rassistischen NS-Antisemitismus und befürworte Erklärtafeln auch an anderen Kirchen, habe sich als Vertreter der wichtigsten Kirche des Protestantismus jedoch nicht aktiv dafür eingesetzt. Dagegen habe die Gemeinde der St.-Stephani-Kirche (Calbe) entschieden, die „Judensau“-Skulptur an ihrer Kirche zu verhüllen, nicht nur zu kommentieren.[94]

Die Debatte zum Wittenberger Relief fand Eingang in Schulbücher, etwa zum Thema religiöser Feindbilder[95] und zur Vorgeschichte des Holocaust.[96]

Haltung des Gemeindekirchenrats

Im August 2016 veröffentlichte der Gemeinderat der Stadtkirche eine Stellungnahme des früheren Stadtkirchenpfarrers Friedrich Schorlemmer: Kopfschütteln, Wut, Entsetzen, Scham über das Relief seien nur zu berechtigt.

„Wieso diese Schmähplastik, diese gräuliche Judenverspottung an der Stadtkirche Wittenberg, nicht endlich abhaken, zu Staub zermalmen? Nein. Weil auch schwierige Geschichte erinnerungsbedürftig bleibt, zumal Martin Luther (1483-1546) mit seinem antijüdischen Furor - zusammen mit den meisten seiner Zeitgenossen - zur erschütternden Wirkungsgeschichte gehört: Juden in Deutschland und Europa als stets Gejagte. […] Aber Geschichte lässt sich nicht einfach entsorgen. Sie gemahnt uns an Dunkles, auch bei dem großen Reformator Martin Luther und seinen Zeitgenossen.“[97]

Ein Positionspapier des Gemeinderats von Anfang 2017 deutete das Relief als mahnende Erinnerung an Martin Luthers Antijudaismus, von dem sich die evangelische Kirche eindeutig distanziere.[24] Weiter hieß es:

„Geschichte soll nicht versteckt werden und Geschichtsvermittlung gelingt am eindrücklichsten am authentischen Ort. Das ist ein immer auch schmerzlicher und paradoxer Prozess, weil etwas Negatives etwas Positives bewirken soll: Ein antijudaistisch motiviertes Sandsteinrelief warnt vor den Gefahren und Folgen einer abwertenden und ausgrenzenden Haltung in Kirche und Gesellschaft.“[98]

Stadtkirchenpfarrer Johannes Block erklärte, mit dem Positionspapier sei alles gesagt.[24] Die Skulptur sei „ein geistiges Kind des Mittelalters“, das die jahrhundertelange christliche Verachtung des Judentums ausdrücke, und lasse sich nicht mit dem Hakenkreuz vergleichen. Ihre Abnahme wäre ein „Akt der Geschichtsvergessenheit“. Er könne sich aber vorstellen, ein neues Relief an der Kirche zu ergänzen, das „das moderne, aufgeklärte christlich-jüdische Verhältnis widerspiegelt“, etwa mit dem Bild eines Rabbiners und eines Pfarrers, die einander umarmen.[27]

Eine Podiumsdiskussion des Gemeinderats mit Richard Harvey am 27. Januar 2017, dem Holocaustgedenktag, blieb ergebnislos. Johannes Höhne, ein Gemeindemitglied, bot damals an, die Abnahme des Reliefs zu finanzieren.[99]

Im Sommer 2018 nahm der Gemeinderat Kontakt zum Zentralrat der Juden in Deutschland auf. Dieser verlangte eine eindeutige Erklärtafel zu dem Relief, falls es an der Kirchenfassade bleibe.[37] Im Mai 2019 räumte die zum Gemeinderat gehörige Kunsthistorikerin Insa Christiane Hennen ein, dass die Forschung sich bisher zu wenig mit dem Relief und seiner Wirkung befasst habe. Historische Distanzierung sei notwendig, dürfe aber nicht zu einem Bildersturm führen.[100] Das Relief habe weder bei seiner Entstehung noch seiner Versetzung einen antisemitischen Hintergrund gehabt. Ob es „sinnvoll“ sei, sich heute davon beleidigt zu fühlen, sei somit fraglich.[101] Nach dem Landgerichtsurteil vom Mai 2019 veranstaltete die Evangelische Akademie Sachsen-Anhalt eine weitere Podiumsdiskussion in Wittenberg, die der Kläger Michael Düllmann besuchte. Auch diese blieb ergebnislos.[102]

Pfarrer Johannes Block sprach sich kontinuierlich für eine Weiterentwicklung des Mahnmals, aber gegen die Abnahme des Reliefs aus. Dann werde man der Gemeinde vorwerfen: „Ihr wollt Euch Eurer dunklen Geschichte entledigen, Ihr wollt die deutsche Geschichte reinigen“. Der Kläger Michael Düllmann repräsentiere nicht die gesamte Judenheit.[37] Die 700 Jahre alte Plastik habe mit dem Antisemitismus des 19. oder 20. Jahrhunderts wenig zu tun. Die juristische Klage sei die falsche Form der Auseinandersetzung, weil sie die Stadtkirchengemeinde als Befürworterin der Schmähplastik statt als „Erbin eines schwierigen Erbes“ hinstelle. Kläger und Beklagte säßen jedoch „im selben Boot und kämpfen gegen Antisemitismus und Antijudaismus.“[31] Die schmerzhafte Konfrontation mit dem christlichen und lutherischen Judenhass solle ein Bewusstsein schaffen, „dass sich Geschichte nicht wiederholen darf.“ Dazu veranstalte die Gemeinde regelmäßig ein Gedenken für die Holocaustopfer am Mahnmal. Um dieses weiterzuentwickeln, schlug Block 2020 ein „Lichtband, das Mahnplatte, Zeder und Schmähplastik verbindet“, und „eine Art Prisma vor, durch das die Besucher das Relief in einer gebrochenen Perspektive wahrnehmen können, sodass dessen Bildprogramm als überwunden vor Augen steht.“[103]

2020 berief der Gemeinderat einen zwölfköpfigen Beirat dazu, Empfehlungen zum Umgang mit dem Relief und der Mahnstätte zu erarbeiten. Dazu gehörten Andreas Nachama, Vorsitzender der Allgemeinen Rabbinerkonferenz Deutschland, Christoph Maier, Direktor der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt, Wolfgang Schneiß, Ansprechpartner für jüdisches Leben in Sachsen-Anhalt, Christian Staffa, EKD-Beauftragter für den Kampf gegen Antisemitismus,[104] Johann Hinrich Claussen, Kulturbeauftragter der EKD[105] und andere.

Im Mai 2022 bestritt der Gemeinderat, dass sich von einer mehr als 700 Jahre alten Schmähskulptur „die Verbundenheit einer davon betroffenen Gruppe“ ableiten lasse. Weil es sich nur noch um einen historischen Vorgang handle, sei zu fragen, ob man nicht einen „zeitlichen Trennungsstrich“ dazu ziehen müsse.[106] Nach dem BHG-Urteil vom Juni 2022 kündigte Stadtkirchenpfarrer Alexander Garth ein allgemeinverständliches Gedenkkonzept an.[107] Im Juli 2022 schloss der Gemeinderat eine Abnahme des Reliefs nicht aus.[108]

Nach zweijährigem Beratungsverlauf empfahl der Beirat am 26. Juli 2022, das Relief zeitnah an einen noch zu entwickelnden Lernort bei der Kirche zu versetzen, es dort allgemein zugänglich aufzubewahren und angemessen einzuordnen. Der Lernort solle die bestehende Mahnstätte ergänzen, um die dortige Gedenktradition zu bewahren. Das sollte dem Relief seine beleidigende und obszöne Wirkung nehmen, ohne es zu verstecken. Als Sofortmaßnahmen empfahl der Beirat, eine Broschüre zum Relief zu erstellen, einen neuen Erklärtext an der Kirche zu installieren und eine neue Dauerausstellung im Kirchenraum zu konzipieren.[104][109] Christian Staffas Vorschlag, das Relief an der Wand zu lassen und zu verhüllen, hatte die Beiratsmehrheit abgelehnt.[110]

Am 30. August 2022 beschloss der Gemeinderat einen neuen Erklärtext zum Relief mit einer zentralen Bitte um Vergebung.[111] Am 25. Oktober 2022 entschied der Gemeinderat, das Relief sichtbar an der Kirchenwand zu lassen. Die Bodenplatte von 1988, die Zeder und die städtische Informationstafel hätten es schon in eine Mahnstätte und Anklage an die Verursacher aller Formen von Antisemitismus und Antijudaismus verwandelt. Man wolle jedoch die Erklärtafel überarbeiten, ein zeitgemäßes pädagogisches Konzept dazu entwickeln und weitere Informationen zu Antijudaismus und Antisemitismus in der Kirche bereitstellen.[112] Damit wollte man, so Stadtkirchenpfarrer Matthias Keilholz, den befürchteten Wirkungsverlust des bisherigen Gedenkorts und baulichen Aufwand eines neuen vermeiden.[113]

Johann Hinrich Claussen zeigte sich verärgert darüber, dass der Gemeinderat den Beirat zuvor nie zum Gespräch eingeladen und nicht über seine Entscheidung informiert habe. Diese sei keine bloß lokale Angelegenheit, sondern strahle auf die ganze EKD aus. Denn das Wittenberger Relief sei größer und präsenter als andere und mit Martin Luthers Namen verbunden. Christoph Maier kritisierte, dass man in Wittenberg offenbar glaubte, sich gegen die Zerstörung eines etablierten Gedenkorts wehren zu müssen. Dies konterkariere die gemeinsame Arbeit der vergangenen Jahre. Der Beirat sei überzeugt, dass das Gedenkensemble auch ohne das Zeigen der beleidigenden judenfeindlichen Plastik auskomme.[105] Michael Düllmann fragte, wozu der Gemeinderat eine Expertenkommission eingeladen habe, wenn er deren Empfehlung dann doch nicht folge.[33][114]

Im April 2023 ließ der Gemeinderat den neuen Text unter dem Relief aufstellen, der „Gott und das jüdische Volk“ um Vergebung bittet und erklärt:

„Die Evangelische Kirche sieht sich in der Verantwortung, ihren Anteil zur jahrhundertelangen Gewaltgeschichte gegen Juden kritisch aufzuarbeiten und gegen Antijudaismus und Antisemitismus aktiv einzutreten.“

Zudem sollten Aufstelltafeln im Gebäude ausführlicher über den Antijudaismus im Christentum und bei Martin Luther aufklären. Angestrebt wurde eine Dauerausstellung dazu.[115]

Im Juni 2023 setzte der Gemeinderat einen Ausschuss zur Weiterentwicklung des Bodenmahnmals ein. Mitglieder sind Christoph Maier, Direktor der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt, Stefan Rhein, früherer Direktor der Luthergedenkstätten, Torsten Zugehör, Oberbürgermeister Wittenbergs, und andere.[116]

Vom 2. bis 31. August 2024 zeigte die Stadtkirchengemeinde eine Wanderausstellung der EKBO über christlichen Judenhass.[92] Das Kloster Stift zum Heiligengrabe hatte die Ausstellung konzipiert. Der Antisemitismusbeauftragte Felix Klein und Sachsen-Anhalts Bildungsministerin Eva Feußner (CDU) eröffneten sie, die Äbtissin Ilsabe Alpermann und die Stiftsfrau Irmgard Schwaetzer führten in sie ein.[117]

Bis Dezember 2024 entwarf der 2023 eingesetzte Ausschuss vier Säulen für den Bildungs- und Lernort in der Stadtkirche, darunter eine für den jährlichen Israelsonntag der EKD, eine für Schulen, eine für die Erwachsenenbildung. Für 2025 wurden zwei Workshops zum Thema Antisemitismus sowie temporäre künstlerische Interventionen zum Relief geplant.[116] Bis November 2025 gewann die Gemeinde die Berliner Judaistin Maren Krüger als Kuratorin für die geplante Dauerausstellung in der Sakristei der Kirche.[118]

Durch das EMGR-Urteil vom März 2026 sah der Gemeinderat sich bestätigt. Pfarrer Matthias Keilholz bekräftigte, es bringe nichts, das Schandmal abzunehmen oder zu verstecken. Man könne sich vielmehr mit dem Mahnmal offen und kritisch auseinandersetzen. Die Stadtkirche solle ein Bildungsort werden.[119]

„Welterbe“-Status der Stadtkirche

1996 war die Stadtkirche Wittenberg in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen worden. Die Bewerbungsdokumente dazu hatten das Relief nicht erwähnt.[120]

Im Januar 2017 machten Wittenberger Bürger den Welterbestatus der Stadtkirche gegen die Abnahme des Reliefs geltend. Daraufhin bat ein Mitglied des Abnahmebündnisses die Deutsche UNESCO-Kommission um Stellungnahme.[121] Ab April 2019 wurde die Aufnahme der Stadtkirche in das UNESCO-Welterbe öffentlich als „Heiligung“ des Reliefs kritisiert.[122]

Als Mitglied im Deutschen Nationalkomitee von Icomos hatte die Kunsthistorikerin Insa-Christiane Hennen die UNESCO bei der Vergabe des Welterbetitels beraten. Im Juli 2022 warnte sie, die Abnahme des Reliefs gefährde Wittenbergs Welterbestatus. Denn die UNESCO habe die Stadtkirche nicht als Luthers Predigtort, sondern als „originären Ausgangsort der lutherischen Reformation“ aufgenommen. Das „Verdecken“ des Reliefs berühre diese Rolle.[123]

Im April 2023 forderte Felix Klein, die Stadtkirche von der Welterbeliste zu streichen, weil die UNESCO-Grundprinzipien dem Verunglimpfen von Religionen widersprächen.[124] Er vermutete, Wittenbergs Stadtverwaltung habe das Relief bei der Bewerbung um den Welterbetitel bewusst verschwiegen, und die UNESCO-Jury habe es bei der Begutachtung der Stadtkirche übersehen.[125] Im August 2023 forderte Klein erneut, das Relief abzunehmen. Sonst sei Wittenberg kein geeigneter Standort für das von der Bundesregierung geplante deutsch-israelische Jugendwerk.[126]

Visuelle Verfremdung

Im Juli 2024 legten zwei Studentinnen für Kommunikationsdesign an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle einen Entwurf zur visuellen Verfremdung des Reliefs vor: Ein bewegliches, in grüner Signalfarbe leuchtendes Netz sollte es verhüllen, während zugleich ein Baugerüst den Blick darauf lenkt. Der Antisemitismusbeauftragte Felix Klein begrüßte den Entwurf als Zeichen, „dass man eines der schändlichsten Beispiele christlicher Judenfeindschaft nicht einfach so stehen lassen kann, wie es jetzt ist.“ Michael Düllmann fügte den Entwurf seiner Verfassungsbeschwerde hinzu. Der Gemeinderat ließ ihn sich zeigen und nahm die Idee in das Konzept zur Weiterentwicklung des Mahnmals auf.[127] Er zeigte sich offen für eine künstlerische Intervention, aber nur zeitlich befristet.[92]

Weiterführende Informationen

Related Articles

Wikiwand AI